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Hightech-Boom vernichtet massenhaft Arbeitsplätze China: Boom und Krise zugleich

Staatliche Industrie verdrängt Mittelstand

China Boom und Krise zugleich
Foto: diloka107 - Freepik.com

Die Daten aus China zum Einkaufsmanagerindex offenbaren ein gespaltenes Bild: Während staatliche Hightech-Schmieden expandieren, bricht der Mittelstand ein. Zudem verzerren EU-Zollregeln die Exportdaten.

China: Boom und Krise zugleich

Die aktuellen Konjunkturdaten aus der Volkrepublik zeigen ein Paradoxon: Die Wirtschaft in China erlebt derzeit Boom und Krise zugleich. Mit den Einkaufsmanagerindizes für Mai bricht die monatelange Phase des durchgehenden Wachstums abrupt ab, da sowohl das staatliche Statistikamt (NBS) als auch S&P/RatingDog Rückgänge vermelden. Hinter dem scheinbar stabilen NBS-Wert von exakt 50,0 Punkten verbirgt sich eine tiefe Spaltung. Eine staatlich forcierte Hightech-Expansion kaschiert den beschleunigten Niedergang des breiten Mittelstands. Massive Vorzieheffekte im Exportgeschäft verzerren die Indizes zusätzlich und spiegeln eine nachhaltige Nachfrage vor, die in der Realität überhaupt nicht existiert.

Sonderkonjunktur vor dem Ende der Zollfreiheit

Im Mai eines normalen Jahres sind die Auftragsbücher für die Herbstsaison weitgehend gefüllt. Wer jetzt noch bestellt, zahlt Aufpreis, sonst ist die Ware nicht rechtzeitig zu Weihnachten da. Dieser saisonale Mechanismus gilt auch in diesem Jahr, wird aber überlagert von Vorzieh-Effekten, die die Lesart der Zahlen erheblich komplizieren. Dass diese Effekte in diesem Jahr eine besondere Schärfe haben, liegt wesentlich an einem Stichtag aus Brüssel, der in den PMI-Zahlen aus China unmittelbar durchschlägt. Am 1. Juli entfällt in der EU die Zollfreiheit für Kleinsendungen unter 150 Euro, die sogenannte De-minimis-Ausnahme. Parallel dazu treibt die Unsicherheit darüber, ob der US-chinesische Zollwaffenstillstand im Novemberverlängert wird, einen zweiten Vorzieh-Effekt an. Importeure, Plattformen und Fulfillment-Dienstleister ziehen Lieferungen deshalb massenhaft vor, um die Grenze noch im alten Zollrecht zu überqueren.

Für die Lesart des S&P/RatingDog-PMI ist dieser Effekt besonders relevant. Der Index misst stärker exportorientierte, privatwirtschaftliche Betriebe, genau jene, die am ehesten in der Lage und willens sind, Aufträge vorzuziehen. Der Wert von 51,8, Neuaufträge nahe Fünfjahreshoch, enthält damit zu einem nicht quantifizierbaren Anteil an vorgezogener Nachfrage, aber kein nachhaltiges Nachfragewachstum. Das schwächt den optimistischen Impuls des S&P-PMI, hebt ihn aber nicht auf.

Staatliche Industrie verdrängt in China den Mittelstand

Der NBS-PMI ist geringfügig gefallen und steht bei exakt 50,0 Punkten. Dies vermittelt einen Eindruck von Stabilität, ist aber tatsächlich eine statistische Mittelung zweier divergierender Realitäten. Während High-Tech-Fertigung und Maschinenbau expandieren, beschleunigt sich der Rückgang gegenüber April für kleine und mittelständische Betriebe. Der staatliche PMI ist das arithmetische Ergebnis davon, dass sich eine Wirtschaft gleichzeitig in zwei Richtungen bewegt.

Die kleineren Unternehmen, die vom PMI des NBS erfasst werden, leiden unter der strukturellen Verschiebung der Lieferkette, die durch die US-Zölle beschleunigt wurden. Westliche Importeure verlagern Lieferketten aktiv in Richtung Thailand, Vietnam und Kambodscha. Dass dies zunehmend echte Produktionsverlagerung ist und weniger reines Transshipment, zeigen die chinesischen Exportdaten: China liefert wachsende Mengen an Vorprodukten und Rohstoffen in diese Länder, die dort zu Fertigprodukten verarbeitet werden. Die Verlagerung der Massengüterproduktion in die asiatischen Nachbarländer ist also ein realer, struktureller Vorgang.

Hightech-Boom vernichtet massenhaft Arbeitsplätze

Auf der anderen Seite profitieren die großen staatliche Unternehmen überdurchschnittlich von jenem strukturellen Umbau, den Peking seit Jahren als industriepolitische Priorität definiert. Der der Subindex für Großunternehmen stieg um 0,9 Punkte auf 51,1. Dieser Zuwachs erklärt sich aus staatlichen Aufträgen, günstigem Kapitalzugang und politischer Rückendeckung, die unabhängig vom konjunkturellen Zyklus fließen.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Effekt in den Sektordaten für Hightech-Fertigung, der seit 16 Monaten ununterbrochen in der Expansionszone liegt. Der Maschinenbau ist im Vergleich zum Arpil ebenfalls gestiegen Pekings Strategie der staatlich geförderten Industriemodernisierung zeigt messbare Resultate. Was dabei nicht in den Indizes erscheint, ist der Preis dieses Umbaus.

Unter allen Signalen der Mai-Daten ist das Preisbild das überraschendste. Trotz anhaltender Hormuz-Spannungen, erhöhter Energieimportkosten und verlängerter Frachtrouten sinken die Inputpreise im S&P-Panel zum ersten Mal seit sechs Monaten. Dabei sind zwei Mechanismen besonders dominant: Erstens drücken die massiven Überkapazitäten in der chinesischen Rohstoffindustrie die Inlandspreise für Vorprodukte unabhängig von globalen Notierungen. Chinesische Hersteller zahlen für viele Produkte den chinesischen Inlandspreis, nicht den Weltmarktpreis. Zweitens absorbieren staatliche Energiekonzerne Kostensteigerungen upstream, ohne sie vollständig an Abnehmer weiterzugeben. Das ist keine Subvention im buchhalterischen Sinne, sondern eine Margenquetschung bei den Staatsunternehmen, die bilanziell wenig sichtbar und politisch unproblematisch ist. Das Ergebnis dieser Mechanismen zusammen ist, dass der deflationäre Binnendruck den externen Kostendruck überlagert.

Den strukturellen Umbruch, den der staatliche Einkaufsmangerindex so gut abbildet, hat eine Schattenseite, die ebenfalls sichtbar ist. Seit mehreren Monaten bleibt die Beschäftigungskomponente beider PMIs im Kontraktionsbereich, während die Produktionsindizes Expansion anzeigen. Die Hightech-Fertigung ist kapitalintensiv und automationsgetrieben. Sie schafft wenige, hoch spezialisierte Arbeitsplätze. Die Massengüterproduktion, die wegfällt oder nach Südostasien abwandert, war arbeitsintensiv und hat breite Beschäftigungsschichten getragen. Die PMI-Daten zeigen, dass dieser Tausch in seiner Beschäftigungsbilanz eindeutig negativ ist: Produktion hält sich, Jobs fallen weg. Ohne Beschäftigungsaufbau gibt es kein Einkommenswachstum in der Breite, ohne Einkommenswachstum bleibt die Binnennachfrage schwach, ohne Binnennachfrage fallen NBS-Neuaufträge unter 50, und der Dienstleistungssektor bleibt in deflationären Verkaufspreisen gefangen. Die Kausalkette ist geschlossen.

Technologie bringt keinen Wohlstand für alle

Zusammengelesen ergibt der PMI für Mai ein klares Bild: Chinas Industrie befindet sich mitten in einem fundamentalen Strukturwandel. In den Gesamtindizes erscheint dieser Prozess als Stabilität, in den Subkomponenten zeigt sich jedoch eine zunehmend tiefe Spaltung. Die arbeitsintensive Massengüterproduktion verliert dauerhaft an Bedeutung, während High-Tech-Fertigung, M aschinenbau und strategische Industrien wachsen. Gleichzeitig machen die Beschäftigungsdaten deutlich, dass der neue Wachstumsmotor bislang nicht genügend Arbeitsplätze schafft, um die Verluste in den traditionellen Sektoren auszugleichen.

Überlagert wird dieser strukturelle Wandel von saisonalen und politischen Sondereffekten. Das Frontloading vor dem Auslaufen der europäischen De-minimis-Regelung zieht Aufträge künstlich nach vorne und sorgt für eine ungewöhnlich frühe Hochsaison in der Fertigung. Die Folgen reichen weit über die Fabrikhallen hinaus. Reedereien verlagern Kapazitäten auf die Europa-Routen, während auf innerasiatischen Strecken Frachtraum knapp wird. Die steigenden Transportkosten sind deshalb weniger Ausdruck einer boomenden Weltwirtschaft als vielmehr Folge logistischer Verschiebungen innerhalb eines bereits angespannten Systems.

Gerade deshalb offenbaren die Mai-Daten weit mehr als nur den Zustand der chinesischen Industrie. Hinter den Einkaufsmanagerindizes verbirgt sich die zentrale wirtschaftspolitische Herausforderung Pekings: Wie lässt sich das Wachstum einer zunehmend kapitalintensiven High-Tech-Ökonomie in breiten Wohlstandsgewinn für die Bevölkerung übersetzen?

Die bisherigen Daten liefern darauf keine überzeugende Antwort. Die modernsten Sektoren wachsen, doch die Beschäftigung stagniert. Die industrielle Aufwertung schreitet voran, doch der Konsum bleibt schwach. Die Produktivität steigt, doch die Binnennachfrage entwickelt sich nicht im gleichen Tempo. Solange diese Lücke besteht, bleibt China auf steigende Exporte angewiesen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Genau dieses exportgetriebene Modell stößt jedoch zunehmend auf politischen Widerstand in Europa, Nordamerika und Teilen Asiens.

Die eigentliche Debatte reicht deshalb weit über die Frage hinaus, ob mehr Konsum oder mehr Investitionen gefördert werden sollten. Im Kern geht es um die zukünftige Architektur des chinesischen Wirtschaftsmodells. Soll China den eingeschlagenen Weg einer staatsgetriebenen, technologieorientierten Industrialisierung weiterverfolgen, auch wenn dies kurzfristig Beschäftigung und Konsum belastet? Oder muss die Regierung einen Teil ihrer industriepolitischen Prioritäten zugunsten einer stärkeren Einkommens- und Konsumförderung zurücknehmen?

Noch vermeidet die politische Führung diese Grundsatzentscheidung. Die Mai-Daten zeigen jedoch, dass der Spielraum kleiner wird. Der industrielle Umbau erzeugt zweifellos technologischen Fortschritt. Die Frage ist nur, ob er schnell genug Wohlstand für die breite Bevölkerung schafft, um die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Transformation zu tragen.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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