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Börse: Wann endet endlich die antrainierte Sorglosigkeit?

Wann endet die Sorglosigkeit an der Börse?

Derzeit bringt es selbst altgediente Börsenprofis zum Staunen, wieso es seit mittlerweile zehn Monaten mit den Kursen an der Börsen nicht einmal stärker nach unten geht. Wie zum Beispiel beim mit Abstand größten Index der Welt, dem S&P 500. Ständig dient die 50 Tage-Linie als Auffangzone (2021, bereits 8-Mal) und stets funktioniert die „Buy-the-Dip“-Strategie. Ein Verhalten, was in der Vergangenheit über kurz oder lang stets in Form einer größeren Korrektur abgestraft wurde.

In diesem Zyklus ist alles ein wenig anders, einen maßgeblichen Anteil haben – wen wundert es – die Notenbanken, die die Stabilität der Aktienmärkte anscheinend in ihren gesetzlichen Auftrag eingebaut haben. Was aber nicht ewig möglich ist. Hier ein paar Gedanken zur erlernten Sorglosigkeit an der Börse.

Börse: Fast schon ein Jahrzehnt „Whatever it takes“

Dieser legendäre Spruch von EZB-Chef Mario Draghi vor neun Jahren könnte fast ein wenig symbolisch für die Politik der Zentralbanken stehen, auch wenn er eigentlich dafür gedacht war, Spekulanten davor zu warnen, gegen den Euro und auf den Zerfall der Euro-Zone zu wetten. In der Zwischenzeit und viele Anleihekaufprogramme später, ist daraus ein Schutzprogramm für die Aktienmärkte geworden. Immer wenn es wirtschaftlich hakte und die Börse unter Druck geriet, kam die quantitative Lockerung durch die Notenbanken oder auch nur verbale Interventionen. Zwar kaufte die US-Notenbank keine Aktien, aber die Marginalisierung der Kapitalmarktzinsen war der Schutzschirm für die Aktienmärkte.

Aus diesem Umfeld ist ein Teil der „Buy the Dip“-Mentalität an der Börse entstanden, die die lange Rally befeuert hat. Nicht zu vergessen auch das Financial Engineering der S&P 500-Unternehmen, welches sich aber auch aus den niedrigen Kreditzinsen speiste.

Die Großanleger haben diese Situation insbesondere in den Jahren 2015-2019 erkannt und ausgenutzt. Unvergessen der nahezu korrekturlose Anstieg der Aktienindizes im Jahre 2017, vor der großen Steuerreform.

Dann kam Corona mit dem schnellsten Einbruch der Börse aller Zeiten und zugleich dem schnellsten Wiederanstieg der Kurse, mit einer Verdopplung innerhalb von nicht einmal eineinhalb Jahren.

In dieser Zeit geschah etwas Neues, denn der Lockdown und zahlreiche Stimulusschecks brachten Millionen von Neuanlegern an die Börse, Stichwort RobinHooder, die den Großen das Fürchten lehrten.

Man ging große Wetten ein, zunächst mit Call-Optionen auf Dickschiffe wie Tesla (und all den Zwängen für die Market Maker), dann auf Meme-Stocks, sicher auch mit viel Verlusten, aber man blieb schlussendlich stets bei der „Buy the Dip“-Strategie.

Die Jungen erwarben in Windeseile eine „antrainierte“ Sorglosigkeit, was seit geraumer Zeit viele Profis in Erstaunen, aber auch in Verärgerung versetzt. Noch nie hatten es viele Fondsmanager in ihrer Karriere erlebt, dass eine so gefährliche Strategie der Sorglosigkeit so lange ohne gravierende Folgen geblieben ist. Jeder Monat, in dem eine größere Korrektur ausblieb, bestätigte den Privaten, dass sie mit ihrem Verhalten und der Nachkaufstrategie recht hatten. Bei der kleinsten Korrektur kamen stets beschwichtigende Worte seitens der Notenbank, die jeden Kurs-Dip „transitory“ machten. Was insgesamt zu den jetzigen Unterschieden im Anlageverhalten der Profis und in Relation zu den Privaten geführt hat.

Aktuelle Positionierungen

Die Großinvestoren sind sehr skeptisch geworden, die lange korrekturlose Hausse, die korrekturanfällige Jahreszeit, die Probleme mit Lieferketten, die Inflation, die Ausbreitung der Delta-Variante, der Tech-Crash in China, und, und, und…führen zur Vorsicht bei den Profis und zur Absicherung. Im Gegensatz zu den Privaten, die weiterhin sehr euphorisch sind – im Vertrauen auf die Notenbank und auf den Anlagenotstand: Erworbene Sorglosigkeit eben.

Eine interessante Mischung aus Euphorie und Skepsis, die die Kurse an der Börse bisher nicht fallen ließ. Hier noch einmal ein Blick auf das Coronajahr, das voll von Irrungen und Wirrungen gewesen ist, welches viele Neuanleger mangels Erfahrung aber kalt gelassen hat.

Die Börsenphasen seit dem Coronatief

Zunächst einmal die Kehrtwende aus dem Tief am 23. März 2020 um fast 15 Prozent binnen weniger Tage, und um über ein Drittel des vorherigen Einbruchs. Die meisten Börsen-Berichte sprachen von einer Bärenmarktrally, man erlebe doch einen Lockdown mit dem größten Einbruch seit einem Jahrhundert.

Dann die ewigen Beteuerungen, dass es kein V in der Wirtschaft geben könne, die Notenbanken seien doch nicht in der Lage einen Aufschwung herbeidrucken. Ein Irrtum, Q1 und Q2 des laufenden Jahres brachten die größten Gewinnsteigerungen der Unternehmen seit 2011. Viele Neulinge waren in den Markt eingestiegen, man saß zunächst im Lockdown, bekam ungewöhnlich hohe staatliche Unterstützung und die sozialen Medien waren voll von Berichten derer, die den „großen Reibach machten“.

Dann die nächste Phase, die Bestätigung der Entwicklung der Börse, wie gerade erwähnt, bei der letzten Quartalssaison. Viele Anleger bekamen die Bestätigung für ihren Optimismus und fingen an die jüngste Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Was faktisch fast nicht möglich ist, trotz der Konjunkturprogramme stehen wir nicht am Beginn eines neuen Superzyklus, wie nach dem Zweiten Weltkrieg oder wie in Deutschland nach der Wiedervereinigung.

Phase drei sollte die antrainierte Sorglosigkeit in Gefahr bringen. Wenn sich Ereignisse anhäufen, die eine Reaktion der Marktteilnehmer erzwingen. Von welcher Seite diese auch immer kommen mögen: Ob verlängerte Lieferkettenprobleme, weil politisch gewollt, damit zusammenhängende Preissteigerungen und Weiteres.

Vergessen wir nicht, die Börse kann stets um ein Vielfaches schneller agieren als es der Wirtschaft je möglich sein wird. Ein Containerschiff aus China benötigt allein schon zwei Wochen für die Fahrt nach Übersee, für eine Lawine an Verkaufsaufträgen braucht es nur wenige Minuten. Weil es eben auch den Riesenbetrag von über 900 Milliarden Dollar an Wertpapierkrediten (Margin Debt) gibt, der eine Lawinenbewegung auslösen könnte, sollte sich eine Korrektur einmal auf über vier Prozent hinaus ausweiten. Die Beleihungsgrenze der Depot sinkt, es kommen erste Margin Calls, die zu weiteren Zwangsverkäufen führen und so weiter und so fort.

Fazit

Nicht Wenige werden sich die Frage stellen, wann sich diese „Buy the Dip“-Mentalität für die Anleger in eine Falle verwandelt. Vielleicht noch bevor es durch die Federal Reserve zu einer substanziellen Änderung der Geldpolitik kommt, durch Tapering und steigende Kapitalmarktzinsen, die aber auch von sinkenden Inflationsladen begleitet sein müssten, ansonsten bliebe der Realzins noch lange negativ.

Dafür bräuchte es einer weiteren Grundbedingung: Die Stimmung der Anleger – bei Institutionellen und Privaten insgesamt – müsste deutlich optimistischer werden, erkennbar am Fear&Greed-Index und am Put/Call-Ratio, welches auf einem höheren Niveau ständig als Auffangnetz und für so viele kleine erlebte Short Squeezes gedient hat.

Wie könnte eine solche Euphorie entstehen? Dies ist in einem selbstreferentiellen System natürlich nicht seriös zu beantworten, aber es gibt ein paar sinnvolle Antworten. Wenn man glaubt, das Sommerloch überstanden zu haben, oder die Bedrohung durch Corona, aber selbst das Gegenteil davon st möglich. Wenn ein Lockdown die antrainierte Sorglosigkeit ein weiteres Mal steigert, weil man doch im letzten Jahr gesehen hat, dass dann die Geldflut ansteigt, egal wie es in diesem Fall um die Wirtschaft steht.

Wann endet endlich „BTFD“ an der Börse, werden sich Viele fragen, die wie die Profis der Sachlage nicht mehr trauen? Vermutlich, wenn nicht mehr von der Korrektur gesprochen wird..



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