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Analysten: Treiben sie ein falsches Spiel mit ihren Einschätzungen?

Stefan Jäger

Veröffentlicht

am

Wer sich mit dem Thema Börse beschäftigt, findet überall irgendwelche Analysten-Einschätzungen für Aktien oder Bilanzberichte der Unternehmen. So auch aktuell vor und während der Berichtssaison. Das Problem dabei ist, dass die Einschätzungen sehr selten eintreffen. Oder wie im Fall der aktuellen Berichtssaison, die Messlatte sehr niedrig angesetzt wird. Man muss sich die Fragen stellen – welchen Nutzen die Anleger von den Prognosen haben oder wem sie am Ende am meisten nutzen?

Zur Erklärung, es geht hier nicht um Charttechniker oder Analysten der technischen Analyse, die sich an klare Regeln halten, nein, es geht um die JP Morgans, Morgan Stanleys und alle anderen Großbanken und Research-Häuser.

Eine Analysteneinschätzung am Beispiel von Tesla

Schauen wir mal ein Jahr in die Vergangenheit. Im Mai 2019 als der Kurs der Tesla-Aktie auf unter 200 Dollar gefallen war, kam es zu skurrilen Analysten-Einschätzungen. Ein Analyst von Morgan Stanley hat demnach drei Szenarien aufgestellt. Sein erstes Szenario entsprach der Kursentwicklung im Normalfall – dafür hat er ein Kursziel von 230 Dollar angesetzt. Das bullische Kursziel stufte er immerhin mit 391 Dollar ein. Dementgegen hat er noch eine Einschätzung für das Negativ-Ziel abgegeben, nämlich … – Auflösung folgt! Können Sie sich noch daran erinnern? Nicht nur er prognostizierte dieses Kursziel, sondern viele andere Analysten hatten die gleiche Einschätzung. Um es aufzulösen, das Kursziel wurde zu dem Zeitpunkt von 97 Dollar auf grandiose 10 Dollar gesenkt.

Wo liegt der Kurs der Tesla Aktie ungefähr ein Jahr später? Genau…gestern lag der Kurs ganze 177mal höher, bei 1774 Dollar. Aber nicht nur das, auch seine Spanne von 10 bis 391 Dollar ist alles andere als aussagekräftig. Dies ist zwar ein krasses Beispiel, aber es verdeutlicht, dass Analysten häufig komplett danebenlagen.

Die Prognosen für die aktuelle Berichtssaison

Alle Quartale wieder: Analysten geben vor der Berichtssaison ihre Prognose ab. Insbesondere ist in den USA häufig zu beobachten, dass vor einer beginnenden Berichtssaison die Erwartungen herabgesetzt werden. Überraschender Weise liegen die Ergebnisse dann über den Erwartungen. Man muss die Messlatte nur niedrig genug legen, damit auch jedes kränkelnde Unternehmen drüber springen kann.

Die aktuelle Berichtssaison hat am Montag begonnen. Die Erwartungen liegen für das abgelaufene Quartal aufgrund der Corona-Pandemie so tief wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Zum Beispiel gehen Analysten davon aus, dass der Bankensektor im Durchschnitt bis zu 70 Prozent Gewinneinbußen vermelden wird. Im S&P sind die Einschätzungen um 46 Prozent gesunken. In der Industrie sollen es ungefähr -40 Prozent und im Technologiesektor -9 Prozent zum Vorjahr sein. Weil die Messlatte so niedrig liegt, dürften die Berichte größtenteils positiv überraschen. In Wahrheit werden die Zahlen alles andere als prächtig sein, dennoch könnten wir in den nächsten Wochen eine positive Nachrichtenlage bekommen.

Kritik an den Analysteneinschätzungen

Man muss es sagen, wie es ist – die meisten Einschätzungen der Analysten sind für die Katz. Banken können Analysen auch als Marketinginstrument einsetzen, um das Interesse der Kunden zu gewinnen. Ein Mehrwert wird dadurch aber nicht erzeugt. Zahlreiche unabhängige Studien zu Analysteneinschätzungen bestätigen, dass konkrete Aktienanalysen eine sehr geringe Trefferquote aufweisen. Entsprechend liegen die Gewinneinschätzungen auf Jahressicht durchschnittlich 30 Prozent sowohl positiv wie auch negativ daneben. Damit grenzen die Einschätzungen schon fast an Zufallsschätzungen. Anders gesagt, die Vorhersagen sind so zuverlässig wie das Horoskop in ihrer Lieblingszeitschrift. Für Anlageentscheidungen sind sie daher nicht wirklich brauchbar.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Andererseits können die Empfehlungen hilfreich sein, auch wenn die prognostizierten Kursziele nicht immer eintreffen. Die Analysten liefern zum Teil umfangreiche Einschätzungen über das Unternehmen und dessen Umfeld. Es wird ein Blick auf die Einflussfaktoren der Aktienkurse geworfen, Geschäftszahlen analysiert und das Management auf den Prüfstand gestellt. Darüber hinaus arbeiten sie die Vor- und Nachteile eines Investments heraus. Ein guter Analyst trifft sein Urteil immer in Bezug auf das Kursziel einer Aktie und nicht nur auf die Frage – Kaufen, Halten oder Verkaufen? Anleger können und sollten sich mit den Analysen auseinandersetzen, aber diese immer kritisch hinterfragen.

Analysten: Treiben sie ein falsches Spiel mit ihren Einschätzungen?

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Incamas SRL- Asuncion / Paraguay

    15. Juli 2020 22:11 at 22:11

    Wenn dieses Szenario Wirklichkeit wird ……. Kreditausfälle in Höhe von 120 Milliarden Euro bedrohen Sparkassen und Volksbanken, die Geldinstitute des kleinen Mannes. Denn wegen der schlechten Wirtschaftslage werden laut einer Studie tausende Unternehmen ihre Kredite nicht zurückzahlen können. Die Summe der Ausfälle könnte sich im schlechtesten Fall auf fast 630 Milliarden Euro belaufen.

  2. Avatar

    Pessi-Mist

    16. Juli 2020 09:24 at 09:24

    Dem Krall- Szenario kann man nicht entgehen, nur verzögern u. verschlimmern. Die Krall -Hasser werden dann Krall noch mehr hassen u. die besserwissenden Schönredner werden sicher einen Grund ( Pandemie oder Kathastrophe) finden um ihre Falschprognose zu entschuldigen.

  3. Avatar

    Columbo

    16. Juli 2020 14:14 at 14:14

    @Pessimist

    „Hasser“ zu sein ist bei Geldanlage ganz, ganz schlecht. Man sollte sich so aufstellen, daß man gewinnt oder zumindest nicht zuviel verliert, wenn Krall Recht behält und ebenso, wenn er nicht Recht behält.
    Wenn er nicht Recht behält, kann man in seinem Sinne auch noch die Champagnerflasche aufmachen.
    Wenn er hingegen Recht behält, wird man keine mehr bekommen, wenn man sie nicht im Keller hat.

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Entdecken die Deutschen plötzich ihre Liebe zu Aktien? Der aktuelle Allianz Global Wealth Report hat es dargelegt: Die Notenbankpolitik der Länder wird dazu führen, dass das Vermögen der Wohlhabenden global trotz Corona ansteigen wird – auf 198 Billionen Euro zu Jahresende – FMW berichtete darüber. Der Report zeigt aber auch, dass sich die deutschen Sparer mehr den Aktien als Anlagevehikel zuwenden.

Aktien: Corona und die Vermögensbildung

Die Volkswirte der Allianz werteten Daten aus 57 Nationen aus, zum Vermögen aus Bargeld und Bankeinlagen, angelegtem Geld in Versicherungen und Pensionskassen sowie Anlagen in Wertpapieren und Fonds. Trotz der Pandemie erhöhte sich dies im ersten Halbjahr des Jahres um 1,5 Prozent, der Frühjahrseinbruch von geschätzten 4,3 Prozent ist damit mehr als ausgeglichen. Über die Gründe braucht nicht großartig spekuliert zu werden: Staatliche Rettungsprogramme, die Geldpolitik der Notenbanken, eine erhöhte Sparneigung der Konsumenten und natürlich der Anstieg der Aktien. Noch ein kurzer Blick auf die Vermögensübersicht der Länder pro Bürger:

USA: 209.524 Euro
Schweiz: 195.388 Euro
Singapur: 116.657 Euro

18. Deutschland: 57.097 Euro

An dieser Übersicht wird wieder einmal das Problem einer statistischen Erfassung von Durchschnittswerten ersichtlich. Die vier reichsten Amerikaner besitzen ein Vermögen von über 500 Milliarden Dollar, verteilt auf die 331 Millionen Amerikaner würde dies bereits 1500 Dollar pro Bürger ergeben. Dabei gab es 2019 allein schon 607 Milliardäre in den Vereinigten Staaten. Man bräuchte aus so einer Statistik nur den reichsten Mexikaner, Carlos Slim, aus der Liste entfernen und schon hätte man veränderte Zahlen für das Land. Aber erstaunlich ist diese Vermögensverteilung auf der Welt dennoch. Im Jahr 2019 lagen von den 192 Billionen Euro Weltvermögen nicht weniger als 83,7 Billionen in den USA.

Die Entwicklung in Deutschland

Was bedeutet das für das Land der (Geld-)Sparer, mit deren 2,4 Billionen Euro auf nicht verzinslichen Konten? Die Allianz stellt fest, dass sich die Bankeinlagen um 3,5 Prozent und damit weniger als in anderen Ländern erhöht haben (Frankreich plus 6 Prozent, China plus 9 und die USA plus 10 Prozent).

Dennoch stieg das Vermögen der Haushalte um 1,3 Prozent im ersten Halbjahr und sollte nach der Schätzung der Allianz zum Jahresende 6,8 Billionen Euro erreichen. Da dies nicht am Geldmarkt zu verdienen war, deutet dies auf eine Verhaltensänderung im Sparverhalten hin.

Die langsame Hinwendung zu Aktien

Lange hatte man es eigentlich schon erwartet, dass die Enteignung der Geldsparer durch die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank wirkt und sich die Bürger stärker den Aktien zuwenden. Die Allianz stellt fest, dass die deutschen Sparer in den vergangenen drei Jahren 20 Prozent ihrer verfügbaren Ersparnisse direkt in Aktien angelegt haben. Auf Sechsjahressicht waren dies 5,8 Prozent und das Interessante daran ist, dass US-Bürger in dieser Zeit nur 0,7 Prozent in Aktien investiert haben. Das bevorzugte Investment waren börsengehandelte Indexfonds. Allerdings beziehen sich diese Werte auf die Zeit vor Corona und seither gibt es den großen Hype um die gebührenfreien Brokerdepots – Stichwort RobinHood. Diesen Trend gibt es auch in Deutschland mit der riesigen Zahl neu eröffneter Depots bei günstigen Direktanlagebanken.

Es verändert sich auch der so genannte Home Bias, also die Bevorzugung heimischer Titel. Deutsche Anleger investieren verstärkt in ausländische Aktien, die Quote stieg in den vergangenen sechs Jahren von 25 auf 38 Prozent. Aber noch ist Deutschland weit von der angelsächsischen Aktienpräferenz entfernt.

In den USA liegen 53 Prozent der Ersparnisse auf Wertpapierkonten, in Deutschland 25 Prozent.

Fazit

Auch wenn das Pflänzchen Anlage in Aktien in Deutschland langsam wächst, sind es laut Allianz vorwiegend die Haushalte mit einem höheren Einkommen, die sich an diese Assetklasse heranwagen. 30 Prozent unserer Haushalte besitzen kaum Geldvermögen. So zählt auch Deutschland zu den Ländern, in dem „die Vermögensverteilung relativ ungleich verteilt ist“, so Arne Holzhausen, Leiter Insurance und Wealth Markets bei der Allianz.

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