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Arbeitslosigkeit springt über 3 Millionen – Fake-Pause bei Deindustrialisierung

Die Arbeitslosigkeit liegt jetzt wieder über 3 Millionen. Hingegen nimmt der offizielle Abbau von Jobs in der Industrie nicht weiter zu.

Agentur für Arbeit in Hamburg
Agentur für Arbeit in Hamburg. Foto: Claudio Kummerfeld/Finanzmarktwelt.de

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt spürbar an. Im Juli gab es offiziell 3,007 Millionen Arbeitslose, ein Anstieg von 71.350 gegenüber Juni, die Quote steigt von 6,2 % auf 6,4 %. So zeigen es heute gemeldete Daten der Bundesagentur für Arbeit.

Arbeitslosigkeit: Saisonalität und Kurzarbeit

„Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nehmen vor allem aus jahreszeitlichen Gründen im Juli spürbar zu. Insgesamt setzt sich am Arbeitsmarkt die schwache Entwicklung der letzten Monate fort“, so sagt es dazu die Agentur. Die einsetzende Sommerpause sei für diesen Anstieg der Arbeitslosigkeit verantwortlich.

Ein Blick auf die Kurzarbeit. Dazu sagt die Agentur aktuell: Nach aktuellen Daten wurde vom 1. bis einschließlich 27. Juli für 25.000 Personen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt.Aktuelle Daten zur tatsächlichen Inanspruchnahme stehen bis Mai 2026 zur Verfügung. In diesem Monat wurde nach vorläufigen hochgerechneten Daten für 126.000 Beschäftigte konjunkturelles Kurzarbeitergeld gezahlt. Das waren 16.000 weniger als im Vormonat und rund 100.000 weniger als vor einem Jahr. Was kann man daraus schlussfolgern? In einer kurzzeitigen Krise wie Finanzkrise 2008 oder Corona 2020 war Kurzarbeit das goldene Instrument um Arbeiter im Betrieb zu halten, die nach der Krise wieder gebraucht wurden. Aber jetzt wird die Kurzarbeit kaum genutzt. Betriebe sehen also die Krise in der Industrie als langfristige Strukturkrise, die nicht kurzzeitig durch Kurzarbeit aufgefangen werden kann.

Deindustrialisierung macht rein optisch „Pause“

Monat für Monat konnte man seit geraumer Zeit der Deindustrialisierung „Live und in Farbe“ zusehen. Der Stellenabbau in der Industrie stieg immer weiter an. Zuletzt aber nimmt er nicht mehr zu. Bei der Aufteilung nach Branchen meldet die Bundesagentur für Arbeit die Daten stets mit zwei Monaten Verzögerung. Daher sehen wir in der heutigen Juli-Meldung Daten aus Mai. In dem Monat wurden im Jahresvergleich im gesamten Verarbeitenden Gewerbe 170.000 Stellen abgebaut. Im April war es ein Minus von 174.000 Stellen.

Zwei Gründe darf man dafür wohl anführen. Zum einen boomt die Rüstung. Dort werden neue Stellen geschaffen. Zum anderen sollte man bedenken: Die Industrie-Krise läuft weiter auf Hochtouren. Ständig hagelt es neue Meldungen von massenhaftem Stellenabbau. Aber anders als beispielsweise in den USA werden hierzulande nicht auf einen Schlag zehntausende Menschen vor die Tür gesetzt. Dank starker Gewerkschaften gibt es in der Regel betriebliche Vereinbarungen, wonach man zuerst die ältesten Arbeitnehmer finanziell gut abgefedert frühzeitig in den Ruhestand schickt. Deswegen steigt die Arbeitslosigkeit basierend auf entlassenen Industriearbeitern nicht so stark an.

Bei Porsche wurde gerade erst Anfang der Woche ein weiterer Abbau von 5.000 Stellen verkündet. Man baut Stellen ab über natürliche Fluktuation, demografische Effekte, eine Erweiterung des Sonderprogramms Altersteilzeit und Aufhebungsverträge. BMW will 8.000 Stellen abbauen über Abfindungen. Bei Volkswagen läuft der Kampf um einen drastischen Stellenabbau, der zu großen Teilen wohl auch über Angebote für ältere Mitarbeiter laufen könnte.

Was für die älteren Mitarbeiter und für die offzielle Statistik zur Arbeitslosigkeit eine gute Sache ist, hat eine große dunkle Schattenseite. Die jungen Mitarbeiter, die früher auf die frei werdenden Posten nachgerückt wären, finden in diesen Industriebetrieben keine gut bezahlten Jobs mehr, sondern landen oft ganz woanders, zum Beispiel in deutlich schlechter bezahlten Dienstleistungsberufen.



Claudio Kummerfeld
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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3 Kommentare

  1. Ich denke, wenn die Industrie wegen Strommangel Tage oder Wochen die Produktion ruhen lassen muss, werden erst die Kurzarbeiterzahlen steigen. Nach den Pleiten der Firmen die Arbeitslosenzahlen.

    Viele Grüße aus Andalusien
    Helmut

  2. Betriebe sehen die Krise in der Industrie als langfristige Strukturkrise, was sich somit sicherlich auf die Investitionen, beispielsweise in der Maschinenbauindustrie oder in der Elektroindustrie auswirken wird.

  3. Kanzler Merz will Teilzeit am liebsten abschaffen (so zumindest was ich aus Presse verstanden habe).

    Betrachtet man den Arbeitsmarkt als eine Menge, was man durchaus so machen kann, dann fragt man sich, mit welcher Begründung er hier argumentieren will.

    Würden mehr Leute etwas weniger arbeiten, würde sich der gleiche Anteil an Arbeit auf mehr Leute verteilen. Fazit: Weniger Arbeitslose.

    Ich hätte nie damit gerechnet, dass ein heutiger CDU Kanzler mit so einer veralteten Denke aus dem Industriezeitalter von 1950 dem Land auf die Nerven geht. Der Arbeitsmarkt hat sich massiv geändert und ich kann nicht nachvollziehen, was der Mann für ein Problem hat.

    Der Arbeitsmarkt gehört flexibilisiert das Bedürfnisse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern berücksichtigt. Die Gesetzgebung ist dafür da, die Weichen derart zu stellen, dass keine Nachteile entstehen. Da versucht ein Mann, dem gesamten Arbeitsmarkt sein veraltetes Verständnis eines Ideals aufzudrücken.

    Ein typischer Bürojobber ist 40Std/Woche nicht dauerhaft produktiv, da stumpft man ab. Gibt genug Studien, die das belegen. Warum die Arbeit nicht etwas gleichmäßiger verteilen?

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