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Basta! 74 Milliarden, die den Grexit bedeuten (dürften)

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Am Freitag war die Welt für die Finanzmärkte noch in Ordnung: ein Deal zwischen Griechenland und seinen Gläubigern galt als sicher und wurde mit einem saftigen Plus beim Dax eingepreist. Aber die Dinge sind komplizierter – für die Algorithmen, die den Handel inzwischen bestimmen, offenbar zu kompliziert. Denn niemand hat den Algorithmen gesagt (einprogrammiert), dass es erhebliche Interessensdifferenzen gibt unter den Gläubigern, dass die Sache also viel schwieriger werden dürfte, als die oberflächliche Logik der Optimisten nahelegte.

Die euphorische Reaktion der Märkte am Freitag ist insbesondere deshalb verwunderlich, weil die Optimisten in der Vergangenheit in Sachen Griechenland immer unrecht hatten. Lerneffekt also gleich null. Algorithmen haben kein Gedächtnis, sie folgen Kursmustern und kaufen oder verkaufen, politische Logik ist Ihnen fremd.

So wissen sie natürlich nicht, dass die vermeintlichen Vorschläge der Griechen aus der Feder französischer Beamter stammen – Frankreich ist der größte Fürsprecher der Griechen in der Eurozone. Sie wissen nicht, dass der italienische Premier Renzi den Deutschen ein entschiedenes „Basta“ zuruft, weil sie angeblich zu hart seien. Aber Italien hat viel zu fürchten, wenn Griechenland aus der Eurozone ausscheidet. Die Algorithmen können nicht erkennen, dass anhand der Griechenland-Frage eine Spaltung der Eurozone möglich wird, die vorher als undenkbar galt. Varoufakis hat es als erstes ausgesprochen: Frankreich fürchtet den durch Deutschland erzwungenen Grexit, weil dann Deutschland als „Zuchtmeister“ obsiegt hätte. Und Frankreich wäre dann das nächste deutsche Disziplinierungs-Ziel – das fürchtet man in Paris, aber auch in Rom.

Wir erleben derzeit ja ein doppeltes Scheitern. Chinas Glaube an ewiges Wachstum scheitert derzeit grandios, die Pekinger Regierung hat ihr Gesicht verloren, weil ihr Reichtumsversprechen für Millionen im Ruin endete. Die Machthaber mussten praktisch den Markt aussetzen (Verbot von Verkäufen, die Hälfte der Aktien vom Handel ausgesetzt etc.), um den Crash vorläufig in den Griff zu kriegen. Aber China hat seinen Abstieg nun begonnen, es wird eine große Krise erleben. Im Laufe von Jahrzehnten wird sich das Reich der Mitte wieder erholen – das ist ein altes Muster bei aufsteigenden Weltmächten und schon beim alten Rom zu beobachten gewesen: kometenhafter Aufstieg, dann folgt eine existentielle Krise, dann der langsame Wiederaufstieg zur Dominanz. China beginnt jetzt die Phase der existentiellen Krise.

Das Scheitern der Eurozone hingegen liegt eindeutiger auf der Hand: noch ein Gipfel, immer der wirklich allerletzte. Es gibt keine wirkliche Zukunftsvision, nur den auf „ewig“ eingeführten Euro, aus dem es angeblich kein Ausscheiden gibt. Der Ewigkeitsanspruch hat keine zwanzig Jahre gehalten!

Was die Sache nun wirklich dramatisch macht ist, dass die Gläubiger eine Finanzierungslücke von 74 Milliarden Euro für Griechenland entdeckt haben. Zuvor hatte man monatelang um die Auszahlung einer Tranche von sieben Milliarden Euro gefeilscht – und so die eigentliche Katastrophe aus dem Blick verloren. Jetzt heisst es: nochmal 74 Milliarden Euro in ein schwarzes Loch schütten, in ein Land, das keine funktionierende Bürokratie hat, um die Gelder sinnbringend einzusetzen. Da könnte man die Gelder besser gleich der griechischen Bevölkerung geben – das wäre viel sinnvoller.

Jetzt deutet sich an, dass eine Lösung vielleicht doch nicht gefunden wird heute – trotz der wie immer gesetzten allerletzten Deadline. Sollte dem so sein, wird es am morgigen Montag ein schlimmes Erwachen geben an den Märkten. Es ist ein Weckruf an die Algorithmen und ihre Erzeuger: ihr seid nutzlos, wenn man euch keine politische Logik einprogrammiert!

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    joah

    12. Juli 2015 12:52 at 12:52

    …und hintergründig klappt sich das System zusammen – wieder eine Bank weg:

    https://www.fdic.gov/bank/individual/failed/banklist.html

  2. Avatar

    Boncas

    12. Juli 2015 14:37 at 14:37

    Mal wieder ein sehr guter Artikel, Herr Fugmann.

    Im Zuge dieser „wirklich allerletzten“ Krisensitzungen werden die grundsätzlichen Differenzen zwischen den in Europa vereinten Volkswirtschaften und den wirtschafts- und staatspolitischen Mentalitäten offensichtlich. Hier geht ein Riss zwischen Nordeuropa und Südeuropa – Deutschland und Österreich liegen an der Grenze von Norden nach Süden. Der Norden möchte die Gemeinschaft durch Rechtsklauseln absichern und besteht auf deren Einhaltung. Der Süden stellt das politische Handeln über das Recht – da wundert es nicht, dass der Süden mit seinem Rechtssystem die Korruption kaum eindämmen kann. Nicht nur in Griechenland, sondern auch in den anderen südlich Peripherieländern „versickern“ zahllose EU-Milliarden; verständlich, dass das den Norden ärgert.
    Man muss sich wirklich sorgen um den Zusammenhalt einer Union so unterschiedlicher Weltanschauungen. Dieses grundsätzliche Problem wird auch jetzt wieder nicht gelöst, aber es droht zur Dauerkrise der EU zu werden, und ist viel schwerwiegender als die eigentlich kleine Griechenland-Frage. Letztere lässt sich ja mit ca. 100 Milliarden Euronen für die nächsten drei Jahre „ruhig stellen“. Ob die Finanzmärkte das alles schon richtig eingepreist haben, weiß ich natürlich auch nicht.

  3. Avatar

    melanie G.

    12. Juli 2015 16:11 at 16:11

    Erst aml , danke für diesen Artikel, man muß ja auf dem laufnden sein.
    Was für eine Theatervorstellung. Wir brauchen kein Kabarrett mehr, wir bekommen es frei Haus geliefert.
    MIt Merkel und Schäuble haben wir äusserst attraktive Darsteller. Womit haben wir das verdient???ßß?

  4. Avatar

    GN

    12. Juli 2015 16:17 at 16:17

    Hallo Markus Fugmann, Ihre Sicht/Kritik, was diese Trading-Systeme angeht, teile. ich. Was Griechenland angeht wissen wir das erst wirklich morgen früh. Merkel hat mittlerweile mehrere US-Befehle zur Beilegung der Krise erhalten. Sie wird sich wohl über Schäuble hinwegsetzen. Was weitere Hilfsgelder angeht teile ich ebenfalls ihre Meinung, die Frage bleibt nur, wird ein Grexit nicht noch teurer??? Allerdings wäre ein Stop der Hilfsgelder auch ein klares No-Bailout-Zeichen an andere Südländer.

    Der Euro und die EU sind klar gescheitert und unser geniales Wirtschaftssystem steht vor einem Scherbenhaufen. Mittlerweile gibt es aber auch ein Nein aus anderen Nordstaaten: Niederlande, Finnland….an Deutschland allein liegt es nicht…

    Viele Grüße

    GN

    Ps: Bin echt gespannt, wie das heute Nacht endet….

  5. Avatar

    U.Krudwig

    12. Juli 2015 17:51 at 17:51

    Hallo Liebe Lesser,

    den folgenden Satz kann ich blind teilen
    „Der Euro und die EU sind klar gescheitert und unser geniales Wirtschaftssystem steht vor einem Scherbenhaufen.“
    weil Tatsachen Belegung lassen sich nu mal nicht einfach weg Diskutieren.

    Als Anregung möchte ich folgenden Ansatz geben der das Scheitern des Euros bereits im vierten Jahr von der Regierung Schröder als Startschuss für die folgende Jahre Lieferte.

    Im diesen Sinne Danke an die Redaktion von Finanzmarktwelt für den Hochwertigen Content insgesamt.

    Gruß.

    U.Krudwig

  6. Avatar

    Michael

    12. Juli 2015 21:48 at 21:48

    Die Lücke ist seit heute Mittag auf 86 Mrd. € gewachsen. Freitag war sie „erst“ bei 52 Mrd. €. Kennen wir. Zur Pleite von 2010 ging es erst um 30 Mrd. €, die dann auf 110 Mrd. € anschwololen und jetzt so um 330 Mrd. € sein sollen. Man fühlt sich wirklich wie in der Klapse.

    • Avatar

      joah

      13. Juli 2015 08:51 at 08:51

      das ist Psychologie: hätten sie gleich den ganzen Betrag genannt, wäre es abgelehnt worden. So hingegen kann man die Entscheidungswilligkeit dehnen.

  7. Avatar

    fred

    13. Juli 2015 07:45 at 07:45

    „Der Ewigkeitsanspruch hat keine zwanzig Jahre gehalten!“ noch ein Algorithmus:
    1000jährigen Reich = 12Jahre
    der Ewige Euro = 24Jahre (meine Schätzung)

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SAP meldet Quartalszahlen – Aktie fällt dramatisch! Übertrieben? Kaufchance?

Claudio Kummerfeld

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am

Frau arbeitet an Schreibtisch in Büro

SAP hat heute seine Quartalszahlen veröffentlicht. Hier die wichtigsten Kennzahlen. Der Umsatz liegt bei 6,53 Milliarden Euro (Vorjahresquartal 6,79). Der Gewinn nach Steuern liegt bei 1,65 Milliarden Euro (Vorjahresquartal 1,26 Milliarden Euro).

Während die Finanzdaten des letzten Quartals halbwegs ok sind, scheint die Börse regelrecht geschockt zu sein von einem anderen Aspekt der Veröffentlichung von SAP. Denn die Aktie verliert heute dramatische 20 Prozent, wegen der Aussichten für das laufende Gesamtjahr 2020. Umsatz- und Gewinnerwartungen werden nur ganz leicht nach unten revidiert, aufgrund der zweiten Corona-Welle und den damit einhergehenden neuen Restriktionen, die sich auch auf Unternehmen und ihre Aufträge auswirken. Und dafür gleich 20 Prozent Bestrafung im Aktienkurs? Ist das nicht zu viel? Hier könnten sich die Anleger mal überlegen, ob das eine Kaufchance für die Aktie ist (das ist keine Kaufempfehlung unsererseits, sondern nur ein Gedankenspiel).

SAP auszugsweise im Zitat zur Gesamtjahresaussicht:

Der bisherige, am 8. April 2020 veröffentlichte Ausblick der SAP für das Gesamtjahr 2020 spiegelte die bestmögliche Schätzung der SAP hinsichtlich des Zeitpunkts und der Geschwindigkeit einer Erholung von der Corona-Krise wider. Dieser Ausblick
ging davon aus, dass die Länder ihre Wirtschaft hochfahren und die Einschränkungen für die Bevölkerung gelockert würden,
sodass sich die Nachfrage im dritten und vierten Quartal allmählich verbessert.

Auch wenn weiterhin ein stabiles Interesse an den Digitalisierungslösungen der SAP besteht, da Kunden widerstandsfähiger
und agiler aus der Krise hervorgehen möchten, wurde kürzlich in manchen Regionen das öffentliche und wirtschaftliche Leben erneut eingeschränkt, und die Belebung der Nachfrage fiel verhaltener aus als erwartet. Des Weiteren geht die SAP aus
denselben Gründen nicht mehr davon aus, dass sich die SAP-Concur-Erlöse aus Geschäftsreisen in den verbleibenden Monaten des Jahres 2020 deutlich erholen werden.

Die SAP aktualisiert deshalb ihren Ausblick für das Gesamtjahr 2020 und erwartet nun, dass:

• die Clouderlöse (Non-IFRS, währungsbereinigt) in einer Spanne zwischen 8,0 Mrd. € und 8,2 Mrd. € liegen werden (zuvor
zwischen 8,3 Mrd. € und 8,7 Mrd. €).
• die Cloud- und Softwareerlöse (Non-IFRS, währungsbereinigt) in einer Spanne zwischen 23,1 Mrd. € und 23,6 Mrd. € liegen werden (zuvor zwischen 23,4 Mrd. € und 24,0 Mrd. €).
• die Umsatzerlöse (Non-IFRS, währungsbereinigt) in einer Spanne zwischen 27,2 Mrd. € und 27,8 Mrd. € liegen werden
(zuvor zwischen 27,8 Mrd. € und 28,5 Mrd. €).
• das Betriebsergebnis (Non-IFRS, währungsbereinigt) in einer Spanne zwischen 8,1 Mrd. € und 8,5 Mrd. € liegen wird (zuvor zwischen 8,1 Mrd. € und 8,7 Mrd. €).

CEO-Kommentar im Wortlaut:

Aufgrund der Corona-Krise befinden sich unsere Kunden an einem Wendepunkt. Für Unternehmen ist der Umstieg in die Cloud, verbunden mit einer echten Neuausrichtung ihres Geschäfts, unerlässlich geworden. Denn nur so können sie widerstandsfähiger werden und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie gestärkt aus der Krise hervorgehen können. Gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern werden wir Innovationen entwickeln und Unternehmen neue Möglichkeiten für die Abwicklung von Geschäftsprozessen in einer digitalen Welt bieten. Die SAP wird ihr Wachstum in der Cloud auf über 22 Mrd. € im Jahr 2025 steigern und den Anteil der besser planbaren Umsätze auf etwa 85 % ausbauen.“

Details der Quartalszahlen von SAP

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Markus Koch LIVE vor dem Handelsstart in New York – Corona und SAP

Redaktion

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Von

Markus Koch meldet sich im folgenden Video LIVE vor dem Handelsstart in New York. Die Corona-Anstiege in den USA und Europa sind heute ein Thema. Aber auch die aktuelle Revision der Aussichten von SAP sind in New York aktuell Thema.

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Tesla krempelt die Autoindustrie um – Werbung

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Lieber Börsianer,

Tesla hat gerade den fünften Quartalsgewinn in Folge gemeldet. Während die Gewinne in der Vergangenheit vor allem den Erlösen aus dem Zertifikatehandel zu verdanken waren, erwirtschaftet Tesla mittlerweile auch im operativen Geschäft einen Überschuss. Der Elektropionier straft damit die Kritiker Lügen.

Bisher musste sich Tesla die Kritik gefallen lassen, dass der Autobauer zwar die Mobilität revolutioniert, jedoch unprofitabel arbeitet. Tatsächlich fielen in der Aufbauphase des Unternehmens horrende Verluste an, die manchen Beobachter auf einen baldigen Untergang von Tesla wetten ließ. Mittlerweile hat sich das Blatt jedoch gewendet. Tesla ist der höchstbewertete Autobauer der Welt.

Tesla treibt eine ganze Branche vor sich her

Die Zeit des klassischen Verbrennungsmotors ist vorbei. Tesla präsentiert sich als Vorreiter einer neuen Zeit. Sicher ist, dass die Automobilbranche vor einer beispiellosen Transformation steht. Tesla hat die technische Entwicklung maßgeblich vorangetrieben und beim Elektromotor und der Batterietechnik mittlerweile einen Vorsprung von mehreren Jahren vor der Konkurrenz. Deshalb pumpen die Anleger viel Geld in Tesla.

Ob sich der Vorsprung verteidigen lässt, ist allerdings noch lange nicht ausgemacht. Klar ist jedoch schon jetzt, dass einige etablierte Konzerne auf der Strecke bleiben werden, wenn sie sich nicht schnell genug anpassen. Gleichzeitig kann aber auch einer der alteingesessenen Autohersteller durch seine enormen Finanzreserven plötzlich zum Marktführer im E-Auto-Segment werden. Entsprechende Strategien gibt es mittlerweile nicht nur bei den Volumenherstellern wie Volkswagen oder Renault, sondern auch im Luxussegment bei Daimler und BMW.

Der Elektromotor ist nicht das einzige Erfolgsgeheimnis von Tesla

Tesla hat nicht nur bei der Entwicklung des Antriebs für seine Fahrzeuge Neuland betreten. Die gesamte Organisation des Unternehmens stellt die Branche auf den Kopf. Es ist verrückt, dass dies die meisten Analysten übersehen.

Üblicherweise ist die Autoindustrie sehr stark von Zulieferbetrieben abhängig. Die Produktion der Einzelteile ist auf der ganzen Welt verteilt. Im Autowerk eines klassischen Konzerns wie BMW, Volkswagen oder Daimler werden die Teile, die aus aller…..

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