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Der Brexit, die Fed, der Dollar – und Kanzlerin Merkel

FMW-Redaktion

Heute hat Kanzlerin Merkel auf einer Konferenz in Berlin klarer als bislang vor einem Brexit gewarnt – die Briten würden sich isolieren, sollten sie aus der EU ausscheiden, ihre Verhandlungsposition würde deutlich schwächer, als wenn sie in der EU bleiben würden. Klar ist jedenfalls: ein Brexit würde ein politisches Erdbeben auslösen, auch an den Finanzmärkten droht dann ein heftiger Sturm.

Nach der letzten Umfrage von ICM ist ein Brexit-Szenario alles andere als ausgeschlossen – die Nervosität wird langsam immer größer. So erschien heute Premier David Cameron im britischen Fernsehen und wehrte sich gegen Vorwürfe, er würde Panik schüren wollen mit seinen Beschreibungen der Folgen eines Brexits. Anhänger und Gegner beharken sich derzeit gegenseitig mit neuer Intensität: so fordern Vertreter der „Remain“-Kampagne wie Finanzminister Osborne (Tories) und sein Vorgänger Alistair Darling (Labour) die Beantwortung von fünf Fragen durch die Brexit-Befürworter: was für einen Plan habt ihr, wenn es zum Brexit kommt, für den Arbeitsmarkt, für den Handel und für die Finanzen des Landes? Woraufhin das Lager der Brexit-Befürworter die Beantwortung von ebenfalls fünf Fragen zum Thema Immigration von den Brexit-Gegnern verlangte – ein führender Vertreter des Brexit-Lagers, der Ökonom Patrick Minford, nannte den britischen Finanzminister Osborne bei dieser Gelegenheit einen „ökonomischen Analphabeten“.

Die Nerven liegen also blank, und die Anspannung wird wohl nicht geringer, je näher der Termin der Abstimmung rückt. Daher dürfte die nächste Umfrage wieder die Märkte schütteln und eine der wichtigsten Triebkräfte für den weiteren Verlauf sein. Ein entscheidendes Thema dabei ist derzeit die Frage, ob die Fed schon aufgrund eines drohenden Brexit auf ihrer nächsten Sitzung am 14./15. Juni die Zinsen gar nicht anheben könne. Nach der letzten Umfrage von ICM, die eine Mehrheit für das Brexit-Lager ergeben hatte, haben sich die Erwartungen der Märkte deutlich in Richtung Juli als Termin für eine Zinsanhebung verschoben – die Fed Fund Futures preisen das inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von 57% ein (Juni nur 17%).

Offenkundig gehen auch die Fed Fund Futures davon aus, dass es nicht zu einem Brexit kommen wird – würde es nämlich dazu kommen, könnte die Fed wohl kaum im Juli die Zinsen anheben angesichts der dann erwartbaren Turbulenzen an den Märkten. Spinnt man dieses Szenario weiter, dürfte die erste Reaktion der Märkte ein Abverkauf des Euro sein bei gleichzeitiger Flucht in den Dollar als vermeintlich sicherem Hafen. Allerdings würde dann in diesem Fall jede Aussicht auf baldige Zinsanhebungen durch die Fed erst einmal obsolet – was tendentiell dann wieder den Dollar schwächen sollte.

Ein Aspekt übrigens ist bislang nicht beachtet worden bei der Brexit-Debatte: würde die Briten ausscheiden, dürften die europäischen Finanzmärkte bald deutlich stärker als bislang reguliert werden – all das ist bislang nicht passiert, weil London schon aus Eigeninteresse alle Bestrebungen in diese Richtung bisher erfolgreich blockiert hat. Die großen internationalen Banken, die in London sitzen und von dort aus das Europa-Geschäft steuern, verlören dann ihren EU-Pass, wären also faktisch gezwungen, ihren Europa-Sitz aus London abzuziehen – vermutlich nach Frankfurt. Und die EZB würde den Euro-Handel in London wohl ebenfalls nach Frankfurt verlagern lassen – mit einem Wort: die Finanzwelt wäre von einem Tag auf den anderen nicht mehr wie sie es zuvor war.

Und dafür sind die Märkte bislang reichlich gelassen – weil auch sie, trotz der jüngsten ICM-Umfrage, davon ausgehen, dass es nicht zu einem Brexit kommen wird. Die Briten aber sind für jede Überraschung gut – das jedenfalls ist an den Märkten alles andere als eingepreist!



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