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Aus dem Tagebuch eines einfachen Traders: Ein seltsamer Besuch (Satire)

Von Jürgen Sprenzinger

Ich saß auf meiner Terrasse, vor mir eine Tasse Kaffee und rauchte eine Zigarette, als ein plötzlich ein Mann im schwarzen Anzug mit Fliege und Zylinder vor mir stand und fragte: „Sind Sie der Bewohner dieses Hauses?“

„Ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß und meinte weiter: „Wer sind Sie und was wollen Sie?“

„Ich komme von einer Institution, die Ihnen sicherlich bekannt sein dürfte.“

„Von welcher? Vom IWF oder der EZB?“, erwiderte ich. „Um was also geht‘s?“

„Nun, lieber Herr, ich weiß nun nicht so genau, ob Sie sich schon einmal Gedanken über die Art und Weise Ihres Ablebens gemacht haben.“

„Wenn ich ehrlich bin, nicht. Aber es könnte ja durchaus sein, dass ich mich über irgend was oder irgend jemand eines Tages totärgere – schon möglich – insbesondere, wenn die Kurse wieder mal nicht in meine Richtung laufen.“ Ich schüttelte den Kopf. So einen Typen hatte ich noch nie erlebt.

Wie selbstverständlich nahm der Mann mir gegenüber Platz, legte seinen schwarzen Aktenkoffer auf den Tisch, öffnete ihn und entnahm im einige Dokumente. Geschäftig fuhr er fort: „Mit meinem Besuch beabsichtige ich eigentlich, Ihnen zu helfen, sich für eine Art des Ablebens zu entscheiden.“

„Faszinierend“, entfuhr es mir.

„Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen – man kann leicht oder auch weniger leicht von dieser Welt gehen – aber man sollte diesbezüglich schon überlegen, auf welche Art man vom Ableben Gebrauch macht.“

„Nun ja“, meinte ich zögerlich, „darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, wenn ich ehrlich bin. Auf irgend eine Weise werde ich schon ins Jenseits gelangen, denke ich.“

„Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht“, erwiderte der Schwarzgekleidete. „Viele Leute gehen von hinnen und warten ganz einfach tatenlos ab, bis es soweit ist. Das tun die meisten, geschieht aber dann häufig völlig unkontrolliert. Und genau das wollen wir vermeiden. Oft bringen sich die Leute auch selbst um, weil sie nicht warten wollen, bis … na ja, Sie wissen schon.“

„Und was möchten Sie jetzt nun genau von mir?“, fragte ich.

Er warf einen Blick auf sein Dokument. Dann antwortete er: „Sehen Sie, ich möchte Ihnen heute ein Angebot machen und Sie fragen, wie und auf welche Weise Sie diese Welt verlassen möchten.“

„Was haben Sie denn so alles im Angebot?“, wollte ich wissen und grinste. Irgend wie konnte ich diesen Typen nicht ernst nehmen.

„Die Gegenfrage, die ich Ihnen zunächst stellen muss, lautet: Möchten Sie auf spektakuläre Weise ins Jenseits gehen oder etwas ruhiger?“

„Ich möchte die Sache etwas ruhiger angehen“ , antwortete ich und fuhr fort: „Ich hatte oftmals ein sehr hektisches Leben. Ich bin aber im Grunde meines Herzens immer ein bescheidener Mensch geblieben und ziehe ein ruhiges Ableben vor.“

„Die nächste Antwort, die ich von Ihnen benötige, ist: Wann wollen Sie abgehen? Ich meine, in welchem Alter?“

„Kann ich mir das aussuchen??“, fragte ich erstaunt.

„Selbstverständlich. Wir sind diesbezüglich sehr kulant, das dürfen Sie glauben.“

Ich überlegte. „Nun ja, so etwa mit 85 oder eher gegen 90. Wäre das machbar?“

Der Mann nickte. „Ich habe da was im Angebot: So um die 88 herum – und dann ganz einfach umkippen und fertig. Wäre das was für Sie?“

„Prima – das nehme ich!“, rief ich.

„Na ja – aber Sie sollten unsere anderen Angebote nicht außer acht lassen. Die sind nämlich auch nicht übel“, entgegnete er und grinste mich schief an.

„Was haben Sie denn noch so im Angebot?“

„Verkehrsunfälle werden gerne genommen. Da könnte ich Ihnen eine Fahrt mit 130 km/h gegen einen mittelgroßen Baum anbieten – geht rasend schnell, fast unmerklich und ist eine ziemlich sichere Sache.“

„Ah wissen Sie“, antwortete ich, „das ist mir fast zu spektakulär. Außerdem ist dann ja auch das Auto kaputt und der Baum beschädigt. Zudem haben die Leute dann noch eine Menge Arbeit mit mir – nein, das muss nicht sein. Gibt es noch was anderes?“

„Wie wär‘s mit einem Herzinfarkt so mit etwa 79?“

„Wir haben doch vereinbart, dass es so zwischen 85 und 90 sein sollte! Jetzt kommen Sie mir aber sehr schräg!“

„Ist keine böse Absicht, lieber Herr! Es ist nur so, dass Herzinfarkte heute sehr ,in‘ sind, äußerst gerne genommen werden und wir aber von der Anzahl her begrenzt sind. So viele Herzinfarkte, wie die Leute aktuell beanspruchen, können wir gar nicht produzieren, damit wären wir gewaltig überfordert! Wir könnten aber gerne auf einen Schlaganfall ausweichen. Was halten Sie davon?“

„Gar nichts. Ist der immer erfolgreich?“

„Nun ja – wenn ich ehrlich bin, nicht immer, aber sehr oft.“

„Da ist mir das Risiko zu groß. Außerdem wäre das bei meinem kleinen Hirn vermutlich ein Schlag ins Leere ….“

„Ich könnte Ihnen aber auch einen Flugzeugabsturz anbieten“, meinte der Mann und lächelte mich freundlich an.

„Wie jetzt? Vor oder nach dem Urlaub?“

„Selbstredend nach dem Urlaub – Sie sollen Ihren teuer bezahlten Urlaub ja noch genießen können.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, dann stürzt das Flugzeug also auf dem Heimflug ab?“

„Das sehen Sie völlig korrekt. Sie fallen aus etwa 12.000 Meter Höhe aus dem Flugzeug auf ein Hausdach und erleben dabei das freie Fliegen. Der Aufschlag erfolgt nach etwa 4,5 Minuten, geschieht aber durch die hohe Geschwindigkeit sehr schnell und verursacht keine Schmerzen. Das Dach wird dem Eigentümer durch die Versicherung ersetzt – also darüber müssen Sie sich keine Gedanken machen.“

„Bin ich da nicht schon bereits erfroren, wenn ich unten ankomme?“, wandte ich ein.

„Das könnte durchaus von Vorteil sein, denn auch dadurch wird das Schmerzempfinden in hohem Maße eingeschränkt.“

Ich zögerte. Dann meinte ich: „Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir diese Variante auch nicht besonders. Dauert mir zu lange.“

„Ich sehe schon: Sie sind nur sehr schwerlich zufrieden zu stellen …“. Der Mann fasste sich nachdenklich ans Kinn und überlegte. Dann meinte er: „Eine gute Sache wäre auch noch der Alkohol. Mit der richtigen Dosierung könnte man da sehr viel machen …“

„Alkohol? Sie meinen, ich soll auf meine alten Tage noch zum Säufer werden? Nein, ich verabscheue Alkohol zutiefst.“

„Schwierig, schwierig“, murmelte der Mann in seinen nicht vorhandenen Bart. Plötzlich erhellten sich seine Gesichtszüge. „Sagen Sie, Sie rauchen doch, oder?“

„Ja“, meinte ich und antwortete wahrheitsgemäß: „Ich glaube, ab und zu etwas mehr als mir gut tut.“

„Ist doch prima! Das ist es! Wir haben doch gar kein Problem! Machen Sie einfach so weiter wie bisher, dann erledigt sich die Sache ganz von selbst!. Hervorragend! Warum sind wir nicht gleich drauf gekommen?“

Hastig packte er seine Unterlagen zusammen, warf sie in den Koffer und ließ den Deckel zuschnappen. Er stand auf und schüttelte mir die Hand. Dann meinte er: „Gut, wir sehen uns also zwischen 85 und 90 irgend wann. Bis dahin dürften Sie sich totgeraucht haben. Einen schönen Tag noch!“

„Halt, halt!“, rief ich ihm nach.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte er.

„Was passiert, wenn ich zwischenzeitlich mit dem Rauchen aufhöre?“

„Dann komme ich nochmal und wir verhandeln neu – wir finden bestimmt eine Lösung – selbst wenn es dann ein fauler Kompromiss wird. Aber das kennen Sie ja von Griechenland her.“

Ich spürte etwas Feuchtes im Gesicht und wachte auf. Neben mir stand Emma, meine schwarze Labrador-Dame, sah mich an und bellte dann schwanzwedelnd: „Aufstehen, du fauler Mensch! Draußen scheint die Sonne!“



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