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Tiefe Strukturprobleme China: Die Industrie driftet wieder auseinander

Preisdruck belastet

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Die Industrie in China zeigt wieder zwei Realitäten: Die Exporte bleiben stabil, während der Binnenmarkt weiter schwach ist. Die Divergenz verdeutlicht tiefe Strukturprobleme.

China: Die Industrie driftet wieder auseinander

Die Januar-Daten zum chinesischen Einkaufsmanagerindex zeichnen das Bild einer Industrie, die zunehmend in zwei sehr unterschiedliche Realitäten zerfällt. Was im Dezember noch wie eine vorsichtige, breit angelegte Stabilisierung wirkte, erweist sich rückblickend als temporäre Überlagerung verschiedener Sondereffekte. Der offizielle PMI des Nationalen Statistikbüros (NBS) fällt von 50,1 auf 49,3 Punkte und rutscht damit wieder klar unter die Expansionsschwelle. Gleichzeitig steigt der private Einkaufsmanagerindex von RatingDog S&P Global auf 50,3 Punkte. Innerhalb nur eines Monats öffnet sich damit eine Lücke von rund einem Punkt zwischen beiden Indikatoren.

China: Die Industrie driftet wieder auseinander

Exportsektor und Binnenmarkt entwickeln sich wieder auseinander

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Exportaufträge im NBS-Index. Mit 47,8 Punkten bleiben sie klar im kontraktiven Bereich. Das zeigt, dass selbst im außenwirtschaftlichen Geschäft jene Unternehmen verlieren, die stärker staatlich geprägt sind oder in weniger flexiblen Industriezweigen operieren. Der Exportimpuls erreicht diesen Teil der Industrie bislang nicht. Die Schwäche beschränkt sich also nicht auf den Binnenmarkt, sondern reicht bei vielen Produzenten bis in das Auslandsgeschäft hinein.
Diese Abweichung reflektiert strukturelle Bruchlinien innerhalb der chinesischen Industrie. Der NBS-Index bildet vor allem große, staatlich geprägte und stark binnenmarktorientierte Unternehmen ab. Genau dort verschlechtert sich die Lage deutlich. Besonders stark betroffen sind kleine und mittlere Firmen, deren Teilindizes bei 47,4 beziehungsweise 48,7 Punkten liegen. Der Auftragseingang sinkt spürbar, allein im Januar um 1,6 Punkte. Die Inlandsnachfrage bleibt schwach und zeigt bislang keine Anzeichen einer nachhaltigen Belebung.


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Der positive Impuls aus dem Ausland konzentriert sich auf den Teil der Industrie, den der RatingDog S&P Global PMI abbildet. Dort ziehen die Exportaufträge an, getragen vor allem von der Nachfrage aus Südostasien. Im offiziellen NBS-Index zeigt sich davon wenig. Mit einem Exportauftragswert von 47,8 Punkten bleibt dieser Bereich klar unter Druck. Die regionale Nachfrageverlagerung wirkt damit selektiv: Sie begünstigt flexible, private Exporteure, erreicht aber große, binnennahe Produzenten kaum.

Im Dezember liefen beide Indizes noch nahezu parallel. Mit jeweils 50,1 Punkten schien eine technische Bodenbildung über weite Teile der Industrie möglich. Der Januar macht jedoch deutlich, dass diese Synchronität nicht von Dauer war. Traktion entwickelt derzeit nur jener Teil der Industrie, der flexibel ist, exportieren kann und nicht primär auf die inländische Nachfrage angewiesen ist. Der größere, stärker regulierte und binnenorientierte Sektor fällt erneut zurück.

Preisdruck belastet in China Industrie stark

Zusätzlich verschärft der Kostendruck die Lage in beiden Segmenten. Im NBS-Index steigen die Einkaufspreise auf 56,1 Punkte und erreichen damit den höchsten Stand seit mehreren Monaten. Besonders deutlich verteuern sich Metalle. Erstmals seit November sehen sich viele Unternehmen gezwungen, höhere Kosten zumindest teilweise an ihre Kunden weiterzugeben. Entsprechend klettern die Verkaufspreise auf 50,6 Punkte. Die Margen geraten unter Druck, und die Erwartungen für die kommenden Monate trüben sich sichtbar ein. Beide Umfragen berichten von einer spürbaren Verschlechterung der Geschäftsaussichten.

Im Inland fehlt es weiterhin an Nachfrageimpulsen. Der Einzelhandel entwickelt sich schleppend, die Immobilienkrise ist keineswegs überwunden, und viele Kommunen stehen finanziell unter erheblichem Druck. Private Haushalte zeigen sich zurückhaltend, insbesondere bei größeren Anschaffungen. Die scheinbare Stabilisierung im Dezember speiste sich zu einem guten Teil aus temporären Effekten wie Lageraufstockungen zum Jahresende und kurzfristigen Abrechnungsverschiebungen. Diese Faktoren spielen im Januar keine Rolle mehr.

Insgesamt deutet wenig auf eine breit getragene Erholung der chinesischen Industrie hin. Stattdessen verfestigt sich eine duale Struktur. Exportfähige, anpassungsfähige Unternehmen können sich vorerst behaupten und von regionalen Handelsströmen profitieren. Der binnenmarktorientierte Teil der Industrie hingegen schrumpft weiter. Diese Entwicklung ist nicht neu, gewinnt aber an Schärfe. Die Hoffnung, dass sich beide Segmente gegenseitig stabilisieren, erfüllt sich bislang nicht.

Binnenmarkt bekommt weniger Schutz

Für die politische Führung in Peking ergibt sich daraus ein enges Handlungsfenster. Die Regierung hat zuletzt unmissverständlich signalisiert, dass sie ruinöse Preiskämpfe, unter denen große Teile der Industrie leiden, nicht länger tolerieren will. Gleichzeitig werden die direkten Konsumanreize zurückgefahren, und auch einer Marktbereinigung stellt sich der Staat nicht mehr mit voller Kraft entgegen. Für Unternehmen, die stark auf den Binnenmarkt ausgerichtet sind, wird das Umfeld damit rauer. Diese Verschlechterung des Klimas spiegelt sich bereits in der Stimmung des staatlichen PMI wider.

Der Januar bestätigt damit, dass die chinesische Industrie weiterhin in einer fragilen Stabilisierungsphase steckt. Exportorientierte Unternehmen können sich vorerst behaupten, während große binnenmarktorientierte Produzenten und viele Zulieferer unter schwacher Nachfrage und anhaltenden Überkapazitäten leiden. Der steigende Kostendruck verschärft diese Konstellation zusätzlich und begrenzt den Spielraum für eine spürbare Entspannung in den kommenden Monaten.



Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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