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Börse 2021: Die große Impfstory und die Reaktion der Märkte

Die Euphorie und die einseitige Positionierung von Anlegern an der Börse ist korrekturbedürftig, aber es gibt auch Fangnetze für die Märkte

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Wie in jedem Dezember kommt es in den letzten Tagen zu den großen Ausblicken auf das neue Jahr der Börse – trotz der Unmöglichkeit auch nur halbwegs die Zukunft richtig zu prognostizieren. Das Jahr 2020 ist dafür ein extremes Beispiel: Wer hätte es im Dezember 2019 für möglich gehalten, dass wir an Weihnachten 2020 in einem Lockdown sitzen, mit staatlich festgelegter Größe des Familienfests. Dass Millionen Menschen sich täglich mit Masken in öffentlichen Räumen bewegen müssen, von den Entwicklungen der Börse erst gar nicht zu reden? Deshalb ist es gar nicht so verwegen, zu behaupten, dass es neben den vielen „Unknown Unknowns“ ein Thema geben wird, dass uns in dominanter Weise zumindest in der ersten Jahreshälfte 2020 beherrschen wird. Die Ausbreitung von Covid-19 und die größte Impfaktion in der Geschichte der Menschheit.

Börse 2021: Sars-CoV-2, seine Ausbreitung und der Versuch der Eindämmung

Wie reagiert die Börse 2021 auf Corona? Das Coronavirus hat große Teile der Welt fest im Griff. Die täglichen Zahlen der John-Hopkins-Universität beweisen, dass es global mit der Verbreitung von Covid-19 eigentlich seit Februar ständig nach oben geht. Trotz den erfolgreichen asiatischen Staaten mit Insellage (Taiwan, Australien, Neuseeland), die die Viruszahlen begrenzen konnten und/oder Länder mit erfolgreicher Abschottung. Wenn man sich die Grafiken des Worldometers betrachtet, hat nicht einmal der Sommer in nördlichen Breiten eine deutliche Abflachung des Infektionsgeschehens gebracht.

Börse 2021 und die Corona-Zahlen

Aber wäre das asiatische Vorgehen überall umsetzbar?

Will man, wie in Asien geschehen, auf Jahre Tourismus, Freizeit, Großveranstaltungen, Warenaustausch extrem begrenzen, Bewegungen von Menschen mit allen technischen Möglichkeiten überwachen? In unseren Gesellschaften über längere Zeit sicherlich unmöglich. Deshalb behaupte ich, dass das Virus im Jahr 2021/ Winter 2022 im Großen und Ganzen durch sein wird – entweder durch Herdenimmunität ohne oder mit Impfung. Ohne eine Impfung – aber mit schrecklichen Konsequenzen für bestimmte Teile der Bevölkerung und einer angenommenen Mortalitätsrate von 0,5 Prozent. Eines zeigen doch die jüngsten Erkenntnisse: Hebt man einen Lockdown oder die Beschränkungen auf, beginnt dessen Ausbreitung mit der Anzahl an Kontakten wieder zu steigen. Das Virus hat nur ein Bestreben, sich zu verbreiten, auch mit Hilfe von Mutationen.

Dabei dürften die angegebenen Infektionszahlen nur einen Teil der Lage abbilden, denn sie lassen die Dunkelziffer völlig außen vor. Wenn man derzeit selbst in den alten Industriestaaten davon ausgeht, dass bei ganz jungen Menschen bis zur Hälfte Covid-19-Infektionen symptomlos ablaufen und abheilen, was ist dann eigentlich mit den Entwicklungsländern in Asien und Afrika, wo es nicht im Ansatz möglich ist, die Menschen so zu schützen, wie in Deutschland. Mit Masken, Plexiglasschutz in Geschäften oder durch Social Distancing. Dazu immer wieder mein Beispiel zum Bevölkerungsriesen Indien, in dem sich fast die Hälfte der 1,39 Milliarden Menschen im Altersbereich unter 25 Jahre befindet. Das Virus wird sich ausbreiten, ob mit oder ohne Ausbruch der Krankheit, aber jetzt wurde etwas gestartet, was es in dieser Form noch nie gegeben hat.

Die große, globale Impfaktion

750.000 tägliche Neuinfektionen, das ist der Stand der Dinge zum Ende des Dezembers 2020. Der Börse aber ist das egal.

Aber mit welcher Macht schlägt die große Impfaktion weltweit bereits in diesen Tagen zu, nach der schnellsten Entwicklung und Zulassung von Präparaten gegen eine Virusinfektion, die es je gegen hat? Dabei gibt es ausgerechnet in dem Land Schwierigkeiten, in dem die Infektion ausgebrochen und zugleich eingedömmt wurde: China. Obwohl der Impfstoff Coronavac schon bei einer Millionen Menschen verimpft worden ist, hat man noch keine Zulassung durch die WHO erreicht. Der Impfstoff muss an vielen Probanden durch die klinische Phase III und diese Kandidaten gibt es in China mittels Eindämmung von Covid-19 schon seit Monaten nicht mehr in ausreichender Zahl.

Nichtsdestotrotz wird das Vakzin der chinesischen Firma Sinovac bereits reichlich gehandelt. Die Vereinigten Emirate und Bahrain haben Coronavac zugelassen, Ägypten hat schon die ersten Tranchen erhalten.

Die Türkei hat 50 Millionen Dosen bei den Chinesen bestellt und bekommt noch drei Millionen vor dem Jahreswechsel. Auch Brasilien hat viele Millionen Dosen bei den Chinesen geordert.

Anders ist die Situation im Westen und bei BioNTech/Pfizer und Moderna. Diese erhielten ihre Zulassung schon in vielen Ländern, insbesondere in der EU mit ihren 27 Mitgliedsstaaten. Jetzt schießen die Impfzahlen nach oben:

In Großbritannien wurden in den ersten 12 Tagen schon über 300.000 Dosen verabreicht, wenige Tage später sind es schon 600.000.

Die USA haben binnen weniger Tage bereits eine Million Impfungen erreicht. Die EU bekommt von BioNTech noch bis Jahresende 12,5 Millionen Dosen, Moderna wird im Januar auf diesen Zug aufspringen. Am Sonntag wurde in Deutschland in den 400 Impfzentren die große Aktion gestartet. Bis Jahresende sollen 1,3 Millionen Impfdosen hierzulande verteilt sein. Im neuen Jahr sind zunächst 700.000 Dosen pro Woche zu erwarten, so Gesundheitsminister Jens Spahn. Bald dürften 50 Länder mit von der Partie sein. Was könnte das für die Börse bedeuten?

Natürlich ist die Euphorie und die teilweise einseitige Positionierung von Anlegern an der Börse korrekturbedürftig, aber es gibt halt immer wieder (noch) die Fangnetze für die Aktienmärkte. Die Geldflut der Notenbanken, der Anlagenotstand durch die niedrigen Zinsen und die sich verbessernden Wirtschaftsaussichten, insbesondere angefeuert durch die Zahl von Abermillionen geimpfter Menschen.

Fazit

Eine dreiviertel Million Neuinfektionen täglich, das ist die offizielle, aktuelle Zahl, bei über 81 Millionen Gesamtinfektionen weltweit. Aber was werden in den nächsten Tagen für Zahlen bei den Impfungen präsentiert werden – Millionen täglich? Wenn auch noch Moderna auf den breiten Markt kommt, AstraZeneca, CureVac, Gamaleya, Vector, CanSino, Novavax, allein in Indien gibt es noch 107 präqualifizierte Vakzine. Wahrscheinlich wird man bereits im Januar mit der Zahl der Geimpften die Zahl der Infizierten übertroffen haben. Natürlich kann es in wenigen Wochen noch keine Herdenimmunität geben, aber wenn man sich die Daten aus den USA betrachtet, könnte es dort sehr rasch der Fall sein. 600.000 Amerikaner wurden laut FDA in den ersten Tagen geimpft, die erste Million ist bereits erreicht. Zusätzlich wurden gerade 100 Millionen Dosen bei BioNTech/Pfizer nachgeordert.

Bis zum Ende des ersten Halbjahres sollen alle Amerikaner „nach der Zahl der zur Verfügung stehenden Impfdosen“ geimpft sein können.

Es klingt sarkastisch, auch zynisch. Die USA haben jetzt schon fast 20 Millionen offizielle Coronafälle, die Dunkelziffer mit einer unglaublichen Spanne nach oben, damit hat das Virus auch eine deutlich geringere Zahl an potenziellen Opfern, prozentuell betrachtet. Durch die große Finanzkraft war man auch in der Lage für ausreichend genügend Impfstoffbestellungen zu sorgen. Auch das Thema Nebenwirkungen hat eine ganz andere Dimension als früher. Zum einen geht es um die Rettung von Menschenleben, an jedem Tag sterben immer noch über 3000 Amerikaner an oder mit Corona und zum anderen gab es noch so viele Konkurrenzprodukte, auf die man vermutlich dann ausweichen könnte.

Kurzum: Die Börse wird das Thema Impfung die nächsten Wochen begleiten, neben den weiter steigenden Covid-19-Fällen, Virusmutationen, Nebenwirkungen jedweder Art, Impfverweigerungen und der Diskussion über die Dauer einer Immunität. Bei aller geratener Vorsicht über Zukunftsprognosen.

Die Börse 2021, das Coronavirus und die Impfstoffe

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Jerome Powell – seine Aussagen auf der PK + Live-Feed – Impressionen einer surrealen Veranstaltung..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Was wird Jerome Powell heute sagen? Im Statement der Fed kein Wort zu den jüngsten spekulativen Exzessen – werden die Journalisten diesmal nachhaken und die wirklich wichtigen Fragen stellen?

– Powell muss erstmal tiefer durchatmen..

– Wirtschaftsentewicklung hängt von Virus ab – Wirtschaft hat sich wieder abgeschwächt, Konsum hat sich abgeschwächt

– Immobilienmarkt hat sich erholt (FMW: eine Umschreibung für massiv steigende Preise..)

– Arbeitsmarkt bleibt schwach, Menschen mit geringem Einkommen am stärksten betroffen

– Inflation bleibt niedrig, aber könnte anziehen wegen Impfungen

– Wirtschaft aber robuster als zu befürchten war

Ups, das war kurz – Powell „hat schon fertig“, jetzt kommen Fragen..

—–

Und gleich die Frage nach Gamestop, wow.. Powell: ich äussere mich nicht zu bestimmten Firmen (FMW: sondern behaupte einfach, dass wir mit unserer Geldpolitik nicht Blasen begünstigen…)

– Powell: beobachten Finanzbedingungen sehr genau

– jetzt Steve Liesman von CNBC zu Bewertungen, am Beispiel von Bitcoin, Gamestop etc. (FMW: Liesman ist der einzige, der ernsthafte Fragen stellt!). Und sinngemäß sagt Powell: wir kümmern uns um die Wirtschaft, nicht um Blasen..

– Powell: es ist nicht die Geldpolitik der Fed, die Bewertungen der Märkte bedingt, sondern die Sache mit dem Impfstoff (FMW: viel dreister kann man eigentlich nicht die Unwahrheit sagen! Klar: der Impftstoff ist ein zentraler Treiber, aber wo stünden die Aktienmärkte ohne die Fed??)

– Powell zu Inflation: wird vielleicht vorübergehend steigen, aber nicht nachhaltig, weil deflationäre Trends seit langem bestehen. Es sei viel schwieriger, mit Deflation umzugehen als mit Inflation (FMW: puh..)

– jetzt die Frage, ob die Fed-Mitglieder bereits geimpft seien..Powell: ich wurde einmal geimpft und hoffe die zweite Dosis bald zu bekommen

– jetzt redet Powell über die Wirtschaft und Menschen – aber was hat die Fed mit Menschen und Wirtschaft zu tun??

– Frage von einem Bloomberg-Moderator: seid ihr als Fed überhaupt noch handlungsfähig, weil ihr die Zinsen weder senken noch anheben könnt? Powell: unsere Geldpolitik funktioniert, zum Beispiel am Immobilienmarkt

– Powell: es gibt keinen Grund. bei Erholung der Wirtschaft nicht die Zinsen anzuheben und unsere ultralaxe Geldpolitik einzustellen (FMW: is klar, Jerome..)

– Powell insistiert: nachhaltige Inflation unwahrscheinlich..

– Powell: werde gut mit Yellen zusammen arbeiten, habe aber mit ihr noch nicht gesprochen, auch nicht mit Biden

– Frage nach Furcht vor Immobilienblase oder Blase bei Unternehmensanleihen – Powell: extrem steigende Nachfrage nach Immobilien vorübergehend, bei Unternehmensanleihen sehe ich die Tatsache, dass es weniger Insolvenzen gibt (FMW: es wird immer surrealer, wie Powell versucht, die Blasen-Bildungen weg-zureden!)

FMW: bleiben sie dran bei FMW – wir bringen die Zahlen von Tesla, Facebook und Apple und die Marktreaktionen darauf!

Der Live-Feed:

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Jerome Powell über das Evangelium der Fed

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Fed: Das sagt das Statement der US-Notenbank – weit und breit keine Blasen, nirgends..

Markus Fugmann

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Von der US-Notenbank Fed ist eigentlich heute nicht viel neues zu erwarten. Eigentlich. Aber wird dennoch etwas gesagt im Statement der Notenbank zur derzeitigen Spekulations-Euphorie? Hier die wichtigsten Aussagen der Notenbank in Stichpunkten:

– Wirtschaftswachstum hat sich abgeschwächt: „The pace of the recovery in economic activity and employment has moderated in recent months, with weakness concentrated in the sectors most adversely affected by the pandemic“
Beim letzten Statement hatte es noch geheißen in Sachen Wirtschaft: „Economic activity and employment have continued to recover but remain well below their levels at the beginning of the year.“

– keine Erwähnung spekulativer Exzesse (Gamestop!)

– wenn Situation verschlechtert, wird Notenbank handeln: „would be prepared to adjust the stance of monetary policy as appropriate if risks emerge that could impede the attainment of the Committee’s goals“

– Inflation bleibt moderat wegen Ölpreisen: „Weaker demand and earlier declines in oil prices have been holding down consumer price inflation“

FMW: Subtext der Fed – kauft alles, wir bailen euch aus. Gamestop ist cool!

Das Statement im Wortlaut:

The Federal Reserve is committed to using its full range of tools to support the U.S. economy in this challenging time, thereby promoting its maximum employment and price stability goals.

The COVID-19 pandemic is causing tremendous human and economic hardship across the United States and around the world. The pace of the recovery in economic activity and employment has moderated in recent months, with weakness concentrated in the sectors most adversely affected by the pandemic. Weaker demand and earlier declines in oil prices have been holding down consumer price inflation. Overall financial conditions remain accommodative, in part reflecting policy measures to support the economy and the flow of credit to U.S. households and businesses.

The path of the economy will depend significantly on the course of the virus, including progress on vaccinations. The ongoing public health crisis continues to weigh on economic activity, employment, and inflation, and poses considerable risks to the economic outlook.

The Committee seeks to achieve maximum employment and inflation at the rate of 2 percent over the longer run. With inflation running persistently below this longer-run goal, the Committee will aim to achieve inflation moderately above 2 percent for some time so that inflation averages 2 percent over time and longer‑term inflation expectations remain well anchored at 2 percent. The Committee expects to maintain an accommodative stance of monetary policy until these outcomes are achieved. The Committee decided to keep the target range for the federal funds rate at 0 to 1/4 percent and expects it will be appropriate to maintain this target range until labor market conditions have reached levels consistent with the Committee’s assessments of maximum employment and inflation has risen to 2 percent and is on track to moderately exceed 2 percent for some time. In addition, the Federal Reserve will continue to increase its holdings of Treasury securities by at least $80 billion per month and of agency mortgage‑backed securities by at least $40 billion per month until substantial further progress has been made toward the Committee’s maximum employment and price stability goals. These asset purchases help foster smooth market functioning and accommodative financial conditions, thereby supporting the flow of credit to households and businesses.

In assessing the appropriate stance of monetary policy, the Committee will continue to monitor the implications of incoming information for the economic outlook. The Committee would be prepared to adjust the stance of monetary policy as appropriate if risks emerge that could impede the attainment of the Committee’s goals. The Committee’s assessments will take into account a wide range of information, including readings on public health, labor market conditions, inflation pressures and inflation expectations, and financial and international developments.

Voting for the monetary policy action were Jerome H. Powell, Chair; John C. Williams, Vice Chair; Thomas I. Barkin; Raphael W. Bostic; Michelle W. Bowman; Lael Brainard; Richard H. Clarida; Mary C. Daly; Charles L. Evans; Randal K. Quarles; and Christopher J. Waller

Die Fed - was wird sie heute sagen?

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Aktien

Mit Zocken reich werden – der neue „American dream“ ersetzt den Traum vom eigenen Haus

Claudio Kummerfeld

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American Dream Symbolfoto

Man erinnere sich an die Zeiten von Bill Clinton und George Bush, und auch von Notenbank-Chefs wie Alan Greenspan. Die inoffizielle Staatsraison der 1990er und 2000er in den USA war (unter anderem): Jedem Amerikaner solle es möglich sein in seinem eigenen Haus zu leben. Das war der American Dream. Unterschwellig (so meine Meinung) war damit die Aussage an die eigene Bevölkerung verbunden, dass man sagen konnte: Schaut her, wir sind das größte, reichste und stärkste Land der Welt. Unsere Bürger können sich alle ein eigenes Haus leisten.

Die Regulierungen am US-Häusermarkt wurden dramatisch runtergefahren. Millionenfach wurden von der Regierung befeuert Hauskredite vergeben an Menschen, die in vielen Fällen noch nicht mal eine Arbeit hatten. Sie hatten noch nicht mal bei beschönigender Betrachtung irgendeine Art von Bonität. Die Katastrophe war vorprogrammiert, und das ganze Kartenhaus brach ab 2007 zusammen – was wir heute als Finanzkrise 2008 bezeichnen. Es war ein großer Traum, der für viele Amerikaner zum Albtraum wurde und für viele mit einem Schlafplatz unter einer Brücke endete.

Im Corona-Jahr 2020 entstand offenbar ein neuer American Dream. Nicht mehr Häuser auf Kredit kaufen, sondern ohne Arbeit, Wissen, Recherche oder sonst etwas reich werden, vom eigenen Computer, von zuhause aus. Durch stumpfes, sinnbefreites Zocken in Aktien, die man selbst gar nicht kennt. Einfach drauf los zocken, und schnell und einfach reich werden. Das ist wohl der neue amerikanische Traum. In der Coronakrise hockten auf einmal Millionen Amerikaner zuhause, betätigungslos. Sehr üppige staatliche Hilfen beschwerten Millionen arbeitsloser Amerikaner ein höheres monatliches Einkommen, als sie es vor Corona mit Arbeit hatten.

Klar erkennbar war die daraufhin folgende Welle an Millionen neuer Brokerkonten in den USA. Unglaublich aber wahr. Unzählige Menschen kauften sich von den staatlichen Hilfen nichts zu essen (sinnbildlich ausgedrückt), sondern überwiesen die Gelder auf ihre frisch eröffneten Brokerkonten. Hinzu kommen die neuen Broker wie „Robinhood“, bei denen man ganz ohne Gebühren zocken kann. Dadurch wurde es möglich auch mit Kleinstbeträgen von mehreren hundert Dollar drauf los zu zocken. Rein, raus, rein, raus, immer weiter.

Robinhood-Chef beschreibt den neuen American Dream

Vlad Tenev, CEO und Mitbegründer von Robinhood, des bekanntesten dieser neuen Broker für die junge wilde Zocker-Meute, hat heute einen Gastkommentar auf CNBC veröffentlicht (hier nachzulesen). Er spricht davon, dass es der neue American Dream sei ein „Investor“ zu werden, nach dem vormaligen Traum vom eigenen Haus. Er erwähnt, dass viele seiner Kunden Aktien kaufen und dann langfristig halten würden. Will da jemand Kritik am stumpfen und sinnbefreiten Zocken vorbeugen? Die Mission von Robinhood sei es nach seinen Worten, das Finanzwesen zu demokratisieren – dies sei im amerikanischen Idealismus verwurzelt. Amerika sei schon immer stolz auf seine Fähigkeit gewesen, Aufwärtsmobilität und Chancen mit wenigen Barrieren zu fördern. Dieses nationale Ethos des „American Dream“ sei so alt wie die Nation selbst. Im 20. Jahrhundert habe sich alles um den Erwerb von Wohneigentum gedreht, was unter anderem durch die 30-jährige Hypothek vorangetrieben wurde. Jetzt, wo es im Börsenhandel keine Provisionen und Mindestbeträge mehr gibt, sei die Bühne frei für einen neuen amerikanischen Traum, bei dem nahezu 100 Prozent der US-Bürger Investoren werden sollen. „Lassen Sie uns das schaffen – gemeinsam“, so seine finalen Worte.

Dazu möchte ich final anmerken: Ist das noch „Investieren“, was wir derzeit am US-Aktienmarkt sehen? Wohl kaum. Völlig wertlose Unternehmen unbegrenzt nach oben traden, ohne jeglichen Sinn und Verstand? Auf Dauer kann das nicht gut gehen. Wir haben es auf finanzmarktwelt.de die letzten Tage mehrfach angesprochen (hier der letzte Video-Kommentar von Markus Fugmann heute früh). Die ganz frische Generation von Tradern hat das Platzen der Dotcom-Blase und die Finanzkrise 2008 gar nicht erlebt. Damals waren diese Trader gerade erst geboren oder noch in der Grundschule. Sie kennen nur steigende Kurse, nur Party, nur nach oben, völlig sinnbefreit. Auch sie werden wohl eines Tages einen großen Knall erleben. Einige von ihnen werden auch nach so einem Crash immer noch kräftig Geld auf der Kante haben – andere werden nach dem „All In“ wohl ähnliches erleben wie viele Menschen nach der Zwangsräumung ihrer Häuser in den Jahren 2005, 2006 und 2007.

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