Ein hoher Regierungsvertreter in China warnt vor einer möglichen Rückkehr von Millionen Wanderarbeitern in ihre Heimatorte. Die Sorge wächst vor instabilen Verhältnissen auf dem Land wächst.
China: Beamter warnt vor Rückkehr Millionen Wanderarbeiter
Ein führender Beamter in China warnt vor einer Rückbewegung großer Gruppen von Wanderarbeitern in ihre Herkunftsregionen. Diese neu formulierte Warnung verstärkt die Sorge, dass die wirtschaftliche Belastung in den Städten weiter steigt. Sie deutet auf tiefere Probleme hin, die hinter den offiziell stabilen Arbeitslosenzahlen verborgen bleiben. Damit rückt eine Entwicklung in den Vordergrund, die erhebliche Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft haben.
Unsichtbare Millionen: Wanderarbeiter fehlen in offiziellen Zahlen
Die offizielle Arbeitslosenquote Chinas wirkt wie ein Hort der Stabilität. Seit Jahren steht sie verlässlich bei rund 5,2 Prozent. Selbst die Statistiker behandeln diese Zahl mit Zurückhaltung, denn sie bildet die Realität kaum ab. Arbeitslos gilt nur, wer vorher einen sozialversicherungspflichtigen Job an dem Ort hatte, an dem sein „Hukou“, der offizielle Wohnsitz, registriert ist. Dieses „Hukou“ an den tatsächlichen Arbeitsort zu verlegen, erfordert einen bürokratischen Kraftakt, den viele vermeiden, solange es sich umgehen lässt.
Gerade eine der wichtigsten Arbeitsgruppen des Landes fällt damit aus der Statistik. Wanderarbeiter ziehen dorthin, wo der Arbeitsmarkt Zuwachs verspricht. Sie errichten die Hochhausschluchten von Shenzhen, Shanghai oder Beijing, sie produzieren in Yiwu Weihnachtsdekoration für Europa und die USA und sie liefern in Guangzhou, Chengdu oder Chongqing den Kaffee ins Büro. Ein Arbeitsheer von rund 300 Millionen Menschen, das zu oft unsichtbar bleibt.
Gig-Jobs in China stocken — Treffpunkte füllen sich mit Tagelöhner
Der Zustand dieser Gruppe zeigt sich eher auf den schwarzen Arbeitsmärkten. Auf Parkplätzen, unter Brücken oder an Straßenecken stehen früh am Morgen Menschen und warten auf stunden- oder tageweise Beschäftigung. Das Auf und Ab dieser Treffpunkte bietet einen präziseren Blick auf die Lage der Wirtschaft als jede offizielle Statistik. Und zurzeit fällt dieser Blick ernüchternd aus. Die Zahl der Wartenden steigt. Die Aufnahmefähigkeit der klassischen Branchen schrumpft. Ältere Arbeitskräfte verlieren den Anschluss an neue Anforderungen. Automatisierung trifft einfache Tätigkeiten zuerst. Für viele endet der Weg aus der Stadt nicht in einer neuen Chance, sondern wieder im Ausgangspunkt. Im Dorf, ohne Aussicht.
Gleichzeitig geraten die städtischen Aushilfsjobs ins Stocken. Lieferdienste und andere Gig-Jobs hängen am Konsum. Wenn weniger bestellt wird, fällt die nächste Schicht aus. Videos aus sozialen Netzwerken zeigen junge Fahrer, die am Abend im Wind stehen und darauf warten, dass eine App ein Lebenszeichen sendet. Andere zeigen Hochschulabsolventen in derselben Lage. Zwölf Jahre Lernen für die Aufnahmeprüfung, am Ende zwölf Stunden auf dem Rad für einen Betrag, der kaum reicht.
Ein deutliches Alarmsignal taucht auf, sobald Regierungsbeamte vor einer massenhaften Rückkehr der Migranten in die Dörfer warnen. Diese Warnung ertönte 2008 und 2020 während der Pandemie. Anfang November klang sie erneut an. Ein Vertreter des Landwirtschaftsministeriums sprach auf einer nationalen Sitzung über die Gefahr, dass Wanderarbeiter ohne Beschäftigung in ihre Heimatorte zurückkehren. Für lokale Funktionäre wäre das ein Albtraum. Die Dörfer bieten kaum Arbeitsplätze und kaum sinnvolle Beschäftigung. Leerlauf führt zu genau den Bildern, die die Partei vermeiden will. Arbeitslose beim Mahjong-Spiel, Streitereien, wachsender Frust. Noch gefährlicher wären soziale Unruhen und Proteste, wo Wanderarbeiter ihren Anteil im Wohlstand fordern. Die Geschichte des Landes ist reich an Momenten, in denen ländliche Unzufriedenheit Herrscherhäuser zu Fall brachte.
Offizielle Zahlen zeigen derzeit keine Rückkehrwelle. Allein die Platzierung des Themas auf höchster Ebene zeigt jedoch, dass die Sorge nicht theoretisch ist. Wirtschaftliche Gründe sprechen dafür. Und sie greifen an zwei Seiten gleichzeitig.
Jugendarbeitslosigkeit erreicht neue Spitze
Vor diesem Hintergrund rückt die zweite offene Flanke des Arbeitsmarktes in den Vordergrund. Im kommenden Sommer treten 12,7 Millionen Hochschulabsolventen auf einmal in den Arbeitsmarkt ein. Fast eine halbe Million mehr als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote der 16 bis 24 Jahre alten Nichtstudierenden lag im Oktober bei 17,3 Prozent. Im August erreichte sie fast neunzehn Prozent, der höchste Wert seit Einführung der neuen Messmethode. Beobachter verweisen auf weitere Gruppen, die in keiner Statistik auftauchen, weil sie den Einstieg hinausschieben oder in Zwischenräume rutschen, in denen keine Behörde sie erfasst.
Die Ursachen liegen offen. Der Bedarf an jungen Fachkräften sinkt in Branchen wie Tech, Immobilien, Nachhilfe und Finanzwesen. Bewerberzahlen steigen trotzdem an. Viele Absolventen wechseln direkt in Masterprogramme, weil kein Arbeitgeber zusagt. Andere hoffen auf eine Stelle in einem Staatsunternehmen, das als sicher gilt. Die Zahl der Plätze bleibt begrenzt. Auf eine ausgeschriebene Stelle wartet oft eine ganze Schlange.
Peking reagiert mit bekannten Ritualen. Offener Alarm bleibt aus, doch die Signale richten sich klar an lokale Behörden. Ministerien sprechen von ungewöhnlichen Maßnahmen, Universitäten füllen ihre Hallen mit Jobmessen, Gemeinden verweisen auf Programme für junge Gründer in ländlichen Gebieten. Trotz all dieser Bewegungen bleibt der Eindruck bestehen, dass der Arbeitsmarkt seine Struktur schneller verändert als die Politik Schritt halten kann. Wer aus der Stadt fällt, landet im Dorf oder auf dem Markt für Tagelöhner. Wer frisch von der Uni kommt, landet oft in einem Zwischenraum ohne Richtung.
In einem Staat, der Stabilität zum obersten Prinzip macht, hat eine öffentliche Warnung den Charakter einer roten Flagge.
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