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Börse: Aktienmärkte unmittelbar vor einem Favoriten-Wechsel?

Nach fünf Monaten steigender Kurse von ausgewählten Tech-Unternehmen stehen wir möglicherweise vor einer Kursänderung: Die so genannte Branchenrotation, denn Rezessionen dauern nicht ewig und die Börse wartet nicht, bis dafür geläutet wird.

Die mögliche Branchenrotation an der Börse

Zugegeben, es ist vielleicht noch etwas früh, aber der Zeitpunkt wird kommen: der Moment, in dem die Investoren sukzessive auf die Sektoren zugreifen, die in einer Krise gelitten haben. Keine Rezession dauert ewig und darauf zu hoffen, dass es ein großes Signal gibt, demzufolge die Wende eingeleitet wird, dürfte zu einer Enttäuschung führen. Dies war noch nie der Fall. Das können wir aus der Geschichte lernen – sonst in punkto Rezession wenig, denn jede Entwicklung bringt immer neue Konstellationen.

Oder gab es in der großen Depression schon das Internet, die Just-in-Time-Produktion, die Robotisierung, die Digitalisierung (Homeoffice) und eine Landwirtschaft in der ein Bauer die hundertfache Ernte einfährt wie seine Vor-Vorfahren? Was sich nie ändern wird, ist der Mensch mit seinen Hoffnungen und Ängsten und seiner Angst und seiner Gier.

Doch zurück zur Gegenwart. Ein solches Signal für einen Favoritenwechsel könnte die Meldung einer Pharma-oder Biotech-Firma sein, dass die Voraussetzungen für einen effektiven Impfstoff gegen Covid-19 gegeben sind oder für ein Medikament oder für eine Herdenimmunität (was aber noch in fernerer Zukunft liegen sollte.) Die WHO sprach jüngst davon, dass uns Corona noch maximal zwei Jahre beschäftigen könnte.

Aber wird man an der Börse so lange warten, bis Klarheit herrscht und die Meldung über die Ticker läuft.? Ganz gewiss nicht. Oder es doch zu keiner größeren zweiten Welle kommt?

Hierzu hatte der Wissenschaftler Professor Straubhaar in der gestrigen „Welt“ eine sehr substanzielle Aussage gemacht:

„Horrorszenarien zu drohenden existenzgefährdenden Krisen wurden und werden im Laufe der Menschheitsgeschichte vielfach gemacht. Meistens jedoch unterschätzen oder missachten sie, dass seit eh und je Menschen zwei fundamental wichtige „lebensrettende“ Fähigkeiten eigen sind: Sie lernen, und sie passen sich an. Deshalb ist es langfristig stets besser gelaufen als kurzfristig befürchtet.“

Das Problem ist nur der Zeitpunkt und die vielen Fehlsignale. Vor einem Monat hatten wir bereits schon einmal so etwas wie einen Wechsel von Growth zu Value.

Die Zurückgebliebenen an der Börse

Sicherlich ist die Situation unter Corona eine besondere: Eine Steilvorlage für Hightech zu Zeiten von Social Distancing und Masketragen, bei einem schleppenden Anspringen der Produktion in vielen Wirtschaftsbereichen. Das belastete und belastet die alten Industrien und Dienstleister (Ausnahme Konsum und Heimmärkte). Daher wurden in den letzten Wochen in den USA immer wieder die Statistiken der Branchen bemüht, die besonders unter Corona gelitten haben: Energiewerte (-41 Prozent), Banken (-35 Prozent), Immobilienwerte (-15 Prozent), Industriewerte (-11 Prozent) oder auch der Russel 2000 (-8 Prozent), die allesamt weit unter ihren 52-Wochen-Höchstständen liegen. Noch viel brutaler die Rückstände in der Luftfahrt, den Kreuzfahrtlinien oder auch in der Freizeitindustrie. Die Marktbreite ist im S&P 500 extrem klein – aber ist das in Stein gemeißelt?

Dann der ewige Kampf Value gegen Growth, der derzeit fast aussichtslos für die Substanzwerte erscheint. Aber eine Studie der Bank of America hat ergeben, dass Value sich an der Börse langfristig immer gegen Growth durchgesetzt – über einen Zeitraum, der die Dauer eines langen Menschenleben umfasst, betrachtet. Erst seit 2008 zieht Growth in Form der Techwerte davon, zuletzt in rasender Geschwindigkeit. Bis zu aberwitzigen Bewertungen. Ist das nicht auch das Dilemma von Warren Buffett mit seiner Gesellschaft Berkshire Hathaway, hätte er nicht den Riesenanteil an Apple?

Kurzum: Es ist das Wesen der Börse, Entwicklungen weit vorwegzunehmen! Sie ist der früheste der Frühindikatoren, ungeachtet der derzeitigen Manipulation der Anleihemärkte, die für diese Form von „TINA“ sorgt.

Aber es gibt auch ein Scheitern der Prognosen: man blickt weit in die Zukunft und liegt öfters daneben. Ich rede jetzt nicht von Einzelwerten, in denen die giergetriebene Spekulation ins Kraut schießt. Das gehört auch zur Börse, schon immer. Studien zufolge sind in den letzten 100 Jahren mindestens 85 Prozent der Aktienwerte vom Kurszettel verschwunden, entweder durch Konkurse, De-Listings oder durch Übernahmen!

Fazit

Sicher ist die Börse im Bereich der Tech-Werte heiß gelaufen, extrem spekulativ bewertet und korrekturbedürftig. Der Börsenwert von sieben S&P 500-Werten in Höhe von sieben Billionen Dollar schreit zum Himmel. Aber was ist mit den anderen 493 Werten, die zu einem Großteil seit Jahresanfang noch deutlich im Minus liegen?

Da geht es um Werte, die ein Gewicht von etwa 22 Billionen Dollar aufweisen.

Allein die Tatsache, dass Energiewerte und Banken oder Industriewerte so deutlich im Minus stehen, deutet auf ein Erholungspotenzial hin. Bei einer weiteren Erholung der Wirtschaft – das ist die conditio sine qua non, die Grundvoraussetzung – entsteht doch mit jedem Monat ein Substitutionsbedarf an Baumaschinen, Kfz, Haushaltsgeräten, ein Nachholeffekt an Reisetätigkeit, Freizeit, Dienstleistungen. Erst recht in der heutigen Konsumgesellschaft. Deshalb ist eine Branchenrotation an der Börse gar nicht so abwegig. Wie lange haben Rezessionen in der Vergangenheit denn gedauert und erst heute in der allgegenwärtigen Konsumgesellschaft? Einer Analyse von Refinitiv und dem National Bureau of Economic Research von 10 Zyklen seit 1950 ergab, dass Rezessionen zwischen acht und 18 Monaten gedauert haben, wobei der Durchschnittswert etwa elf Monate beträgt.

Für die Börse lauert die große Gefahr meines Erachtens vor allem in der Verschuldungsthematik mit den möglichen Inflationsfolgen, gepaart mit einem Anstieg der Kapitalmarktzinsen. Das ist wohl langfristig die große Gefahr für die Party an der Börse!



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