Anleihen

Glaubwürdigkeit riskieren, dafür die Märkte retten? Bank of England: Anleihekäufe doch über Freitag hinaus?

Wird die Bank of England ihre Anleihekäufe über Freitag hinaus tätigen? Jüngst liegen vom BOE-Chef Bailey verschiedene Aussagen vor.

Die Bank of England hatte ab dem 28. September in die Märkte eingegriffen um einen Kollaps am Anleihemarkt und bei britischen Pensionskassen zu vermeiden. Durch Anleihekäufe sollen die Kursverluste beendet werden. Aber wirklich beruhigt hat das die Märkte nicht. Gestern und vorgestern hatte die Bank of England erweiterte Maßnahmen zur Stützung der Märkte verkündet. Auch das half nicht wirklich. Wichtig ist: Von Anfang an machte die Notenbank klar, dass ihre Anleihekäufe nur bis zum 14. Oktober dauern werden, also bis zum Ende dieser Woche. Bis dahin sollten vor allem die Pensionskassen ihre Positionen in den Griff kriegen. Jetzt aber scheint man an diesem Endpunkt nicht mehr festhalten zu wollen, oder zu können?

Verlängert die Bank of England ihre Anleihekäufe über Freitag hinaus?

Reicht eine Intervention bis Freitag nicht aus? Würde der Markt danach erneut abrutschen, die Renditen für britische Staatsanleihen erneut kräftig ansteigen, die Kurse fallen? Wie Bloomberg aktuell berichtet, wächst der Druck auf die Bank of England diese Frist zu verlängern. Anleger stießen britische Vermögenswerte ab, nachdem der Gouverneur der Bank of England Andrew Bailey Pensionsfonds mitgeteilt hatte, dass sie nur noch „drei Tage“ Zeit hätten, ihre Liquiditätspositionen zu bereinigen, bevor die Anleihekäufe eingestellt würden. Das Pfund Sterling fiel zum ersten Mal seit dem 29. September unter 1,10 gegen den US-Dollar, die Preise für langlaufende Staatsanleihen sanken, und selbst US-Aktien fielen nach Baileys Äußerungen.

Die britische Währung machte einen Teil dieser Verluste im asiatischen Handel wieder wett, nachdem die Financial Times berichtet hat, die Bank of England habe Bankern privat signalisiert, dass sie das Kaufprogramm über den Stichtag 14. Oktober hinaus verlängern könnte, obwohl aus dem Bericht nicht hervorging, wann diese Anweisung gegeben wurde. FMW: Verlängert man die Anleihekäufe, erodiert die Bank of England damit ihre eigene Glaubwürdigkeit (festes Enddatum wird verlängert), aber man rettet erst einmal die Märkte? Es ist unklar, ob die Notenbank nun die Frist verlängert oder daran festhält. Ein offizielles Statement der BoE liegt noch nicht vor.

Bloomberg berichtet weiter: Die Bank of England begann Ende letzten Monats mit dem Ankauf von langlaufenden Anleihen als Notfallmaßnahme, um sicherzustellen, dass Pensionsfonds, die sogenannte haftungsorientierten Anlagestrategien fahren, ihre Positionen auflösen können, nachdem die britische Regierung mit der Ankündigung von nicht finanzierten Steuersenkungen in Höhe von 45 Mrd. Pfund eine Marktkrise ausgelöst hatte. Der Plan sollte Ende dieser Woche auslaufen, und Bailey signalisierte, dass er an diesem Zeitplan festhalten will, um die Marktdisziplin zu erzwingen, obwohl Händler und Vermögensverwalter mit einer längerfristigen Unterstützung rechnen.

Die Glaubwürdigkeit der Bank of England wurde bereits in Frage gestellt, nachdem die erste Reaktion auf die rasant ansteigende Inflation wenig überzeugend ausfiel, und nun sieht sich Bailey in die Enge getrieben: Bleibt er seiner Linie treu, könnte Großbritannien einen weiteren drastischen Anstieg der Anleiherenditen erleben, der der Wirtschaft noch mehr schaden würde – macht er einen Rückzieher, ist sein Ruf ruiniert. „Bailey wird diese Äußerungen zurücknehmen müssen“, sagte Erik Nelson, ein Währungsstratege bei Wells Fargo. „Die Situation sieht zunehmend unhaltbar aus“.

Aktionen der Bank of England grafisch dargestellt

Das Risiko, auf das sich Bailey eingelassen hat, lässt erahnen, wie unangenehm ihm der Kauf von Staatsanleihen ist, um die Finanzstabilität zu gewährleisten, während er gleichzeitig versucht, die Geldpolitik zu straffen, um die steigende Inflation zu bekämpfen. In seiner Rede auf der Jahrestagung des Institute of International Finance in Washington machte Bailey deutlich, dass es sich bei dieser Politik um einen letzten Ausweg handelt. Die Notenbanker bei der Bank of England hätten mehrere Nächte lang versucht eine alternative „gezielte“ Intervention zu entwickeln, sagte er, aber es sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, als Staatsanleihen zu kaufen.

Anders als bei der „Flucht ins Geld“, als die Bank zu Beginn der Pandemie im März 2020 Anleihen kaufte, ist die Politik jetzt in sich widersprüchlich: Bailey tritt gleichzeitig auf das Gaspedal und auf die Bremse – er kauft Staatsanleihen, um die Finanzstabilität zu sichern, während er die Zinsen anhebt und sich darauf vorbereitet, Staatsanleihen zu verkaufen, um die Inflation zu senken.

Neue britische Regierung als Problem für die Notenbank

Die Hauptursache für Baileys Problem ist die neue britische Regierung unter Liz Truss, die Anfang September ihr Amt mit einer ideologischen Verpflichtung zu Steuersenkungen angetreten hat. Sie hat sich über die Ratschläge des wirtschaftspolitischen Establishments hinweggesetzt, von dem sie und ihr Kanzler Kwasi Kwarteng sagen, dass es mit seinen risikoaversen politischen Einstellungen das Wachstum gebremst hat.

Während Truss‘ erster politischer Vorstoß durch den Tod von Königin Elizabeth II. verzögert wurde, drückte sie dem Vereinigten Königreich am 23. September ihren Stempel auf, als Kwarteng ihre Steuersenkungspläne vorstellte. Seitdem hat Bailey mit den Folgen zu kämpfen: Die Märkte sind eingebrochen, was die Kreditkosten für Millionen von Hypothekenbesitzern in die Höhe getrieben hat und einen Ausverkauf britischer Vermögenswerte auszulösen droht.

Die Anleger befürchten, dass das Vereinigte Königreich sowohl die Inflation als auch die Verschuldung in die Höhe treiben wird, da die Bank of England nicht bereit ist, die inflationären Steuersenkungen der Regierung durch aggressive Zinserhöhungen auszugleichen.

Die Regierung muss möglicherweise selbst eingreifen, um angeschlagene Pensionsfonds zu retten. Nick Macpherson, ein ehemaliger Beamter des Finanzministeriums, sagte auf Twitter: „Es ist nicht die Aufgabe der Bank of England Pensionsfonds zu retten. Aber die Geschichte deutet darauf hin, dass die Regierung diese Aufgabe übernehmen wird, und sie wird gerade an einem Plan arbeiten. Traurigerweise kann dies nur die Verbindlichkeiten des Staates und den Aufwärtsdruck auf die Zinssätze erhöhen.“

Kwarteng wird diese Woche zusammen mit Bailey an der Tagung des Internationalen Währungsfonds in der US-Hauptstadt teilnehmen und dabei in einer peinlichen Doppelrolle versuchen, die politischen Einstellungen des Vereinigten Königreichs vor dem Hintergrund der Turbulenzen im eigenen Land zu verteidigen. Der IWF gehörte zu den prominentesten Kritikern von Kwartengs Finanzpolitik.

Die Bank of England befürchtet, dass ihre Notkäufe von Staatsanleihen den Eindruck erwecken könnten, dass sie die Regierung finanzieren. Anne Sibert, Wirtschaftsprofessorin an der Universität London, bezeichnete die Position der Bank als „empörend“ und sagte, dass ein angemessenes Eingreifen in die Gilt-Märkte aus Gründen der Finanzstabilität „schon vor langer Zeit hätte formalisiert werden müssen“.

Bailey deutete an, dass die Bank of England besorgt ist, dass eine ausgedehnte Rettungsaktion ohne aufsichtsrechtliche Auflagen zu „moralischem Risiko“ führt, bei dem die Institute ermutigt werden, riskante Wetten einzugehen, weil sie wissen, dass sie immer gerettet werden. Auf dem IIF wies er darauf hin, dass der Nichtbankensektor, die Ansammlung von Vermögensverwaltern und Pensionsfonds, die im Zentrum des Marktchaos steht, nicht ausreichend reguliert ist.

Bartosz Pawlowski, Chief Investment Officer bei der Vermögensverwaltung der mBank SA, der Bailey auf dem IIF beobachtete, sagte, er glaube, dass der Zentralbanker von der Pensionsfondsbranche einen Hinweis erhalten habe, dass sie ihre Risiken innerhalb der von ihm gesetzten Frist eindämmen könne.

„Ich gehe davon aus, dass er weiß, was mit den Pensionsfonds geschieht und erwartet, dass der Prozess bis Ende der Woche abgeschlossen ist“, sagte er. „Warum sonst sollte man sich in eine solche Lage begeben?“

FMW: Also was denn jetzt Mr. Bailey? Deadline Freitag, ja oder nein? Mit dieser Unklarheit könnte er die Märkte nur noch mehr verunsichern. Es könnte sein, dass die Bank of England in Kürze mit einem Statement Klarheit schafft.

FMW/Bloomberg

Andrew Bailey ist der Chef der Bank of England
Andrew Bailey ist der Chef der Bank of England


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10 Kommentare

  1. Das Unwort des Jahres 2022 wird wohl „Notenbanker“ werden.
    Eltern werden ihren Sprößlingen mit frischem Abitur nahelegen: „Du darfst alles werden, nur kein Notenbanker“.

    1. @Columbo, ein möglicher Kandidat ist auch „Sekten“.
      Du darfst alles werden, nur kein Sektenmitglied.

      1. @Leftutti, mich würde deine Meinung zu folgendem Vortrag sehr interessieren:
        https://www.youtube.com/watch?v=OaWM2Pd0sHY

        1. Hi Markus, ich werde mir den Vortrag die nächsten Abende mal anschauen und meine Meinung dazu formulieren. Auf die Schnelle kann ich das leider spontan nicht machen, denn das nimmt doch einige Zeit in Anspruch.
          Ich bleibe auf jeden Fall dran.

          1. super, danke Leftutti!

          2. Lieber Herr Fugmann,
            wenn Sie das Thema interessieren sollte, so kann ich Ihnen auch folgenden Podcast von Herrn Stelter empfehlen, wo er Herrn Dr. Bjørn Lomborg interviewt. Für mich ein wahrer Augenöffner:

            https://think-beyondtheobvious.com/neue-industrien-braucht-das-land/

            Als Kommentar habe ich dort dazu geschrieben:

            Für mich lautet die Kernaussage von Herrn Lomborg, dass nur auf einer globalen Ebene wirklich etwas im Klimaschutz erreicht werden kann, und nationale Bemühungen eigentlich nur Symbolpolitik sind. Wenn nicht ein Großteil der Klimaschutzgelder dieser Welt in die Weltregionen fließen, wo eine CO2-Reduktion wirklich kostengünstig zu machen ist, bzw. nur ein Bruchteil von dem wie in Europa oder den USA kosten, so wird man den globalen CO2-Ausstoss nur in unbedeutendem Maße senken können – es ist sozusagen fast alles für die Katz. Dieser Aussage kann ich nur zustimmen, und so frage ich mich, wie man seine Vision ggf. erreichen könnte – so ganz theoretisch…

            Schöne Grüße & Danke für Ihre tollen und unterhaltsamen Videos!

          3. @Lausi, vielen Dank!
            Ich lese gerade das Buch von Lomborg..

          4. Sehr beeindruckend auch diese Rede von Carl Sagan aus dem Jahr 1985…

            https://youtu.be/Wp-WiNXH6hI

          5. @Markus Fugmann, auf der anderen Seite würde mich nun deine Meinung zu folgender Doku interessieren. Interessant sind prinzipiell alle drei Teile, aber dieser dritte greift nochmal auf einiges Wichtige der beiden ersten Teile zurück und fasst es kurz zusammen, ist also ausreichend:
            https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/die-neue-heisszeit-spurensuche-in-der-vergangenheit-zivilisation-100.html

            Leider ist das Video nur bis 01.11.2022 verfügbar!

  2. Premierministerin Elizabeth Truss und Schatzkanzler Kwasi Kwarteng werden wissen, daß der Finanzplatz London bedeutsamer als die Wall Street ist.

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