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Börse: Wann ist das (vermeintlich) Kommende eingepreist?

Ein Grundproblem ist der lange Vorlauf der Börse (mehr als 6 Monate): die Kurse steigen, wenn die „Nacht am Dunkelsten“ ist -  und sie fallen, wenn die letzten Rekordmeldungen angeliefert werden

Wieder gibt es in Teilen der westlichen Welt Lockdowns, zwar nicht in der Dramatik des Aprils diesen Jahres, aber sie hinterlassen Spuren in der Wirtschaft sowie in der Psyche vieler Anleger an der Börse. Und wieder steigen die Aktienmärkte, dieses Mal angefeuert von der Aussicht auf die Impfungen, bei gleichzeitiger üppiger Versorgung der Märkte mit Liquidität durch die Notenbanken. Wie war es im Frühjahr 2020? Nachdem im Juni die Erholungszeichen der Konjunktur immer deutlicher wurden, was auch später mit starken Q3-Zahlen bestätigt wurde, war es erst einmal vorbei mit der stürmischen Aufwärtsentwicklung der Börse. Der Dax kam per Saldo ein halbes Jahr sogar nicht von der Stelle. Bis die Erfolgsmeldungen von BioNTech/Pfizer und Co die mittelfristigen Erwartungen deutlich verbesserten.

Die zeitliche Inkongruenz von Börse und Wirtschaft

Ungeachtet der großen Dominanz der Gelddruckmaßnahmen der Notenbanken spielen die Wirtschaftsdaten schon noch eine Rolle. Sonst hätte es im Frühjahr nicht den dramatischen und „bleibenden“ Einbruch von Fluggesellschaften, Kreuzfahrtlinien, Tourismus, aber auch von „Industrials“ geben dürfen, während die „Stay-at-Home“-Aktien haussierten. Erst als man die starke Erholung in China registrierte, sprangen zum Beispiel Automobiltitel an. Als die Impfstoffentwicklung immer realer wurde, kam es zur Auferstehung von Value. Als die Meldung von BioNTech/Pfizer am 9. November kam, explodierte in der Folge „Aviation&Leisure“. Eine dauerhafte Entkoppelung von Wirtschaft und Börse kann es nicht geben, denn sonst hätte es auch keine 250 Staatsbankrotte seit dem Jahr 1800 gegeben, das Ergebnis einer Arbeit von Nobelpreisträger Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart, Chefökonomin der Weltbank.

Ich muss es noch einmal betonen, weil oft die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Börse in der Gänze abgestritten werden: Wir haben für 2021 beim jetzigen Stand ein Kurs-Gewinn-Verhältnis des weltgrößten Index, dem S&P 500 mit über 31 Billionen Dollar Marktkapitalisierung, von 22 und nicht von 200. Natürlich gibt es die Exzesse bei Tesla oder bei vielen IPOs, aber das hat spezielle Ursachen.

Ohne Wirtschaftseinnahmen keine Steuereinnahmen, ohne Steuereinnahmen kein funktionierendes Staatswesen. Wenn das Gelddrucken über die Notenbanken die Lösung wäre, hätte es die besagten Staatsbankrotte nicht geben dürfen.

Ein Grundproblem ist der ewig lange Vorlauf der Börse (mehr als 6 Monate): denn die Kurse steigen, wenn die „Nacht am Dunkelsten“ ist –  und sie fallen, wenn die letzten Rekordmeldungen angeliefert werden. Wie auch oft erwähnt, es gibt auch gelegentlich Fehlausbrüche- oder Einbrüche, besonders bei externen Schocks, die sebst sehr vorausschauende Investoren auf dem Schirm haben können (11. September, Fukushima oder Covid-19). Aber andererseits gab es meines Wissens nach noch keine Rezession, bei der die Börse nicht vorher gefallen wären – und keinen Wirtschaftsaufschwung, bei dem diese vorher nicht gestiegen sind.

Aber und jetzt noch ein weiteres Kuriosum der Börse: Wenn es zu der antizipierten Entwicklung kommt und keine weitere Fantasie entsteht, kommt es regelmäßig zu Gewinnmitnahmen, auch als „Sell on good News“ bekannt.

Warum die jetzige Euphorie an den Märkten?

Es ist seit längerer Zeit natürlich die unaufhörliche Flut des von den Notenbanken geschaffenen Geldes und die Zahl an Konjunkturprogrammen durch die Staaten. Die EU hilft ihren Mitgliedstaaten mit dem Sonderfonds in Höhe von 750 Milliarden Euro, in den USA ist es das aktuelle 5. Paket mit 900 Milliarden Dollar, sowie mögliche weitere im Jahresverlauf 2021. Die Börse steigt einfach linear mit der Geldmenge, wie es Charts unmissverständlich aufzeigen. Vor Kurzem wurde die Frage aufgestellt, woher das Geld bei einer Cashquote von vier Prozent der aktiven Fondsmanager herkommen soll, um die Kurse weiter zu befeuern? Vonseiten der Rettungspakete und der Notenbanken, die den Banken weiter ihre Anleihen abkaufen.

Etwa 12 Prozent an Stimulus durch Staaten und Notenbanken bei gleichzeitiger Zinslosigkeit und über 30 Billionen Dollar an Anleihen mit negativer Realrendite, wo kann Kapital da Rendite erwirtschaften?

Aber die eigentliche Euphorie an der Börse hat eine Hauptursache – die Hoffnung auf Massenimpfungen. Dies ist die Erwartung des Endes von Corona mit all seinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Restriktionen. Was hätte es bei der größten Pandemie des letzten Jahrhunderts, der Spanischen Grippe, an der von 1918 bis 1920 – 25 Millionen Menschen gestorben waren, bei einem Viertel der Weltbevölkerung im Vergleich zu heute – für eine Euphorie gegeben, wenn es 1919 zum Beispiel eine Hoffnung auf einen Impfstoff gegeben hätte?

Daher warne ich schon das ganze Jahr über vor Vergleichen der Corona-Krise mit Wirtschaftskrisen der Vergangenheit. Es gibt keine Blaupause, aber die Vergleiche werden von den Börsenexperten unentwegt aufgestellt.

Die Probleme in der Zukunft

Sollten sich die Wachstumserwartungen realisieren, wäre man mit dem vorausschauenden Börsenblick richtig gelegen, aber was ist mit den Problemen, die diese Krise geschaffen haben? Die Verschuldung, das andauernde Gelddrucken, die irgendwann kommende Inflation infolge dieser wundersamen Geldvermehrung , die am Leben gehaltenen „Zombies“, dass alles bleibt erhalten und wenn dann die Wachstumsfantasie für die Zukunft schwächer wird? Dies sind die Zutaten für schwache Kurse der Börse nach den oben beschriebenen Gesetzmäßigkeiten, trotz brummender Wirtschaft.

Fazit

Auch wenn ich immer wieder betone, dass Markt-Timing nicht funktioniert, wie es zahllose Untersuchungen über Jahrzehnte ergeben haben, in allen Märkten, die Gesetze der Börse kommen irgendwann zum Tragen. Was natürlich sehr gegen die Interessen der Finanzindustrie läuft, deren Einnahmemodell auf den Investmentgebühren beruht, oder der häufigen Umschichtung von Positionen. So bin ich dennoch bereits von kommenden Gewinnmitnahmen überzeugt. Ob gleich, ob im Januar, wie sehr häufig in der zweiten Monatshälfte – oder erst im Februar, who knows?

Dann dürften Anlagenotstand und Fantasie wieder zuschlagen. Aber was das Gesamtjahr 2021 angeht, könnte gerade das Wachstum wieder für eine Überraschung sorgen: Wenn Chinas Wirtschaft mit acht Prozent wachsen sollte, oder die Weltwirtschaft vier Prozent zulegt, die Börse aber trotzdem korrigiert. Weil das Eskomptierte eintrifft und andere Faktoren künftig eine Rolle spielen. Ohne jetzt zu sehr den Propheten spielen zu wollen: 2021 könnte wieder ein überraschendes Börsenjahr werden – aber dieses Mal vielleicht für die Bullen?

Wie weit blickt die Börse in die Zukunft?



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2 Kommentare

  1. Fachlich hochkarätiger Beitrag, dafür besten Dank. Ich vermute, dass die wichtigsten Notenbanker sich mehr oder weniger bei der Geldvermehrung abgesprochen haben, um global keine zu grossen Ungleichgewichte zu riskieren. Aber so wie Deutschland seine Exportergebnisse (siehe Targetsalden) in der EU eigentlich durch Kreditvergaben an Südländer selber finanziert hat, sind auch global Länder in die Schuldenfalle geraten (siehe Seidenstrasse) und werden mit Geldflutung am Zombie-Leben erhalten. D.h. die eigentlich wirklichen Verlierer sind die Mittelschicht dieser Welt und die Arbeiter ohne Sicherung in Sachwerten.

  2. Klar gibt es Absprachen: Alle wichtigen Notenbanken haben seit der Finanzkrise untereinander Swap-Abkommen, unter denen sie sich gegenseitig unbegrenzt Kredit geben. Eine Spekulation z.B. gegen den Euro ist aussichtslos, weil die EZB mit Stützungskäufen reagieren kann und dabei nicht auf die bei ihr vorhandenen Währungsreserven beschränkt ist, sondern z.B. bei der Fed unbegrenzt Dollars bekommen kann, mit denen sie Euros kauft. Dieses Agreement wirkt so abschreckend, dass niemand ernsthaft gegen eine der großen Währungen spekuliert.

    Ohne das wäre die aktuelle expansive Finanz- und Geldpolitik auch unmöglich. An irgendeinem Punkt würden die Finanzmärkte anfangen, gegen die eine oder andere als besonders schwach eingeschätzte Währung zu spekulieren. Und das könnte nur aus den Devisenreserven heraus nicht abgefangen werden, wenn das Misstrauen nur groß genug wäre.

    Die Schwellenländer sind aber m.W. nicht Teil dieses Abkommens. Ein Brasilien oder Indien kann u.U. schon in die Knie gehen, wenn die relevanten Staaten nicht im Einzelfall ein Stützungsprogramm beschließen.

    (Das reichert die Zukunftsperspektiven natürlich um eine explizit politische Frage an: Wird dieses Übereinkunft der großen Notenbanken halten oder schert irgendwann jemand aus? Dieser „Jemand“ wäre realistischerweise die Fed, weil alle anderen stark davon ausgehen müssen, dass die freigesetzte Spekulation gegen sie und für den Dolar liefe.)

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