Die Staatsmedien in China suchen Halt in alten Parolen. Inmitten wirtschaftlicher Turbulenzen setzt die Führung auf vertraute Botschaften – und gedämpften Alarmismus.
China: Medien bereiten auf Krise vor – „Der Himmel wird nicht fallen“
Mit der Parole vom standhaften Himmel liefern Staatsmedien das Framing für eine komplexe Gemengelage: Die von Trump angekündigten Strafzölle trafen China mit Verzögerung. Grund war das verlängerte Wochenende auf Grund von Qingming, dem Grabpflegefest, das viele Chinesen für Ausflüge nutzen. Die Regierung gewann dadurch Zeit, ihre Reaktion zu planen: einerseits konkrete Maßnahmen gegen die Zölle, andererseits die Propagandamaschine anzukurbeln.
Am Wochenende kam die erste Stellungnahme. Darin verurteilt die chinesische Führung die US-Zollmaßnahmen gegen alle Handelspartner als Verletzung der WTO-Regeln und der globalen Wirtschaftsordnung. Die USA missachten ökonomische Prinzipien und nutzen Zölle als Waffe für egoistische Interessen. China betont seine Rolle als friedliebende Nation, erklärt, es lasse sich nicht einschüchtern, und habe Maßnahmen ergriffen, um Souveränität und Entwicklungsinteressen zu schützen. Die USA werde aufgefordert, Zölle als Druckmittel aufzugeben.
People’s Daily warnt vor Folgen der US-Zölle
Am Montagmorgen folgte ein ausführlicher Kommentar in der People’s Daily, dem Sprachrohr der Partei. Der Ton bestand aus einer Mischung von Durchhalteparolen und Beschwichtigung. „Der Himmel bricht nicht zusammen“, verspricht die staatliche Presse, auch wenn die Zölle „den bilateralen Handel erheblich einschränken und kurzfristig unvermeidlich negative Auswirkungen auf unsere Exporte haben“, was „den wirtschaftlichen Abwärtsdruck verstärkt“.
Der Ökonom Michael Pettis widerspricht dieser Einschätzung. Er argumentiert, dass die Zölle Chinas Wirtschaft weniger stark treffen, als befürchtet. Der Handelsüberschuss trug 2024 mit 1,5 Prozentpunkten zum BIP-Wachstum bei, eine hohe, aber nicht wiederholbare Zahl. Pettis erwartet, dass der Überschuss 2025 stabil bleibt, da die US-Zölle den Handelsdefizit der USA nicht wesentlich verringern. Entscheidend sei jedoch das politisch gesetzte 5-Prozent-Wachstumsziel, das durch höhere Investitionen erfüllt wird, nicht durch Exporte.
Anleger sehen die Lage jedoch kritischer. Die chinesischen Aktienmärkte brachen ein. Der Hang Seng fiel um 13,6 %, der Hang Seng werden China Enterprises Index um 14,1 %, beides Indizes, die auch von Ausländern gehandelt. Auf dem Festland verlor der Shenzhen Composite Index knapp 11 %, die Börse in Shanghai etwas über 7 %. Das „nationale Team“ griff ein. Zum Handelsstart kaufte das Team Index-ETFs in einem Volumen über dem bisherigen Tagesdurchschnitt 2025. Trotzdem bleibt der Verkaufsdruck stark. Ohne diese Käufe wären die Verluste noch größer.
Neue Exportziele, alte Abhängigkeiten
China Daily verweist darauf, dass die Abhängigkeit von Exporten in die USA gesunken sei: von 19,2 % im Jahr 2018 auf 14,7 % im Vorjahr. Gleichzeitig stiegen die Ausfuhren in die ASEAN-Staaten von 12,6 % auf 16,4 %. Was verschwiegen wird: Etwa 70 bis 80 % dieser Exporte in die ASEAN-Staaten landen letztlich in den USA. Da auch die ASEAN-Staaten von hohen US-Zöllen betroffen sind, treffen die Maßnahmen China direkt und indirekt.
Ähnlich verhält es sich bei den Belt-and-Road-Ländern. Die Exporte sind gestiegen, aber die Profite bleiben gering, und China finanziert viele dieser Projekte selbst. Sinkende Einnahmen durch die Zölle schränken diese Unterstützung ein.
China Daily betont zudem, dass viele US-Produkte stark von China abhängen und ein Exportrückgang keine umwälzenden Folgen für Chinas Wirtschaft habe. Das stimmt teilweise. Doch teurere Waren durch Zölle bremsen den Konsum in den USA, was sich auf chinesische Produzenten auswirkt. Daten zeigen, dass China mit Preisrabatten die Exporte stützt, wodurch die Profite schrumpfen. Weniger Exporte und sinkende Margen treffen die Produzenten direkt.
In chinesischen und westlichen sozialen Netzwerken häuften sich am Montag die Nachrichten, dass chinesische Fabriken Aufträge amerikanischer Firmen ablehnten. Die Hintergründe sind im Moment nochunklar. Ein Grund liegt sicherlich in der Unsicherheit, ob die angedrohten Einfuhrgebühren für in China gebaute Schiffe erhoben werden.
Konsumflaute belastet Wirtschaft in China
Die staatliche Presse hebt die große Binnenwirtschaft hervor und sieht im Konsum die Antwort auf die Zölle. Doch hier liegt das grundsätzliche Problem der chinesischen Wirtschaft. Seit drei Jahren stagniert der Konsum. Die Immobilienpreise sinken weiter, besonders bei Bestandimmobilien und ziehen den Wohlstand der Bevölkerung nach unten.
Die vorläufigen Daten des Verbands der chinesischen Automobilhersteller (CPCA) für März zeigen, dass Preisdruck im Automarkt unvermindert anhält. Der Automarkt ist ein guter Proxy für die Stimmung unter den Verbrauchern. Das Konjunkturpaket vom Herbst 2024 hatte nur überschaubaren Effekt.
Über das Wochenende berieten chinesische Entscheidungsträger über Maßnahmen zur Stabilisierung von Wirtschaft und Märkten angesichts der Zollwelle von US-Präsident Trump. Laut Insidern prüfen Spitzenpolitiker und Behördenvertreter, darunter Finanzaufsichtsbeamte, ob Pläne zur Konsumförderung durch Stimulus beschleunigt werden. Einige dieser Maßnahmen waren bereits vor den Zöllen geplant.
Tech-Fortschritte reichen nicht aus
China Daily betont, dass der technologische Fortschritte zu neuen Einnahmequellen führt. Innovationen in Bereichen wie KI oder Robotik gewinnen an Dynamik. Das stimmt, doch diese Entwicklungen gleichen die Rückgänge in anderen Sektoren nicht aus.
Auch die Behauptung eines „langfristig stabilen sozialen Umfelds“ wackelt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt offiziell bei 17 %, inoffiziell wesentlich höher. Preisrabatte zur Stützung der Exporte schmälern die Margen und gefährden Jobs. Die Beendigung der COVID-Maßnahmen 2022, erzwungen durch öffentlichen Widerstand, zeigt, dass Stabilität nicht garantiert ist.
China Daily erwähnt zudem, dass China in den letzten Jahren Risiken in Schlüsselbereichen wie Immobilien, lokalen Regierungsschulden und kleinen Finanzinstituten mindert. Der Druck auf lokale Verwaltungen wächst dennoch. Schulden, insbesondere verdeckte Schulden über Local Government Financing Vehicles und Special Purpose Vehicles, steigen weiter. Manche Behörden zahlen nicht einmal mehr den Strom für öffentliche Schulen. Eine Umstrukturierung der Steuerverteilung bleibt aus. Ähnliches gilt für Banken. Politisch gewollte Zinssenkungen verringern die Margen. Immer wieder verweigern kleinere Institute Auszahlungen von Guthaben, was Panik bei Kunden und Bankenstürme auslöst.
China rüstet rhetorisch auf
Im Gegensatz zu früheren Konflikten ließ sich China diesmal einige Tage Zeit für die Antwort. Die Reaktion fällt robust aus und folgt dem Motto, das die Nachrichtenagentur Xinhua kürzlich im Zusammenhang mit dem Zollstreit zwischen den USA und Kanada formulierte: „Beschwichtigung funktioniert nicht bei einem gierigen Biest. Egal, wie viel man opfert, am Ende frisst es einen lebendig.“
Der Kommentar der People’s Daily, der auch von anderen Medien aufgegriffen wurde, bereitet die Bevölkerung auf wirtschaftliche Auswirkungen vor, beschönigt jedoch die Lage mit Halbwahrheiten und überzeichneter Zuversicht. Die Stellungnahme vom Wochenende und die angekündigten Maßnahmen legen nahe, dass China bereit ist, den Handelskrieg zu eskalieren. Nicht nur chinesische Analysten sehen das Land dabei im Vorteil. Das Editorial deutet zudem an, dass andere Exportnationen wie Deutschland die Leidtragenden sein werden, falls China seine Waren verstärkt an Drittstaaten absetzt. Ob diese Strategie aufgeht, hängt jedoch von der Fähigkeit ab, die eigenen Schwächen – schwacher Konsum, fragile Exporte und sozialer Druck – zu kompensieren.
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Wäre noch die Frage: Welches Land ist leidensfähiger.
Viele Grüße aus Andalusien Helmut