Im Mai gab ByteDance bekannt, dass im Juni ein kostenpflichtiges Abo für seinen Chatbot Doubao greifen soll. Daraufhin verlor die meistgenutzte chinesische KI-App 6,1 Millionen aktive Nutzer, was einen Rückgang von 1,81 Prozent gegenüber dem April darstellt. Der Standardtarif sollte im Monat 68 Yuan (rund 8,50 Euro) oder 688 Yuan im Jahr kosten und zusätzlich bot Doubao einen Profitarif für 500 Yuan (rund 62,50 Euro) im Monat oder 5.088 Yuan im Jahr an. Ein 5G-Mobilfunktarif kostet ungefähr ebenso viel, was die Abo-Gebühren im Vergleich etwas über das Niveau von ChatGPT oder Claude in den USA oder Europa liegen lässt.
China: Milliarden-Kosten für ByteDance – Abo-Model kostet Nutzer
Vor der Ankündigung, ein Abomodell einzuführen, stieg der tägliche Tokenverbrauch von Doubao innerhalb von nur drei Monaten von 120 auf 180 Billionen, während sich die monatlichen Rechenkosten bereits einer Milliarde Yuan nähern. Gleichzeitig setzt die App pro Tag weniger als eine Million Yuan um, sodass auf jeden eingenommenen Yuan rund zweihundert Yuan an Kosten entfallen. Kostenlos war diese KI damit nie. Bezahlt hat sie bislang ByteDance selbst, dessen Investitionen in KI-Infrastruktur allein in diesem Jahr auf rund 200 Milliarden Yuan oder umgerechnet etwa 25 Milliarden Euro steigen.
Auf der anderen Seite verdient ByteDance über Volcano Engine, der Unternehmen den Zugang zu den Doubao-Modellen als bezahlten Schnittstellendienst verkauft, etwa zehn Milliarden Yuan im laufenden Jahr. Damit entfällt knapp die Hälfte dieses Marktes für Modelle als Dienstleistung in China auf ByteDance.
Allerdings meldete ByteDance trotz des Rückgangs bei den monatlich aktiven Nutzern Ende Juni einen Rekord von rund 200 Millionen täglich aktiven Nutzern. Die Zahlen sprechen dafür, dass vor allem Gelegenheitsnutzer verschwanden, während die verbliebene Kernnutzerschaft Doubao häufiger nutzt als jemals zuvor. Der Rückgang fiel damit nicht bei den intensivsten Anwendern an, sondern an den Rändern der Nutzerbasis.
Jede zusätzliche Anfrage verschärft unter diesen Bedingungen allerdings das eigentliche Problem. Anders als soziale Netzwerke oder Suchmaschinen verursachen Sprachmodelle mit jeder Antwort neue Rechenkosten. Reichweite verbessert die Wirtschaftlichkeit deshalb nicht automatisch. Solange fast alle Nutzer kostenlos auf die Modelle zugreifen, wächst mit jedem zusätzlichen Token auch die Rechnung.
Geringe Zahlungsbereitschaft für KI
Alibaba, Tencent und DeepSeek verfolgen deshalb bislang eine völlig andere Strategie. Qwen, Yuanbao und DeepSeek bleiben kostenlos und finanzieren ihre Verluste aus Cloud-Geschäft, E-Commerce oder anderen Konzernbereichen. Besonders Alibaba profitierte von ByteDances Schritt. Qwen gewann allein im Mai rund 13 Millionen neue Nutzer hinzu und fing damit einen großen Teil jener Nutzer auf, die Doubao den Rücken kehrten.
Damit verläuft inzwischen eine deutliche Trennlinie durch den chinesischen KI-Markt. Plattformkonzerne mit milliardenschweren Cashflows behandeln KI vor allem als Mittel, um ihr bestehendes Ökosystem zu stärken und neue Cloud-Kunden zu gewinnen. Ob einzelne Anwendungen Gewinne abwerfen, besitzt zunächst eine untergeordnete Bedeutung. Unternehmen ohne eine solche Finanzkraft stehen dagegen früher vor der Frage, wie sich ständig steigende Rechenkosten überhaupt refinanzieren lassen.
Der Konzern verfügt grundsätzlich über ausreichend Kapital, um Doubao noch lange querzufinanzieren. Gleichzeitig gehört ByteDance zu den wenigen Unternehmen, die bereits über ein profitables Unternehmensgeschäft mit ihren Sprachmodellen verfügen. Gerade deshalb besitzt das Abo Signalwirkung. Wenn selbst ein Konzern mit dieser Finanzkraft beginnt, Privatnutzer an den Kosten zu beteiligen, spricht wenig dafür, dass kostenlose KI auf Dauer das tragfähige Modell der Branche bleibt.
Hinzu kommt, dass im Mai sowohl bei Doubao als auch bei Alibabas Qwen nahezu gleichzeitig mehrere Agentenfunktionen verschwanden, offenbar nach regulatorischen Vorgaben. Agenten sind KI-Prozesse, die eine Aufgabe in mehreren Schritten selbständig bis zum Erreichen eines Zieles ausführen, ohne dass der Nutzer eingreift. Gerade diese Funktionen hätten den größten Mehrwert eines kostenpflichtigen Abonnements geliefert. Je kleiner der Abstand zwischen Gratisversion und Bezahlangebot ausfällt, desto schwieriger lässt sich jedoch ein monatlicher Preis rechtfertigen. Ausgerechnet jene Anwendungen, die Zahlungsbereitschaft erzeugen würden, gerieten damit unter politischen Druck.
Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Nutzer seit Ende Juni tatsächlich ein Doubao-Abonnement abgeschlossen haben, existieren bislang nicht. Zum Vergleich wandelte ChatGPT nach Schätzungen innerhalb von drei Jahren rund sechs Prozent seiner Nutzer in zahlende Kunden um. Für Doubao kursieren Erwartungen von lediglich ein bis zwei Prozent. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob ByteDance einige Millionen Yuan zusätzlich einnimmt. Entscheidend ist, ob sich ein Markt, der seine Nutzer jahrelang an kostenlose KI gewöhnt hat, überhaupt in ein tragfähiges Geschäftsmodell verwandeln lässt.
Finanzierung bleibt das größte Problem der Branche
Damit zeigt sich, dass die chinesischen KI-Anbieter vor derselben Herausforderung stehen wie ihre amerikanischen Konkurrenten: Es ist schwer, mit einer generativen KI ein tragfähiges Geschäft aufzubauen. In den USA schreiben reine KI-Anbieter wie OpenAI oder Anthropic trotz rasant steigender Umsätze weiterhin hohe Verluste, während Google oder Microsoft ihre Modelle aus milliardenschweren Kerngeschäften finanzieren. In China zeigt sich dieselbe Entwicklung. Alibaba und Tencent quersubventionieren ihre KI-Angebote aus Cloud-Geschäft, E-Commerce und Werbung. Für Unternehmen wie Moonshot AI mit Kimi oder MiniMax existiert diese Möglichkeit nicht. Sie müssen früher oder später den Nachweis erbringen, dass sich ihre Modelle auch ohne Konzernkasse finanzieren.
Gerade deshalb dürfte die Monetarisierung in China sogar schwieriger ausfallen als im Westen.
Kostenlose Internetdienste gehören dort seit Jahren zum Geschäftsmodell der großen Plattformen und haben die Erwartung geprägt, dass digitale Angebote nichts kosten. Solange leistungsfähige Alternativen wie Qwen, Yuanbao oder DeepSeek weiterhin gratis verfügbar sind, rechtfertigt selbst ein vergleichsweise niedriger Monatspreis für viele Nutzer kein Abonnement. Doubao ist damit kein Einzelfall, sondern ein Vorgeschmack auf eine Frage, die inzwischen die gesamte KI-Industrie beantworten muss. Wer bezahlt am Ende die Rechnung für eine Technologie, deren Kosten mit jeder einzelnen Nutzung weiter steigen?
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