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Börse und Impfstoffhoffnung: Wie ticken die Börsianer?

Hat an der Börse bereits die Nach-Corona-Ära begonnen? Die Reaktionen am Montag waren extrem: Eine einzige Meldung löste ein Kursfeuerwerk aus

Wolfgang Müller

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Die Reaktionen der Börse am Montag waren schon gigantisch: Eine einzige Meldung eines Impfstoff- Forschungsunternehmens und zugleich Impfstoff-Herstellers über die baldige Beantragung der Zulassung seines Vakzins (BNT162b2) löste ein wahres Kursfeuerwerk aus. Aber nicht nur das: Es gab eine Branchenrotation, in seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenem Ausmaß. Die seit dem Frühjahr zertrümmerten Value-Werte, wie Fluggesellschaften oder Touristikfirmen haussierten, Hightech-Werte wurden trotz jüngst verkündeter und hervorragender Quartalszahlen stark abgestraft. Selbst manch erfahrene Aktionäre beobachteten rätselratend das kurzzeitige Geschehen. Wie ticken die Börsianer?

Börse und das Prinzip Hoffnung

Der rationale Verstand ist bemüht, sich Fakten zu betrachten und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Wenn – dann – und damit beginnt der Unterschied zur Börsenlogik. Die Börse ist ein Antizipationsmechanismus, der auf dem Prinzip Hoffnung und Erwartung beruht. Dies ist aber mit großer Unsicherheit verbunden, deshalb gibt es immer wieder Enttäuschungen, die mit rapiden Kursabschlägen korreliert sind. Aber sehr oft ist das Gegenteil der Fall – wo Rauch ist, ist auch Feuer. Haben wir nicht im letzten Jahrzehnt Hightech-Werte beobachtet, die jahrelang nur Verluste präsentiert haben, dennoch immer weiter gestiegen sind, aber irgendwann dann doch diese Gewinne geliefert haben (Amazon, Facebook, Google, Netflix u.w.)? Hätte man als „Homo Rationalis“ auf die Gewinnmeldung gewartet, hätte man den Großteil der Rally verpasst – so funktioniert der antizipatorische Preisfeststellungsmechanismus Börse.

Ein Paradebeispiel war der Verlauf der Börse in diesem Jahr. Am 23. März war der Corona-Crash in den westlichen Industrieländern zu Ende, es folgte eine gewaltige Kursrally. Aber erst das darauffolgende Quartal brachte den größten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg – ein Börsen- und Wirtschafts-V mit einem Timelag.

Dennoch gibt es im Einzelfall die großen Nackenschläge, in der Summe agiert das System mit einer überragenden Treffsicherheit gegenüber dem einzelnen Individuum. Deshalb gibt es kaum Menschen auf der Erde, die mit ihren Aktienauswahlmethoden langfristig den großen Index schlagen.

Die derzeit größte Wette an der Börse etwa dürfte sich um die Frage ranken, ob der Elektromobil-Pionier Tesla in seine Börsenbewertung „hineinwachsen“ kann!

Die aktuelle Entwicklung um den Impfstoff von Pfizer/BioNTech

Es wurde schon in allen Medien kommuniziert, deshalb nur noch so viel:

Die hohe Wahrscheinlichkeit eines Impfstoffs mit einer 90-prozentigen Wirksamkeit stellt einen rasanten Paradigmenwechsel dar, einen möglichen Game Changer. Aktien aus den Flug-, Reise-, Freizeitbranchen, die total verschmäht wurden, erschienen plötzlich in einem anderen Licht. Die Börse nahmen ein „Reappraisal“, eine Neubewertung vor, angesichts großer Steigerungsmöglichkeiten. Denn bei Aktien wie den Fluggesellschaften, die 70 Prozent ihres Wertes verloren haben, winken satte Gewinne. Selbst ein Sprung um 50 Prozent nach oben und man hätte immer noch nicht einmal die Hälfte des Ausgangsniveaus erreicht.

Und am Montag gab es reihenweise zweistellige Kursgewinne. Die Finanzmathematik schlug hier in positiver Weise zu, nur kennt niemand vorher Zeitpunkt und Ursache dieser Hoffnungsrallyes.

Die andere Seite war der Abverkauf der Hightech-Werte, der mehr Ursachen hat, als nur Gewinnmitnahmen und die lange vorhergesagte Branchenrotation. Dazu gleich mehr.

Die Short Squeeze, der Rallybeschleuniger

An Tagen wie dem Montag, wenn so eine Meldung wie ein Game Changer für die Börsee auftaucht, wird es für eine Anlagespezie kritisch – die Leerverkäufer. Zum Beispiel die Shortseller von Fluggesellschaften, die sich im Herbst so sicher in ihren Investments waren. Die zweite Covid-19-Welle wütet im Westen, die Airlines dampfen ihre Winterpläne ein und die Verluste bauten sich aus. Bis zur Meldung und der Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff. Ein gutes Beispiel dafür ist die Lufthansa, einer der großen Montagsgewinner im Dax, mit plus 20 Prozent. Die Shortquote in diesem Titel lag am Freitag gemäß Bundesanzeiger bei den meldepflichtigen Positionen bei 11,48 Prozent (insgesamt durch die kleinen Positionen noch höher). Am Freitag hatten zwei Hedgefonds sogar noch zugelegt.

Die auf Hoffnung basierende Meldung änderte das Negativszenario – das heißt Eindeckung = Kauf der Aktie = Verstärkung des Aufwärtstrends.

Hier gibt es noch Dutzende Werte aus der Riege der Coronaopfer, die die Kursbewegung durch ihre Pain Trades beschleunigt haben. Auch am Dienstag stieg die Kranich-Airline weiter deutlich im Kurs, die Squeeze ist noch nicht fertig.

Das Gegenstück, die Hightech-Spekulation

Was trieb und treibt die Titel von Amazon und Co so in die Tiefe? Zum Teil waren es bestimmt die Call-Spekulanten, die nach den Q3-Zahlen und dem Gridlock-Regierungsszenario einen schönen Aufwärtsmove der Highflyer des Jahres antizipierten und dies mit Hebel ausnutzen wollten. Nicht nur die RobinHooder, auch viele große Investoren: man war sich so sicher, dass jetzt die Zeit der „Stay at Home-Aktien“ wieder gekommen ist. Der Winter steht vor der Tür und die Coronazahlen schnellten in die Höhe.

Fazit

Auch wenn das Prinzip Hoffnung das Grundelement der Börse darstellt, gibt es an bestimmten Tagen immer wieder besondere Konstellationen, die Außenstehende immer gleich das Wort Casino in den Mund nehmen lassen. Historisch waren am Montag die Kursbewegungen innerhalb des Tages, durch die blitzschnelle Einpreisung der möglichen Folgen eines Impfstoffes auf bestimmte Branchen und die große Short Squeeze. Aber betrachtet man sich nach ein paar Tagen den Leitindex S&P 500, so wird man gar nichts Besonderes feststellen. Der Index war am Freitag mit 3509 Punkten ins Wochenende gegangen und hat am Montag mit 3550 Punkte geschlossen, ein Plus von ganzen 1,17 Prozent. Intraday hingegen war es mächtig zur Sache gegangen.

So gesehen war am Montag das System Hoffnung, als Triebfeder der Börse, intraday voll in seinem Element. Während einer Pandemie, in der sich bereits vier Milliarden Menschen in einer häuslichen Quarantäne befunden hatten, muss die (glaubhafte) Meldung an die baldige Verfügbarkeit an einen Impfstoff extreme Reaktionen an der Börse auslösen – die Krankheit hatte vorher das Gegenteil in drastischer Weise (Flugindustrie und Co) verursacht. Bestimmte Übertreibungen wurden schon am gleichen Tag wieder korrigiert, was bleibt ist die Fortsetzung einer Rotation innerhalb der 11 Sektoren im S&P 500, die die Meldung des Montags nur noch weiter angeschoben hat.

Auch wenn es noch jede Menge technische Probleme um den Einsatz des neuen Impfstoffs geben wird – wenn sich die Zulassung realisiert – der Börse wird das relativ egal sein. Sie blickt bei den Indizes in Summa auf das nächste Jahr – dorthin schielt die Hoffnung der Börsianer. Anders als die Tagesschwankungen, diese sind von jeder Menge „Noise“ abhängig, Einflussfaktoren, an die sich nach ein paar Tagen gar keiner mehr erinnert. Indexintern hat die Nach-Corona-Ära begonnen.

Die Börse reagiert massiv auf die Impfstoff-Hoffnungen

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IHS Markit-Kauf für 44 Milliarden Dollar – wie man gigantisch wächst ohne neue Schulden

Claudio Kummerfeld

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New York Downtown bei Nacht

In der Branche für Finanzdaten, Börsendaten und ökonomischen Analysedaten nimmt die Konzentration auf wenige große Anbieter immer mehr zu. Es gibt Bloomberg, Reuters, große Börsenanbieter wie die Deutsche Börse oder Euronext, und es gibt gerade den Versuch der London Stock Exchange den Datenanbieter Refinitiv für 27 Milliarden Euro zu übernehmen. Jetzt legt S&P Global (gehört zur Standard & Poors-Gruppe) nach und kauft den Datenanbieter IHS Markit. Und das für satte 44 Milliarden Dollar.

IHS Markit war Ende letzter Woche an der Börse noch 37 Milliarden Dollar wert. S&P Global lag bei 82 Milliarden Dollar. Wie schafft man es so viel Geld auszugeben, mal eben 44 Milliarden Dollar? Nun, in diesem Fall ist das gar kein Problem. Man „kauft“ per Aktientausch. Ein richtiger Kauf ist es dann gar nicht. Man fusioniert, und der „Käufer“ erhält an der neuen Firma die Aktienmehrheit. Oder besser gesagt, die bisherigen Aktionäre des größeren Fusionspartners halten dann später auch die Mehrheit am neuen Unternehmen.

So kommt es, dass die bisherigen Aktionäre von S&P Global an der neuen Firma 67,75 Prozent der Anteile halten werden, und die bisherigen Aktionäre von IHS Markit 32,25 Prozent. So haben alle was davon, und die Firma hat keine gestiegene Verschuldung durch diese Transaktion. So können große Konzerne schnell weiter wachsen, ohne sich zu verschulden.

Ganz anders lief es vor vier Jahren bei Bayer, wir erinnern uns alle mit Grausen an die Zeit danach. Die Leverkusener kauften Monsanto für 66 Milliarden Dollar in Cash. Dafür musste man damals eine Brückenfinanzierung über 57 Milliarden US-Dollar aufnehmen, also Kredite. So brockt man sich jede Menge Probleme ein, wenn man seine bisherige Aktionärsstruktur beibehalten will.

Will man extern kräftig zukaufen, muss man sich dann wie Bayer massiv verschulden. Um die Last zu reduzieren, muss man dann brutal einsparen, einzelne Sparten verkaufen usw. Gerade große Konzerne mit stark steigenden Aktienkursen können sich über den Weg des Kaufs mit eigenen Aktien (Fusion) andere Unternehmen einfach und bequem einverleiben. Dann werden die Aktionäre der bisherigen Konkurrenzfirma einfach zu Miteigentümern des eigenen Unternehmens gemacht. Und zack, der Konzern wächst kräftig, ohne dabei neue Schulden machen zu müssen. Natürlich hat der einzelne Altaktionär nach der Transaktion weniger Eigentum am Konzern. Aber dafür ist der Konzern an sich ja auch spürbar gewachsen, wodurch eine Kompensation stattfindet. Langfristig können über diese Methode die ganz großen Konglomerate entstehen.

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Markus Koch LIVE vor dem Handelsstart in New York – Impfstoff- und Merger-Montag

Redaktion

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Markus Koch meldet sich im folgenden Video LIVE vor dem Handelsstart in New York. Die vierte Woche in Folge gibt es pünktlich Montag Mittag eine Impfstoff-Meldung, diesmal von Moderna. Und IHS Markit soll von S&P Global gekauft werden. Markus Koch spricht von einer massiven Konsolidierung im Bereich der Finanzdaten.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

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Performance-Check: Das sind die härtesten Aktien der Welt – Werbung

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Lieber Börsianer,

wir alle wissen, wenn der Aktienmarkt einmal ins Rutschen gerät, bleibt kein Auge trocken. Selbst die Aktien anerkannter Qualitätsunternehmen fallen dann unisono mit dem Gesamtmarkt. Man ist dann als Anleger schon zufrieden, wenn sich das eigene Depot der Korrekturbewegung zumindest teilweise entzieht.

Genauso wissen wir, wenn die Weltkonjunktur einmal lahmt, sinken die Unternehmensgewinne durch die Bank. So ist nun einmal die Börse.

Aber ich bohre tiefer. Gibt es wirklich keine Unternehmen, die sich einem negativen Markttrend entziehen? Gibt es wirklich keine Ausnahme, die die Regel bestätigt?

Doch, die gibt es! Tatsächlich existiert in den USA eine Aktiengattung, die sich bereits seit Jahrzehnten durch eine ganz ungewöhnliche Stabilität auszeichnet. Diese ausgesuchten Unternehmen erwirtschaften nicht selten sogar in der tiefsten Rezession, z.B. zuletzt 2008/9, beste Gewinne. Mehr noch: Sie erhöhen selbst in diesen Phasen, wo die „normalen“ Unternehmen versagen, regelmäßig die Dividenden.

Börsianer bezeichnen solche unverwüstlichen Unternehmen als „Dividendenaristokraten“. Diese Dauerbrenner zeichnen sich vor allem durch zwei Merkmale aus:

1)
Naturgemäß verfügen die Dividendenaristokraten über langjährig bewährte und unantastbare Geschäftsmodelle.

2)
Deshalb erhöhen diese Unternehmen die Dividende seit mindestens 25 Jahren, und zwar jährlich.

Und das Regelwerk für Dividendenaristokraten ist knallhart. Wenn ein Unternehmen, sagen wir, im 43. Jahr die Dividende einmal nicht mehr jährlich erhöht, dann wird ihm der Aristokraten-Titel sofort entzogen. Folglich verlässt das Unternehmen dann auch den entsprechenden Index und muss sich nun wieder aufs Neue beweisen. Mit anderen Worten: Hier ist wirklich kein Platz für Verlierer oder

Nicht nur mehr Stabilität, sondern einfach auch mehr Rendite

Wie bereits angedeutet schaffen nur eine Handvoll Unternehmen diese Kriterien. Gegenwärtig gelten rund 10 % der Unternehmen des marktbreiten S&P 500 als Dividendenaristokraten. Die anderen 90 % des S&P 500 sind eben ganz normale Unternehmen, deren Gewinne im Einklang mit der Konjunktur mal fallen und mal steigen.

Gegenwärtig finden Sie im Dividendenaristokraten-Index zahlreiche Unternehmen aus traditionellen Industriesparten. Namhaft sind hier etwa Caterpillar, 3M oder etwa der Maschinenbauer Illinois Tool Works. Natürlich bringt auch die nicht-zyklische Konsumgüter-Branche…..

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