Indizes

Börsen bewerten Zukunft und liegen gelegentlich falsch – auch dieses Mal? Auf Spurensuche

In zahlreichen Kommentaren habe ich die Funktion der Börsen und ganz besonders des DAX auf die Einschätzung der künftigen Wirtschaftsentwicklung hingewiesen, quasi in Tateinheit mit dem Ifo-Index. Letztes Jahr wurde dies wieder eindrücklich unter Beweis gestellt, als der DAX am 23. Januar seinen Höchststand erreichte und dann bis Dezember stufenförmig absackte, bereits zu einer Zeit, in der kein Institut und kaum ein Analyst noch von Abschwächung sprach.

Aber der DAX ist natürlich auch kein 100 % sicherer Indikator und genehmigt sich das ein oder andere Fehlsignal. So könnte es auch dieses Mal sein, vor allem wenn man sich die aktuellen Wirtschaftsdaten ansieht, aber auch so manchen Frühindikator. Dies gilt insbesondere auch für andere große Volkswirtschaften. Aber gibt es wirklich schon Licht am Ende des Konjunkturtunnels?

 

Erste schwache Signale

Wenngleich die Wachstumsaussichten für Deutschland durch die Institute zuletzt reihenweise bis auf 0,6 % für 2019 abgesenkt worden, so geht man erstaunlicherweise für einen Wiederanspringen der Konjunktur mit einem Wachstum von 1,3 bis 1,8% im Jahr 2020 aus. Also die Fortsetzung des zehn- beziehungsweise elfjährigen Wirtschaftsaufschwungs mit nur eine Delle und ohne Rezession. Reichlich unwahrscheinlich oder? Hier ein paar positive Signale aus den großen Volkswirtschaften.

 

China

Das größte Augenmerk legt man in der Wirtschaftswelt, nicht nur in Deutschland, auf die Entwicklung Chinas, dem großen Wachstumstreiber des vergangenen Jahrzehnts. Nach dem Öffnen der Geldschleusen im Januar in Billionenhöhe, Steuersenkungen und Infrastrukturmaßnahmen durch die chinesische Regierung, gab es tatsächlich einen Schub im Industriebereich aus der Schrumpfungszone.

Der Einkaufsmanagerindex verarbeitendes Gewerbe stieg im März von 49,9 auf 50,8 Punkte, der Dienstleistungssektor von 54,3 auf 54,8 Punkte. Gelingt den Chinesen ein „Soft Landing?“

 

Japan

Nachdem Japan im vierten Quartal mit +0,5% Wachstum eine technische Rezession verhindern konnte, war man natürlich auf die weitere Konjunkturentwicklung der drittgrößten Wirtschaft der Welt gespannt.

Der Einkaufsmanagerindex verarbeitendes Gewerbe stieg im letzten Monat auf 49,2 Punkte, allerdings noch knapp unter der Wachstumsschwelle.

Aus der Sicht der Dienstleistungen gab es kaum Veränderung zum Vormonat 52,0 zu 52,3 Punkte.

 

EU-Zone

Die größten Sorgen machen sich ausländische Investoren derzeit um die EU-Zone. Die Einkaufsmanagerindizes verarbeitendes Gewerbe stagnieren bei 47,5 Punkten (vorh. 47,6), der Index für Dienstleistung stieg aber auf 53,3 (vorh. 47,6 Punkte).

 

Deutschland

Die Industriedaten in Deutschland sind im vergangenen Monat Februar um 4,2% gefallen, die Einkaufsmanagerindizes verarbeitendes Gewerbe stehen tief im Rezessionsbereich. Warum befindet sich die exportlastige deutsche Wirtschaft dann nicht schon in der Phase der Schrumpfung?

Die jüngsten Zahlen des Wirtschaftsministeriums sehen eine Ursache im Bau-Boom. Die Unternehmen steigerten ihre Produktion im Februar unerwartet stark (+0,7%), weil die Baufirmen deutlich mehr herstellten, als Ausgleich für die Flaute in der Industrie. Es sind die hohe Nachfrage nach Wohnungen und die verstärkten öffentlichen Investitionen. Insgesamt ein Produktionsplus von 6,8 Prozent. Unverwüstlich zeigt sich auch der deutsche Einkaufsmanagerindex im Bereich Dienstleistungen mit seinem jüngsten Anstieg auf 55,4 Punkten von 54,9 im Monat zuvor.

Auch der vielbeachtete Ifo Index war nach sechs Rückgängen in Folge im März von 98,7 auf 99,6 Punkte gestiegen. Ökonomen hatten mit 98,5 Punkten gerechnet. Sowohl die aktuelle Geschäftslage als auch die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate fielen besser als erwartet aus. Ein Anstieg allein wird jedoch noch nicht als Trend verstanden, erst ab drei Monaten in einer Richtung wird die Indikation sehr valide.

Und was ist mit Öl, dem Schmierstoff der Weltwirtschaft schlechthin? Bei einem Produktionseinbruch müsste dieser doch auch einbrechen. US-Cruide Oil notierte gestern auf dem höchsten Stand seit Oktober 2018.

Es sind also durchaus ein paar positive Signale an den Konjunkturfronten zu finden, möglicherweise Fehlsignale, aber die Börsen scheinen an diese zu glauben.

 

Fazit

Noch sind sie sehr schwach, die Signale für einen kleinen Aufschwung – ziemlich schwach auf der Brust. Aber ignorieren sollte man die Börsen als Frühindikator nicht, schließlich haben sie in der Vergangenheit einen Konjunkturumschwung öfters richtig erkannt, als umgekehrt.

Allerdings habe ich derzeit noch gewaltige Zweifel am Wiedererstarken der weltweiten Konjunktur, zu sehr haben sich die Effekte des Schuldenmachens von Q1 bis Q3 schon abgenutzt. Eher schon dominiert der Glaube an eine kurze Erholung durch die Notenbankaktionen. Aber was ist, wenn sich die Indikatoren ändern? „When the facts change, I change my mind“, wusste schon John Maynard Keynes. Recht haben zu wollen, wird an der Börse manchmal teuer.



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