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Börse: Der Aufwärtstrend und die Kakophonie der Wirtschaftsmeldungen

Börse und Kakophonie

Wieder einmal hat der Aufwärtstrend beim S&P 500 gehalten – die Börse will einfach nicht stärker korrigieren!

Aber Verwirrung allerorten. Ob bei Groß- oder Kleinanlegern, oder auch bei Marktbeobachtern. Die über die Ticker laufenden Nachrichten wechseln ständig ihre Tendenz, ob aus China, Europa oder den USA kommend. Einkaufsmanagerindizes, Frühindikatoren, Inflationsdaten, Einzelhandelsumsätze oder die drohende Pleite eines riesigen Immobilientwicklers aus Fernost, anscheinend kann die Märkte derzeit nichts erschüttern, trotz der ganzen Widersprüchlichkeiten. Wieder einmal scheint eine kleine Korrektur der Börse im Sande zu verlaufen.

Die Börse und die Kakophonie der Wirtschaftsmeldungen

Da mache sich einer einen Reim daraus: Aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, China, kommen Meldungen zu rückläufigen Wachstumsraten, stark steigenden Produzentenpreisen (+9,5%), regulatorischen Maßnahmen der Regierung für große Techwerte und Glücksspielfirmen. Dazu kommt sogar die Gefahr einer großen Immobilienpleite, bei Evergrande, einem mit 306 Milliarden Dollar verschuldeten Immobilienentwickler, vertreten in nicht weniger als 310 Städten.

Aber was machen die Märkte? Allenfalls Reaktionen der Börse in Fernost, nicht in den USA oder Europa, auch nicht in Deutschland, obwohl man als Exportland ganz besonders von der wirtschaftlichen Entwicklung in China abhängig ist. Hatte die Wachstumsabschwächung Chinas 2015/16 beim Dax nicht sogar zu einem Bärenmarkt mit minus 30 Prozent geführt?

Beispiel China Evergrande:

Ist diese Verwerfung am chinesischen Immobilien- und Anleihemarkt nicht ein ganz schlechtes Zeichen für die weltweiten Junk Bond-Märkte, die extrem überkauft sind, mit absurd niedrigen Renditen, ohne jeglicher Einpreisung von Risiko? Wird dieses Segment nicht schon seit Monaten als großes Damoklesschwert für die Börse betrachtet, sogar als möglicher Auslöser für eine Korrektur?

Beispiel USA:

Da rauscht das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan Ende August um 13,4 % in die Tiefe, so stark wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr (ähnlich heftig auch der nationale Index des Conference Board), was fast schon auf rezessive Tendenzen beim Konsum hindeutet. Und was kommt dann am 16. September: Überraschend gute Einzelhandelsumsätze für den August mit +0,7 % gegenüber dem Vormonat und +15,1 Prozent im Jahresvergleich. Die Kernrate, ohne Autos, war gleich um 1,8 Prozent gestiegen.

Gleichzeitig stieg die US-Produktion für den Monat August um 0,4 Prozent, einen Hauch weniger als erwartet, aber bereits den sechsten Monat in Folge, trotz der großen Lieferengpässe in ganzen Branchen – wie das?

Die Raten für die Produzentenpreise schießen in allen Ländern nach oben, teilweise in den zweistelligen Prozentbereich und dann kommt die Meldung von einem Rückgang der Verbraucherpreise in den USA auf 5,25 Prozent, quasi ein Stillstand im dritten Monat.

Man könnte die Liste noch lange fortsetzen, mit all den Meldungen, die ein zerrissenes Bild der Wirtschaft in vielen Ländern zeichnen. Wie zum Beispiel die weiter gestiegenen Containerpreise für die Lieferungen aus Fernost, das große Lamento der Firmen über Materialknappheiten, der Margendruck, der die Gewinne der Firmen unter Druck setzt und was machen die Börsen? Man entscheidet sich bisher für die positive Auslegung der Lage: Es handelt sich um eine Angebotsverknappung, die Nachfrage ist da und wird eben später befriedigt, außerdem wird sich der Preisdruck in den nächsten Monaten zurückentwickeln.

Beispiel Sentiment:

Da liest man Daten von der Börse Frankfurt, dass sich fast zwei Drittel der bearishen Investoren aus den vergangenen beiden Wochen wieder zurückgezogen und ihre Engagements um 180 Grad auf bullish gedreht hätten, gleichzeitig vollzieht sich in den USA seltsames. Die daueroptimistischen Kleinanleger werden pessimistischer.

 

Befindet sich die Weltwirtschaft in den Wechseljahren?

Könnte man eigentlich überspitzt formulieren, bei all den Gemütswallungen, ausgelöst durch die vielen sich widersprechenden Daten, die schlussendlich aber doch keine größeren Kursreaktionen hinterlassen.

Zwei Hauptgründe für dieses ganze Hin und Her sind unschwer auszumachen. Wie viele Versionen über den Fortgang der Pandemie hat man in letzter Zeit gehört, mit den Impfquoten, den Ausbrüchen der Delta-Variante in verschiedenen Regionen in Ost und West, den Lockdown-Befürchtungen in der kalten Jahreszeit, den notwendigen Boosterimpfungen? Besonders formuliert von Politikern in der Absicht, die Impfbereitschaft zu erhöhen. Was aber auch zu großen Verwirrungen in der Gesellschaft führt und zu entsprechenden Reaktionen, deshalb auch die Unterschiede zwischen Sentiment und Realität an der Börse.

Den Höhepunkt hierzu lieferten im August chinesische Behörden, die im Hafenverbund Ningbo-Zhoushan den zweitgrößten Hafen wegen eines einzigen Coronafalls für mehrere Wochen stillgelegt hatten, mit massiven Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten. Man stelle sich vor, dergleichen würde an vielen Orten der Welt mit Coronafällen praktiziert!

Was uns schließlich wieder zur Frage führt, warum fallen die Märkte dann nicht?

„The same procedure as every day“, die Kombination einer Rendite der 10-jährigen US-Treasury von 1,33 Prozent und einer Inflationsrate von 5,25 Prozent ergibt immer noch eine Negativrealrendite von fast vier Prozent minus.

Wie oft haben in diesem Jahr Hedgefonds oder auch Publikumsfonds versucht aus den hoch bewerteten Märkten auszusteigen, auch short zu gehen, um eine kleine Überrendite zu erzielen? Und was passierte nach wenigen Tagen? Das Buy-the-Dip-Phänomen an der Börse schlug zu, nach zwei bis 4,5 Prozent drehte der S&P 500 jedesmal nach oben, zumeist an der 50-Tage-Linie, die sich als stabile Auffangzone erwies – erleben wir gerade das neunte Mal im Jahr 2021?

Der S&P 500 im Jahr 2021

Börse S&P500

Wie auf Schienen. Wird bis zum Jahresende für manchem Fondsmanager aus FOMO (Fear of Missing Out) – FOLMJ (Fear of Losing My Job)?

Entstanden aus der immer größer werdenden Konkurrenz der passiven Investmentfonds (Exchange Trading Funds), die als Indexfonds stets mit der Benchmark mitlaufen. Und erhebliche Kostenvorteile aufweisen. Wie viele Fonds liegen vor dem Spider, dem ETF auf den S&P 500? Was, wenn es in den nächsten Tagen nicht zu der überfälligen Korrektur an der Börse kommt?

Fazit

Noch ist der September nicht zu Ende, heute kommt der Quadruple Witching Day, mit dem Verfall von Aktienindex-Futures, Aktienindexoptionen, Aktienoptionen und Single Stock Futures, nach dem sich wieder neu orientiert wird. Nicht zu vergessen, die Sitzung der US-Notenbank in der nächsten Woche, bei der Jerome Powell vielleicht verbal auf die Fortschritte bei den Einzelhandelsumsätzen reagieren könnte – vielleicht!

Setzt sich das seltsame Gleichgewicht zwischen den Marktfaktoren, die eine Korrektur als unerlässlich erscheinen lassen (nach sieben Monaten steigender Kurse) und der Alternativlosigkeit weiter fort? Von woher könnte der Trigger kommen, der die Volatilität in den letzten 75 Börsentagen in die Höhe schießen lässt es und die Aktienkurse unter die Auffanglinie treibt, wo es vermehrt Stopploss-Orders geben dürfte?

Erleben wir gerade den neunten Abpraller an der 50-Tage-Linie und sind wir tatsächlich auf den Spuren des korrekturlosen Jahres 2017?



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1 Kommentar

  1. Wieder mal ein perfekter Beitrag dafür, dass Börsen nicht mehr entscheidend fallen können. Schade, dass es nicht mehr in dem schnellen Tempo nach oben geht. Aber wenn die erlösende Nachricht kommt, dann löst sich der Stau und wir stehen schnell 20-30 Prozent höher in den Indizes. Freue mich schon drauf.

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