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Artikel 13: Was EU, HerrNewstime, BILD, RA Solmecke, Tagesschau, Netzpolitik und wir dazu sagen

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Und nochmal äußern wir uns zum gestern Abend beschlossenen Artikel 13 des EU-Urheberrechts. Unter diesem Link finden Sie den Artikel von gestern Abend mit den entsprechenden Details. Uploadfilter werden kommen, wenn die Parlamentarier in Brüssel im März oder April nicht doch noch dagegen stimmen. Wie bewerten verschiedene “Akteure und Beobachter” heute diesen gestrigen Beschluss? Hier bieten wir einen Überblick.

BILD über Artikel 13 und Artikel 11

Die BILD als Springer-Medium stellt wie es zu erwarten war den Artikel 11 in den Vordergrund. Titel und kurze Vorschautexte, die Google News beispielsweise schon heute nimmt als Vorschau auf Artikel, sollen künftig bezahlt werden an die Verlage. By the way… Google wird das kaum mitmachen. Letztlich wird es darauf hinauslaufen, dass bestimmte Verlage vielleicth aus dem Feed von Google News gestrichen werden, wenn sie Geld fordern? Außerdem vergessen die Verlage (so unsere Meinung), dass “Lieferanten” wie Google ihnen viele Klicks bringen. BILD hält sich in seinen Formulierungen der Berichterstattung recht neutral, ist aber auch zurückhaltend. Die Gefahren vor allem des Uploadfilters werden zwar erwähnt, wirken aber nicht sonderlich schlimm.

Rechtsanwalt Solmecke

Der auf YouTube sehr aktive und versierte Anwalt Christian Solmecke hat ein aktuelles Video zum Artikel 13 hochgeladen. Er hat sich ausführlich mit dem gestrigen finalen Text des Gesetzes befasst. Wirklich interessant wird es im Video ab Minute 12 (Originalvideo soll später wieder online verfügbar sein, wird unten erklärt). Solmecke zeigt im Detail den ganzen Irrsinn von Artikel 13 auf. Anbieter sollen haften, aber für welche geschützten Werke? Alles? Fotos, Musik die im Hintergrund eines Videos läuft? Wie soll das alles funktionieren? Schauen Sie sich das Video an, absolut sehenswert!

HerrNewstime interviewt Julia Reda

Deutschlands (nach unserer Meinung) bester News-YouTuber “HerrNewstime” hat im folgenden Video die EU-Abgeordnete Julia Reda heute interviewt. Die beiden sprechen vor allem über die zukünftig konkret eintretenden Probleme bei Uploadfiltern. Zu diesem Thema konnte der Initiator des Gesetzes Axel Voss bislang überhaupt nichts sagen. Irgendwie werden YouTube und Co das schon regeln, so sein Motto. Das folgende Video können wir empfehlen, weil es an konkreten Beispielen deutlich macht, was auf uns alle wohl zukommen wird.

Netzpolitik und Tagesschau

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org, wurde von der Tagesschau interviewt im folgenden Video ab Minute 3. Er ist natürlich im Sinne der Netzgemeinde kritisch, aber dennoch nicht extrem ausfallend in seiner Wortwahl. Netzpolitik.org sagt heute, dass jetzt nur noch der Protest auf der Straße helfe. Die Tagesschau bietet vor dem Interview zunächst eine Erklär-Grafik zu Uploadfiltern. Hier wird es so dargestellt, dass es zwei Meinungen gibt, die Befürworter und die Gegner. Aber die besonderen Probleme werden nicht ausdrücklich besprochen.

Unsere Meinung zu Artikel 13 und 11

Die Befürworter von Artikel 13 und 11 verstehen nach unserer Meinung überhaupt nicht richtig, wie die Mechanismen von Internet und Social Media wirken. Durch die Monetarisierung von Verlinkungen bei Google werden die Verlage Google als Verteiler und Klick-Lieferant wohl ganz verlieren, und so unterm Strich viel weniger Leser und somit auch weniger Geld haben. Beim Uploadfilter werden Kreative langfristig merken, dass ihre urheberrechtlich geschützten Werke im Netz deutlich weniger verbreitet, erwähnt und besprochen werden. Somit sinkt die internationale Aufmerksamkeit für diese Künstler, was ihnen langfristig auch viel Reichweite und Geld kosten wird. Denn das Netz lebt vom Teilen, Verlinken, Erwähnen, Kommentieren, und das möglichst offen und schnell. Artikel 13 und 11 machen all das kaputt beziehungsweise schränken es stark ein, zumindest in der EU. Damit geraten wir hier in der alten Welt namens Europa noch weiter ins Hintertreffen in Sachten Internet-Wettbewerb mit Ländern wie Kanada, USA, Israel etc.

EU-Kommission sieht alles rosa rot

Ohhh Wunder, die EU-Kommission sieht die Einigung zu Artikel 13 und 11 rosa rot. Alles bestens. Diese neuen Gesetze werden nur Vorteile mit sich bringen, für alle. Konkrete unlösbare Probleme bei der realen Umsetzung werden überhaupt nicht angesprochen. Wer sich das antun will… hier die Kommission im Wortlaut:

Besserer Schutz für europäische Autoren und Künstler sowie für den Journalismus

Die neue Richtlinie stärkt die Position der europäischen Autoren und Künstler im digitalen Umfeld und fördert den hochwertigen Journalismus in der EU:

– Insbesondere bringt es spürbare Vorteile für alle Kreativsektoren, insbesondere für die Urheber und Akteure im audiovisuellen und musikalischen Bereich, durch Stärkung ihrer Position gegenüber den Plattformen. Sie erhalten eine bessere Kontrolle über die Nutzung ihrer von den Nutzern auf diesen Plattformen hochgeladenen Inhalte haben und dafür eine Vergütung erhalten.

– Der Grundsatz einer angemessenen und verhältnismäßigen Vergütung für Autoren und Interpreten wird erstmals im europäischen Urheberrecht festgelegt.

– Autoren und Interpreten haben Zugang zu transparenten Informationen darüber, wie ihre Werke und Aufführungen von ihren Kollegen (Verlagen und Produzenten) genutzt werden. Dies wird es ihnen erleichtern, zukünftige Verträge auszuhandeln und einen faireren Anteil an den erzielten Umsätzen zu erhalten.

– Wenn Verlage oder Produzenten die Rechte, die Autoren und Darsteller an sie übertragen haben, nicht nutzen, können Autoren und Darsteller ihre Rechte widerrufen.

– Die europäischen Presseverlage werden in den Genuss eines neuen Rechts kommen, das ihnen die Art und Weise erleichtern soll, wie sie über die Weiterverwendung ihrer Inhalte auf Online-Plattformen verhandeln. Journalisten erhalten damit das Recht, einen größeren Anteil an den Einnahmen aus der Online-Nutzung von Pressepublikationen zu erhalten. Dieses Recht hat keinen Einfluss auf die Bürger und individuellen Nutzer, die weiterhin wie heute die Hyperlinks zu Nachrichten genießen und weitergeben werden.

Neue Vorschriften zur Stärkung der Interessen der Bürger und Internetnutzer

Die Nutzer profitieren von den neuen Lizenzbestimmungen, die es ihnen ermöglichen, urheberrechtlich geschützte Inhalte auf Plattformen wie YouTube oder Instagram legal hochzuladen. Sie profitieren auch von Garantien im Zusammenhang mit der Meinungsfreiheit, wenn sie Videos hochladen, die Inhalte von Rechteinhabern enthalten, d.h. in Memes oder Parodien. Die Interessen der Nutzer werden durch wirksame Mechanismen gewahrt, um einer ungerechtfertigten Entfernung ihrer Inhalte durch die Plattformen schnell zu begegnen.

Breiterer Zugang zu Wissen

Die neue Richtlinie wird einen breiteren Zugang zu Wissen gewährleisten, indem sie die Urheberrechtsbestimmungen in den Bereichen Text und Data Mining für Forschungs- und andere Zwecke, Bildung und Erhaltung des kulturellen Erbes vereinfacht: Forschungseinrichtungen, Universitäten und andere Nutzer werden in der Lage sein, die wachsende Zahl von Veröffentlichungen und Daten, die online für Forschungszwecke oder andere Zwecke zur Verfügung stehen, optimal zu nutzen, da sie von einer Urheberrechtsausnahme zur Durchführung von Text- und Data Mining für große Datensätze profitieren werden. Dies wird auch die Entwicklung der Datenanalyse und der künstlichen Intelligenz in Europa fördern.

Schüler und Lehrer werden in der Lage sein, urheberrechtlich geschützte Materialien in Online-Kursen, auch über die Grenzen hinweg, zur Veranschaulichung des Unterrichts zu verwenden.

Die Erhaltung des kulturellen Erbes in den Sammlungen europäischer Museen, Archive und anderer Institutionen des kulturellen Erbes wird keine urheberrechtlichen Einschränkungen mit sich bringen. Die Nutzer werden auch Zugang zu Werken, Filmen oder Musikaufnahmen haben, die heute in Europa nicht mehr kommerziell erhältlich sind, sowie zu einer größeren Vielfalt europäischer audiovisueller Werke auf Video-on-Demand-Plattformen (VoD). Es steht ihnen völlig frei, Kopien von Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstwerken in der Öffentlichkeit mit voller Rechtssicherheit zu veröffentlichen.

Axel Voss heute über Artikel 13 und 11
Axel Voss. Foto: EU-Parlament.

Regeln für die „Wertschöpfungslücke“ zwischen Urhebern und Online-Plattformen

Eines der Ziele der Richtlinie besteht darin, die Verhandlungsposition der Urheber und Rechteinhaber bezüglich der Online-Nutzung ihrer Inhalte auf bestimmten großen Plattformen mit von Nutzern hochgeladenen Inhalten und ihrer Vergütung hierfür zu stärken.

Nach der heutigen politischen Einigung wird bei den unter Artikel 13 fallenden Plattformen davon ausgegangen, dass sie urheberrechtliche Handlungen ausführen (d. h. Wiedergabe oder Zugänglichmachung für die Öffentlichkeit) und dafür von den betreffenden Rechteinhabern eine Genehmigung einholen müssen.

Bestehen keine Lizenzvereinbarungen mit den Rechteinhabern, müssen die Plattformen bestimmte Maßnahmen ergreifen, um der Haftung zu entgehen, wenn die Rechteinhaber ihnen Informationen über ihre Werke übermittelt haben. Insbesondere müssen sie i) sich nach besten Kräften darum bemühen, dass nicht autorisierte Inhalte, über die die Rechteinhaber die erforderlichen und relevanten Informationen übermittelt haben, nicht verfügbar gemacht werden, und ii) nach Erhalt einer Meldung zügig tätig werden, um etwaige nicht autorisierte Inhalte zu entfernen, sowie sich nach besten Kräften bemühen, ein erneutes Hochladen zu verhindern.

Ein Kommentar

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    nordsüd

    15. Februar 2019 09:58 at 09:58

    erinnert irgendwie an “solides Halbwissen” und das ist meist gefährlich…

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Autoindustrie: Heile Welt? Von wegen! Warnung des Verbands

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Autoindustrie warnt

Ja, ist schon klar. Wenn ein Industrieverband die eigene Lage extrem schlimm darstellt und nach staatlichen Unterstützungsmaßnahmen ruft, dann kann man immer sofort sagen: Ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass die versuchen für ihre Unternehmen das Bestmögliche rauszuklopfen aus dem Steuerzahler. Aber ist das in diesem Fall auch so? Die Autoindustrie konnte dank Shut Down wochenlang gar nichts verkaufen, und hatte im 1. Quartal brutale Umsatzeinbußen zu verkraften. Und da hängen verdammt viele Arbeitsplätze dran!

Der Verband der deutschen Autoindustrie “VDA” heute heute Daten geliefert (hier alle Details). In der heutigen PK sagte VDA-Chefin Hildegard Müller laut Berichten sogar, dass eine schwere Rezession mit Arbeitsplatzverlusten drohe, wenn es nicht zeitnah wieder zu mehr Beschäftigung komme! Das ist gut möglich. Denn: Die Autoindustrie hatte zu Ende April 814.000 Beschäftigte, gerade mal 3 Prozent weniger als zwölf Monate zuvor. Aber die Hälfte der Beschäftigten ist auf Kurzarbeit gesetzt. Diese Mitarbeiter sind zwar offiziell noch im Betrieb angestellt, aber de facto arbeitslos, weil ohne reale Tätigkeit im Betrieb. Kommt nicht bald ein kräftiger Aufschwung, könnte für sehr viele dieser Arbeiter bald eine echte, offizielle Arbeitslosigkeit folgen. Und das auch mit all den Folgen für die Zuliefer-Industrie. Zitat VDA auszugsweise:

Die massiv geringere Produktion hat nicht nur für Hersteller, sondern besonders für viele mittelständische Zulieferer schwerwiegende Konsequenzen“, so Hildegard Müller. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Beschäftigtenzahl bis zum Jahresende 2020 weiter zurückgeht.“

Hier weitere Aussagen des VDA zu Produktionsrückgängen und Aussichten:

Im ersten Halbjahr 2020 gingen die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland um knapp 35 Prozent auf 1,21 Mio. Pkw zurück. Das ist der niedrigste Wert für ein erstes Halbjahr in Deutschland seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Ähnlich ist das Bild auf den internationalen Märkten: So ging der europäische Pkw-Markt bis Mai um 43 Prozent zurück, der US-Markt um 23 Prozent, der Markt in China um 27 Prozent.

Für das zweite Halbjahr deutet sich eine leichte Erholung an. Ein Zeichen dafür ist der Auftragseingang bei deutschen Herstellern, bei dem das Minus gegenüber dem Vergleichsmonat aus dem Vorjahr im Juni deutlich geringer war als noch im Mai. Doch auch ein fortgesetzter Aufwärtstrend wird den Einbruch aus der ersten Jahreshälfte nicht annährend ausgleichen können.

So rechnet der VDA für das Gesamtjahr 2020 mit einem Rückgang des Pkw-Weltmarkts um 17 Prozent auf 65,9 Mio. Einheiten (2019: 79,5 Mio.). Besonders stark wird der Rückgang in Europa mit 24 Prozent sein. Für Deutschland geht der VDA von rund 2,8 Mio. Pkw-Neuzulassungen im Gesamtjahr aus (-23 Prozent). Demgegenüber etwas glimpflicher verlaufen wird der Einbruch in den USA (-18 Prozent) sowie in China (-10 Prozent). Den Erwartungen liegt die Annahme zugrunde, dass es gelingt, die Corona-Pandemie in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt weiter einzudämmen.

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Schon gemerkt? Karlsruhe-Urteil zur EZB vom Bundestag bereits abgefrühstückt

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Bundestag beschließt Ordnungsmäßigkeit der Anleihekäufe der EZB

Haben Sie es schon mitbekommen? Denn in den großen Medien war es kein Thema für die Schlagzeilen. Gestern hat sich der Bundestag doch glatt insgesamt 40 Minuten Zeit genommen für Reden und Abstimmung. Es ging um die Frage, ob die Anleihekäufe der EZB denn überhaupt verhältnismäßig sind. Diese Frage musste ja behandelt werden, nachdem das Bundesverfassungsgericht vom 5. Mai festgestellt hatte, dass das Kaufprogramm PSPP teilweise verfassungswidrig sei, und dass Bundesregierung und Bundestag hier eine Prüfung hätten vornehmen müssen. Tja, und nachdem die EZB inzwischen Informationen übermittelt hat, haben die Fraktionen von CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne gestern beschlossen (hier die Übersichtsseite des Bundestags), dass die Verhältnismäßigkeit der EZB-Anleihekäufe gewahrt ist. Man ist zufrieden mit den Erklärungen der EZB. Gemeint ist damit, dass die Vorteile der Anleihekäufe die Nachteile (zum Beispiel ausbleibende Zinsen für Sparer) überwiegen, und dass die ganze Sache unterm Strich doch eine sinnvolle und gute Sache ist (in einfachen Worten ausgedrückt).

Im folgenden Video können sie die gestrigen 40 Minuten (bloß das Thema schnell abhandeln) mit den Reden der einzelnen Fraktionen und der Abstimmung am Ende anschauen. Ohhhh Wunder, ohhhh Wunder, möchten wir da sagen. Es war doch klar, dass die GroKo eine Erklärung der Europäischen Zentralbank entgegennehmen und dann auch durchwinken würde. Aber auch Gründe und FDP machen mit. Man tut alles um die Aktivitäten der EZB zu stützen. Letztlich weiß es jeder, aber niemand darf es aussprechen. Die EZB fungiert als Wirtschaftsregierung der EU und rettet mit gedrucktem Geld zum Beispiel Länder wie Italien. Das gehört aber definitiv nicht zu ihren Aufgaben. Deswegen muss offiziell alles irgendwie in Zusammenhang gebracht werden mit ihrem offiziellen Auftrag, nämlich der Preisstabilität.

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Facebook: Was steckt hinter dem Werbeboykott und #stophateforprofit?

Der Werbeboykott gegen Facebook setzt Mark Zuckerberg unter Druck, die Aktie fiel um 14 Prozent. Dieser Artikel erklärt, was dahinter steckt!

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Der Werbeboykott gegen Facebook setzt Mark Zuckerberg unter Druck, die Aktie fiel um 14 Prozent. Dieser Artikel erklärt, was hinter #stophateforprofit steckt.

Von mehr als 800 Unternehmen werdet ihr vorerst keine Werbung mehr bei Facebook und Instagram sehen – dazu gehören weltbekannte Marken wie Coca-Cola, Adidas und Volkswagen. Aber was steckt eigentlich genau dahinter? Wird dieser Werbeboykott dem Sozialen Netzwerk langfristig schaden? Und welche Änderungen werden wir Nutzer sehen? All diese Fragen klären wir jetzt.

Wir alle wissen ja, dass Facebook – zu dem Konzern gehören bekanntlich auch Instagram und Whatsapp – ein großes Problem mit Hasskommentaren hat. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres musste das Unternehmen knapp zehn Millionen Beiträge löschen, weil darin Menschen beleidigt und diskriminiert wurden. Das sind mehr als 100.000 pro Tag!

Wie viele Hasskommentare aber nicht erkannt oder gemeldet werden und deshalb stehen bleiben, wissen wir leider nicht. Sollte Facebook bei allem Respekt für Redefreiheit nicht mehr dafür tun, dass der Ton fair und freundlich bleibt? Diese Kritik gibt es quasi, seitdem die Plattform existiert – doch sie änderte nichts an dem kometenhaften Aufstieg.

Obwohl Facebook gerade mal 16 Jahre jung ist, gehört es schon zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Im vergangenen Jahr lagen die Einnahmen bei mehr als 70 Milliarden Dollar, fast zehn Mal so viel wie im Jahr 2013.

Fast jeder Cent davon kommt von Unternehmen, die auf Facebook und Instagram Werbung schalten – sie sind die wahren Kunden des Netzwerks, nicht wir, die kostenlosen Nutzer. Und genau unter diesen Kunden gibt es nun einen Protest, der Facebook tatsächlich gefährlich werden könnte. Dazu klären wir jetzt die 4 wichtigsten Fragen – auf geht’s!

Facebook: Werbeboykott- was steckt hinter #stophateforprofit?

Alles begann am 17. Juni – mit der Kampagne #stophateforprofit. Mehrere amerikanische Bürgerrechtsorganisationen beschuldigen Facebook unter anderem, Gewaltaufrufe zugelassen zu haben – gegen Menschen, die sich für gleiche Rechte von Schwarzen und Weißen einsetzen. Außerdem hätte Facebook die Augen davor verschlossen, dass bestimmte Gruppen von Wählerinnen und Wählern auf der Plattform unterdrückt werden.

Dann kommt ein Aufruf an alle Unternehmen, die auf Facebook und Instagram werben: Sie sollen im Juli keine Anzeigen schalten, um ein Zeichen gegen Hass, Rassismus und Antisemitismus zu setzen. Konzernen wie Procter & Gamble wird öffentlich aufgezeigt, dass ihre Anzeigen direkt neben verschwörungstheoretischen Artikeln erscheinen, die auf Facebook viral gehen.

Konkret fordert die Kampagne das soziale Netzwerk und seinen Gründer und Chef Mark Zuckerberg zu zehn Änderungen auf; darunter unter anderem ein unabhängiger Transparenzbericht und das Löschen von radikalen Gruppen. In Deutschland würden sie vermutlich solch eine Gruppe meinen.

Laut einer repräsentativen Umfrage der amerikanischen Anti-Diffamierungs-Liga erlebte allein dieses Jahr jeder vierte Mensch in den USA schwere Belästigung im Internet, der Großteil davon passierte auf Facebook. Deswegen fordert #Stophateforprofit auch, dass sich bei dem sozialen Netzwerk mehr Mitarbeiter direkt um Opfer solcher Angriffe kümmern.

Schon in der ersten Woche der Kampagne schlossen sich Dutzende Firmen an, darunter vor allem Lifestyle- und Outdoorfirmen, die ein faires und nachhaltiges Image pflegen. Als eine der ersten trat Northface der Bewegung bei, deren Logo ihr vielleicht von Rucksäcken oder Jacken kennt. Dann kam Patagonia dazu und gab bekannt, bis mindestens Ende Juli alle Anzeigen auf facebook und Instagram mit sofortiger Wirkung abzuschalten.

Und von der Eismarke Ben & Jerry’s werden amerikanische User ebenfalls erst mal keine Werbung mehr auf den beiden sozialen Netzwerken sehen. Das sind auf jeden Fall bekannte Marken, aber keine davon gehört zu den wirklich großen Playern in Sachen Facebook-Werbung. Richtig ernst wurde es erst, als die sich der Bewegung anschlossen – das zeigt der Aktienkurs des Sozialen Netzwerks: So richtig bergab ging’s erst am Freitag, den 26. Juni. Allein an dem Tag verlor Facebook mehr als 50 Milliarden Dollar an Börsenwert. Welche Unternehmen sind denn mittlerweile auch bei dem Boykott dabei? Das klären wir in Kapitel zwei.

Werbeboykott: Welche Unternehmen haben sich angeschlossen?

Ende Juni schaltete eine der bekanntesten Firmen der Welt ebenfalls seine Anzeigen ab, und zwar global und auf allen Social Media Plattformen. „Rassismus hat auf der Welt keinen Platz“, sagte der Coca-Cola-Chef zur Begründung. „Wir erwarten mehr Verantwortung und Transparenz.“

Noch am gleichen Tag stieg Unilever in den Boykott ein. Das ist einer der weltgrößten Konsumgüterhersteller. Und übers Wochenende kam dann noch Starbucks hinzu, die größte Kaffeehauskette auf diesem Planeten.

Tja und diese drei Firmen gehören dieses Jahr tatsächlich zu den Top 100 der größten Werbekunden von Facebook. Und immer mehr kamen dazu, weil sie nicht als Unterstützer von Hate Speech dastehen wollen – und das alles wurde zu einem riesigen Imageschaden für das Soziale Netzwerk. Anfang Juli listete die Bewegung mehr als 800 Unternehmen auf, die ihre Anzeigen abgeschaltet haben; darunter auch die deutschen Dax-Konzerne Adidas, SAP und Volkswagen.

Sie werden sich die Entscheidung schon gut überlegt haben, schließlich tummeln sich allein auf Facebook und Instagram weit mehr als 2 Milliarden Menschen – und über deren Interessen und Shoppingvorlieben hat das Soziale Netzwerk detaillierte Daten. Doch auf die verzichten derzeit zahlreiche Werbekunden, weil ihnen der Ruf ihrer eigenen Marke wichtiger ist.

Facebook hatte schon viele Krisen, aber diese ist anders – denn es geht um bares Geld. Im Vergleich zum Datenskandal mit Cambridge Analytica senken nicht nur die User den Daumen, sondern zahlende Firmen. Und die verbreiten mit ihrem Handeln natürlich auch eine klare Botschaft an ihre Zielgruppe: Wir sind die Guten. Und Facebook ist böse!

Exakt dieses PR-Desaster ist auch der Grund, warum die Aktie so eingebrochen ist. Denn finanziell betrachtet muss Facebook eigentlich keinen so großen Verlust befürchten. Der Grund dafür ist das breit aufgestellte Geschäftsmodell:

Es gibt ungefähr acht Millionen Firmen, die auf Facebook oder Instagram Werbung schalten. Das gab Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg Anfang des Jahres bekannt. Und 94 Prozent der Werbeeinnahmen kommen laut CNN eben nicht von den größten 100 Kunden, sondern von dem ganzen Rest.

Das sind vor allem kleine und mittelständische Firmen, wie zum Beispiel Handwerksbetriebe oder Start-ups, die übers Internet Kunden anwerben wollen – und das bei Facebook und Insta deutlich schneller, zielgruppengerechter und günstiger können als zum Beispiel mit Plakat-oder Fernsehwerbung.

Halten wir also fest: Facebook wird an dem Boykott nicht sterben, aber gerät trotzdem unter Druck. Die große Frage ist nun natürlich: Wie reagiert Mark Zuckerberg? Und das führt uns zum nächsten Kapitel:

Facebook: Wie reagiert Zuckerberg auf den Werbeboykott?

Facebook wird schon sehr lange vorgeworfen, zu nachlässig mit kontroversen Beiträgen umzugehen. Eskaliert ist diese Kritik, als es nach der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd zahlreiche Proteste in den USA gab – gegen Rassismus und Polizeigewalt. Dann kam diese Aussage von US-Präsident Donald Trump:

Facebook hingegen verbreitete ihn unkommentiert, bis heute. Die Überzeugung dahinter machte Mark Zuckerberg schon in einer Rede im Herbst 2019 deutlich: „We can continue to stand for free expression, understanding its messiness, but believing that the long journey towards greater progress requires confronting ideas that challenge us. Or we can decide the cost is simply too great. I’m here today because I believe we must continue to stand for free expression.“

Und dann legte er Ende Mai dieses Jahres noch mal nach, als ihn amerikanische Journalisten fragten, warum er Donald Trump solche Aussagen durchgehen lässt: „I dont’t think Facebook or Internet platforms in general should be arbiters of truth. I think that’s kind of a dangerous line to get down to in terms of deciding what is true and what isn’t.“

Vielen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefällt das so gar nicht. Anfang Juni streikten mehr als 5.000 von ihnen für einen Tag lang. Und sie zeigten auf dem konkurrierenden Netzwerk Twitter offen die Kritik an den Entscheidungen ihres Chefs.

Ein Softwareentwickler, der mit Sicherheit ziemlich viel Geld bei Facebook verdient hat, kündigte sogar öffentlich auf Linkedin und bekam dafür knapp 300.000 Reaktionen.
„Mark hat uns immer gesagt, dass Sprache, die zu Gewalt auffordert, die Grenze sei. Am Freitag hat er uns gezeigt, dass das eine Lüge war“, schrieb der Entwickler, der bei Facebook an der Bekämpfung von Lügen auf der Plattform mitgearbeitet hatte.

Aber auch das änderte aber rein gar nichts an der Firmenpolitik. Erst jetzt, wo es ans Geld geht, gibt es tatsächlich ein paar Reaktionen. In der Woche nach dem Start der #stophateforprofit-Kampagne gab der Chef des Richtlinienteams bei Facebook gegenüber 200 Anzeigenkunden zu, dass sein Unternehmen an einem „Vertrauensdefizit“ leide. Das berichtet die britische Financial Times.

Und nur drei Tage später verkündete Mark Zuckerberg eine historische Entscheidung: Ab sofort sollen Inhalte, die nachrichtenrelevant sind und zum Beispiel von Politikern stammen, markiert werden, wenn sie gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen – also quasi das, was Twitter bei Trump gemacht hat.

“I’m committed to making sure Facebook remains a place where people can use their voice to discuss important issues, because I believe we can make more progress when we hear each other. But I also stand against hate, or anything that incites violence or suppresses voting, and we’re committed to removing that no matter where it comes from.”

Das war die wichtigste der vier Maßnahmen, die Zuckerberg verkündet hat – dazu kommt, Hassbotschaften in Anzeigen zu unterbinden und einen Infobereich rund um die US-Wahlen anzubieten, um mehr Menschen zum Wählen zu bewegen.

Außerdem verwies der Facebook-Chef auf eine aktuelle Studie der EU-Kommission, die den Algorithmus lobt: 90 % der Hassbotschaften würden mittlerweile automatisch gesperrt, bevor sie veröffentlicht werden. Vor vier Jahren waren es weniger als 30 Prozent.

Das ist eine gute Entwicklung, aber selbst künstliche Intelligenz und zigtausend Moderatoren in aller Welt reichen anscheinend nicht aus, um den Laden sauber zu halten. Dafür ist die Plattform einfach zu groß und menschliche Kommunikation zu komplex.

Übrigens erwähnte der Facebook-Chef in seinem Statement mit keinem Wort den Anzeigenboykott oder die #StopHateforProfit-Kampagne. Und er ging auch nicht auf deren zentrale Forderung ein, mehr Mitarbeiter für die Kontrolle von Beiträgen einzustellen, speziell in privaten Gruppen.

Dabei sind es genau diese Gegenden des Netzwerks, in denen der Hass tobt. Aktuell stehen in Kassel Menschen vor Gericht, die nach dem Mord an dem Politiker Walter Lübcke digitalen Beifall gespendet haben – laut Spiegel zum Beispiel mit den Sätzen „Hoffentlich ist er langsam gestorben. Für Völkermörder ist nichts anderes vorgesehen.”

Ich persönlich befürchte, dass solche kriminellen Kommentare auch weiterhin auf der Plattform erscheinen und dort über lange Zeit stehen bleiben können – ganz zu schweigen von den unzähligen diskriminierenden Botschaften, die zum Beispiel Frauen, Schwarze oder Homosexuelle täglich über sich lesen müssen.

Und damit bin ich nicht allein: Vielen Firmen gehen Facebooks Bekenntnisse nicht weit genug, Zuckerbergs Statement haben sich Hunderte weitere dem Boykott angeschlossen. Und nach Angaben des weltweiten Werberverbands WFA überlegen mittlerweile ein Drittel aller großen Unternehmen, weniger Anzeigen auf Social Media zu schalten.

Das ist schon spannend, oder? Setzen sich jetzt auf einmal so viele Manager asu voller Überzeugung gegen Hate Speech ein? Oder gibt es da vielleicht noch einen anderen Hintergrund? Damit kommen wir zum letzten Kapitel:

Werbeboykott: Gibt es noch andere Gründe?

Stellt euch vor, ihr seid Anzeigenmanager in einem großen Konzern. Wegen Corona lassen sich weniger Produkte verkaufen, deswegen wurde euch das Werbebudget verkleinert. Ihr müsst also eh überlegen, wo sich Anzeigen einsparen lassen – und dann kommt dieser Aufruf zum Boykott. Würdet ihr euch anschließen?

Natürlich gibt keiner offen zu, auf diesen Zug aufgesprungen zu sein. Aber die Frage kann man schon stellen. Coca-Cola zum Beispiel hat schon Ende März angekündigt, alle Werbemaßnahmen einzufrieren. Und das hatte damals noch rein gar nichts mit einem Protest gegen Rassismus auf Sozialen Medien zu tun.

Meine Meinung dazu: Wegen der weltweiten Wirtschaftskrise müssen so gut wie alle Unternehmen sparen. Und große Konzerne nutzen Facebook und Instagram ja vor allem für Imagewerbung. Das haben sie jetzt mal für eine Zeit lang eingestellt und bekommen durch die Berichterstattung natürlich auch eine Form von Werbung – und zwar gratis. Die entscheidende Frage ist aber, ob sie auch wirklich langfristig ihr Budget umschichten – zum Beispiel auf andere Netzwerke wie LinkedIn oder noch mehr auf Google und Amazon.

Die Millionen kleinen Facebook-Werbekunden können das nicht mal eben so schnell entscheiden, weil sie über die Anzeigen kein Image kreieren sondern konkrete Produkte und Dienstleistungen verkaufen – und da brauchen sie das soziale Netzwerk mehr denn je, die können ja jetzt nicht wieder wie früher Prospekte drucken oder so.

Ich bin gespannt, wie viele Unternehmen sich noch dem Boykott anschließen, und wie lange sie es tun – nur dann wird der Druck auf Mark Zuckerberg bestehen bleiben. Vor ein paar Jahren zum Beispiel hatten große Firmen wie Pepsi und Procter&Gamble Youtube boykottiert, auch da ging es um diskriminierende Inhalte. Mittlerweile aber sind alle wieder an Bord und die Werbeeinnahmen der Video-Plattform sind höher denn je.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Facebook-Chef die Grenzen der Redefreiheit neu abstecken muss – oder ob er auch diese Krise übersteht, weil die Macht und Reichweite seiner Plattform am Ende doch unwiderstehlich ist.

Was sagt ihr denn zu dem Boykott: Glaubt ihr, dass sich Facebook und Instagram ändern werden? Wie geht ihr überhaupt mit Hate Speech um? Mich würde eure Meinung sehr interessieren, schreibt sie gerne in die Kommentare unter das Video.

Wie kam es zu dem Werbeboykott gegen Facebook?

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