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Brexit: Katerstimmung in britischer Finanzindustrie

In der britischen Finanzindustrie herrscht schlechte Laune: laut einer neuen Umfrage überlegen 76% aller Institute, ihren Hauptsitz oder ihr Geschäftsfeld aus UK auszulagern..

FMW-Redaktion

Die britische Regierung bemüht sich derzeit, gute Stimmung zu verbreiten: alles nicht so schlimm nach dem Brexit-Votum, hätte viel viel schlimmer kommen können. Auch die Bank of England meinte kürzlich (BoE-Mitglied Forbes), dass man die bisherigen (negativen) Prognosen noch einmal überdenken müsse. Aber die realwrtschaftlichen Zahlen aus UK sind fast durchgängig schwach – und die Stimmung in der britischen Wirtschaft inzwischen miserabel.

Das gilt für die kleineren und mittleren Unternehmen (sichtbar im Einbruch der Stimmung im Small Business Confidence) – das gilt aber auch für die britische Finanzindustrie, wie einem am Wochenende veröffentlichte Umfrage unter 115 Finanz-Unternehmen Großbritanniens (CBI/PwC Financial Services Survey) zeigt.

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Getrübte Stimmung in der Finanz-Hauptstadt London
Foto: Aurelien Guichard
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Demnach ist die Stimmung in der Finanzindustrie derzeit so schlecht wie seit dem Krisenjahr 2009 nicht mehr – die Stimmung sank dabei das dritte Quartal in Folge. Besonders schlecht die Stimmung im Bereich Finanzhäuser, Baufirmen und Investment Managern – während die großen britischen Banken noch einigermaßen entspannt sind (weil sie in Pfund bilanzieren und Auslandsgewinne sich damit in der Bilanz aufgrund des Pfund-Verfalls positiv bemerkbar machen).

Der Chefvolswirt von CBI (einer Lobbygruppe) faßt die derzeitige Stimmung so zusammen:

„With firms voicing strong concerns about the impact of Brexit, especially the risks to the wider economy in the years ahead, the government must allay their unease with clear plans for negotiations to leave the EU.“

Hauptsorgen der Befragten sind die Befürchtung negativer wirtschaftlicher Folgen durch den Brexit, die Möglichkeit, keinen direkten Zugang mehr zum EU-Binnenmarkt zu haben sowie die politische Unsicherheit, die mit den Verhandlungen um den Austritt Großbritanniens verbunden seien.

Laut Andrew Kail, der die Umfrage für das Beratungsunternehmen PwC leitend betreut, überlegen viele britische Firmen ihre Aktivitäten raus aus UK zu verlagern aufgrund der Aussicht, dass Verhandlungen über die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU gestalte, Jahre dauern könnten. Ähnliche Töne kommen auch aus dem Bereich Versicherungen. Ingesamt überlegten 76% der Befragten, entweder ihren Hauptsitz oder ihre Geschäftstäigkeiten aus Großbritannien zu verlagern – erste Planungen dazu laufen bereits, wie Simon Collins, chairman von KPMG UK, betont:

„CEOs are reacting to the prevailing uncertainty with contingency planning. Over half believe the U.K.’s ability to do business will be disrupted once we Brexit and therefore, for many CEOs, it is important that they plan different scenarios to hedge against future disruption.“

In Großbritannien sind derzeit ca. zwei Millionen Menschen direkt oder indirekt in der Finanzindustrie beschäftigt. Die City of London, der Finanzbezirk der Hauptstadt, ist die größte Steuerquelle für den britischen Staat. Von den in der Umfrage befragten CEOs hatten 72% für den Verbleib in der EU gestimmt – ob aus Überzeugung oder aus rein wirtschaftlichen Überlegungen.



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