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ARD präsentiert die Mär der bösen Finanzmärkte, die für Krisen verantwortlich sind

Ein Trader vor Bildschirmen als Symbol der bösen Finanzmärkte

Kann man es als bigott bezeichnen, oder als Gratismut, wenn man die „bösen“ Finanzmärkte für fast alles Übel auf diesem Planeten verantwortlich macht? Und wenn man damit auch gleichzeitig dem „bösen“ Westen direkt die Schuld geben kann für Flüchtlingsströme und Kriege? Es ist ein einfach zu machender Vorwurf. Denn in der Tat, es gibt sehr viele negative Auswirkungen von zum Beispiel hohen Lebensmittelpreisen, die durch steigende Warenterminpreise an Börsen in Chicago und London verursacht werden. Anhand vieler Anhaltspunkte ist es sehr einfach und wohltuend diesem „Feind“ die Schuld an zahlreichen Problemen zu geben.

Aber ist dem so? Die ARD hat gestern Abend eine 81 Minuten dauernde Dokumentation veröffentlicht mit dem Titel „Boom und Crash – Wie Spekulation ins Chaos führt“. Beim Anklicken an dieser Stelle können Sie diese Dokumentation ansehen. Die dort erhobenen Vorwürfe sind glasklar und unzweideutig. Die ungehemmte Spekulation der Finanzmärkte habe die Terminmarktpreise für Agrarprodukte gepusht, und damit auch die Lebensmittelpreise für Verbraucher massiv in die Höhe getrieben, und damit Revolten und Revolutionen in vielen arabischen Ländern verursacht.

Nur Finanzmärkte sollen schuld sein an Kriegen und Flüchtlingswellen – sonst gar nichts?

Bevölkerungsexplosion, fehlende Bildungschancen, eine in vielen Ländern nicht vorhandene Export- oder Schwerindustrie, und in dessen Folge einfach zu wenig Jobs für eine viel zu stark anwachsende Bevölkerung – zu solchen problemverursachenden Aspekten sagt die Doku mit keinem Wort etwas. Nein, es ist alles die Schuld der Finanzmärkte, dass es in vielen Ländern Revolutionen gab, und auch dass die Menschen als Flüchtlinge nach Europa kommen. Korrupte Regierungen, keine existierenden Sozialsysteme, keine Jobchancen für junge Leute vor Ort – diese Gründe für die Fluchtwelle werden ebenfalls mit keinem Wort erwähnt. So einfach wird aus einer einseitigen Weltsicht eine Doku in der ARD, mit der man so tun kann, als seien die dort präsentierten Fakten die objektive und vollständige Wahrheit.

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Der Dokufilmer bastelt sich seine Doku, so wie sie offensichtlich in sein Weltbild passt. Die Finanzmärkte sind böse, sie müssen schuld sein. Eine einfache Lösung für zahlreiche Probleme. Sozialismus, Misswirtschaft, Korruption, Überbevölkerung? Nein, die Finanzmärkte müssen schuld sein. Meiner Meinung nach ist das eine viel zu einfache und einseitige Abwälzung von komplexen Problemen auf nur einen Schuldigen! Dass so eine völlig einseitige Doku veröffentlicht wird in der ARD, das darf man schon mehr als kritisch betrachten. Denn man könnte als Zuschauer glatt auf die Idee kommen, dass der Doku-Filmer recht hat. Denn geschickt zeigt er ständig arme und hungrige Menschen, Flüchtlingsströme und Kriege, und bringt es ständig in Verbindung mit dem bösen Finanzsystem. Es ist verführerisch an diese einfache These zu glauben. Aber so einfach ist die Welt eben nicht.

Venezuela im Chaos nur wegen niedrigem Ölpreis?

Die Doku bespricht auch die Nahrungsmittelkrise in Venezuela an. Und siehe da. Der Doku-Produzent ist sich vollkommen sicher – die Finanzmärkte sind schuld, dass Venezuela ins Chaos stürzte, und dass dort die Supermarktregale leer sind. Und diese Logik geht so. Der Ölpreis war jahrelang von den Spekulanten hochgetrieben worden. Die Regierung von Venezuela versäumte es alternative Industrien aufzubauen, und so stand man vor leeren Regalen im Land, als der Ölpreis crashte. Denn ohne die hohen Öl-Einnahmen konnte das Land mit seinen Devisen im Ausland keine Lebensmittel mehr einkaufen. Dass die sozialistische Regierung mit ihrer Planwirtschaft der Hauptschuldige an den katastrophalen Zuständen im Land ist, das erwähnt die Doku nur am Rande. Hauptschuld seien aber die bösen Finanzmärkte und in diesem Fall halt die niedrigen Ölpreise. Das Problem am dem in der Doku erläuterten Szenario für Venezuela ist aber: Die ab dem Jahr 2014 auf 40 Dollar gecrashten Ölpreise lagen vor 2005 jahrelang auch unter 40 Dollar. Von daher hätte die Lebensmittelknappheit logischerweise vor 2005 auch so groß sein müssen wie ab 2014? Und auch Saudi-Arabien ist völlig abhängig vom Ölverkauf. Dort waren die Supermarktregale aber seit dem Öl-Crash 2014 weiterhin prall gefüllt, anders als in Venezuela. Folgt man der Logik der Doku, hätten auch dort die Regale leer sein müssen.

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8 Kommentare

  1. Hab‘ mir mal angesehen, das ist an den meisten Stellen nur schwer zu ertragen was man das zugetragen bekommt.
    Keine Ahnung was da den einen oder anderen geritten hat? Evtl. war’s auch nur ein Wettbewerb mit CCTV wer weiß das schon, immerhin hat man ja das geostrategische, politische und finanztechnische Terrain (vermutlich?) wohlwollend abgearbeitet.
    Viel beängstigender ist das wahrscheinlich mehr als 99% der Zuschauer das Credo und die realen Fakten nicht auseinander halten können – um hier jetzt nicht mit dem bösen P-Wort zu spielen, ich will hier nichts unterstellen da ich die reale Intension der Macher nicht kenne !
    Das fiese ist nur, man könnte glatt auf die Idee kommen das freie Märkte Tod und Teufel sind.
    Also ab in Planwirtschaft, ääääähhhh …. ach ’neeee, hat man uns früher nicht beigebracht das gibt’s nur im bösen Osten … hm … bin jetzt selbst ganz durcheinander …

  2. Sehr gut analysiert Herr Kummerfekld!

  3. Was will die ARD, wenn sie Dokus aus dem Geist des „Schwarzbuch des Kapitalismus“ produziert? ‚Erkenntnis und Interesse‘ sind eigentlich ein altlinkes Thema. Um 1968 herum hatte Habermas ein Buch mit gleichnamigen Titel veröffentlicht. Damals freilich waren die Systemmedien noch konservativ und nicht linksradikal. Warum pushen die ÖRR nun die Linken? Könnte es vielleicht damit tun haben?

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/oeffentlich-rechtlicher-rundfunk-cdu-experten-wollen-ard-und-co-privatisieren-a-c00ec550-71fa-4203-b247-84f59a5b9409

  4. Die Lösung: Keinen Rundfunkbeitrag zahlen. Auf jeden Fall Lastschriftmandat sofort kündigen.
    Im Internet stehen viele Möglichkeiten geschrieben, die beste Variante ist ein „Härtefallantrag“, der sollte sehr gut begründet und persönlich sein. Ich fahre schon so seit über anderthalb Jahren, andere habens schon 2013 erkannt.

    Kein Mensch hat das Recht über einen anderen Menschen zu herrschen. PUNKT!

  5. Ach du dickes Ei. Wo fängt man da an ? Das ist wie beim Fussball ,man sieht immer nur den letzten Akteur,
    der die entscheidene emotionale Aktion durchführt(Schuss=Tor). Aber die tatsächlich entscheidenden Aktionen vorher ,werden mangels Fachwissen,ignoriert. Propaganda ist das sowieso oder hat nach dem Film Jemand verstanden,warum das alles so passiert wie es passiert(die Motive der Akteuere)?.Nein. Öffis sind der kostenlose Erfüllungsgehilfe für die EU-Hintergrundfinanciers um ihr Framing beim EU-Hauptkreditermöglicher durchzukriegen. Corona zeigt es doch von Vorne bis Hinten, unwissenschaftlich und nicht mathematisch,doch trotzdem kriegen sie es durch.Der Hauptrick der immer benutzt wird ist die Basiskonstante auf die die Kernaussage bezogen wird ,wird irreal verändert und alle sagen guckst du ,die Mathematik stimmt doch ! Ich könnte hier eine Liste reinstellen ,die wäre extrem lang.Sogar bei der
    HPV-Krebsvorsorgeuntersuchung (ja genau Thema hat hier garnix verloren) wird das im Bezug aufs Risiko angewendet . Weil der Durchschnittsmensch das überhaupt nicht überprüfen kann ,deswegen funktionierts.

  6. Sehr geehrter Herr Kummerfeld,

    in letzter Zeit fällt eine Häufung von Artikeln auf, in denen Sie eine extrem gefilterte, einseitig bewertende und oft schlichtweg falsche Zusammenfassung von Dokumentationen wiedergeben. Hierbei handelt es sich vor allem um Reportagen der ARD. Vor nicht allzu langer Zeit stand ein Bericht über die links-regierte brasilianische Stadt Maricá unter Beschuss, weil es Ihnen nicht gefallen hat, dass eine sozialistische Regionalregierung die Einnahmen aus Ölförderung zum Wohle der Bevölkerung einsetzt, ein stabiles Sozial- und Gesundheitssystem aufbaut und eine breitgefächerte Wirtschaft neben der Ölförderung etabliert.

    Im vorliegenden Fall mokieren Sie nun eher das Gegenteil: Sozialismus, Misswirtschaft und Korruption, eine in vielen Ländern nicht vorhandene Export- oder Schwerindustrie – zu solchen problemverursachenden Aspekten sagt die Doku mit keinem Wort etwas. Dies ist eine dreiste Lüge und stellt eine völlige Verfälschung genau dieser im Film immer wieder bekräftigten und mehrfach wiederholten Ursachen dar. Die Doku gibt nicht primär Börsen oder Spekulanten die Schuld, sondern untersucht hoch komplexe Zusammenhänge wie den Schmetterlingseffekt aus der Chaostheorie und das Phänomen des Ressourcenfluchs. Spekulationen sind dabei ein mit entscheidender Teil unter vielen, werden aber nie als alleinige oder hauptsächliche Ursache benannt. Es geht um altbekannte und historisch belegte Wahrscheinlichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit von Unruhen und Bürgerkriegen erhöht sich bei steigenden Lebensmittelpreisen, die von Kriegen bei steigenden Öl- und Gaspreisen.

    Nachfolgend ein kurzer Abriss mit zusammenfassenden Aussagen aus der Doku:

    Minute 06:22 (Arabischer Frühling)
    Korruption, Unterdrückung und Arbeitslosigkeit schwelten in Tunesien seit Jahrzehnten. Die hohen Lebensmittelpreise waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, nicht aber ursächlicher und alleiniger Auslöser.

    Minute 33:15 (Ressourcenfluch):
    Man ist sehr stark abhängig von einem Rohstoff, vom Export. Man bekommt sehr viele Devisen, die eigene Währung wird aufgewertet, das heißt die Wettbewerbsfähigkeit der anderen Sektoren sinkt dadurch. Gleichzeitig investiert man auch weniger in die anderen Sektoren, denn man hat ja diese eine, wunderbare Quelle, die so viel Geld generiert. Steigende Einnahmen, die von alleine ohne eigene Leistung sprudeln, sowie Korruption führen zu Diktatur, ungerechter Verteilung hauptsächlich an Unterstützer des Systems, zu mafiosen Regierungsstrukturen und noch mehr Korruption. Gibt man autoritären Regierungen mehr Geld, geben sie es nicht für das Wohlergehen der Bevölkerung aus, sondern für den Erhalt ihrer Macht.

    Minute 34:30 (Autoritäre Regime, Militärausgaben, Ukraine)
    Sie schreiben: So ziemlich alles Schlimme auf diesem Planeten versucht der Dokumentarfilmer mit den von Spekulanten beeinflussten Agrarpreisen an den Finanzmärkten in Verbindung zu bringen. Sie seien die Hauptschuldigen. Sogar den russischen Angriff in der Ostukraine bringt er damit in Verbindung.
    Eine weitere dreiste Lüge und unseriöser Journalismus.
    Tatsächlich geht es um die Korrelation der Aufstockung von Militärausgaben autokratischer Herrscher bei sprudelnden Einnahmen durch Öl oder Gas am Beispiel Russlands. Und um das Interesse an den Öl- und Gasvorkommen auf der Krim und in der Ostukraine. Mit Agrarpreisen hat dieser ziemlich lange Abschnitt nicht das Geringste zu tun und erwähnt diese auch nicht mit einem Wort.

    Minute 47:35 (Venzuela)
    Der renommierte und durchaus neoliberale Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs schildert ganz genau, wie er schon vor Jahrzehnten zu Zeiten des Ölpreisbooms den Präsidenten gewarnt und Zusammenhänge erläutert hatte. Es gab die eindrückliche Empfehlung, die sprudelnden Einnahmen zu nutzen, um die Wirtschaft breit aufzustellen, statt sich nur auf Öl zu stützen. Misswirtschaft und völlige Abhängigkeit vom Ölexport wird ganz klar den korrupten Politikern zugeschrieben.

    Minute 1:01:00 (Afrika, Klimawandel)
    Landflucht durch Dürren und Missernten führt zu Urbanisierung, Leute, die sich zuvor selber von Landwirtschaft ernährten, müssen nun Geld verdienen, um Lebensmittel zu kaufen. Lebensmittel kosten in großen Teilen Afrikas aber 50 und mehr Prozent des Einkommens, was zu Hunger, Armut und Unruhen führt. Satellitendaten (Hitze, Dürre, Stürme) werden an den Algo-Börsen benutzt, um Rohstoffspekulationen anzuheizen.

    Die Doku betont wieder und wieder das Problem, dass Wirtschaften in Schwellen- und Drittländern oft nur von einem Rohstoff abhängig sind (Kaffee, Öl) und keine Export- und produzierende Industrien besitzen. Wie ein roter Faden zieht sich das Argument von Anfang bis Ende durch die gesamte Länge des Films, dass Klimawandel, Missernten, Korruption, politisches Versagen und die Abhängigkeit von einem Rohstoff immer am Anfang stehen und von Preisspekulationen am Ende nur noch verstärkt werden.

    Herr Kummerfeld, ich weiß ja nicht, ob Sie während des TV-Konsums nebenbei noch Zeitung lesen, am Handy spielen oder FMW-Artikel schreiben und so nur sehr selektiv heraushören, was Sie auch hören wollen, was also in Ihr Weltbild passt. Oder ob Ihre Neutralität und Ausgewogenheit schon bei der Nennung des Namens ARD zu erodieren beginnen. Mit einem neutral berichtenden Journalisten hat das ebenso wenig zu tun, wie Sie es dem Autor der Doku absprechen.

    1. @leftutti, sehr gut analysiert!
      @ninive, Kummerfekld? Kummerfaked? Kummerfakl?
      @Jan, Die Lösung: Keinen Rundfunkbeitrag zahlen. Auf jeden Fall Lastschriftmandat sofort kündigen. Klasse Lösung, was auch sonst. Löst alle Probleme. PUNKT!

  7. Ich kann die nervöse Aufgeregtheit des Autoren Kummerfeld nicht nachvollziehen. Sein Artikel ist ein Kommentar und rein persönliche Meinung, was selbstverständlich völlig legitim ist. Dies sollte nur auch dementsprechend gekennzeichnet sein.

    Der Verfasser der ARD-Doku erinnert an den unseligen Commodity Futures Modernization Act von 2000. Danach darf seitdem jeder Depp unbegrenzt mit Rohstoffpreisen handeln und die Grundnahrungsmittelpreise in die Höhe treiben, um sich zu bereichern. Das elementarste Grundrecht und Primärbedürfnis von Milliarden Menschen wurde damit als letzte Schranke der sog. Freiheit der Märkte geopfert. In solchen Sektoren haben freie Märkte und Deregulation meiner Ansicht nach nichts verloren. Ebenso wenig übrigens in der Privatisierung von Wasserrechten, einem Markt, den die freien Hemmungslosen relativ unbeachtet seit Jahren infiltrieren und der uns in den kommenden Jahren noch massiv beschäftigen wird.

    Die Doku mag sicherlich eine gewisse moralische Färbung enthalten. Warum auch nicht, wenn es um Leben und Tod, um ein paar Gramm Mehl und Teig bei real ausreichendem Angebot geht. Sie ist aber sicher keine sozialistische Weltsicht der ARD oder eine einseitige Kritik und Schuldzuweisung an den Finanzmärkten. Sie zeigt vielmehr die Komplexität und den Irrsinn einer zusehends global vernetzten Welt auf, in der es viele Verlierer und wenige Profiteure gibt. In der virtuelle Spekulation auf alles, was nicht bei Drei auf dem Baum ist, und einfache Realität zusehends weiter auseinanderdiften.

    Nach etwa einer halben Stunde in der Doku würde Herr Kummerfeld in unruhiges Fahrwasser geraten. Eigentlich in den Untergang. Hätte er sie nur konzentriert und aufmerksam weiter verfolgt. Würde und müsste er zumindest, ich gehe aber davon aus, dass er seinen Meinungs-Artikel bis dahin längst ungeprüft verfasst hatte. Denn ab hier beginnt er zu fantasieren, unlogische Lücken zu kitten und sein eigenes Weltbild als Wahrheit zu präsentieren. Sein Artikel glänzt wie so oft mit überzeugend-provokativer Sprache und übertüncht dynamisch-oberflächlich die völlige Absenz eigener Argumente.

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