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Brexit: S&P droht mit nächster Abstufung – und warum Aldi/Lidl eine große Zukunft haben in Großbritannien

FMW-Redaktion

Unmittelbar nach dem Brexit hatte die amerikanische Ratingagentur S&P Großbritannien um zwei Stufen abgestuft auf AA – ein Schritt, den die Agentur für den Fall eines zustimmenden Brexit-Votums bereits im Vorfeld angekündigt hatte. Ende Oktober nun steht das nächste Rating für Großbritannien durch S&P auf der Agenda – und sollte eine weitere Abstufung erfolgen, wäre dass das historisch erste Mal, dass ein Triple-A-Land (also AAA) innerhalb von wenigen Monaten um drei Stufen abgestuft würde!

Und S&P hat der britischen Regierung eine indirekte Warnung zukommen lassen, dass genau das passieren könnte. Der für die Ratings Großbrianniens bei S&P zuständige Ravi Bhatia hat dem „Marcel Reich Ranicki“ des britischen Finanzjournalismus, Ambrose Evans-Pritchard, die Bedenken kommuniziert, die man mit der derzeitigen Haltung der britischen Regierung habe.

Und die Aussagen Bhatias sind klar: die britische Regieurng glaube offenkundig, dass die EU keine harte Haltung einnehme gegenüber Großbritannien, weil sie davon ausgehe, dass die Europäer ihre eigenen Exporte nicht gefährden wollten – daher würden die Europäer tun, was die Briten von ihnen wollten aus Sicht der britischen Regierung. Aber das Volumen dieser Exporte der EU sei doch eigentlich überschaubar – mithin irre sich da also die Regierung in London.

Für das britische Selbstverständnis schwerer zu verkraften ist jedoch die Warnung Bhatias, dass das Pfund riskiere, seinen Status als weltweit geachtete Reservewährung zu verlieren – das erste Mal seit dem Beginn des 18.Jahrhunderts. Denn durch den herben Fall des Pfunds sinke die Neigung internationaler Zentralbanken, Sterling als Reservewährung zu halten. Da diese Reserven in Gestalt von britischen Staatsanleihen angelegt seien, käme es nun entscheidend darauf an, ob der Anteil britische Anleihen im Portfolio der Notenbanken unter die Marke von 3% falle (Ende 2015 waren es noch 4,9%). Sollte dies geschehen, wäre das ein Ausweis eines weitgehenden Vertraunsverlustes – und würden den Zugang Großbritanniens zu weiterem Kapital deutlich erschweren.

Nach Bekanntwerden der Aussagen Bhatias stiegen die Renditen (sprich Risikoprämien) britischer Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit dem Brexit – und geriet das britische Pfund weiter unter Druck und fiel erneut unter die Marke von 1,22 zum US-Dollar.

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Die Sorgen um die Entwicklung des Pfund hatten, wie wir gestern berichteten, zu dem sogenanten „Marmite-Skandal“ geführt: Unilever, ein Konzern der in Euro bilanziert, wollte die Preise für seine Produkte (wie den Brotaufstrich Marmite) um 10% erhöhen (wegen des tieferen Pfunds, das die Margen kaputt macht). Tesco, der Platzhisch unter den Lebensmittelhändlern in UK, hat sich geweigert und die Produkte nicht mehr angeboten. Großer Aufruhr in den sozialen Medien – inzwischen hat Unilever einen Rückzieher gemacht, Tesco, das bislang nicht eben als sonderlich rücksichtsvoll galt, ist im Moment in den sozialen Medien der Held der Konsumenten!

Um sich auch als „Freund der Konsumenten“ zu präsentieren und so Tesco den derzeitigen Bonus streitig zu machen, hat die Wal Mart-Tochter Asda heute die Preise für Marmite auf nun zwei Pfund gesenkt – von zuvor 2,35 Pfund. Das dürfte jedoch ein singuläres Phänomen bleiben. Der Druck auf die Margen britischer Einzelhändler durch den Pfund-Crash nimmt immer stärker zu, gleichzeitig expandieren die deutschen Discounter Aldi und Lidl in UK immer weiter und verschärfen so die Lage zusätzlich. Preissteigerungen bei den derzeitigen Marktführern Tesco und Asda sind unausweichlich – und die großen Gewinner dürften dann die Discounter sein mit ihrer gigantischen internationalen Markt-Macht.

Wenn der Brexit, wie sich gestern gezeigt hat, nun in den britischen Supermärkten ankommt mit absehbar stark steigenden Preisen, werden sie sich als die logische, günstigere Alternative weiter etablieren können und damit ihren Marktanteil weiter steigern. Und dann entsteht die paradoxe Situation, dass durch den Brexit, der doch eigentlich eine Abkehr von der EU sein soll, sich am britischen Lebensmittelmarkt die Anbieter aus der EU mehr und mehr durchsetzen werden..



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