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Brexit Ja oder Nein: Dieser Chart erklärt das volkswirtschaftliche Hauptproblem für Großbritannien

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FMW-Redaktion

Ist der Brexit gut oder schlecht für Europa, gut oder schlecht für Großbritannien selbst? Wer gewinnt, wer verliert? Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, sondern um das harte realwirtschaftliche Hauptproblem, dass Großbritannien jetzt schon hat. Bei einem Brexit wird es aber noch deutlicher an die Oberfläche gespült. Margaret Thatcher schaffte die Industrieproduktion in UK und damit auch den Warenexport im Großen und Ganzen ab, seitdem lebt man von Dienstleistungen. Dieser Chart zeigt dieses strukturelle Dilemma eindrucksvoll.

Die Balken über der Null-Linie stellen die monatlichen Außenhandelsüberschüsse im Dienstleistugnssektor dar in Milliarden Pfund. Das heißt z.B. Banken in London „produzieren“ eine Dienstleistung, die von jemand außerhalb Großbritanniens bezahlt wird, folglich fließt Geld auf die Insel resultierend aus einer erbrachten Dienstleistung. In diesem Sektor nimmt UK mehr ein als es umgekehrt für Dienstleistungen von außerhalb ausgibt. So gut so schön. Nur insgesamt gesehen auf eine ganze Volkswirtschaft beinhalten Dienstleistugen auch sämtliche extrem schlecht bezahlten Jobs in der Gastronomie, dem Einzelhandel etc. Und dieser Sektor steigt wie auch in den USA immer weiter an, während das produzierende Gewerbe stetig zurückgeht.

Brexit Problem 1
Grafik: UK Statistics (aktuellste Daten).

Die Balken unter die Null-Linie (also im Minusbereich) stellen das monatliche Außenhandelsdefizit Großbritanniens für den Warenhandel dar in Milliarden Pfund. D.h. der Warenimport nach Großbritannien ist Monat für Monat, Jahr für Jahr konstant größer als der Warenexport – es fließen also unterm Strich immer konstant Gelder ins Ausland – genau der selbe Effekt wie in den USA. Staat, Unternehmen und Verbraucher können dies nur über Schulden, niedrigere Löhne und mehr Armut kompensieren, denn letztlich basiert der Wohlstand in entwickelten Industrienationen, die eine gewisse Größe überschreiten (mehr als Luxemburg etc), auf der Industrieproduktion, die das solide Ausgangsfundament für Wohlstand bildet. Fällt sie immer mehr weg, müssen in anderen Branchen schlechter bezahlte Arbeitsplätze entstehen.

Auch wenn der Dienstleistungsüberschuss das Warendefizit ausgleichen würde, so wäre Industrieproduktion und der hieraus resultierende Warenexport doch wichtiger als immer mehr auf Dienstleistungen zu setzen. Aber selbst dieser Ausgleich kommt nicht hin. Verrechnet man den Überschuss bei Dienstleistungen mit dem Warenhandelsdefizit, entsteht unterm Strich für 2015 ein Außenhandelsdefizit für Großbritannien in Höhe von 34,7 Milliarden Pfund, und somit um 300 Millionen Pfund größer als in 2014. Das heißt im Klartext: Staat, Unternehmen und Privatpersonen mussten insgesamt gesehen 34,7 Milliarden Pfund Cash aus dem Ausland ansaugen oder im Inland als Kredit aufnehmen um diesen Importüberschuss zu bezahlen.

Während die Dienstleistungen in 2015 für eine Außenhandelsüberschuss von 90,3 Milliarden Pfund sorgten, produzierte der Außenhandel mit Waren ein Defizit von atemberaubenden 125 Milliarden Pfund, 1,9 Milliarden mehr als 2014. Die Exporte in die EU fielen um 11,6 Milliarden Pfund ab. Das Erschreckende an dem Chart ist die Konstanz. Es gibt keine richtigen Ausschläge oder Aufwärts/Abwärtsentwicklungen. Das Defizit ist strukturell und verfestigt.

Durch einen Brexit würden diese Außenhandelsprobleme noch verschlimmert werden. Der kleinere Markt verliert tendenziell immer an Attraktivität gegenüber dem größeren Markt. Unternehmen orientieren sich immer am größeren Wirtschaftsraum. Durch neue Zölle, Auflagen, mehr Bürokratie etc wird es für Exporteure auf der Insel noch schwieriger aufs Festland zu exportieren. Man ist ja jetzt schon nicht Mitglied im Schengen-Raum, aber all das würde noch hinzukommen.

Aber abgesehen davon, dass das britische Pfund bei einem Brexit tendenziell weiter gegen den Euro abwerten dürfte und somit britische Produkte in der EU günstiger würden, ist die Exportindustrie kaum noch, besser gesagt gar nicht mehr vorhanden, wenn man es mal ganz allgemein ausdrückt. Egal wer in London regiert, jede Regierung setzt auf Dienstleistungen, genauer gesagt auf die Bankenindustrie in London. Alles andere zählt nicht, man will weiterhin weltweit Geld ansaugen, damit die Banken in der „City of London“ noch mehr Geschäft machen können. Davon profitiert aber letztlich nur eine sehr kleine Zahl von Menschen.

Warum wird das Warenhandels-Defizit noch mehr zum Problem beim Brexit? Die dann relativ zu EU gesehen kleine UK-Volkswirtschaft muss für die überschüssigen Warenimporte konstant Geld ansaugen wie ein Staubsauger. Die Schulden bei Staat, Unternehmen und Privathaushalten werden immer weiter steigen, und die relativ schwache Währung und der relativ schwache Wirtschaftsraum ist dann in Krisenzeiten viel anfälliger für einen Lehman 2.0-Crash als heute. Auch wenn das Pfund jetzt schon außerhalb der Eurozone existiert, wäre die ganze Wirtschaft dann auf sich gestellt. Die letzte Finanzkrise hat den britischen Steuerzahler bereits tief in den Abgrund gerissen. Bei der nächsten deftigen Krise im Finanzsektor, auch kräftig angeheizt durch die strukturelle Überschuldung (wie vorher beschrieben), steht das Land ohne nennenswerte reale Warenexport-Industrie dar. Wer soll dann die nächste Krise abfedern? Die Industrie gibt´s nicht, und die EU, die einen irgendwie evtl. auffangen könnte, aus der ist man ja ausgetreten. Der britische Staat müsste also bei der nächsten Finanzkrise seine Verschuldung in gigantischem Maße erhöhen, auf einen Schlag.

3 Kommentare

3 Comments

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    peter hoffmann

    23. Februar 2016 16:05 at 16:05

    hallo fmw redaktion,

    irgendwie ist das wie in der „premier-league“ : viel fremdes geld, damit werden viele waren(spieler) importiert und wenn man dann mal ein spiel sieht, ist das gekicke oft erbärmlicher als unsere 2. liga. (ironie aus)

    vg peter hoffmann

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    Beate

    23. Februar 2016 20:19 at 20:19

    „es fließen also unterm Strich immer konstant Gelder ins Ausland“

    „Denn Nettokapitalexporte, die wegen des Prinzips der doppelten Buchführung gleich den Leistungsbilanzüberschüssen sind,
    zeigen keine Geldabflüsse an, sondern in Wahrheit eine erhöhte Ersparnis. “

    http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_4_2011.pdf

    Die Verschuldung des privaten und öffentlichen Sektors in GB steigt und steigt.

    Welche Banken sind immer noch bereit das zu finanzieren?

    Es scheint keine Grenze nach oben zu geben.

    Dem britischen Immobiliensektor sei dank.

    Wer rettet bei einem Zusammenbruch des britischen Immobilienmarktes die deutschen Banken?

    Meine Frage : Ist durch die Handelsbilanzüberschüsse gegen GB zusätzliches Geldvermögen in D entstanden?

    Wie ist es auf deutsche Köpfe verteilt worden?

    Steht es dem Staat im Krisenfall zur Verfügung um das deutsche Bankensystem zu retten?

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    Hugo

    26. Februar 2016 10:19 at 10:19

    „Ist der Brexit gut oder schlecht für Europa, gut oder schlecht für Großbritannien selbst? Wer gewinnt, wer verliert? Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen“

    @ FMW-Redaktion: Ein solcher Artikel wäre aber richtig interessant: Deutschland liefert innerhalb der EU nur wenigen Ländern mehr als nach GB. Ferner: Wie stark sind die deutschen Banken betroffen, insb. wenn der Immobilienmarkt vollständig einbricht?

    Glaubt man den Umfragewerten, ist ein „Brexit“ ja nicht in Gänze unwahrscheinlich …

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Kurzarbeit: 650.000 Unternehmen machen Antrag, plus 40 Prozent binnen 1 Woche!

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Bundesagentur für Arbeit meldet drastischen Anstieg bei der Kurzarbeit

Von 650.000 Unternehmen hat die Bundesagentur für Arbeit laut heutiger Veröffentlichung bis zum 6. April Anmeldungen zur Kurzarbeit erhalten. Damit ist diese Zahl binnen einer Woche um 40 Prozent gestiegen. Am 27. März waren es noch 470.000 Unternehmen. Für wie viele Personen insgesamt die Betriebe eine Anmeldung gemacht haben, lasse sich anhand der Daten derzeit nicht ermitteln, so die Agentur. Man gehe aber davon aus, dass die Zahl der Kurzarbeiter deutlich über dem Niveau der Finanzkrise 2008 liegen werde. Damals waren bis zu 1,4 Millionen Beschäftigte. Wir meinen: Bei 650.000 Unternehmen (!), die sich jetzt angemeldet haben, dürften es mehrere Millionen Kurzarbeiter sein!

Schwerpunkte sind aktuell unter anderem der Einzelhandel und das Gastgewerbe. Wichtig ist: Nicht alle Unternehmen, die jetzt Kurzarbeit anmelden, werden dann auch tatsächlich dieses Instrument für ihre Mitarbeiter nutzen und für sie Geld beantragen. Wie viele Unternehmen am Ende tatsächlich dieses Instrument nutzen, und in welchem Umfang sie das tun, können man erst genau sagen, wenn abgerechnet werde, so die Agentur. Die Listen dafür würden die Arbeitgeber zum großen Teil erst in einigen Wochen einreichen. Hierzu noch einige erklärende Aussagen der Arbeitsagentur im Wortlaut:

Betriebe müssen in jedem Fall Kurzarbeit anmelden – selbst, wenn sie später nicht realisiert wird. Damit ein Betrieb Anspruch auf Kurzarbeitergeld hat, muss er in jedem Fall zuerst Kurzarbeit anzeigen. Damit signalisiert der Betrieb, dass er Kurzarbeit plant. Nicht immer wird Kurzarbeit auch realisiert: Wenn sich zum Beispiel die Auftragslage kurzfristig verbessert oder behördliche Maßnahmen aufgehoben werden, kann der Betrieb möglicherweise wieder normal arbeiten. Dann wurde zwar Kurzarbeit angezeigt, aber nie realisiert.

Beim Klick an dieser Stelle können Sie einen Blick auf die generelle Lage in der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg werfen. Nicht nur der Ist-Zustand, auch die Aussicht ist erstmal nicht rosig.

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Coronavirus: Die Kehrseite der Schutzmaßnahmen

Ein Drittel der weltweit werktätigen Bevölkerung geht derzeit nicht zur Arbeit. Über die ökonomischen und psychologischen Folgen der Coronakrise

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Das Coronavirus ist zu einer Pandemie geworden, die für die meisten Menschen mit harmlosen Folgen abklingt, für eine nicht unbeträchtliche Gruppe jedoch leider mit tödlichen Konsequenzen. Würde man nichts gegen sie tun, so käme man – bei einer Bevölkerung von derzeit 7,7 Milliarden Menschen, bei einer Infektionsrate von 60-70 Prozent und davon wiederum 5 Prozent an schweren Fällen – auf eine gewaltige Anzahl von möglichen Toten in dieser Welt. Andererseits wird auch ein Stillstand der Weltwirtschaft über eine längeren Zeitraum zu unglaublichen Folgen führen – nicht nur zur Einkommenseinbußen, sondern auch zu Millionen von Toten, wie Studien von Hilfsorganisationen prognostizieren.

Coronavirus und die Folgen des Wirtschaftseinbruchs

Tag für Tag steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus, man hat die Schwelle von 1,5 Millionen erreicht und die Zahl der mit oder an Corona gestorbenen Menschen hat die 88.000 überschritten. Kein Vergleich mit der Sars-Infektion von 2002/03, bei der 774 Menschen weltweit ums Leben kamen. Regierungen aus aller Welt stehen unter Schock und haben zum Teil heftigste Eindämmungsmaßnahmen angeordnet, vor allem um die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen (flatten the curve) – ansonsten würde ein Mangel an Intensivbetten und Beatmungsgeräten zu einem massenhaften Tod von Menschen führen.

Eine Studie des Imperial College in London Mitte März hatte nicht nur Großbritannien, sondern auch andere Länder aufgeschreckt: Eine Herdenimmunisierung ohne Schutzmaßnahmen würde auf der Insel zu 500.000 Toten führen und auf der Welt auf bis zu 40 Millionen. Daraufhin hat die Regierung in London die vorherige Strategie geändert und Eindämmungsmaßnahmen angeordnet – wie viele andere Staaten auch.

Dies hat dazu geführt, dass wegen des Coronavirus ein Drittel der weltweit werktätigen Bevölkerung derzeit nicht zur Arbeit geht, wie in verschiedenen Studien errechnet wurde. Was dies für Folgen für die einzelnen Volkswirtschaften hat, gleicht einem Rätselraten. Ökonomen fußen ihre Rechnungen auf Modellen, die auf früheren Krisen basieren – und da gibt es kaum Vergleichsmöglichkeiten. Moderate Prognosen gehen von einer Schrumpfung von fünf Prozent für Deutschland und von zwei Prozent für die Weltökonomie aus. Wer aber kann eine seriöse Prognose über Zeitpunkt und Ausmaß der Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivitäten erstellen, wenn es so viele Variable gibt?

Zuletzt kann niemand die Reaktionen der Bürger einschätzen, wie diese sich nach der Krise verhalten werden. Beginnen Sie zu sparen oder holen Sie alles nach, was Ihnen in der letzten Zeit entgangen ist, die teure Urlaubsreise, den geplanten Kauf eines Kfz und ähnliche Vorhaben?

Eines steht aber fest: Desto länger der Lockdown der Wirtschaft andauert, umso gravierender werden die Auswirkungen auf Mensch und Wirtschaft sein – und es wird einen Punkt geben, bei dem der Wirtschaftseinbruch höhere Verluste an Menschenleben hervorruft, als durch das Coronavirus selbst.

Der Hunger dieser Welt

Besonders betroffen sind wieder einmal die Armen dieser Welt. Hilfsorganisationen gehen bereits davon aus, dass durch eine Rezession in der Weltwirtschaft 35 bis 65 Millionen Menschen in die bittere Armut abrutschen werden.

Das International Food Policy Research Institute in Washinghton hat dies zu berechnen versucht, mit dem Ergebnis, dass durch jeden Prozentpunkt, um den das globale Wirtschaftswachstum zurückgeht, die Zahl der Menschen in absoluter Armut um 1,6 bis drei Prozent zunimmt. Bei einer Rezession von drei Prozent wären das 4,8 bis neun Prozent und damit diese gewaltige Zahl an Notleidenden.

Die Welthungerhilfe spricht aktuell von 820 Millionen an Hunger leidenden Menschen. Dies wird an der Summe von 1,90 Dollar festgemacht, die ein Mensch pro Tag für sein Leben zur Verfügung hat.

Besonders treffen wird es die Bevölkerung in Afrika, Südostasien und vor allem Indien. Vielen Menschen könnten dort den Hungertod erleiden.

Während in Deutschland und anderen Industrienationen Arbeits- und Sozialämter über die Krise am Arbeitsmarkt hinweghelfen, gibt es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern dieses Sicherheitsnetz nicht.

Berichte aus Indien zeigen, wie Millionen Wanderarbeiter in ihre Dörfer zurückgeschickt geschickt werden. In anderen Ländern, wie Indonesien, Thailand oder den Philippinen fehlen für Millionen die Einnahmen aus dem Tourismus.

Kurzum: Die ohnehin schwierige Ernährungslage wird nun durch die verhängten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus weiter verschlimmert. Zumal auch ein Anstieg der Lebensmittelpreise die Lage verschärft, nicht zuletzt durch manch Hamsterkäufe ängstlicher Bürger aus den Industriestaaten. Überall stehen Existenzen auf dem Spiel, aber Hilfsorganisationen sprechen schon davon, dass es mehr Hungertote geben könnte als Corona-Opfer.

Coronavirus: Einsamkeit, häusliche Quarantäne und die Folgen

Während es beim Lockdown in vielen Staaten um das Überleben von Menschen geht – durch eine Unterversorgung der elementaren Grundbedürfnisse –  so entstehen auch bei einem Re-Start der Wirtschaft bei gleichzeitiger Isolierung der Risikogruppen (Cocooning) weitere Probleme.

Die Isolation von Menschen vor allem der älteren Bevölkerung hat vielschichtige gesundheitliche Folgen. Das Verbot des Besuchs älterer Bürger in Altenheimen schützt diese zwar vor eine Infektion mit dem Coronavirus, löst bei vielen aber depressive Stimmungen aus. Dies schwächt wiederum deren Immunsystem mit der Folge, dass sie an den anderen Erregern sterben, die immer in Gemeinschaftseinrichtungen zirkulieren. Es gilt für alle Menschen:

Ängste und Depressionen produzieren unter anderem Cortisol, welches das Immunsystem schwächt. Das ist auch eine Kehrseite einer kontrollierten Panik, die von Behörden aufrechterhalten wird, um alle Menschen – vor allem die Leichtsinnigen – vor einem zu laschen Umgang mit den Vorsichtsmaßnahmen abhalten sollen. Psychologen bringen es so auf den Punkt:

Es ist nicht die realistische, sondern die dramatische Gefahr (z.B. ein Autounfall, im Vergleich zu einem Flugzeugabsturz), der unser limbisches System stimuliert und unsere Ängste prägt.

Wenn ich von vielen Tausend durch das Coronavirus Verstorbene lese, bekommen ich Zweifel darüber, ob ich eine Ansteckung verkraften könnte – auch wenn sich bei genauerer Analyse zeigt, dass viele Verstorbene schon vor der Infektion chronisch krank waren und im Grund nicht an, sondern mit dem Coronavirus gestorben sind.

Die Ausgehverbote der Regierung und die milden Quarantänemaßnahmen mit den Folgen für die Arbeitsplätze haben bereits zu Folgen in vielen Familien geführt. Jugendämter und Fraueneinrichtungen warnen vor Gewalt in der Familie, vor allem wenn der „Lagerkoller“ länger anhalten sollte. Psychiater fürchten sogar schon einen Anstieg der Selbstmordrate.

Das Problem mit der älteren Bevölkerung und den Altenheimen bleibt auch nach dem 20. April erhalten, wenn man mit ersten Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen beginnen sollte. Wir haben in Deutschland über 17 Millionen Menschen, die älter als 65 Jahre sind. Davon sind etwa drei Millionen pflegebedürftig und 800.000 werden in Pflegeheimen voll stationär betreut. Man wird die Risikogruppen noch eine lange Zeit besonders vor dem Cornavirus schützen müssen.

Der 80-jährige und langjährige Abgeordnete der Grünen, Christian Ströbele, drohte schon einmal mit einer Verfassungsklage, sollte es während der Corona-Krise zu einer Benachteiligung der sogenannten Risikogruppe kommen. Damit bezog er sich natürlich auf mögliche Ausgangsbeschränkungen (Cocooning) älterer Menschen, wenn man die jüngere Bevölkerung schrittweise wieder ins Berufsleben integrieren wird.

Fazit

Eindämmung, so gut es geht, um das Gesundheitssystem vor dem großen Kollaps zu bewahren und anschließend ein schrittweises baldiges Wiederhochfahren der Wirtschaft („Hammer and Dance“, lautet der internationale Fachausdruck) – das muss die Devise sein. Ein monatelanger Lockdown hätte, wenn die Prognosen der Forscher auch nur ansatzweise einträten, erheblich schrecklichere Folgen. Deshalb geht es künftig wahrscheinlich um eine baldige, wohldosierte Rückkehr ins Wirtschaftsleben mit all den Restmaßnahmen, um schlussendlich nicht die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben.

Das Coronavirus und die Folgen des lockdowns

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Einblick in die Herzkammer der deutschen Industrie – die dramatische Lage

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Düstere Umfragedaten der Industrie aus Baden-Württemberg

Die Herzkammer der deutschen Industrie gewährt aktuell einen Einblick in die aktuell dramatische Lage, was Auftragseingänge, Kurzarbeit etc betrifft. „Südwestmetall“ ist der Dachverband der Metall- und Elektro-Industrie in Baden-Württemberg – der Leitbranche der baden-württembergischen Wirtschaft, wie es Südwestmetall selbst ausdrückt. Aktuell hat man eine Umfrage unter seinen Mitgliedern veröffentlicht. Man spricht von einem gravierenden Einbruch bei Aufträgen und Produktion, und auch von einem explosionsartigen Anstieg der Kurzarbeit in der Metallbranche. Noch gelinge es dem Gros der Unternehmen, durch Kurzarbeit und andere flexible Instrumente ihre Kernbelegschaften zu schützen. Je länger die aktuellen Einschränkungen aber aufrechterhalten werden, desto wahrscheinlicher würden auch Jobs verloren gehen, so der Verband. Nicht nur die aktuelle Lage ist dramatisch – vor allem auch die Aussichten der befragten Unternehmen für die nächsten Wochen sehen düster aus. Hier die wichtigsten Aussagen im Wortlaut:

Laut den Ergebnissen der Umfrage sind die Auftragseingänge zu Jahresbeginn (Januar bis März) um 14 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen. Die allermeisten Unternehmen (92 %) sehen ihre Produktion durch Corona-Auswirkungen eingeschränkt, 19 % verzeichnen starke, weitere 24 % sogar sehr starke Einschränkungen.

Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung liegt derzeit nur noch bei 60 %, dabei sind 9 % der Betriebe sogar komplett geschlossen. Als weitaus häufigster Grund für den Produktionseinbruch wird dabei „fehlende Nachfrage“ genannt (71 %), gefolgt von „fehlende Arbeitskräfte wegen Krankheit, Kinderbetreuung etc.“ (33 %) und „fehlende Teile/Material“ (29 %). Zahlreiche Betriebe (18 %) haben zudem ihre Produktion zurückgefahren und umorganisiert, um Ansteckungsgefahren zu verhindern. „Ausgehend von China sind unseren Unternehmen nach und nach die Märkte weggebrochen. Die Verkaufsstellen der Autobauer sind geschlossen, der Maschinenbau leidet unter der Zurückhaltung bei Investitionen“, sagte Dick.

In der Anfangsphase haben die Betriebe noch intensiv betriebliche und tarifliche Möglichkeiten ausgeschöpft, um dem abrupten Absatzeinbruch zu begegnen: Arbeitszeitkonten, Überstunden und Resturlaub wurden abgebaut, Instrumente wie die tariflichen Freistellungstage statt Auszahlung (T-ZUG) oder die Anordnung von Betriebsurlaub genutzt. 39 % der Betriebe haben zudem befristete Beschäftigungsverhältnisse beendet, 53 % die Zahl der Zeitarbeitnehmer reduziert.

Mittlerweile wird vor allem die inzwischen erleichterte Kurzarbeit genutzt, um den teilweise weitgehenden Produktionsstillstand auszugleichen. Zum Zeitpunkt der Umfrage (2.-7. April) waren schon in der Hälfte der Unternehmen Mitarbeiter in Kurzarbeit. Durchschnittlich waren dabei knapp Dreiviertel (72 %) der Beschäftigten in diesen Betrieben betroffen, die Arbeitszeit wurde im Schnitt um fast die Hälfte (47 %) reduziert. Allerdings plant derzeit auch mehr als die Hälfte dieser Betriebe (59 %) in den nächsten Wochen eine Ausweitung der Kurzarbeit. Hinzu kommt mehr als ein weiteres Drittel aller Betriebe (35 %), die in den nächsten Wochen mit Kurzarbeit beginnen will – so dass dann in Summe 85 % aller Betriebe dieses Instrument nutzen würden – sollte nicht eine Lockerung der Corona-Maßnahmen ein geringeres Ausmaß ermöglichen.

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