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Börse und Impfstoffhoffnung: Wie ticken die Börsianer?

Hat an der Börse bereits die Nach-Corona-Ära begonnen? Die Reaktionen am Montag waren extrem: Eine einzige Meldung löste ein Kursfeuerwerk aus

Die Reaktionen der Börse am Montag waren schon gigantisch: Eine einzige Meldung eines Impfstoff- Forschungsunternehmens und zugleich Impfstoff-Herstellers über die baldige Beantragung der Zulassung seines Vakzins (BNT162b2) löste ein wahres Kursfeuerwerk aus. Aber nicht nur das: Es gab eine Branchenrotation, in seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenem Ausmaß. Die seit dem Frühjahr zertrümmerten Value-Werte, wie Fluggesellschaften oder Touristikfirmen haussierten, Hightech-Werte wurden trotz jüngst verkündeter und hervorragender Quartalszahlen stark abgestraft. Selbst manch erfahrene Aktionäre beobachteten rätselratend das kurzzeitige Geschehen. Wie ticken die Börsianer?

Börse und das Prinzip Hoffnung

Der rationale Verstand ist bemüht, sich Fakten zu betrachten und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Wenn – dann – und damit beginnt der Unterschied zur Börsenlogik. Die Börse ist ein Antizipationsmechanismus, der auf dem Prinzip Hoffnung und Erwartung beruht. Dies ist aber mit großer Unsicherheit verbunden, deshalb gibt es immer wieder Enttäuschungen, die mit rapiden Kursabschlägen korreliert sind. Aber sehr oft ist das Gegenteil der Fall – wo Rauch ist, ist auch Feuer. Haben wir nicht im letzten Jahrzehnt Hightech-Werte beobachtet, die jahrelang nur Verluste präsentiert haben, dennoch immer weiter gestiegen sind, aber irgendwann dann doch diese Gewinne geliefert haben (Amazon, Facebook, Google, Netflix u.w.)? Hätte man als „Homo Rationalis“ auf die Gewinnmeldung gewartet, hätte man den Großteil der Rally verpasst – so funktioniert der antizipatorische Preisfeststellungsmechanismus Börse.

Ein Paradebeispiel war der Verlauf der Börse in diesem Jahr. Am 23. März war der Corona-Crash in den westlichen Industrieländern zu Ende, es folgte eine gewaltige Kursrally. Aber erst das darauffolgende Quartal brachte den größten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg – ein Börsen- und Wirtschafts-V mit einem Timelag.

Dennoch gibt es im Einzelfall die großen Nackenschläge, in der Summe agiert das System mit einer überragenden Treffsicherheit gegenüber dem einzelnen Individuum. Deshalb gibt es kaum Menschen auf der Erde, die mit ihren Aktienauswahlmethoden langfristig den großen Index schlagen.

Die derzeit größte Wette an der Börse etwa dürfte sich um die Frage ranken, ob der Elektromobil-Pionier Tesla in seine Börsenbewertung „hineinwachsen“ kann!

Die aktuelle Entwicklung um den Impfstoff von Pfizer/BioNTech

Es wurde schon in allen Medien kommuniziert, deshalb nur noch so viel:

Die hohe Wahrscheinlichkeit eines Impfstoffs mit einer 90-prozentigen Wirksamkeit stellt einen rasanten Paradigmenwechsel dar, einen möglichen Game Changer. Aktien aus den Flug-, Reise-, Freizeitbranchen, die total verschmäht wurden, erschienen plötzlich in einem anderen Licht. Die Börse nahmen ein „Reappraisal“, eine Neubewertung vor, angesichts großer Steigerungsmöglichkeiten. Denn bei Aktien wie den Fluggesellschaften, die 70 Prozent ihres Wertes verloren haben, winken satte Gewinne. Selbst ein Sprung um 50 Prozent nach oben und man hätte immer noch nicht einmal die Hälfte des Ausgangsniveaus erreicht.

Und am Montag gab es reihenweise zweistellige Kursgewinne. Die Finanzmathematik schlug hier in positiver Weise zu, nur kennt niemand vorher Zeitpunkt und Ursache dieser Hoffnungsrallyes.

Die andere Seite war der Abverkauf der Hightech-Werte, der mehr Ursachen hat, als nur Gewinnmitnahmen und die lange vorhergesagte Branchenrotation. Dazu gleich mehr.

Die Short Squeeze, der Rallybeschleuniger

An Tagen wie dem Montag, wenn so eine Meldung wie ein Game Changer für die Börsee auftaucht, wird es für eine Anlagespezie kritisch – die Leerverkäufer. Zum Beispiel die Shortseller von Fluggesellschaften, die sich im Herbst so sicher in ihren Investments waren. Die zweite Covid-19-Welle wütet im Westen, die Airlines dampfen ihre Winterpläne ein und die Verluste bauten sich aus. Bis zur Meldung und der Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff. Ein gutes Beispiel dafür ist die Lufthansa, einer der großen Montagsgewinner im Dax, mit plus 20 Prozent. Die Shortquote in diesem Titel lag am Freitag gemäß Bundesanzeiger bei den meldepflichtigen Positionen bei 11,48 Prozent (insgesamt durch die kleinen Positionen noch höher). Am Freitag hatten zwei Hedgefonds sogar noch zugelegt.

Die auf Hoffnung basierende Meldung änderte das Negativszenario – das heißt Eindeckung = Kauf der Aktie = Verstärkung des Aufwärtstrends.

Hier gibt es noch Dutzende Werte aus der Riege der Coronaopfer, die die Kursbewegung durch ihre Pain Trades beschleunigt haben. Auch am Dienstag stieg die Kranich-Airline weiter deutlich im Kurs, die Squeeze ist noch nicht fertig.

Das Gegenstück, die Hightech-Spekulation

Was trieb und treibt die Titel von Amazon und Co so in die Tiefe? Zum Teil waren es bestimmt die Call-Spekulanten, die nach den Q3-Zahlen und dem Gridlock-Regierungsszenario einen schönen Aufwärtsmove der Highflyer des Jahres antizipierten und dies mit Hebel ausnutzen wollten. Nicht nur die RobinHooder, auch viele große Investoren: man war sich so sicher, dass jetzt die Zeit der „Stay at Home-Aktien“ wieder gekommen ist. Der Winter steht vor der Tür und die Coronazahlen schnellten in die Höhe.

Fazit

Auch wenn das Prinzip Hoffnung das Grundelement der Börse darstellt, gibt es an bestimmten Tagen immer wieder besondere Konstellationen, die Außenstehende immer gleich das Wort Casino in den Mund nehmen lassen. Historisch waren am Montag die Kursbewegungen innerhalb des Tages, durch die blitzschnelle Einpreisung der möglichen Folgen eines Impfstoffes auf bestimmte Branchen und die große Short Squeeze. Aber betrachtet man sich nach ein paar Tagen den Leitindex S&P 500, so wird man gar nichts Besonderes feststellen. Der Index war am Freitag mit 3509 Punkten ins Wochenende gegangen und hat am Montag mit 3550 Punkte geschlossen, ein Plus von ganzen 1,17 Prozent. Intraday hingegen war es mächtig zur Sache gegangen.

So gesehen war am Montag das System Hoffnung, als Triebfeder der Börse, intraday voll in seinem Element. Während einer Pandemie, in der sich bereits vier Milliarden Menschen in einer häuslichen Quarantäne befunden hatten, muss die (glaubhafte) Meldung an die baldige Verfügbarkeit an einen Impfstoff extreme Reaktionen an der Börse auslösen – die Krankheit hatte vorher das Gegenteil in drastischer Weise (Flugindustrie und Co) verursacht. Bestimmte Übertreibungen wurden schon am gleichen Tag wieder korrigiert, was bleibt ist die Fortsetzung einer Rotation innerhalb der 11 Sektoren im S&P 500, die die Meldung des Montags nur noch weiter angeschoben hat.

Auch wenn es noch jede Menge technische Probleme um den Einsatz des neuen Impfstoffs geben wird – wenn sich die Zulassung realisiert – der Börse wird das relativ egal sein. Sie blickt bei den Indizes in Summa auf das nächste Jahr – dorthin schielt die Hoffnung der Börsianer. Anders als die Tagesschwankungen, diese sind von jeder Menge „Noise“ abhängig, Einflussfaktoren, an die sich nach ein paar Tagen gar keiner mehr erinnert. Indexintern hat die Nach-Corona-Ära begonnen.

Die Börse reagiert massiv auf die Impfstoff-Hoffnungen



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