
Der Exportboom rettet die Konjunktur in China nicht: Weil die Investitionen kollabieren, wächst das BIP im Halbjahr nur um 4,7 Prozent. Das offizielle Jahresziel ist in Gefahr. Trotz der gestiegenen Exporte wuchs das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Halbjahr nur um 4,7 Prozent auf Grund des Kollaps bei den Investitionen. Das Ziel von einem Wachstum von 5 Prozent für das Gesamtjahr ist damit in Gefahr.
Das BIP in China ist eine hoch politische Angelegenheit und somit sind die Zahlen mit hoher Vorsicht zu genießen. Die finnische Zentralbank (BOFIT) schätzt, dass Chinas tatsächliches Wachstum wahrscheinlich etwa einen Prozentpunkt unter den offiziellen Zahlen liegt. Trotzdem lassen sich eine Reihe von Rückschlüssen über den Zustand der chinesischen Wirtschaft ziehen. Für die chinesische Politik ist das BIP-Wachstum ein Leistungsnachweis, denn der implizite chinesische Gesellschaftsvertrag besagt, dass die Bevölkerung der kommunistischen Partei die Führung des Landes überlässt und im Gegenzug die Partei für einen wachsenden Wohlstand sorgt.
China mit schwächstem Quartal seit Corona
China verzeichnet im zweiten Quartal sein schwächstes Wachstum seit dem letzten Quartal während des Lockdowns im Jahr 2022. Nach einem Wachstum von 1,3 Prozent im ersten Quartal, stieg das BIP in den letzten drei Monaten nur um 0,9 Prozent. Annualisiert signalisieren diese Zahlen ein Wachstum von 3,6 Prozent, was deutlich unter dem Zielpfad von 5,0 Prozent liegt. Der Analyst Bill Bishop kommentierte die Lage wie folgt: „Die Datenlage ist zwar nicht überragend, dürfte jedoch kaum ausreichen, um auf der kommenden Politbüro-Sitzung im Juli weitreichende neue politische Maßnahmen auf den Weg zu bringen.“ Die Analyse-Abteilung der Investment-Bank Morgan Stanley reduzierte nach Bekanntwerden der Zahlen seine Aussicht auf das BIP-Wachstum von 4,8 auf 4,6 Prozent.
Der Exportboom übersetzt sich nicht in eine Beschleunigung des BIP, weil die Investitionen in Anlagen so stark sinken, dass sie den Boom bei den Ausfuhren nahezu vollständig kompensieren. Besonders schwer wiegt dabei, dass die Investitionen in die Infrastruktur, also Straßen, Kraftwerke, Brücken und andere Projekte, um 2,4 Prozent zurückgehen. Auch die Investitionen im verarbeitenden Gewerbe, etwa in die Ausstattung von Fabriken mit neuen Maschinen in China, sanken um 1,2 Prozent. Die um 18,0 Prozent eingebrochenen Investitionen im Immobiliensektor kommen dagegen kaum überraschend. Die Quintessenz ist jedoch, dass Staat und private Anleger ihr Engagement gleichermaßen zurückfahren.
Schuldenkrise blockiert Kommunen: Das Milliarden-Loch der Lokalregierungen
Die geringe Investitionsquote des Staats erklärt sich aus der Schuldenkrise der Lokalregierungen, wie sowohl Liu Shijin, früherer stellvertretender Direktor des Entwicklungsforschungszentrums des Staatsrats, als auch David Daokui Li von der Tsinghua-Universität feststellen. Während des Immobilien-Booms haben die Lokalregierungen in China über die Local Government Financing Vehicles (LGFVs) oder Urban Development Investment Corporations (UDICs) Kredite aufgenommen, die jetzt neue Darlehen blockieren. Somit fehlen die Mittel für neue Investitionen. Daran ändern auch die 12 Billionen Yuan (etwa 1,5 Billionen Euro) an Anleihen, die die Zentralregierung für die Umschuldung der Lokalregierungen zur Verfügung gestellt hat, wenig. Daokui Li empfiehlt, diesen Topf zu verdoppeln.
Die Ironie ist, dass der Staat dies auch zum Teil macht und neue Sonderanleihen emittiert, was sich in einem Beitrag der Finanzwirtschaft zum BIP-Wachstum niederschlägt. Die Kommunen nehmen diese Anleihen nur dann in Anspruch, wenn sie eine Co-Finanzierung stemmen, um damit Infrastrukturmaßnahmen oder Subventionen für den Konsum, z. B. für Autokäufe zu finanzieren. Durch die angespannte Lage finden sie aber kaum Projekte, die von lokalen Banken in China für finanzierungswürdig erachtet werden. Dies zeigt, dass die finanziellen Spielräume der lokalen Behörden zunehmend eingeschränkt sind.
Diese Schwäche der öffentlichen Hand trifft auf eine ohnehin angeschlagene Binnenwirtschaft. Auch der Konsum bleibt schwach, denn die Erträge aus dem Export werden nicht in Lohnzuwächse transferiert. Im Gegenteil, die PMI-Berichte und die Mobilitätsdaten lassen auf einen Beschäftigungsabbau schließen. Während die offiziellen Daten eine stabile Arbeitslosenquote von etwa 5 Prozent in China nennen, rechnet Daokui Li mit einem Anteil von 10,2 Prozent. Zudem arbeitet ein Großteil der städtischen Bevölkerung in nicht-klassischen Beschäftigungsverhältnissen oder, einfacher ausgedrückt, in der Gig-Ökonomie. Die Autoverkäufe sind im ersten Halbjahr um etwa 20 Prozent eingebrochen und der Einzelhandel stagniert de facto. Der Großhandel treibt die Handelskomponente auf 3,3 Prozent und damit immer noch unter den Durchschnitt des BIPs.
KI-Boom schafft keinen Wohlstand: Die neue High-Tech-Spaltung
Als großer Lichtblick erweist sich der High-Tech-Sektor, insbesondere IT- und Software und die KI-Industrie. Dieser Bereich wuchs um 10,8 Prozent. Er ist jedoch noch zu klein, um einen signifikanten Einfluss auszuüben. Dazu kommt, dass die Gewinne der KI-Unternehmen in China noch weniger sich in einem allgemeinen Wohlstandsaufbau niederschlagen. Eine sehr kleine Anzahl an Menschen steigert die Wertschöpfung, die in der breiten Masse nicht ankommt. Die Gruppe um den amerikanischen KI-Spezialisten Daniel Kokotajlo hat in ihren zwei Visionen, AI 2027 und Plan A, plastisch die Transformationsprobleme, aber auch wie sie zu lösen sind, beschrieben. Diese Debatte wird in den nächsten Jahren die politische Auseinandersetzung weltweit beherrschen.
Wenig überraschend schlägt sich auch der Iran-Krieg im Wirtschaftswachstum nieder. Die PPI- und PMI-Daten zeigen höhere Input-Kosten, die sich im BIP als Inflation übersetzen. Damit endet eine dreijährige Deflationsspirale und das nominale übersteigt nach 12 Quartalen erstmals wieder das reale Wachstum. Allerdings trifft diese Inflation praktisch ausschließlich die Unternehmen. Der CPI verzeichnete im Juni wieder einen verlangsamten Anstieg von 1,0 Prozent, nach 1,2 Prozent im Mai. Die Unternehmen konnten teilweise die gestiegenen Einkaufs- und Rohstoffpreise beim Export weitergeben, aber nicht an die einheimischen Konsumenten, was die Margen sinken lässt.
Gefährliche Exportabhängigkeit: EU besitzt mächtigen Hebel gegen China
Im Großen und Ganzen bestätigt der BIP-Bericht der nationalen Statistikbehörde das Bild von der chinesischen Wirtschaft, wie es sich durch die verschiedenen Indikatoren der letzten Monate dargestellt hat. Der hohe Staatsanteil, der sich als starker Wachstumstreiber durch den Finanzsektor niederschlägt, verzerrt dabei das Bild. Für die Regierung dürfte der steigende Anteil von High-Tech und KI eine Bestätigung ihrer Strategie sein. Allerdings ist dieser Arm der K-förmigen Entwicklung noch sehr schwach und vor allem wächst hier ein gesellschaftliches Problem heran, um dessen Lösung sich die Führungsriege und Forschungseinrichtungen kümmern müssen.
Die Exportabhängigkeit der chinesischen Wirtschaft wächst weiter. Auch dies ist kein neuer Befund, aber die Zahlen aus dem BIP unterstreichen diese Erkenntnis und macht China weiter verwundbar. Wie stark, zeigt sich beim Einfluss der Hormus-Krise. Sollte sich der Handelsstreit mit der EU in den nächsten Monaten zuspitzen, liegt hier ein Angriffspunkt für die Union, um China einen empfindlichen Wirkungstreffer zu versetzen.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken











