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Argentinien – Finanzmärkte zittern vor der Schicksalswahl am Sonntag

Hannes Zipfel

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Flagge Argentinien

Als hätten die Anleihemärkte in den USA nicht schon genug Stress, der die Fed sogar zu Notfallmaßnahmen erschreckenden Ausmaßes zwingt, rückt mit den morgigen Präsidentschaftswahlen in Argentinien ein weiterer Unsicherheitsfaktor in den Fokus der Investoren.

Argentinien – das Comeback der Cristina Kirchner

Die linksgerichtete Cristina Elisabet Fernández de Kirchner war in Argentinien bis 2015 Präsidentin und ist heute Senatorin im Nationalkongress. Bei den für morgen anstehenden Wahlen ist sie zusammen mit Ihrem ehemaligen Kabinettsleiter Alberto Fernández die aussichtsreichste und für die Finanzmärkte gefährlichste Kandidatin. Zwar tritt sie wegen Korruptionsvorwürfen nur als Vizepräsidentin für die Frente de Todos an, dennoch liegt die Vermutung nahe, dass sie in dem Duo mit ihrem früheren Mitarbeiter starken Einfluss auf den möglichen nächsten Präsidenten Alberto Fernández haben wird. Kirchner gilt in Argentinien als eine der einflussreichsten Politikerinnen. Sie hatte das Amt der Staatspräsidentin von ihrem verstorbenen Mann Néstor Kirchner im Jahr 2007 politisch geerbt und wurde 2011 wiedergewählt.

Der wirtschaftliche Niedergang Argentiniens, Korruptionsvorwürfe und vor allem die grassierende Inflation kosteten sie 2015 das Amt, das fortan von dem rechtsgerichteten ehemaligen Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri, geführt wurde. Der Westen, v. a. die US-Investoren, hatten große Hoffnungen in den marktliberalen Sohn eines Großindustriellen gesetzt. Macri wurde zugetraut, die südamerikanische Republik nach amerikanischem Vorbild umzustrukturieren und wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Dass der ehemalige Automobil-Manager wegen Schmuggels vorbestraft ist, wurde dabei als Randnotiz vernachlässigt.

Doch seine politische Bilanz nach vier Jahren sieht düster aus. Die Inflation hat sich seit seiner Amtseinführung von 30 auf über 50 Prozent erhöht. Macri hatte innerhalb von nur zwei Jahren 45 Mrd. US-Dollar im Ausland geliehen. Die Staatsverschuldung hat sich verdoppelt und die Schuldenlast ist nicht mehr tragfähig. Auch die Freigabe des Wechselkurses hat sich als fataler Fehler erwiesen. Statt 10 Peso pro US-Dollar zu seinem Amtsantritt müssen die Argentinier nun 60 Peso pro US-Dollar bezahlen. Die Schulden in US-Dollar haben sich im gleichen Zeitraum versechsfacht. In der Oktober-Ausgabe „Policy Brief“ beschreiben Angelica Dominguez-Cardoza und Prof. Dr. Christoph Trebesch vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel detailliert die Ursachen für den unaufhaltsamen Absturz des einstigen ökonomischen Hoffnungsträgers Lateinamerikas.

Nur noch eine Stufe vor dem Bankrott

Ohne einen Notkredite des IWF in Höhe von insgesamt 57 Mrd. US-Dollar und Kapitalverkehrskontrollen wären die Fremdwährungsreserven der Banco Central de la República Argentina (BCRA) bereits erschöpft und das Land erneut bankrott. Die BCRA hatte versucht, sich mit Devisenmarktinterventionen gegen den Verfall der Landeswährung zu stemmen und dabei nahezu ihre kompletten Dollarreserven aufgebraucht. Im Zuge dessen musste Argentinien die Bedienung von Zins- und Tilgungszahlungen an internationale Gläubiger verschieben, was de facto einem Teilausfall entspricht. Zuletzt hatten daher alle drei großen Rating-Agenturen, Standard & Poors, Moody´s und Fitch, das Rating Argentiniens auf nur noch eine Stufe über „Totalausfall“ abgestuft. Die bislang größte vom IWF gewährte Kredithilfe aus dem Jahr 2018 ist damit nahezu wirkungslos verpufft (Diagramm vom Kieler Institut für Weltwirtschaft):

Argentinien größtes IWF-Programm

Argentinischer Peso im freien Fall

Hauptursache für die Misere Argentiniens ist, wie auch in anderen Entwicklungsländern, die hohe Auslandsverschuldung in US-Dollar, die zusammen mit dem Haushaltsdefizit, der hohen Inflation von aktuell über 50 Prozent sowie der sinkenden Wirtschaftsleistung zu einem starken Verfall der Landeswährung geführt hat. Dies wiederum mündete in einen Teufelskreis, in dem durch jedes Prozent Abwertung des argentinischen Pesos die Dollar-Schulden weiter aufwerten.

Seit der richtungsweisenden Vorwahl am 11. August, bei der Kirchner und Fernández als Sieger hervorgingen, hat die Landeswährung nochmals 20 Prozent ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar eingebüßt. Seit der Amtsübernahme durch den Favoriten der Wallstreet Macri im Jahr 2015 hat der Peso in Summe 85 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet. Offenbar spielt es schon gar keine Rolle mehr, welcher politische Flügel das Land regiert. Die strukturellen Probleme sind einfach zu groß und nur noch durch einen Re-Set lösbar. Dieser würde jedoch so starke Schockwellen durch das globale Finanzsystem schicken, dass man einen Default des Landes um jeden Preis verhindern will – koste es , was es wolle.

Argentinischer Peso vs USD

Die Wahrscheinlichkeit für ein politisches Erdbeben ist sehr hoch

Wenn morgen, wie von den Demoskopen erwartet, die Frente de Todos gewinnt, dann würde das ein politisches Erdbeben bedeuten und der IWF könnte seine Forderungen nach marktliberalen Strukturreformen vergessen und sein zweistelliges Milliardendollardarlehen größtenteils abschreiben.

Prof. Dr. Christoph Trebesch, Leiter Internationale Finanzmärkte und Global Governance beim ifw Kiel befürchtet: „Angesichts der Größe des IWF-Programms ist sogar das Undenkbare denkbar: Argentinien könnte sich weigern, den IWF-Kredit wie vereinbart zurückzuzahlen. Käme es unter einer neuen Regierung zu einem Zahlungsausfall auf IWF-Kredite, wäre dies dauerhaft schädlich für die Reputation Argentiniens und die des IWF.“

Für einen Sieg reicht dem linken Spitzenduo Fernández und Kirchner nach argentinischem Wahlrecht bereits eine relative Mehrheit von 45 Prozent der Stimmen. Es könnten sogar nur 40 Prozent der Stimmen genügen, sofern der zweitplatzierte Kandidat mindestens 10 Prozent weniger Stimmen erhält. Nimmt man die aktuellen Umfragen und das Ergebnis der Vorwahlen aus dem Sommer als Maßstab, dann könnte es bequem für Kirchner und Fernández reichen. Am 11. August holten die beiden Kandidaten der Frente de Todos 47,65 Prozent der Stimmen. Der Amtsinhaber Mauricio Macri und sein Vizepräsident Miguel Ángel Pichetto von der Juntos por el Cambio landeten mit 32,08 Prozent weit abgeschlagen auf Platz zwei.

Die übliche IWF-Medizin wirkt erneut verheerend

Dass es überhaupt zu einer Rückbesinnung der Wähler Argentiniens zu Frau Kirchner kommt, liegt auch an der schon so oft kritisierten Reform-Medizin des IWF. Als Bedingung für den milliardenschweren Notfallkredit forderte die damalige IWF-Chefin Lagarde umfangreiche Kosteneinsparungen zur Reduzierung des Staatsdefizits. Das „zu Tode Sparen“ hat sich schon so oft als fataler Brandbeschleuniger in Schuldenkrisen erwiesen – doch Frau Lagarde hat daraus offensichtlich nichts gelernt, oder nichts lernen wollen. Interessant ist, dass Sie auf der anderen Seite von den Industrienationen, wie aktuell von Deutschland, massive schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme einfordert. Doch die verdeckte Intention bei der Gewährung von Notkrediten des IWF war häufig schon eine ganz andere: Nach dem Prinzip „Loan-to-own“ vergab die von den USA dominierte Institution an überschuldete Staaten Kredite zu unerfüllbaren Auflagen. Wenn dann anschließend die Forderungen erwartungsgemäß notleidend wurden, wuchs der politische und wirtschaftliche Einfluss in diesem Land. Wer den IWF dominiert, der dominiert eben auch die abhängigen Schuldner des IWF.

Fazit und Ausblick

Folgen die Wahlergebnisse am kommenden Sonntag denen der Vorwahlen vom 11. August, dann wird die Nervosität an den Bondmärkten weiter steigen. Vor allem US-Investoren sind in dem lateinamerikanischen Land mit zweistelligen Milliardenbeträgen engagiert und haben dabei voll auf den nun wahrscheinlich scheidenden Präsidenten Mauricio Macri gesetzt. Der Stress im Finanzsystem würde im Falle eines Sieges von Frau Kirchner und ihres Präsidenten Fernández weiter zunehmen und die Zentralbanken sowie den IWF zu weiteren Notfallmaßnahmen nötigen.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Hesterberg

    27. Oktober 2019 00:06 at 00:06

    Ich bin wirklich sehr gespannt darauf, wann der Kollaps des weltweiten Finanzsystems eintreten und was der Auslöser sein wird. Eines ist dabei ganz sicher, der unvermeidbare Crash wird derart heftig werden, dass er die Vorstellungskraft vieler Marktteilnehmer übersteigen wird. Wer die einsetzende Panik noch nie erlebt hat, kann sich ihr mögliches Ausmaß auch tatsächlich nicht vorstellen. Es bedarf inzwischen keines Großereignisses mehr, um die Stimmung an den Märkten zu kippen. Wer mit gesundem Menschenverstand ausgestattet ist, weiß, dass wir unweigerlich dem Ende zusteuern. Die Anhänger des Keynesianismus werden von der Realität brutal eingeholt werden und sie werden zu der Gruppe gehören, die am meisten verlieren.

  2. Avatar

    Stressforscher

    27. Oktober 2019 07:53 at 07:53

    Könnte denn der Stress am US-Repo Markt nicht etwas mit den zu erwarteten Verlusten in Argentinien zu tun haben? Bei der Griechenland- Rettung haben doch einige Banken schön mitverdient , könnte diesmal anderst sein, wenn die Spekulation auf Rettung nicht aufgeht.

  3. Avatar

    Beobachter

    27. Oktober 2019 13:00 at 13:00

    Die neue Geldschwemme der Fed geht anscheinend nicht in die Wirtschaft u.nicht an die Aktienmärkte
    ( kleine Volumen) sondern muss gemäss eines Berichts hauptsächlich als Reserve ( für was ? ? ) gehalten werden.Da ist etwas im Busch was uns beim Hervorkommen Alle erschrecken könnte. Gibt es keine Insider?
    Bitte googeln: J.P. MORGAN WARNT VOR LAGE AM GELDMARKT ( Finanzen net)
    Diese neue Geldschwemme könnte ein Rohrkrepierer sein u.statt als neuer Aktienturbo eher als Investition in ein Pannenfahrzeug für die kaputten Finanzmärkte gedacht sein.

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Aussicht für deutsche Exporte verfinstern sich spürbar

Claudio Kummerfeld

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Über den Hamburger Hafen laufen viele Exporte Richtung Übersee

Die Stimmung der deutschen Industrie für ihre Exporte in den nächsten Monaten verfinstert sich gerade spürbar. Denn laut aktueller Veröffentlichung des ifo-Instituts hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im November von plus 7,0 auf minus 2,1 Punkte gefallen. Der Chart zeigt nach der Erholung aus dem „Corona-Tal“ den Absturz bei den Erwartungen an die Exporte. Erstmals seit Juni ist der Erwartungsindex wieder negativ.

Insbesondere die Heftigkeit der zweiten Corona-Welle in vielen europäischen Ländern belastet laut ifo-Institut die Exporte. Einen deutlichen Dämpfer beim künftigen Auslandsgeschäft musste die Automobilbranche verkraften. Der Optimismus der vergangenen Monate ist verflogen. Mit deutlichen Rückgängen beim Export rechnet die Nahrungsmittelindustrie. Der Maschinenbau geht eher von einer konstanten Entwicklung bei den Exportumsätzen aus. Gleiches gilt für die Metallbranche. Weitere Zuwächse erwarten hingegen die Chemische Industrie und die Elektrobranche.

Der Chart vom ifo-Institut zeigt Erwartungen für die deutschen Exporte

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EZB warnt wieder vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat!

Markus Fugmann

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In ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die EZB wieder einmal vor Risiken und dem Platzen einer Blase, die sie letztlich selbst geschaffen hat!

Die EZB zur permanenten Intervention verdammt

So beklagt Europas Notenbank etwa die „Konzentration von Risiken“ in einigen Bereichen – und man sollte doch die Frage stellen, warum es diese Konzentration von Risiken wohl gibt! Die Antwort ist fast schon unterkomplex: wegen der finanziellen Repression, die durch die EZB ausgeübt wird. Wie ließe sich etwa sonst erklären, dass griechische Staatsanleihen mit Laufzeit bis vier Jahren negative Renditen aufweisen  – Anleger also bereits sind, einem de facto bankrotten Staat für den Kauf von Schuldpapieren sogar noch Geld zu bezahlen?

Dazu kommt: die Notenbank beklagt die schwache Profitabilität der Banken der Eurozone,  die ja eben aufgrund der Zinspolitik der EZB mit Negativzinsen schlicht kaum profitabel arbeiten können.

Mit anderen Worten: die EZB betreibt eine massive Manipulation nicht nur der Märkte für Staatsanleihen, sondern zerstört im Grunde die Existenzgrundlage europäischer Banken, die nicht zufällig deutlich schlechter dastehen als die amerikanische Konkurrenz. So entsteht eine Situation, die immer neue Eingriffe verlangt, um die weitgehend selbst verursachten Schieflagen zu korrigieren. Wer die Büchse der Pandora öffent, sollte sich eben nicht wundern, dass ungeahnte Konsequenzen entstehen. Die EZB hat den Limes überschritten – und ist damit zur permanenten Manipulation verdammt, weil die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft, aber die Illusion des ewigen Wohlstands aufrecht erhalten weredn muß! Die Notenbank ist gewissermaßen die Kraft, die stets das Gute will – und das Böse schafft.

Nun hat die Coronakrise letztlich auch die Staaten gezwungen, immer stärker in die Wirtschaft einzugreifen und zu retten. Ein Risiko sieht die europäische Notenbank nun darin, dass diese eigentlich als einmalige Maßnahme gedachten Eingriffe zu früh enden könnten. Die Coronakrise scheint sich als „door opener“ für den staatlich gelenkten Kapitalismus zu erweisen, der Weg zu MMT ist wohl endgültig geebnet!

Für Schmerzbefreite hier die Kurzfassung des Berichts der EZB zur Finanzstabilität im Wortlaut:

 

  • Dispersed economic and financial market impact on countries and sectors could lead to concentration of risks in some areas
  • Policy measures have addressed liquidity challenges but risks can arise from premature or delayed withdrawal of fiscal support
  • Bank profitability prospects remain weak with losses potentially materialising with a lag relative to the recover

Vulnerabilities in the corporate sector are increasing as the pandemic evolves and their unearthing could test the resilience of euro area banks in the future, the European Central Bank (ECB) says in its latest Financial Stability Review (FSR). Current extensive policy support is helping euro area corporates and households to cope with the fallout of the pandemic, but risks can arise either from a premature end to measures or from prolonged support. Premature withdrawal of fiscal support – including government loan guarantees and statutory loan moratoria – could set back the economic recovery, transforming the corporate liquidity challenges observed at the outset of the pandemic turn into solvency issues. The sharp rise in corporate and sovereign indebtedness increases the risks to financial stability from an emerging sovereign-corporate bank nexus in the medium-term, as banks and sovereigns alike are exposed to pandemic-induced risk faced by euro area firms.

“Bank profitability is expected to remain weak. Provisions have increased but look optimistic in some cases, while guarantees and moratoria may have lengthened the time it takes for weak economic performance to translate into loan losses,” said Luis de Guindos, Vice-President of the ECB. “Government support schemes are essential currently but should remain targeted towards pandemic-related economic support and avoid giving rise to debt sustainability concerns in the medium term,” he added.

For euro area banks, which entered the pandemic with stronger balance sheets than at the time of the global financial crisis, a premature end of government guarantees and moratoria could lead to an additional wave of losses. They are also expected to face continued pressures on profitability, including from a weaker outlook for lending and continued structural challenges. Banks’ capital buffers remain comfortable and should remain available to absorb losses and support lending for an extended period. Authorities need to monitor the effectiveness of policies to support buffer use and avert deleveraging. Looking beyond the pandemic, it is important for banks, together with the rest of the financial system, to manage the financial stability risks posed by climate change and support the transition to a greener economy.

A return to risk-taking by non-banks, including investment funds, also increases their vulnerability to outflows and losses should corporate credit risks rise materially. These risks are accentuated by continued gaps in the macroprudential framework for non-bank financial institutions.

Die EZB ist die Kraft, die stets das Gute will - und das Böse schafft

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EZB soll Make-Up-Strategie umsetzen

Hannes Zipfel

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Die Zentrale der EZB in Frankfurt

Es ist schon ein makaberes Wortspiel in Zeiten zwangsgeschlossener Kosmetikstudios sowie arbeitsloser Maskenbildner und Visagisten, dessen sich der finnische Zentralbank-Gouverneur und Ratsmitglied der EZB, Olli Rehn, bedient. Auf einer Konferenz in Helsinki forderte Rehn am Dienstag neben einem symmetrischen Inflationsziel die Umsetzung einer Make-Up-Strategie. Was konkret ist damit gemeint und was kommt als Nächstes?

EZB braucht Make-Up

Ohne die Europäische Zentralbank hätte sich das Thema Eurozone längst erledigt. Das will aber die Masse nicht hören und die Zentralbanker nicht sagen. Also werden seit dem Beginn der Weltfinanzkrise und der Eurokrise alle unkonventionellen Maßnahmen mit dem nicht Erreichen des Inflationsziel der Europäischen Zentralbank begründet, da dieses den Kern des EZB-Mandats darstellt.

Da aber mittlerweile jedem Geld- und einigen Fiskalpolitikern dämmert, dass bei einer Gesamtverschuldung der Industrieländer laut Institute for International Finance von knapp 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieses Mandat nicht mehr ausreicht, wird es nun angepasst. Dazu gehört auch, dass man das Inflationsziel von zwei Prozent p. a. (Konsumententeuerung) irgendwie umgehen muss. Denn selbst wenn die jetzige Ausnahmerezession vorüber ist, bleiben die hohen und weiter steigenden Schulden. Die EZB kauft einen Großteil davon auf und hält die Zinsen nominal bei null und real im negativen Bereich, um den Schuldendienst erträglich zu machen.

Am Beispiel der USA, wo die US-Notenbank Fed mit dem Versuch in den Boom nach Trumps Steuerreform hinein die Zinsen zu normalisieren, scheiterte, will man bei der EZB nun vorsorgen. Sollte es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen und die Inflation (Konsumententeuerung) über zwei Prozent hinausschießen, will und kann man wegen der extrem hohen privaten und öffentlichen Verbindlichkeiten die Zinsen dennoch unten halten. Ein eventuelles Überschießen des Inflationsziels soll daher via Make-Up überdeckt werden.

Dazu fordert unter anderem und erneut Olli Rehn die Einführung eines flexiblen Inflationsziels. Die Präsidentin der EZB, Madame Lagarde, spricht sich neben anderen Rats-Mitgliedern ebenfalls dafür aus. Um ein Überschießen der Inflation zu überdecken, soll statt des bisherigen asymmetrischen Inflationsziel ein symmetrisches Inflationsziels eingeführt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die Notenbanker statt eines festen Wertes einfach einen Durchschnittswert eines bestimmten Zeitraums der Vergangenheit ausrechnen. Solange dieser Wert sich nicht allzu lange und allzu massiv über zwei Prozent befindet, muss die EZB nicht inflationsbekämpfend eingreifen. Angepeilt wird ein Zeitraum der letzten fünf Jahre zur Durchschnittsbildung der Inflationsrate.

Im Falle der Eurozone bedeutet dies eine durchschnittliche Inflationsrate seit Oktober 2015 in Höhe von knapp einem Prozent p. a. Durch Überdeckung einer zukünftigen höheren Inflation mit statistischem Make-Up könnte die Teuerungsrate für eine lange Zeit über zwei Prozent liegen, ohne dass das symmetrische Inflationsziel der EZB übertroffen wird. Die für die Errechnung des symmetrischen Inflationsziels relevanten Parameter (betrachteter Zeitraum etc.) sollen flexibel gehalten werden. Somit ist gewährleistet, dass selbst bei steigender Konsumententeuerung die EZB ihre ultralaxe Geldpolitik gemäß ihrem Kernmandat der statistischen Preisstabilität (ohne Vermögenspreise) beibehalten kann.

Welche Ziele hat die Zentralbank laut EU-Vertrag?

Doch auch der u. a. von Rehn sowie Lagarde und seit dem virtuellen Notenbanker Treffen in Jackson Hole sogar vom Präsidenten der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geforderte „Monetary Shift“ könnte nicht ausreichen, um die explodierende Gesamtverschuldung durch das symmetrische Inflationsziel zu managen. Daher gräbt man nun bei der EZB im EU-Vertrag nach weiteren Möglichkeiten des geldpolitischen Make-Ups. Und siehe da, man wurde fündig: Ebenso wie bei der US-Fed gestattet der EU-Vertrag auch zwei Nebenmandate, wie Olli Rehn in Helsinki am Dienstag klarstellte: „Wenn wir unser gesetzliches Mandat respektieren, müssen wir danach streben, Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“. Das symmetrische Inflationsziel wurde zwar im Nebensatz noch mit erwähnt, aber es wird immer deutlicher, dass die EZB nach einer Legitimation ihrer dauerhaften Krisenpolitik sucht.

Wie weit kann die EZB ihr Mandat auslegen?

Schon seit Längerem hat die EZB das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt und möchte verstärkt Unternehmen Kredite durch den Ankauf von Firmenanleihen zu sehr vorteilhaften Konditionen (für die Schuldner) vornehmen. Mit Nachhaltigkeit ist dabei gleichwohl nicht die geldpolitische Nachhaltigkeit oder gar die Schuldentragfähigkeit gemeint, sondern der Klimawandel. Die EZB trägt daher bei einigen Ökonomen schon scherzhaft den Beinamen „Grüne EZB“. Anders als Lagardes Vorgänger Draghi, für den der Klimawandel kaum ein Thema war, ist dies ein Lieblingsthema der jetzigen EZB-Chefin Lagarde. Mit dem neuen deutschen EZB-Ratsmitglied Elisabeth Schnabel hat sie eine Gleichgesinnte gefunden, die ebenfalls durch Billigkredite aus der digitalen Notenpresse den Wandel der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität unterstützen möchte.

Das gibt der EZB weiteren Spielraum, denn bislang befinden sich Unternehmensanleihen in Höhe von einer viertel Billion Euro im Portfolio der EZB, von denen laut Greenpeace gemäß einer aktuellen Studie vom 3. November 63 Prozent von klimaschädlichen Unternehmen stammen. Um diese Zahl prozentual kosmetisch zu relativieren, könnte man das Portfolio einfach umschichten und mehr „Grüne-Anleihen“ kaufen. Doch das wäre der Todesstoß für unzählige Unternehmen und Arbeitsplätze, was wiederum die anderen Mandate der EZB untergraben würde.

Also geht man den anderen Weg und kauft noch mehr Unternehmensanleihen (vornehmlich Grüne), um die Anzahl der Klimaschädlinge im eigenen Anleiheportfolio zu relativieren. Auch die Mandate Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum geben der EZB praktisch einen Freibrief für die Beibehaltung ihrer ultralaxen Geldpolitik.

Fazit und Ausblick

Die Umstellung von einem asymmetrischen auf ein symmetrisches Inflationsziel ist eine weitere „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahme, um die Notfallgeldpolitik zu prolongieren. Richtig spannend wird es am 10. Dezember, wenn die nächste EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz stattfindet, auf der neue Maßnahmen bekannt gegeben werden sollen – auch kosmetische. Noch spannender wird es dann im Januar 2021, wenn das Thema „Worldwide-Reset“ von den wichtigsten Notenbankern und anderen supranationalen Institutionen erneut besprochen wird. Höflich ausgedrückt ist ein Reset ein Neustart. In der Praxis geht es aber um einen globalen Schuldenschnitt inkl. Währungsreform, also einen Neustart mit Enteignung breiter Bevölkerungsschichten und Sparer.

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