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Brexit – diese Wahrheit wird Ihnen verschwiegen

Sind die Briten vielleicht doch nicht so dumm – sondern haben die existenziellen Konstruktionsfehler der Eurozone frühzeitig erkannt?

Hannes Zipfel

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am

Beim Brexit handelt es sich nicht um einen Unfall der Geschichte. Neben der knappen Mehrheit des britischen Wahlvolks will auch diese, weit über Großbritannien hinaus sehr einflussreiche Persönlichkeit die Unabhängigkeit vom Euro und von Brüssel – aus einem sehr guten Grund.

Dieser Fakt zum Brexit ist vielen Deutschen unbekannt

Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich aufgeklärte deutsche Medien, Wirtschaftsverbände und  Politiker über britische Bürger und Politiker, die den Brexit befürworten, lustig machen. Doch wie sagt die Redensart so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Ja, der Wegfall der Freihandelsprivilegien mit der EU wird ein äußerst harter Schlag für die britische Wirtschaft. Besonders die für den Großraum London bedeutende Finanzindustrie wird ihren Zugang zum wichtigen EU-Markt völlig neu aufbauen müssen – Massenabwanderungen von Finanzinstituten inklusive. Wahr ist auch, dass die britische Automobilindustrie bereits jetzt dem Tode geweiht ist und durch einen harten Brexit endgültig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde.

Versorgungsengpässe, Preisanstiege, Arbeitsplatzverluste, ein explodierendes Staatsdefizit sowie die weitere Abwertung des britischen Pfunds wären ebenfalls zu erwarten. Genauso wie viele noch nicht prognostizierbare Folgeeffekte auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – bis hin zu extremen Separationsbestrebungen Schottlands.

Diese gravierenden Folgen eines harten Brexit wären aus Sicht Brüssels sogar ein nicht ganz unwillkommenes Warnsignal an alle anderen Mitgliedsstaaten, sich tunlichst nicht mit Austrittsgedanken zu beschäftigen. Doch nehmen die Briten diese unvermeidlichen Entbehrungen auf sich, nur um in Empire-Nostalgie zu schwelgen, Migration selbst zu kontrollieren, sich dem Diktat Brüssels zu entziehen und vordergründig etwas Geld zu sparen? All das spielt mit Sicherheit eine Rolle und viele Briten sind diesbezüglich mit Sicherheit auch naiv und desinformiert. Dazu kommt die Tatsache, dass die Briten innerhalb der EU Ausnahme- und Sonderregeln genießen, z. B. bei den Mitgliedsbeiträgen oder der Mitbestimmung.

Oberflächlich betrachtet macht der Drang des Königreichs raus aus der EU also keinen Sinn.

Nachdenklich machen sollte in diesem Zusammenhang aber folgende, hierzulande weitgehend unbekannte Tatsache: niemand geringeres als Queen Elisabeth II., Staatsoberhaupt Großbritanniens und 16 weiteren Staaten des Commonwealth, Oberhaupt der 53 Mitgliedsstaaten des Commonwealth of Nations sowie Oberhaupt der Staatskirche Englands, hat sich gewollt oder ungewollt in die Entscheidungsfindung zum Brexit eingemischt.

Öffentlich und massenwirksam teilte die Zeitschrift The Sun aus dem Medienimperium von Rupert Murdoch am 9. März 2016 dem britischen Wahlvolk die Präferenz ihrer Königin mit: Die Schlagzeile lautete: „QEEN BACKS BREXIT – EU going in wrong direction, she says“. The Sun zitiert in der Ausgabe ein Gespräch zwischen dem stellvertretenden Premierminister Nick Clegg und der Queen, in dem sie bereits im Jahr 2011 die Notwendigkeit eines Ausstiegs aus der EU deutlich machte. Die Verbreitung dieses Gesprächsinhaltes verstieß zwar gegen britische Presseregeln und gilt als manipulative Indiskretion, am Wahrheitsgehalt hielt der Herausgeber der einflussreichsten britischen Tageszeitung aber gegen alle Kritik fest.

Wiederholt hatte die Queen sogar bis einen Tag vor der Brexit-Abstimmung gegenüber Teilen der Wirtschaftselite Großbritanniens ihren persönlichen Standpunkt klar gemacht und mehrfach die Frage in den Raum gestellt: „Nennen Sie mir drei gute Gründe für den Verbleib in der EU“. Sie machte auch in Gesprächen mit ihrem Biografen klar, dass das Vereinigte Königreich sich von der EU weitestgehend unabhängig machen muss. Am 23. Juni 2016 sprachen sich 51,89 Prozent der Wahlberechtigten Briten für den Brexit aus.

Brexit – die Flucht nach vorn

Machtpolitisch steht hinter dem Brexit-Wunsch des britischen Königshauses ein ganz klares Szenario: Für Großbritanniens Zukunft ist es entscheidend, so schnell wie möglich und so viel wie möglich ökonomischen und politischen Abstand zum Ground Zero des unvermeidlichen Zusammenbruchs der EU zu gewinnen.

Dass dieser Plan mittelfristig funktionieren kann, hat man empirisch bereits während des Höhepunktes der Eurokrise nachweisen können, als im Juni 2015 Griechenland nach dem „Oxi“ der Griechen zu Europa in dem von Alexis Tsipras initiierten Plebiszit das Land kurz vor dem Grexit stand: Das mit Abstand meiste griechische Fluchtgeld floss nach Großbritannien und in das Pfund – noch weit vor der Schweiz und Deutschland. Mit der weltweit höchsten Eigentumssicherheit, basierend auf der Magna Carta, könnte Großbritannien in nicht allzu ferner Zukunft zum sicheren Hafen Nummer eins für Vermögende in ganz Europa werden.

Fazit

In der heutigen Moderne ist kurzfristiges Denken und sofortiger Nutzen der propagierte Mehrwert. Nachhaltigkeit wird oft nur als Buzzword eingesetzt und nur in den Bereichen, in denen es gerade opportun erscheint. Meine Annahme kann völlig falsch sein, aber ich traue es den britischen Eliten zu, die existenziellen Konstruktionsfehler der Eurozone frühzeitig erkannt zu haben, wie viele Bürger dieses Landes und selbst ein Teil unserer Politiker. Würde man Mario Draghi, unseren obersten Geldpolitiker, fragen, ob er an die Überlebensfähigkeit des Euro glaubt, würde er vermutlich antworten: Ja, aber nur mit einer ständig höheren Dosis Notfallmedizin. In diesem Lichte gesehen sind die Briten vielleicht doch nicht so dumm, wie sie aktuell gern und oft dargestellt werden – mittelfristig betrachtet.

Der Brexit könnte sich für Großbritannien mittelfristig als gute Idee erweisen

8 Kommentare

8 Comments

  1. Avatar

    Kritisch on fire

    27. August 2019 18:42 at 18:42

    Hervorragende Analyse und liegt in vielen Teilbereichen exakt auf meiner Linie und Meinung, wie ich schon mehrmals hier kundgetan habe. Die These über das GBP als „sicheren Hafen“, eventuell als Pendent zum JPY, kann ich ebenfalls etwas abgewinnen.
    Der Brexit wird kommen und die Briten wesentlich weniger schädigen als den Rest der EU, vorallem dem EURO-Raum denn diese „Fehlkonstruktion“ wird einbrechen wie die Morandi Brücke in Genua.

  2. Avatar

    franko33

    27. August 2019 19:03 at 19:03

    Einer der ersten guten Kommentare zu GB.
    Schon vor Monaten hatte ich diese Ahnung,die die meisten „Entscheider“zu denen ich
    mich leider nicht zählen kann,die Vermutung der meisten long term Trader zu bestätigen,
    daß „on the long run“ GB sich richtig entschieden hat.
    Also sich rechtzeitig vor der „Implosion“des EUR aus dem Wirtschaftsraum zu verabschieden.
    Besser man hält die Verluste vor einer Megakrise klein,um nachher wieder überproportinal
    davon zu profitieren ? (Vielleicht als „safe haven ? Die Bevölkerung in GB mußte in den letzten 100-150 Jahren öfters extrem leiden,der Unterschied von Arm/Reich ist sehr extrem.
    Doch die Briten augrund Ihrere Erfahrungen im Commenwealth,sowie als Finanzzentrum
    der Welt (City of London) sind bestimmt nicht blöd.

    • Avatar

      Lars

      27. August 2019 22:06 at 22:06

      Jedes Kleinkind in der Schweiz lacht sich vermutlich scheckig, wenn es von der Umsetzung eines Referendums im Königreich hört oder liest. Spätestens nach Ablauf der ersten Frist nach zwei Jahren völliger Untätigkeit und Hilflosigkeit Ende März 2019 war diese sog. Volksabstimmung hinfällig, weil sich keine parlamentarischen Vertreter für eine Umsetzung finden konnten und wollten. Zudem hat sich in und nach dem mehr als ausreichenden Zeitraum eine Mehrheit der Bevölkerung gegen einen Brexit entschieden.

      Das Vereinte Königreich hat der Welt seinen einzigartigen Status als globaler Geisterfahrer auf der falschen Fahrbahnseite beeindruckend dargelegt. Respekt auch vor der Meinung einer fast 100 Jahre alten Queen. Nachdem aber Könige und Parlamentarier völlig versagt und bindende Fristen versäumt haben, würde ein wahrer Demokrat die alte Volksabstimmung als gescheitert betrachten und einfach nochmals nachfragen.

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    Leviathan

    27. August 2019 19:22 at 19:22

    Chapeau Herr Zipfel… das Königshaus und die City spielen eine große Rolle.
    Und die Konstrukteure der Eutanic wissen wo die Schwachstellen sind.

  4. Avatar

    Michael

    27. August 2019 19:59 at 19:59

    All diese Artikel und Kommentare haben einen fast schon amüsanten und suggestiven Unterton, der vor allem eines zu kommunizieren versucht: Europa ist aufgrund existenzieller Konstruktionsfehler dem Untergang geweiht. Probleme existieren ausschließlich in Europa, während die Restwelt unbeschadet in Reichtum, Wirtschaftswachstum und fern jeder humanitären, politischen, ökonomischen und ökologischen Krise schwelgt.

    In Nordamerika läuft alles rund, in Südamerika sowieso. Afrika gedeiht, Russland prosperiert. Es gibt kaum Probleme im nahen und mittleren Osten, in Indien und seinen Nachbarstaaten ist alles in bester Butter. Südostasien und China lächeln freundlich weiter.

    Wer glaubt, dass die Schere zwischen Reich und Arm und eine zunehmende Amerikanisierung in GB nach dem Brexit nicht noch weiter eskalieren wird, ist ein beneidenswerter Träumer. Wer in Artikeln über die mittelfristige Entwicklung spekuliert, muss auch die Möglichkeit einer mittelfristige Änderung in der EU-Politik und -Konstruktion in seine Erwägungen einbeziehen, die durch Nachahmereffekte im Falle eines „erfolgreichen“ Brexits losgetreten werden könnten.

    Bis dahin kümmern wir uns um unsere wirklichen Probleme: 20 Millionen unkontrollierter Flüchtlinge aus dem Osten, 40 Millionen aus dem Süden, noch viel schlimmer, eine einzelne Greta aus dem Norden, und jetzt auch noch der Wolf. Was bleibt da noch als Ausweg? Der goldene Gelb-Westen.

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    Columbo

    27. August 2019 20:06 at 20:06

    Bitte beim so in Mode gekommenen EU Bashing nicht vergessen, daß die ganz großen Player besonderes Interesse am Auseinanderbrechen der EU und des Euro haben. Die arbeiten gezielt darauf hin und wir, man verzeihe mir den Ausdruck, wir Blöden fallen auch noch darauf herein und zerstören in vorauseilendem Gehorsam alles, was die Großen zerstört haben wollen. Praktisch für sie, sie brauchen es nicht mehr selber tun. Brave Briten, Trumps Lob ist ihnen gewiß.
    Und die bösen Anderen wollen und wollen einfach nicht austreten.
    Das erinnert mich irgendwie an was. Was war es nur? Ah ja, damals wars umgekehrt, die Bösen wollten und wollten nicht beitreten.

  6. Avatar

    Torsten

    27. August 2019 22:38 at 22:38

    Nicht China, Indien oder Amerika werden das 21. Jahrhundert dominieren, es wird meiner Meinung nach Europa sein.
    Nach dem Brexit wird United Kingdom zerfallen, Schottland wird sich lösen und langfristig der EU beitreten.
    Nordirland wird sich langfristig mit Irland wieder vereinigen.

    Ich liebe Europa und den Euro. Und den Euro gibt es noch in 100 Jahren nur mit noch mehr Ländern. Alles wird gut.

    • Avatar

      leftutti

      27. August 2019 23:12 at 23:12

      @Torsten, niemand kann wissen, wer ein Jahrhundert politisch oder wirtschaftlich dominieren wird. Nehmen wir doch einfach das 20. Jahrhundert, wer hatte da zu Beginn schon die Nazis, die Amis, die Atombombe, die Teilung der Welt, den kalten Krieg, die Gleichberechtigung von Sklaven und Frauen oder die globale Vernetzung auf dem Schirm?

      Aber eines kann ich Ihnen garantieren: Umwelt- und Klimaprobleme mit einer massiven Verstärkung der heute schon bekannten Auswüchse werden das Jahrhundert dominieren, wenn die Menschheit nicht ganz schnell in globaler Zusammenarbeit reagiert und umdenkt: Stürme, Starkregen, Hagel, Überschwemmungen, Anstieg der Meeresspiegel, Hitze, Dürren, Erdrutsche, Feuersbrünste, Artensterben, Seuchen, Pandemien und unvorstellbare wirtschaftliche und gesellschaftliche Schäden.

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Finanznews

Aktienmärkte: Der Glaube stirbt zuletzt – aber er stirbt! Marktgeflüster (Video)

Markus Fugmann

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Die Aktienmärkte heute wieder einmal mit einem starken Start – aber dann bröckelten die Gewinne wieder ab. Nach wie vor dreht sich alles um den Stimulus in den USA – nach erneut optimistischen Aussagen waren es dann Aussagen von Goldman Sachs, die die Euphorie bremsten. Dann wieder optimistische Aussagen von Nacy Pelosi – es ist derzeit ein Hin- und Her für die Aktienmärkte ohne klare Richtung, je nach Nachrichtenlage. Dennoch: eine Einigung wird vor der Wahl extrem schwierig, aber der Glaube stirbt bekanntlich zuletzt. Der Fokus richtet sich nun auf die morgige Debatte zwischen Trump und Biden. Der Dax dagegen bleibt weiter auffallend schwach..

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Indizes

Dax: Die Korrektur dürfte sich ausweiten – Schwergewichte schwächeln

Redaktion

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Der Dax handelt inzwischen deutlich unter der 13.000er-Marke – auch heute wieder ist der deutsche Leitindex unter Druck. Auffallend sei, so die Commerz-Bänkerin Petra von Kerssenbrock, dass die ehemals schwachen deutschen Auto-Werte stärker geworden seien, während das Schwergewicht SAP (wie der Tech-Sektor als vermeintlicher Coorna-Gewinner insgesamt) unter Druck stehe. Daher erwartet von Kerssenbrock sowohl zeitlich als auch „räumlich“ eine Ausdehnung der Konsolodierung beim Dax.

Und wie sieht es bei den US-Indizes aus? Dazu ein Blick auf den S&P 500 und den Technologie-Index Nasdaq:

Der Dax ist derzeit schwächer als die US-Indizes

Foto: Deutsche Börse AG

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Aktien

Aktienmärkte: Buy and Hold – nach wie vor im Vorteil?

Das Thema ist so alt wie die Aktienmärkte selbst: sollten man Aktien kaufen und liegen lassen – oder viel aktiver kaufen oder verkaufen? Ein Blick in die Geschichte

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Das Thema ist so alt wie die Aktienmärkte selbst: Man wählt einen Korb aussichtsreicher Aktien aus und handelt diese aktiv, indem man sie bei Unterschreiten von Limits verkauft, um bei den immer wieder auftretenden Korrekturen nicht dabei zu sein. Das Problem ist, dass zwar die Zahl der Korrekturen der Aktienmärkte zugenommen hat – aber eben auch die raschen, gegenläufigen Bewegungen, was ein grundsätzliches Problem darstellt. Man ist vielleicht rechtzeitig ausgestiegen, aber nicht mehr rechtzeitig zurückgekehrt. Der Corona-Crash lässt grüßen. Hierzu ein paar Fakten.

Aktienmärkte: Der langfristige Anlagestil

Buy and hold, als Strategie, dies wurde jahrzehntelang von Warren Buffett zelebriert, der seine Aktien im Schnitt 11 Jahre gehalten hat. Und vom unvergessenen André Kostolany – zumindest gilt dieses Adjektiv für die etwas ältere Anlegergeneration, schließlich ist der aus Ungarn stammende Spekulant bereits im Jahre 1993 verstorben. Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen und dann reich werden, über diesen Spruch schmunzelt man noch heute.

Aber kann man im Zeitalter des fast gebührenfreien Daytradings und der ständig verfügbaren Information da noch mit den Märkten mithalten? Spontan könnte man mit einem „niemals“ antworten, aber ganz so einfach gestaltet sich die Sache nicht.

Der immerwährende Versuch des Markttimings

Es gibt heutzutage keine Wirtschafts- und Börsenpublikation, in der nicht die langen Zeitreihen (Charts) von Aktien und Indizes abgebildet sind. Mit den tiefen Einbrüchen und den ständig unterbrochenen Aufwärtstrends der Aktienmärkte. Da muss es doch möglich sein, ein paar Zusatzprozente zu ergattern. Tatsächlich wird dies auch ständig versucht: lag die Haltedauer von Aktien vor 30 Jahren noch bei circa zwei Jahren, so hat sich dies in der heutigen Welt der Onlinebroker im Schnitt mindestens geviertelt. Dies gilt weltweit.

Klar, dass damit die Ausschläge (Volatilität) der Aktienmärkte zugenommen haben.

Statistiken zeigen, dass von den 20 größten Verlusttagen seit dem Beginn des Wirtschaftswunders in Deutschland allein zehn seit der Jahrtausendwende stattgefunden haben. Der größte Einbruch der Aktienmärkte war merkwürdigerweise nicht der schwarze Montag, am 19. Oktober 1987, mit dem Kursmassaker an der Wall Street. Der 9,39 Prozent-Tagesverlust rangieren nur an vierter Stelle, Nummer eins ist der 16. Oktober 1989 mit minus 12,81 Prozent, gefolgt von einem aktuellen Coronacrash-Tag, dem 12. März 2020, mit minus 12,24 Prozent.

Dass diese Kurskapriolen aber auch ihr Gegenstück haben, beweist die Auflistung der besten 20 Dax-Tage seit über 60 Jahren, von denen allein zwölf seit der Dotcom-Blase geschehen sind. Fünf Tage mit Kursavancen von über 10 Prozent plus, der letzte war am 24. März mit plus 10,98 Prozent. Die Wende bei der Coronakrise, wer nur den ersten Wendetag verpasste, hat bereits einen Teil der Erholung der Aktienmärkte verpasst. Betrachtet man einen längeren Zeitraum, so wird auf dramatische Art und Weise klar, was gewisse Abstinenzen vom Markt für Performanceeinbrüche verursachen können.

Lutz Neumann, Leiter der Vermögensverwaltung der Sutor Bank in Hamburg, hat die Dax-Historie im Hinblick auf die Bedeutung des Investitionszeitraums untersucht. Erste Feststellung: In sechs von zehn Fällen an großen Kurseinbrüchen gibt es bereits innerhalb der nächsten zwei Wochen die besten Tage für die Aktienmärkte. Eine Erklärung dafür ist stets sicher auch die rasche Absicherung von Anlegern, die – von der Intensität des Abschwungs geschockt – ihr Depot mit Putspekulationen absichern. Oftmalige Folge: Eine kleine Eindeckungsrally.

Die Auswertung der Dax-Historie ergab ein ernüchterndes Bild für Timingversuche: Die durchschnittliche Rendite seit der Gründung vor 33 Jahren beträgt gute sieben Prozent, gleichbedeutend mit einer Verdoppelung des Index, jeweils in weniger als 10 Jahren. Wer die besten zehn Tage versäumte, reduzierte seine Performance auf 4,32 Prozent, bei 20 Tagen auf 2,21 Prozent und ab 30 Tagen hätte er sich bereits ein renditeloses Indexdepot einfangen.
Jetzt könnte man einwenden, dass man nicht in den Index zu investieren brauche, bei Einzelaktien könnte man doch viele Krücken außen vor lassen.

Auch hier hat ein Fondsmanager, Sven Lehmann, vom Vermögensverwalter HQ Trust, nachgerechnet. Und zwar gleich beim derzeit sehr beliebten MSCI World:

Innerhalb von 30 Jahren schlugen ein Drittel der 1200 Aktien in ihrer Performance den Index, zwei Drittel blieben hinter der Benchmark zurück. Allerdings benötigten einige dieser Siegeraktien oft viele Jahre, um sich von zwischenzeitlichen Einbrüchen zu erholen. Das Paradebeispiel ist für mich die Kursentwicklung von Amazon, dem Highflyer der Aktienmärkte schlechthin: Im Jahr 1997 mit einem Tief von 1,32 Euro bis zum Jahr 2000 auf sagenhafte 85,50 Euro gestiegen, um dann in der Dotcom-Krise um über 90 Prozent auf 6,40 Euro abzustürzen. Was dann folgte war das Kursspektakel schlechthin, ein Anstieg auf 2979 Euro in der Spitze oder eine Performance von über 43.000 Prozent. Allerdings wiederum mit mehr als einer Kurshalbierung während der Finanzkrise.

Es ist nicht nur schwer, die richtigen Aktien herauszufiltern, auch diese entsprechend lange zu halten, ist eine weitere Hürde für unser von Gier und Angst geflutetes Gehirnarreal.

Viele kleine Korrekturen seit der Finanzkrise

Aktienmärkte und das Timing-Problem

War nicht so einfach, seit der Finanzkrise mit Short-Spekulationen auf ide Aktienmärkte Geld zu verdienen. Nicht einmal in der Coronakrise, bei dem schnellen Einbruch und der sehr schnellen Gegenreaktion. Gerade im April während des Lockdowns kamen die ganz schlimmen Prophezeiungen.

Fazit

Es klingt immer wieder verlockend, wenn die Vertreter der aktiven Fondsbranche behaupten, dass man in Krisenzeiten nur die richtigen Aktien im Depot haben müsse, um diese Phasen zu überstehen. Nur gibt es dabei ein großes Problem: Auf diese Weisheit sind schon Tausende andere Anleger auch gestoßen, dementsprechend teuer sind diese Titel zumeist und natürlich gibt es auch die Schwierigkeit genau diese Titel zu identifizieren. Warum liegen die großen Indizes (MSCI World, S&P 500) in ihrer Performance auf längere Sicht weit vor den Produkten der Finanzindustrie?

Weil diese neben den zahlreichen Underperformern auch immer die Gewinner der jeweiligen Periode im Depot haben. Und was das Timing betrifft, also das rechtzeitige Aus- und Wiedereinsteigen iin die Aktienmärkte, darüber gibt es schon seit Jahrzehnten viele Untersuchungen – besonders aussagekräftig die des legendären Fondsmanagers von Fidelity, David Lynch: „Anleger haben mit der Vorbereitung auf oder dem Antizipieren von Marktkorrekturen viel mehr Geld verloren als in den Marktkorrekturen selbst.”

Dieses klappt nicht, weil man in schöner Regelmäßigkeit die Tage auslässt, in denen es völlig überraschend und ganz dramatisch nach oben geht.

Istv buy and hold die richtige Strategie für die Aktienmärkte?

 

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