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China inszeniert die Erholung China: BIP überraschend stark – der große Wachstumsroman

China mit Zahlen ohne innere Logik

Stimmen die BIP-Zahlen aus China wirklich?

Die Entwicklung einer Volkswirtschaft ist wie ein Roman. Die Zahlen schreiben eine Geschichte oder die Verfasser der Zahlen wollen eine bestimmte Geschichte erzählen. Im Falle Chinas bekommt der Roman alle drei Monate ein neues Kapitel, wenn das Bruttoinlandsprodukt veröffentlicht wird. Der Roman, den die Partei schreibt, trägt den Titel „Im Namen des Wachstums – Die Partei übernimmt die Kontrolle über den Staat und sichert den Wohlstand“. Der vorherige Abschnitt, der mit der Aufhebung der Corona-Maßnahmen begann, hieß „Ausbruch aus der zyklischen Krise“. Mit dem aktuellen Quartal beginnt ein neues Kapitel. Es könnte lauten: „Widerstand gegen Amerika“ oder „Wir trotzen dem Westen“ oder „China antwortet“.

China: Zahlen ohne innere Logik

Das Problem an einem guten Roman ist, dass er viele unterschiedliche Handlungsstränge hat. Und wenn der Autor die Richtung der Haupterzählung ändert, muss er auch die Nebenhandlungen anpassen. Geschieht das nicht, wird die Geschichte inkonsistent und der Leser verliert die Orientierung.

So ist es auch mit dem Roman, den die kommunistische Partei, in Form des National Bureau of Statistics, erzählen will. Stolz verkündete sie, dass das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 5,4 Prozent gewachsen sei. Deutlich mehr, als die Experten rund um Reuters oder Bloomberg erwartet hatten.

China Real vs Nominal GDP

China: Das offizielle Wachstumsnarrativ – die Partei zeigt Stärke

Die Geschichte, die uns das NBS erzählen möchte, lautet: Es geht der Wirtschaft gut, dem Land geht es gut, und deshalb kann China mit gestärktem Selbstbewusstsein in den Zollstreit mit den USA treten – auch wenn fast jeder Chinese spürt, dass sein Wohlstand schwindet.

Die Industrieproduktion stieg im März 2025 um 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Ein Rückgang gegenüber dem Zuwachs von 7,0 Prozent im Januar und Februar. Die Exporte wuchsen im ersten Quartal um 6,9 Prozent, getrieben unter anderem durch Lieferungen von Elektrofahrzeugen, Batterien und Photovoltaikmodulen – Produkte, die in Europa und den USA zunehmend unter Verdacht des Protektionismus stehen. Die gesamte Wertschöpfung der Industrieunternehmen über der festgelegten Größe wuchs im ersten Quartal um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Dienstleistungssektor wuchs um 5,3 Prozent.

Die Einzelhandelsverkäufe von Konsumgütern verzeichneten einen Anstieg von 4,6 Prozent. Getrieben vor allem durch steigenden Konsum der Landbevölkerung, die mehr ausgeben konnte, weil ihre Einkommen stärker stiegen als die der Stadtbevölkerung.

So sieht die Erzählung des NBS aus. Das Problem ist aber: Die Nebenstränge erzählen eine andere Geschichte. Und die beginnt mit einem kleinen Wörtchen in der offiziellen Erzählung. Das Wachstum von 5,4 Prozent ist das reale Wachstum. Das nominale Wachstum beträgt lediglich 4,6 Prozent. In einer normalen Wirtschaft müsste das nominale Wachstum höher sein als das reale. Denn reales Wachstum bedeutet: Nominales Wachstum abzüglich Inflation. In einfachen Worten: Die chinesische Wirtschaft wächst deswegen so schnell, weil sich das Land in einem deflationären Zustand befindet. Die Verbraucherpreise sinken, die Einkaufspreise sinken, die Profite der Unternehmen sinken.

China Real vs Nominal GDP

Dazu kommt, dass ausländische Investoren weiterhin Geld aus China abziehen, wenn auch nicht mehr in der Geschwindigkeit wie zuvor. Im ersten Quartal sanken die Direktinvestitionen um 10,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

China FDI

Ein Indikator gegen den schönen Schein

Ein guter Roman lebt von der Kohärenz seiner Handlungsstränge. Wenn die Hauptfigur plötzlich anders handelt, müssen sich auch die Nebenfiguren anpassen. Tut der Autor das nicht, wird die Geschichte unglaubwürdig – der Leser spürt die Dissonanz, selbst wenn er sie nicht sofort erklären kann.

So ist es auch mit dem chinesischen BIP. Die große Erzählung lautet: „Die Wirtschaft wächst wieder – stabil, selbstbewusst, widerstandsfähig gegenüber ausländischem Druck.“ Doch die Nebenstränge – etwa Nachfrage nach Strom, Importdaten, Kapitalflüsse – folgen dieser Dramaturgie nicht. Die Figuren sprechen nicht miteinander.

China: Das Wachstum ohne Energie

Um diesen Widerspruch greifbar zu machen, haben ich ein neues Analysewerkzeug entwickelt: den China Reality Gap Indicator (CRGI). Die Idee ist einfach, fast naiv – aber genau deshalb erhellend. Der CRGI vergleicht das offiziell gemeldete nominelles BIP-Wachstum mit dem Wachstum des Stromverbrauchs im selben Zeitraum. Denn Strom ist der Pulsschlag der realen Wirtschaft. Er fließt, wenn Maschinen arbeiten, wenn Dienstleistungen erbracht, Daten verarbeitet, Güter transportiert und verkauft werden. Strom kann man nicht herbeirechnen – man muss ihn erzeugen, verteilen, verbrauchen.
Wenn also das BIP schneller wächst als der Stromverbrauch, entsteht ein Gap. Ein Abstand zwischen dem, was sein soll, und dem, was tatsächlich passiert. CRGI = nominelles BIP-Wachstum – Stromwachstum. Ein positiver Wert kann vieles bedeuten: effizientere Produktion, wachsender Dienstleistungssektor, technologische Fortschritte. Oder: Statistikpflege. Ein negativer Wert bedeutet: Die reale Aktivität zieht an – aber die offizielle Zahl hinkt hinterher.

Er liegt bei +1,2 Prozentpunkten. Das BIP wuchs real um 4,6 %, der Stromverbrauch nur um 3,4 %. Nach sechs Quartalen, in denen die Realwirtschaft laut Stromzähler stärker war als die Statistik behauptete, kehrt sich das Verhältnis nun plötzlich um. Das BIP läuft vor, der Strom bleibt zurück.

China CRGI

Wenn das ein Roman wäre, würde man jetzt misstrauisch blättern: Warum ist die Hauptfigur plötzlich so stark, obwohl sie eben noch geschwächelt hat? Hat sie heimlich Hilfe bekommen? Oder wurde nur die Perspektive geändert?

Einige Nebenhandlungen geben Hinweise: Der Import von fossilen Brennstoffen ist deutlich zurückgegangen – etwa bei raffiniertem Öl um mehr als 20 %. Die Einzelhandelsumsätze wachsen zwar, aber nicht schneller als das BIP. Die Konsumausgaben steigen nominell langsamer als real – ein Indikator für Deflation. Und die Importe sinken insgesamt, obwohl die Exporte boomen.

China Import Fuels

Hinzu kommt der Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen um 10,8 %. Wer Vertrauen in die Zukunft einer Volkswirtschaft hat, investiert. Wer das Vertrauen verliert, zieht sich zurück.

Mit anderen Worten: Der CRGI ist kein Beweis dafür, dass das BIP „geschönt“ ist – aber ein starker Indikator. Er erinnert an den Scheinriesen aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ Je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er. Aus der Ferne wirkt das Wachstum beeindruckend. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Vieles ist nur Projektion.

China: Das nächste Kapitel wird bitter

In einer anderen Realität, in der nicht plötzlich der Zollkrieg zwischen den USA und China ausgebrochen wäre, hätte die Erzählung wahrscheinlich geheißen: Der Patient „China“ erholt sich. In der Realität, in der wir leben, überkommt die Leser des Romans aber eine gewisse Melancholie. Es ist, als betrachte man einen Patienten, der sich erholt, nur um in naher Zukunft aufs Schafott geführt zu werden.

Der Zollkrieg mit 145 % Zöllen auf alle Waren chinesischen Ursprungs, die die USA erreichen, und den Gegenzöllen von 125 % wird zu einem harten Rückfall führen. Das nächste Kapitel wird nicht von Genesung handeln. Es wird ein düsteres, aber heroisches Kapitel werden: Wie Chinas Wirtschaft den unfairen Zöllen der USA widersteht.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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5 Kommentare

  1. Moin, moin,

    vielleicht geht nun der Harbeck nach China, nach dem er mit der BRD fertig ist. Sicher bietet sich da noch reichlich Platz für einige Mitglieder seiner Seilschaft.

  2. Ich weiß es wirklich nicht. Aber rechnet China auch (wie z. B. Deutschland) den Drogenhandel, die Schwarzarbeit, den illegalen Waffenhandel, Tabackschmuggel, eben alle Arten von illegaler Tätigkeiten dem BIP hinzu?

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  3. Wenn die USA im Blick auf die kommenden Zölle massiv in China eingekauft hatte, musste das zuvor produziert werden. Deshalb scheint es mir nicht so unglaubwürdig zu sein, dass das Q1 recht gut gelaufen ist. Das mit der Deflation in China war bekannt, Grund ist, dass die Chinesen aus Angst sparen wo möglich. In der USA und auch bei uns in der EU sieht man schon Anzeichen für ein ähnliches Verhalten. Deshalb geht bei uns auch die Inflation zurück – ob das so bleibt wird sich zeigen – vielleicht kommt jetzt die Stagflation?

  4. DermitdemHellmuttanzt

    @Helmut
    Genau, Du weisst nicht(s). Genau das ist das Problem. Man könnte ja einfach mal recherchieren….Ach nee, wir reden ja von Helmut….

  5. Ja @ DermitdemHellmuttanzt schrieb gerade:
    Wieder nur dummes Gelaber.

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