Nach dem fulminanten Lauf am Aktienmarkt richten die Anleger ihren Blick nun auf die Berichtssaison – und die könnte spannender kaum sein. Während der S&P 500 neue Rekorde jagt, zeigen sich bei vielen Aktien überraschende Kursschwächen – selbst nach starken Quartalszahlen. Die Frage steht im Raum: Ist die beste aller Börsenwelten bereits vollständig in den zum Teil teuren Aktien eingepreist? Anleger und Analysten blicken gespannt auf jedes Ergebnis – denn in dieser Phase zählt nicht nur, was war, sondern vor allem, was kommt.
Berichtssaison: Aktienmarkt droht Abstrafung
Die Berichtssaison für das zweite Quartal ist mit Schwung gestartet: Einige US-Banken haben gute Zahlen vorgelegt. Zudem tragen die starken Verbraucherausgaben zu robusten Unternehmensgewinnen bei. Der Aktienmarkt reagiert jedoch überraschend verhalten, was als Warnsignal gewertet werden kann, dass viele gute Nachrichten bereits eingepreist sind. Anleger reagieren zunehmend sensibel auf Enttäuschungen, so ein Bericht von Bloomberg.
Ein Beispiel sind die Finanzwerte: Trotz einer starken Ergebnisquote von 94,4 % fiel die Kursreaktion der jeweiligen Aktien nur mäßig aus. „Die Finanzwerte haben die Erwartungen für das zweite Quartal übertroffen, doch die Aktien reagierten nur verhalten, da Anleger die Ergebnisse weitgehend antizipiert hatten“, erklärten Gina Martin Adams und Michael Casper von Bloomberg Intelligence. Auch Netflix übertraf die Erwartungen deutlich, ebenso wie United Airlines mit einem optimistischen Ausblick auf die Reiselust. Dennoch fiel Netflix’ Aktie um mehr als 5 %. „Bei den derzeitigen Aktienbewertungen ist jede gute Nachricht bereits im Kurs enthalten“, kommentierte Greg Taylor von PenderFund Capital Management.
Die Skepsis am Aktienmarkt wird besonders deutlich bei schwachen Zahlen: Laut Bloomberg Intelligence werden verfehlte Erwartungen derzeit so hart bestraft wie seit drei Jahren nicht mehr. „Der Spielraum für Fehler ist gering“, warnte Michael Arone von State Street Investment Management. „Wenn die Bewertungen hoch sind und man enttäuscht, fällt die Strafe umso härter aus.“ Zugleich werden positive Überraschungen nur schwach honoriert. „Auf Indexebene dürften gute Quartalszahlen nicht der breite Katalysator sein, auf den Investoren warten“, so Julian Emanuel von Evercore ISI.
Der S&P 500 notierte zuletzt nahe einem Allzeithoch und verzeichnete in nur 15 Handelstagen sieben neue Rekorde. Der Index wird aktuell mit dem 22-Fachen der erwarteten 12-Monats-Gewinne bewertet – ein Niveau, das zuletzt im Februar vor dem Ausbruch des globalen Zollkonflikts von US-Präsident Trump erreicht wurde.
US-Banken überzeugen – Reaktion verhalten
Die großen US-Banken konnten mit Rekordergebnissen überzeugen, insbesondere dank hoher Trading-Umsätze, ausgelöst durch Trumps Zolldebatte. Dennoch blieb die Marktreaktion blass. Goldman Sachs erzielte mit dem Aktienhandel einen historischen Quartalsumsatz, doch die Aktie stieg nur um weniger als 1 %. Morgan Stanley übertraf die Erwartungen klar – und verlor dennoch 1,3 %. Auch JPMorgan überzeugte sowohl im Aktien- als auch im Anleihenhandel, doch die Aktie gab 0,7 % nach.
Trotzdem sehen Marktbeobachter die Bankenzahlen als wirtschaftlichen Indikator. „Banken können nur dann stark performen, wenn die Gesamtwirtschaft gesund ist“, sagte Mark Malek, Chief Investment Officer bei Siebert. „Ihre Ergebnisse und Kommentare dienen daher als übergeordneter Indikator für die wirtschaftliche Lage.“
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Starke Verbraucher treiben Umsätze
Die Widerstandsfähigkeit des US-Konsumenten bleibt ein zentrales Thema. Trotz hoher Inflation, steigender Kapitalmarktzinsen und anhaltender Unsicherheit bezüglich der US-Handelspolitik zeigen sich viele Unternehmen optimistisch. Delta Air Lines verwies auf anziehende Reisenachfrage. PepsiCo meldete Verbesserungen in Nordamerika sowie starkes internationales Wachstum, was die Aktie nach den Zahlen um mehr als 7 % stiegen ließ. Netflix hob die Jahresprognose an. Levi Strauss erwartet, dass der Umsatz die negativen Effekte der Zölle überkompensiert.
Auch amtliche Daten bestätigen die Stärke: Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Juni um 0,6 %, nachdem sie in den beiden Vormonaten rückläufig waren – ein positives Signal laut einer Bloomberg-Umfrage. „Bisher gibt es ein klares Daumen hoch aus der Berichtssaison“, sagte Malek. „Ein großer durch Zölle ausgelöster Einbruch mag noch drohen, aber bislang gibt es keine Anzeichen dafür.“
Aktien von Delta und PepsiCo, die vor der Veröffentlichung ihrer Zahlen noch deutlich hinter dem S&P 500 zurücklagen, konnten nach ihren überzeugenden Ergebnissen kräftig zulegen. Ob die laufende Berichtssaison jedoch ein Erfolg wird, hängt vor allem von den großen Techwerten, den sogenannten Magnificent Seven, ab. Angesichts ihrer hohen Marktgewichtung waren sie maßgeblich für die jüngste Rally am Aktienmarkt verantwortlich. In dieser Woche legen zunächst Tesla und Alphabet ihre Geschäftsberichte vor, in der nächsten Woche folgen dann Apple, Microsoft und Meta. Der Dauerbrenner Nvidia folgt erst im nächsten Monat.
Blick nach vorn entscheidend
Angesichts anhaltender Unsicherheiten rund um Zölle, Wirtschaftswachstum, Inflation und Zinspolitik der US-Notenbank wird der Ausblick der Unternehmen für die weitere Entwicklung des Aktienmarkts entscheidend sein. „Die größte Frage für die Gewinne im S&P 500 ist: Wer trägt die Last der Zölle?“, sagte Dec Mullarkey von Sun Life Investment Management.
Analysten senkten die Erwartungen im Vorfeld der Berichtssaison deutlich: Sie rechnen derzeit nur noch mit einem Gewinnanstieg von 3,3 % im S&P 500, verglichen mit 9,5 % zu Jahresbeginn. „Die Messlatte liegt sehr niedrig“, erklärte Irene Tunkel von BCA Research. „Viele Unternehmen werden sie daher übertreffen. Doch das reicht nicht mehr. Bei hohen Bewertungen verlangen Investoren überzeugende Ausblicke – und Enttäuschungen werden gnadenlos bestraft.“
Damit bleibt festzuhalten: Trotz des starken Laufs am Aktienmarkt und neuer Höchststände im S&P 500 ist die Berichtssaison kein Selbstläufer. Anleger schauen zunehmend über die aktuellen Ergebnisse hinaus – entscheidend wird, was die Unternehmen für die kommenden Quartale erwarten.
FWM/Bloomberg
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