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Mein Appell an die Politik Berufsständische Versorgungswerke: Stellt um auf freiwillige Mitgliedschaft

91 Berufsständische Versorgungswerke verwalten viel mehr Geld als Pensionskassen. Der Zwang muss abgeschafft werden!

Reichstag in Berlin
Foto: alirezahbn-Freepik.com

Jeder Politiker ruft man Bürokratieabbau, mehr Freiheit für die Wirtschaft uvm. Jetzt müsse aber mal so richtig ein Ruck durch Deutschland gehen, so hört man es dieser Tage sinngemäß oft aus der Bundespolitik. Anpacken, nicht jammern. Dabei wird Bürokratie nur noch weiter aufgebaut. Und Freiheit für Unternehmer? Seit Jahrzehnten werden Selbständige immer mehr gegängelt. Man hat sich so daran gewöhnt, dass man nicht mehr über die Details spricht. Eine Facette staatlicher Gängelung sind die 91 Berufsständischen Versorgungswerke hierzulande. Arzt, Architekt, Rechtsanwalt, Steuerberater uvm. Wer diesen Beruf ausübt, muss für seine Altersvorsorge einzahlen, ob er nun will oder nicht. Damit muss Schluss sein!

Berufsständische Versorgungswerke: Aus Pflicht Freiwilligkeit machen

Es wäre ein Leichtes: Man muss als Gesetzgeber lediglich die Pflichtmitgliedschaft auf eine freiwillige Mitgliedschaft umstellen! Denn wozu ist man selbständig, wenn einem vom Staat vorgeschrieben wird, wie man sein Geld für die Altersvorsorge anzulegen hat? Das zerstört den Charakter der Selbständigkeit, wie viele andere Maßnahmen auch, siehe Künstlersozialkasse etc. Die Berufsständischen Versorgungswerke sind in letzter Zeit wegen einem Mega-Skandal ins Rampenlicht gerückt. Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) verzockte mutmaßlich mit extrem dubiosen und intransparenten Geldanlagen außerhalb der Börse die Hälfte der für die Zahnärzte verwalteten Gelder, gut 1 Milliarden Euro. Nun ist die Frage, ob irgendjemand dafür haftbar zu machen ist. Viel bringen wird es wohl nicht?

Meine Meinung: So eine Misswirtschaft wird angefacht, wenn die Verwalter der Gelder wissen, dass eh ständig neues Geld reinkommt, wenn die Einzahler nicht nachfragen, nicht auf Transparenz pochen. Die Einzahler sind gezwungen einzuzahlen. So eine Art von Zwang fördert Inkompetenz, Desinteresse, Misswirtschaft. Wären die Beitragszahlungen in die Berufsständischen Versorgungswerke freiwillig, ständen die Vermögensverwalter unter Erfolgsdruck. Man stünde in Konkurrenz zu allen anderen Vermögensverwaltern am freien Markt. Auch der Transparenzdruck wäre dann ein ganz anderer, und solch eine Misswirtschaft hätte es vielleicht nicht in diesem Umfang gegeben? Aber abgesehen davon: Zwangsmitgliedschaft für Selbständige – an sich ein Widerspruch in sich. Dieses „Relikt aus alten Tagen“ muss endlich weg. Selbständige sollen selbst für sich entscheiden können, deswegen sind sie „Selbständig“.

Kommt die BAFIN in die Versorgungswerke?

Nachfolgend zeigen wir einen aktuellen Bericht von Bloomberg über das Drama um Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin: Berliner Zahnärzte vertrauten ihre Altersversorgung einer Gruppe von Kollegen an, die wohl mehr Erfahrung mit der Behandlung von Karies als mit der Verwaltung von Geld hatten. Von ihren gesammelten 2,2 Milliarden Euro an Pensionsgeldern ist nun die Hälfte weg.

Ein Gremium aus Zahnärzten und Kieferchirurgen segnete ab, dass das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) mehr als 70% seines Kapitals in Privatkredite, nicht börsennotierte Unternehmen und Immobilien steckte – und ignorierte dabei alle gängigen Investitionsempfehlungen. Mehrere Engagements scheiterten, darunter ein kalifornisches Kunststoffrecyclingunternehmen, eine norddeutsche Garnelenzucht und ein Berliner Versicherungs-Startup. Teilweise wurde weiteres Kapital nachgeschossen, um den Unternehmen Zinszahlungen auf andere Schulden zu ermöglichen. Kein No-Go, das nicht ausgelassen wurde, so scheint es.

Berufsständische Versorgungswerke verwalten deutlich mehr Geld als Pensionskassen

Während der VZB rechtliche Schritte gegen seinen ehemaligen Wirtschaftsprüfer, die beratende ApoBank, das Land Berlin als Aufsichtsbehörde und gegen frühere Mitglieder der Leitungsgremien eingeleitet hat, ist eine Debatte um Governance und Kontrolle berufsständischer Versorgungswerke in Deutschland entfacht. Es gibt mehr als 90 von ihnen in Deutschland, sie verwalten rund 300 Milliarden Euro. Historisch agierten sie risikoavers und investierten vor allem in festverzinsliche Wertpapiere. Doch in der Niedrigzinsphase weiteten viele ihre Anlagen in Immobilien sowie private Firmenbeteiligungen und Kredite aus. Ihre durchschnittlichen Renditen lagen laut Gesellschaft für Analyse und Consulting in den vier Jahren ab 2021 bei etwa 3,2%. Im Vergleich dazu lag die durchschnittliche Renditeerwartung öffentlicher US-Pensionskassen seit 2021 bei 7%.

Bundeskanzler Friedrich Merz möchte noch in diesem Jahr Reformen auf den Weg bringen, um das gesamte System, wie in Deutschland für das Alter gespart wird, nachhaltiger zu gestalten. Dazu gehöre ein “Paradigmenwechsel”, bei dem mehr Gewicht auf private und betriebliche Altersvorsorge gelegt werde. Die Versorgungswerke werden bislang von den Bundesländern beaufsichtigt. Doch nun gibt es erste Rufe, diese Aufgabe der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zu übertragen.

FMW/Bloomberg



Claudio Kummerfeld
Über den RedakteurClaudio Kummerfeld
Claudio Kummerfeld verfügt über langjährige Kapitalmarkterfahrung. Er berichtet als Finanzjournalist über aktuelle Marktereignisse. Dazu kommentiert er politische und wirtschaftliche Themen.
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4 Kommentare

  1. Das Ärzteversorgungswerk Sachsen-Anhalt hatte seit 2005 zusammenaddiert ca. 15% Rentenerhöhung, bei ca. Verdopplung der Beitragsbemessungsgrenze. Also die sind von der DRV Erhöhung abgekoppelt. Ganz schlimm diese Vereine und man kommt nicht raus. El Ärzteversorgo….

  2. Mein persönliches „Versorgungswerk“ aus Edelmetallen ist super gelaufen.

    ….Versorgungswerk der Zahnärzte droht Milliardenverlust – Altersvorsorge – Versicherungsbote.de https://share.google/FiLIqyuyETn50GgJ4

    Viele Grüße aus Andalusien
    Helmut

  3. Soviel zu der linkspolitischen Mär, der Staat könne besser mit dem Geld umgehen…
    Bei der gegenwärtigen Rentendiskussion mit den Argumenten, alle, auch Beamte sollten in die gesetzl. Rentenversicherung einzahlen, wird übersehen, dass dieses „Rentensystem“ nicht einheitlich gestaltet ist: Das reine Umlageverfahren mit Staatszuschuss gilt für die „konventionelle“ Rentenversicherung, für die Beamtenpensionen tritt der Staat ausschließlich aus Steuergeldern ein. Die Kammeralberufe zahlen in ein Zwangssystem aus Umlage und Kapitaldeckung ein. Man müsste also u.a. die Kammern zwangsweise enteigenen, um ein Einheitssystem zur Rente zu schaffen… Das ist Utopie und auch der Grund, warum die „Bürgerversicherung“ in der Krankenversicherung nicht umsetzbar ist, weil man dann die Rückstellungen der privaten Krankenversicherungen verstaatlichen müsste, also ebenfalls eine rechtlich mit höchsten Hürden versehene Maßnahme zur Enteignung….
    Alleine aus diesen Gründen werden keine durchgreifenden Reformen im Sozialsystem stattfinden, sondern nur ein Herumdoktern an Symptomen nach dem Motto: Weiter so! Wir sind Gefangene unseres Systems, daran wird sich wohl nur etwas bei einer Staatspleite ändern oder wenn Putin einmarschiert…..

    1. Kleine Ergänzung: Der Staat wurde 1957 vom OVG (damals „höchstrichterlich“) verpflichtet, den gesparten Arbeitgeberanteil zur Rentenversicherung für die Beamten als Rücklage für die Pensionen zu verwenden.
      Viele kommunale Dienstherren haben das auch getan und sind trotz sehr verschlafener Investierung damit gut aufgestellt und können aus diesen Töpfen heute alles mögliche andere mitbestreiten.
      Auch diese Kassen müßten enteignet werden. Good Luck with that.

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