Neben Autos und Maschinenbau ist auch die Chemieindustrie besonders hart getroffen vom industriellen Abschwung in Deutschland. Es ist keine „normale“ Rezession – vielmehr erleben wir einen strukturellen Abstieg. Der Branchenverband VCI meldet aktuell eine Übersicht zur Lage im Jahr 2025 mit einem Ausblick für 2026. Der Chart zeigt den Abstieg der Branche: Die Auftragseingänge rauschen seit Jahren in den Keller, egal ob von Kunden im Inland oder im Ausland.
Chemieindustrie im Abstieg – Blick auf die bittere Realität
„Die Industrie funkt SOS. 2025 war für unsere Branche erneut sehr schwierig und der Blick nach vorn wird nicht rosiger“, so sagt es der VCI aktuell. Der Verband fordert angesichts der schweren Wirtschaftskrise den Schulterschluss im Land und einen konsequenten Blick nach vorn. „Deutschland hat weiterhin sehr viel Potenzial. Jetzt muss alles geschehen, damit nicht noch mehr Substanz verloren geht. Die Anstrengungen der Unternehmen für eine gute Zukunft am Standort Deutschland müssen sich auszahlen. Dazu braucht es neben niedrigeren Kosten endlich verlässliche Rahmenbedingungen und die Rückkehr zu wenigen aber sinnvollen Regelungen.“
Der Blick auf die Jahreszahlen der Chemieindustrie zeigt die „herausfordernde Lage“, so der VCI: Produktion und Erzeugerpreise der Branche liegen im Vorjahresvergleich leicht im Minus (-0,5 Prozent). Der Umsatz büßt einen Prozentpunkt ein. In der Chemie geht die Produktion um 2,5 Prozent zurück. Das Umsatzminus im In- und Ausland liegt bei 3 Prozent. Wichtig: Die Produktionsanlagen sind nur noch zu 70 Prozent ausgelastet – ein historischer Tiefpunkt und weit entfernt von Rentabilität. Jedes zweite Unternehmen hat zu wenig Aufträge. Diese sind seit 2021 im In- und Ausland um mehr als 20 Prozent eingebrochen.
Die Krise spiegelt sich in den Beschäftigtenzahlen wider: Ein Minus von 0,5 Prozent bedeutet in diesem Jahr 2.400 Menschen weniger, die in der chemisch-pharmazeutischen Branche arbeiten. Bereits angekündigte Anlagenschließungen oder Produktionsverlagerungen werden zu einem weiteren Stellenabbau führen. Der VCI erwartet im nächsten Jahr für die chemisch-pharmazeutische Branche insgesamt eine stagnierende Produktion, für die Chemieindustrie einen Rückgang von 1 Prozent. Bei sinkenden Preisen und stagnierendem Output bedeutet das ein Umsatzminus von rund 2 Prozent – im Inland und im Export.
Das negative Stimmungsbild bestätigt auch eine repräsentative VCI-Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen: 20 Prozent der Befragten planen, ihre Produktion zu verlagern oder ganz stillzulegen. Jedes zehnte Unternehmen hat vor, komplette Standorte zu schließen. Mehr als 40 Prozent erwarten erneut sinkende Umsätze im Inland. Fast jedes zweite Unternehmen rechnet mit einer weiteren Verschlechterung der Erträge.
Verantwortlich für die pessimistischen Erwartungen in der Chemieindustrie sind laut VCI die Rahmenbedingungen in Deutschland: Nicht wettbewerbsfähige Produktionskosten, eine hohe regulatorische Unsicherheit und langsame Genehmigungsverfahren. Zudem kämpft die Branche mit der Bürokratie, hohen Energiepreisen sowie Emissions- und Rohstoffkosten. Der teure Euro, chinesische Überkapazitäten, hohe US-Zollmauern und die geoökonomische Unsicherheit belasten die Geschäfte zusätzlich.
Was sich ändern müsste
Der VCI hat einige Punkte aufgelistet, was sich ändern müsste. Produktionsstandorte in strategisch wichtigen Sektoren wie Chemie und Pharma müssten gesichert werden. Nötig dafür seien niedrigere Kosten, weniger Hürden, schnellere Entscheidungen. Wer wettbewerbsfähig bleiben will, den Klimaschutz ernst nimmt und die Chancen der Digitalisierung nutzen möchte, muss in Forschung und Entwicklung investieren, so der VCI. Derzeit fehle aber der politische Rahmen, der Innovation nicht im Keim erstickt. Und in Zukunft investieren bedeute, in Bildung, Forschung, Infrastruktur, Digitalisierung und Zukunftstechnologien zu investieren. Dies sei die Grundlage einer modernen Industriepolitik.
Mutige Reformen seien nötig für die Energie- und Klimapolitik, das Behördenwesen und die sozialen Sicherungssysteme. So gelinge die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und die Transformation hin zur Klimaneutralität. Und man brauche eine glaubwürdige Gesamtstrategie: Deutschland brauche klare Prioritäten und einen langfristigen Plan. Deutschland benötige eine Industriepolitik, die verlässliche Rahmenbedingungen schafft, neue Technologien fördert und Infrastrukturen modernisiert. Und schließlich müsse Europa neu gedacht werden: Die europäische Gemeinschaft könne auf Augenhöhe mit den USA und China gelangen. Dafür brauche es eine gemeinsame Industriepolitik und Verteidigung, eine Kapitalmarktunion und einen vollendeten Binnenmarkt, so der VCI.
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Die Pharmaindustrie besitzt bei Staatspräsident Xi Jinping einen entsprechenden Stellenwert, was somit wohl dem chinesischen Wettbewerbsvorteil gegenüber der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie geschuldet ist.
…man könnte auch sagen…wenigstens in der Chemiebranche hat die entinvertierte Zinsstrukturkurve ihre Wirkung entfaltet und für eine Rezession gesorgt…