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Europa

Arbeitsmarkt in Deutschland: Wo ist die Krise?

Wolfgang Müller

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am

Auch wenn es nicht ins derzeitige Bild passt, die Rezession in der Industrie in aller Munde ist sowie der Arbeitsplatzabbau im Automobilsektor und in der Zulieferindustrie: Die neuesten Zahlen vom deutschen Arbeitsmarkt sprechen eine andere Sprache – und für eine objektive Einschätzung der deutschen Konjunktur muss man diese Fakten ins große Bild einfügen.

Die Positivindikatoren

In meinem Artikel vom Donnerstag im Vorfeld der Arbeitsmarktdaten „Signale vom Arbeitsmarkt, die Anzeichen mehren sich“, habe ich auf verschiedene Indikatoren hingewiesen, die auf eine Stabilisierung oder sogar auf einen kleinen Aufschwung hindeuten: Das DIW-Konsumbarometer mit der positiven Vorhersage für das vierte Quartal, der Ifo-Index mit dreimonatiger Stabilisierung, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mit dem Anstieg im monatlichen Arbeitsmarktbarometer und dann zuletzt das Ifo-Beschäftigungsbarometer: alles Indikatoren, die einen leichten Aufwärtstrend anzeigen. Deshalb erwartete man mit Spannung die großen Arbeitsmarktzahlen für Deutschland vom vergangenen Freitag – und sie fielen zur Überraschung vieler gut aus. Sie gingen im Black Friday-Fieber nur etwas unter.

Der stabile deutsche Arbeitsmarkt

Trotz der vielen Meldungen über die Entlassungen im Autosektor fiel die Arbeitslosigkeit im November auf ein Rekordtief seit der Wiedervereinigung.

Die Bundesagentur in Nürnberg meldete für November noch 2,180 Millionen Menschen ohne Job. Der Minister für den Arbeitssektor wies zwar auf den Trend zur Kurzarbeit hin, die seit August spürbar angestiegen sei, von 50.000 auf zuletzt 59.000. Doch sei dies noch nicht besonders auffällig, schließlich gab es während der Zeit der Eurokrise 2013 bereits 100.000 Menschen in Kurzarbeit.

Es gab auch weitere Erklärungen, die sich in den letzten Monaten bereits wiederholt haben. Solche wie: Unseren Volkswirten zufolge ist die günstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt trotz schwacher Konjunktur vor allem auf den Konsum zurückzuführen. Damit gleiche die andauernde positive Konsumlaune den Einbruch in der Industrie aus. Hauptleittragende sei vor allem die Autoindustrie, die als Schlüsselbranche in Deutschland derzeit unter den schwierigen Weltmarktbedingungen leide.

Die Zahlen der Arbeitsagentur:

Arbeitslose: -24.000 auf 2.180.000 (zum Vorjahresmonat: -6.000)
Beschäftigung (September 2019): +351.000 auf 33.963.000

Arbeitslosenrate 4,8 Prozent

Besonders kurios: Die Bundesagentur meldete, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Deutschland im November nochmals nach unten ging. Waren es im Oktober noch 708 000 Menschen, die länger als ein Jahr ohne Job waren, sank deren Zahl im November auf 698.000 und damit auf den niedrigsten Wert seit 1992.

 

Fazit

Sieht so ein Wirtschaftsabschwung mit baldiger Rezession aus? Trotz einer schon seit eineinhalb Jahre andauernden Schrumpfung im Industriesektor gibt es noch keinen Einbruch am Arbeitsmarkt. Diese wäre Voraussetzung für eine echte Rezession in Deutschland, denn der Konsum macht immerhin 50 Prozent des deutschen BIP aus und die Konsumlaune ist naturgemäß davon abhängig, ob man in einem Arbeitsverhältnis steht oder um den Arbeitsplatz zittern muss.

Es scheint fast so, als dass der Dax diese leichte Konjunkturstabilisierung mit seinen Kursen schon antizipiert hat. Zumal auch die Lohnentwicklung dafür spricht, mit einem Anstieg, der 2020 höher als in diesem Jahr ausfallen dürfte, wie ich es am vergangenen Dienstag „Lohnanstieg trotz Krise“ dargestellt habe.

Der Rentenmarkt ist für eine Anlage keine wirkliche Alternative, so dass es bei der Beurteilung der nahen Zukunft einmal mehr um die Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe geht. Für Deutschland führt eine Erholung nur über die Entwicklung in China. Aber auch hier war der entsprechende Einkaufsmanagerindex am Samstag in Asien mit 50,3 Punkten über die Wachstumsschwelle gesprungen (aktuell Chinas Caixin 51,8 Punkte). Am heutigen Montag gab es eine wahre Flut an Indikatoren zur Industrieentwicklung, die auf eine weitere Stabilisierung hindeuten. Nun hängt es am weiteren Fortgang im Handelsstreit, ob das Pflänzchen Hoffnung weitere Nahrung erhält.

Aber aufgepasst: Die Schere zwischen der Aktienentwicklung und den Konjunkturdaten hat sich inzwischen zu weit geöffnet – trotz einiger Stabilisierungszeichen tut hier eine Korrektur in Bälde not!

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Europa

Gastgewerbe: So stark fiel der Umsatz im letzten Jahr

Claudio Kummerfeld

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am

Leere Stühle bei der Außengastronomie eines Restraurants

Das Gastgewerbe (Hotels, Restaurants, Catering) ist neben Reisebüros, Fluggesellschaften und anderen wohl mit am Schlimmsten betroffen von der Coronakrise. Heute hat das Statistische Bundesamt eine erste Schätzung veröffentlicht, wie stark die Umsätze im Gastgewerbe im Gesamtjahr 2020 eingebrochen sind. Es ist ein Rückgang von 38 Prozent gegenüber 2019.

Für den Monat November liegen gesicherte Zahlen vor. Dazu drei Vergleiche: Im November 2020 fiel der Umsatz im Gastgewerbe gegenüber Oktober 2020 um 52,3 Prozent. Der Umsatz lag 67,4 Prozent unter dem Niveau vom Februar 2020, dem Monat vor Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland. Im Vergleich zum Vorjahresmonat November 2019 war der Gastgewerbeumsatz 67,9 Prozent geringer.

Die Grafik ist aufschlussreich. Man sieht den ersten Absturz aus dem Frühjahr, von einem Normalwert bei 105,4 runter auf 26,2 Indexpunkte. dann im Jahresverlauf nach dem ersten Lockdown die Erholung auf 82,8 Punkte im August. Und dann folgt der zweite Absturz bei den Umsätzen im Gastgewerbe ab Oktober, runter auf 34,4 Punkte im November.

Grafik zeigt Verlauf der Umsätze im Gastgewerbe seit dem Jahr 2013

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Europa

Bruttoinlandsprodukt für 2020: Statistisches Bundesamt präsentiert erste Daten

Claudio Kummerfeld

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Deutschland Flagge

Laut vor wenigen Minuten vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Daten ist das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland (anhand vorläufiger Berechnungen) im Gesamtjahr 2020 um 5,0 Prozent gesunken. Die deutsche Wirtschaft sei somit nach einer zehnjährigen Wachstumsphase im Corona-Krisenjahr 2020 in eine tiefe Rezession geraten, ähnlich wie zuletzt während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Der konjunkturelle Einbruch fiel aber im Jahr 2020 den vorläufigen Berechnungen zufolge insgesamt weniger stark aus als 2009 mit -5,7 Prozent.

Grafik zeigt Bruttoinlandsprodukt im Verlauf seit dem Jahr 2005

BIP-Zahlrenreihen

Hier einige aktuelle Aussagen der Statistiker im Wortlaut:

Corona-Krise traf Industrie und Dienstleistungsbereiche hart – nur das Baugewerbe legte zu

Die Corona-Pandemie hinterließ im Jahr 2020 deutliche Spuren in nahezu allen Wirtschaftsbereichen. Die Produktion wurde sowohl in den Dienstleistungsbereichen als auch im Produzierenden Gewerbe teilweise massiv eingeschränkt.

Im Produzierenden Gewerbe ohne Bau, das gut ein Viertel der Gesamtwirtschaft ausmacht, ging die preisbereinigte Wirtschaftsleistung gegenüber 2019 um 9,7 % zurück, im Verarbeitenden Gewerbe sogar um 10,4 %. Die Industrie war vor allem in der ersten Jahreshälfte von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen, unter anderem durch die zeitweise gestörten globalen Lieferketten.

Besonders deutlich zeigte sich der konjunkturelle Einbruch in den Dienstleistungsbereichen, die zum Teil so starke Rückgänge wie noch nie verzeichneten. Exemplarisch hierfür steht der zusammengefasste Wirtschaftsbereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe, dessen Wirtschaftsleistung preisbereinigt um 6,3 % niedriger war als 2019. Dabei gab es durchaus gegenläufige Entwicklungen: Der Onlinehandel nahm deutlich zu, während der stationäre Handel zum Teil tief im Minus war. Die starken Einschränkungen in der Beherbergung und Gastronomie führten zu einem historischen Rückgang im Gastgewerbe.

Ein Bereich, der sich in der Krise behaupten konnte, war das Baugewerbe: Die preisbereinigte Bruttowertschöpfung nahm hier im Vorjahresvergleich sogar um 1,4 % zu.

Massiver Rückgang der in- und ausländischen Nachfrage

Auch auf der Nachfrageseite waren die Auswirkungen der Corona-Pandemie deutlich sichtbar. Anders als während der Finanz- und Wirtschaftskrise, als der gesamte Konsum die Wirtschaft stützte, gingen die privaten Konsumausgaben im Jahr 2020 im Vorjahresvergleich preisbereinigt um 6,0 % zurück und damit so stark wie noch nie. Die Konsumausgaben des Staates wirkten dagegen mit einem preisbereinigten Anstieg von 3,4 % auch in der Corona-Krise stabilisierend, wozu unter anderem die Beschaffung von Schutzausrüstungen und Krankenhausleistungen beitrug.

Die Bruttoanlageinvestitionen verzeichneten preisbereinigt mit -3,5 % den deutlichsten Rückgang seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Dabei legten die Bauinvestitionen entgegen diesem Trend um 1,5 % zu. In Ausrüstungen – das sind vor allem Investitionen in Maschinen und Geräte sowie Fahrzeuge – wurden im Jahr 2020 dagegen preisbereinigt 12,5 % weniger investiert als im Vorjahr. Die Investitionen in sonstige Anlagen – darunter fallen vor allem Investitionen in Forschung und Entwicklung – fielen ersten Schätzungen zufolge preisbereinigt um 1,1 %.

Die Corona-Pandemie wirkte sich auch auf den Außenhandel massiv aus: Die Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen gingen im Jahr 2020 erstmals seit 2009 zurück, die Exporte preisbereinigt um 9,9 %, die Importe um 8,6 %. Besonders groß war der Rückgang der Dienstleistungsimporte, was vor allem am hohen Anteil des stark rückläufigen Reiseverkehrs lag.

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Europa

Industrieproduktion hat Corona-Lücke fast aufgeholt

Claudio Kummerfeld

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Zahnräder

Die Industrieproduktion in Deutschland (Produktion im Produzierenden Gewerbe) hat die Corona-Lücke fast aufgeholt. Sie ist im November im Vergleich zu Oktober um 0,9 Prozent gestiegen, wie das Statistische Bundesamt heute veröffentlicht hat. Im Jahresvergleich ist es ein Minus von 2,6 Prozent. Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen infolge der Corona-Pandemie, war die Produktion im November 2020 saison- und kalenderbereinigt noch 3,8 Prozent niedriger. Der Chart, der bis 2012 zurückreicht, zeigt die Industrieproduktion als blaue Linie. Hier sieht man für Februar 2020 einen Indexwert von 102,9 Punkten, und im November von 99.

Chart zeigt Verlauf der Industrieproduktion seit 2012

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