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Arbeitslosenquote aktuell 6,4%: Die Perversion der Statistik

Von Claudio Kummerfeld

Die offizielle (!) Arbeitslosenquote in Deutschland ist von Juli auf August von 6,3 auf 6,4% gestiegen – saisonal bedingt so die Arbeitsagentur. So weit so gut. Parallel dazu verweisen immer mehr Medien auch auf die EU-Arbeitsmarktdaten. Die Perversion, die diesem Statistikvergleich zugrundeliegt, scheint der Mainstream-Presse beim „Copy and Paste“ aus den Agenturmeldungen nicht aufgefallen zu sein.

Eurostat hier wird die EU-Arbeitslosenquote veröffentlicht
Die Zentrale der EU-Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg. Hier werden auch die Daten für die EU-Arbeitslosenquote zusammengetragen und veröffentlicht.
Foto: © Europäische Union, 1995-2015

Arbeitslosenquote in Deutschland

In Deutschland hatten wir im August 6,4% Arbeitslose, im Juli waren es noch 6,3%. Saisonale Schwankung, normal. Dass die Höhe der Arbeitslosigkeit strukturell viel höher liegt, hatten wir in den letzten Monaten bereits im Detail belegt, hierzu kurz zwei Links zu vorigen Artikeln.

Die tatsächliche Arbeitslosenquote in Deutschland

Arbeitslosigkeit in Deutschland: Die Täuschung hinter der Täuschung

Arbeitslosenquote in der EU

Obwohl die offizielle deutsche Arbeitslosenquote in den zurückliegenden Monaten auf Niveaus um die 6,3% herum schwankt, wird sie in der EU-Statistik in den letzten Monaten immer unter 5% ausgewiesen, aktuell bei traumhaften 4,7% (aus Juli, hinkt immer einen Monat hinterher). Das liegt an der Errechnungsmethode. Für den Vergleich zwischen den EU-Ländern verwendet die EU-Behörde Eurostat für die Arbeitslosenstatistik nicht die deutsche Methode, sondern die noch (für die Statistiker) bessere Methode der Internationalen Arbeitsorganisation ILO (International Labour Organisation), die bei uns mit der Errechnung der sogenannten „Erwerbslosenquote“ vergleichbar ist.

Arbeitslosenquote Erwerbslosenquote EU-Vergleich
Erstaunlich: Deutschland hat im EU-Vergleich nur 4,7% Arbeitslosigkeit, in Deutschland selbst redet man von aktuell 6,4% Arbeitslosigkeit. Kann da etwa irgendwas nicht stimmen?

Das Statistische Bundesamt erklärt die EU-Erwerbslosenquote offiziell so:

„Als erwerbslos gilt im Sinne der durch die EU konkretisierten ILO-Abgrenzung jede Person im Alter von 15 bis 74 Jahren, die in diesem Zeitraum nicht erwerbstätig war, aber in den letzten vier Wochen vor der Befragung aktiv nach einer Tätigkeit gesucht hat. Auf den zeitlichen Umfang der gesuchten Tätigkeit kommt es nicht an. Eine neue Arbeit muss innerhalb von zwei Wochen aufgenommen werden können. Die Einschaltung einer Agentur für Arbeit oder eines kommunalen Trägers in die Suchbemühungen ist nicht erforderlich. Personen im erwerbsfähigen Alter, die weder erwerbstätig noch erwerbslos sind, gelten als Nichterwerbspersonen. Ab September 2007 bis Februar 2011 setzten sich die Erwerbspersonen aus den Erwerbslosen der unterjährigen EU-Arbeitskräfteerhebung (EU-AKE) und den Erwerbstätigen aus der Erwerbstätigenrechnung (VGR; Auswahlmasse: Bevölkerung einschl. Anstaltsbevölkerung) zusammen. Bis April 2007 wurden die Erwerbslosen aus der ILO-Telefonerhebung abgeleitet.“

Entscheidend ist hier der Satz „… aber in den letzten vier Wochen vor der Befragung aktiv nach einer Arbeit gesucht hat“. Das bedeutet: Durch diese „strenge“ Auslegung können die Ämter europaweit wunderbar aussieben und Menschen ganz aus der Erwerbslosenstatistik streichen, von denen sie meinen sie hätten sich in den letzten vier Wochen vor der aktuellen Datenerfassung nicht um Arbeit bemüht. Was heißt das schon? Ein verdammt dehnbarer Begriff. Schriftliche Bewerbung oder telefonisch? Muss man Belege seiner Vorstellungsgespräche nachweisen, um als aktuell bemüht zu gelten? Da kann man jede Menge Menschen ganz raus streichen.

In Deutschland haben wir also laut EU nur 4,7% Arbeitslose, obwohl wir selber mit 6,3% (Juli) rechnen. Das sind 34% mehr. In Frankreich hat man laut EU aktuell 10,3% Arbeitslose. Um 34% hochgerechnet liegen wir da real schon bei 13,8%. Und da oben drauf müsste man noch die üblichen Verbiegungen und Täuschungen hinzufügen, die jede Arbeitsstatistik beinhaltet. Von den tatsächlichen Quoten in Spanien und Griechenland braucht man da schon gar nicht mehr reden. 25,6% +34% = 34,3% Arbeitslosenquote!

Die Perversion des Vergleichs

Wie stumpf die aktuellen Eurostat-Arbeitsmarktdaten für die Eurozone einfach übernommen werden, kann man heute z.B. bei den Kollegen von „Spiegel Online“ besichtigen. Dort wird die Eurostat-Zahl von aktuell 10,9% „Arbeitslosen“ für die Eurozone beschrieben, obwohl es sich dabei per Definition um Erwerbslose handelt, wo ja wie vorher beschrieben alle Arbeitslosen rausgerechnet werden, die sich nach der Meinung der Ämter nicht aktuell um Arbeit bemühen. Zitat „Spiegel Online“:

„Für die Eurozone wurden Juli-Zahlen bekanntgegeben, laut denen sich die Lage überraschend etwas entspannt hat. Die Arbeitslosenquote sei zum Vormonat um 0,2 Prozentpunkte auf 10,9 Prozent gefallen, teilte das Statistikamt Eurostat mit. Die ist der niedrigste Stand seit Februar 2012.“

Und was sieht man am Ende vom SPON-Artikel? Quelle dpa…

Arbeitslosenquote Erwerbslosenquote
Wie man sieht: Die Erwerbslosenquote in Deutschland ist deutlich niedriger als die Arbeitslosenquote. Grafik: Statistisches Bundesamt

Warum fällt das niemandem auf? Anscheinend kopieren alle sogenannten Mainstream-Medien (siehe Spiegel Online) stumpf die Tickermeldungen von dpa & Co und prüfen selbst nichts mehr nach – zumindest in diesem Fall. Auch in anderen Medien ist heute davon die Rede, dass im EU-Vergleich Deutschland mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit dasteht. Das mag sogar stimmen, nur dass die hierfür verwendete Quote sagenhafte 1,6% tiefer liegt als die in Deutschland selbst verwendete Quote, scheint niemanden zu interessieren. Das ist schade, da der breiten Öffentlichkeit dadurch ein relativ schönes Bild vom Arbeitsmarkt präsentiert wird, das so gar nicht vorhanden ist. 10,9% Arbeitslose in der Eurozone klingt nämlich deutlich angenehmer als 14,6%, oder? (+34% um es mit der dt. Arbeitslosenquote gleichzusetzen).




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2 Kommentare

  1. Es ist außerdem interessant, wie oft die Begründung „saisonal bedingt“ gebraucht wird: vormals sonst immer eher im Winter, jetzt auch schon zusätzlich im Sommer. Na, ja: zwei Jahreszeiten bleiben denen ja noch übrig.

  2. ein blick in die zukunft …

    frage mich, wie später das zugereiste fachpersonal in die arbeitslosenstatistik INTEGRIERT wird,

    denn bei ca. blablabla 800.000/jahr ist doch noch lange nicht schluss.(obwohl…, ist ja nur saisonal bedingt ;) )

    grüsse aus der urlaubsregion altmark

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