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Deutsche Firmen als willige Helfer China: Europäische Firmen liefern Technik für weltweite Überwachung

Ein Leak als PR-Desaster

China Europäische Firmen liefern Technik für weltweite Überwachung
Foto: Bloomberg

Ein Leak zeigt: China und seine Zensurmauer wird zur Exportware – und europäische Firmen, darunter deutsche, liefern Technik, die weltweit Überwachung ermöglicht!

China: Europäische Firmen liefern Technik für weltweite Überwachung

China baut seine Great Firewall längst nicht mehr nur für das eigene Volk, sondern exportiert das System inzwischen in andere Staaten. Jüngste Enthüllungen einer Hackergruppe zeigen, wie aus Chinas Zensurtechnologie ein globales Geschäft geworden ist. Besonders heikel ist dabei die Rolle europäischer Firmen, denn deutsche Komponenten sind Teil dieser Infrastruktur. Damit steht nicht nur Pekings Politik der Kontrolle im Fokus, sondern auch die Verantwortung Europas für die weltweite Ausbreitung digitaler Überwachung.

China und seine Great Firewall: Internet im goldenen Käfig

China hat mit seiner „Großen Firewall“ einen goldenen Käfig errichtet. Dieses System ist zugleich Barriere, Spion und Werkzeugkasten. Es lenkt den Datenverkehr zwischen China und dem Rest der Welt, beobachtet die Stimmung im Land und liefert der Regierung zahlreiche Mittel, Inhalte zu kontrollieren.

Im chinesischen Internet ist nur zugänglich, was die Zensoren freigeben. Dabei bleibt es nicht bei simplen Sperren von Webseiten. Behörden blockieren gezielt Suchbegriffe, bremsen Diskussionen aus und greifen direkt in laufende Übertragungen ein, um heikle Informationen zu unterdrücken.

So wird die Große Firewall zu mehr als einem Zensurwerkzeug. Sie dient als Frühwarnsystem. Die Partei steuert damit nicht nur, was Menschen sehen, sondern erfasst auch, was sie denken. Wer früh genug erkennt, wo sich Unmut aufbaut, kann ihn rechtzeitig ersticken.

Eine Schlüsselfigur hinter diesem System ist Fang Binxing. Der Informatiker war lange Präsident der Beijing University of Posts and Telecommunications und gilt als Architekt der Firewall. Schon Ende der 1990er Jahre arbeitete er in staatlichen Forschungsinstituten an Methoden, wie sich das Netz zentral steuern lässt. Fang beschreibt seine Aufgabe nüchtern als „technischen Schutz“ des Landes. Kritiker nennen ihn den „Großinquisitor des Internets“.

Seine öffentlichen Auftritte zeigen ihn als loyalen Parteikader, der Zensur als nationale Sicherheitsmaßnahme verteidigt. Im Ausland wird er dagegen zur Zielscheibe. Bei einem Vortrag in Wuhan 2011 verließen Studierende den Saal oder versuchten, über blockierte Plattformen zu streamen – eine direkte Parodie seines Lebenswerks. Trotz internationaler Kritik blieb Fang einflussreich, beriet Behörden und leitete Forschungsprogramme, die Überwachung weiter verfeinerten.

Fang Binxing ist nicht nur Hochschullehrer und Parteikader, sondern auch Unternehmer. Mit seiner Firma Geedge Networks baute er ein Geschäft rund um Netzwerksicherheit und Datenfilterung auf. Die Produkte tragen den Anstrich von Cyber-Security, Kritiker sehen darin eine kommerzielle Verlängerung der Firewall. Geedge arbeitet mit staatlichen Auftraggebern und großen Telekommunikationsfirmen zusammen. Damit fließen Verfahren, die einst für die Firewall entwickelt wurden, in kommerzielle Produkte zurück, die wiederum staatliche Überwachung effizienter machen.

Geedge bietet inzwischen komplette Pakete, die in einzelnen Staaten ohne große Anpassung ausgerollt werden. Für Regierungen ist das attraktiv. In Myanmar liefen zeitweise 81 Millionen Verbindungen über die Infrastruktur. Die Junta nutzte sie, um Proteste nach dem Militärputsch 2021 zu ersticken. In Pakistan erhielt das „Web Monitoring System“ ein Upgrade, das sich eng an der chinesischen Vorlage orientiert.
Damit zeigt der Leak, dass Zensur nicht mehr nur ein nationales Projekt Chinas ist. Sie wird zur Exportware, die vor allem dort Absatz findet, wo Regierungen Opposition und Protestbewegungen im Keim ersticken wollen.

Leak enthüllt: Zensur Goes Global

Vergangene Woche stellte die Hackergruppe Enlace Hacktivista mehr als 600 Gigabyte interner Dateien aus dem Umfeld der Firewall ins Netz. Die Gruppe war bereits mit dem Leak von Cellebrite-Daten in Verbindung gebracht worden. Die Dokumente zeigen, wie Geedge seine Software entwickelt und wie die Systeme nach Myanmar, Pakistan, Äthiopien und Kasachstan gelangten. Was als Sammlung von Quellcode, Handbüchern und Installationsprotokollen erschien, ist zu einem politischen Fall von internationaler Tragweite geworden.

Die Unterlagen enthalten auch Hinweise auf die Rolle europäischer Firmen.
Der Export passt in Pekings Strategie der „Digitalen Seidenstraße“. Seit Jahren investiert China in Glasfasernetze, Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur in Asien, Afrika und im Nahen Osten. Auch Nepal, wo letzte Woche das Internet abgeschaltet wurde, was zu Protesten und zum Sturz der Regierung führte, ist Teil dieser Initiative.

Zensurtechnologie fügt sich hier nahtlos ein. Verkauft wird sie nicht als Instrument der Repression, sondern als Schutz vor Terrorismus und Cyberkriminalität. Politisch bedeutet das eine Verschiebung. Staaten, die auf chinesische Systeme setzen, übernehmen auch die Logik der Kontrolle. Damit schafft China Abhängigkeiten, erweitert seinen Einfluss in strategischen Regionen und stellt westliche Vorstellungen von einem offenen Netz infrage.

Europa als stiller Partner der Überwachung

Das Geschäftsmodell von Fang Binxing stützt sich auf Bauteile aus Europa, vor allem aus Deutschland. Nicht, weil sie die Firewall selbst entwickelt hätten, sondern weil ihre Produkte Teil der Lieferkette sind.

Amnesty International hat dokumentiert, wie die pakistanische Armee eine Kombination aus Firewall und Abhörzentrum betreibt. Dort steckt Technik des deutschen Unternehmens Utimaco aus Aachen. Dessen „Lawful Interception Management System“ soll Providern helfen, gesetzlichen Abhörpflichten nachzukommen. In Pakistan jedoch dient es der Massenüberwachung durch Militär und Geheimdienst.

Auch Datafusion taucht in den Papieren auf. Das Unternehmen sitzt heute in den Vereinigten Arabischen Emiraten, geht aber auf die deutsche Firma Trovicor zurück. Es betreibt die Monitoring-Center, die den Zugriff auf abgefangene Daten organisieren. Gemeinsam mit Utimaco liefert Datafusion damit zentrale Bausteine für die Überwachungsinfrastruktur in Pakistan.

Dazu kommt Thales aus Frankreich. Das Unternehmen liefert Komponenten für das Lizenzmanagement. Diese Technik entscheidet, ob Systeme laufen oder abgeschaltet werden. Ohne Thales gäbe es keine Zahlungsdisziplin und kein funktionierendes Geschäftsmodell.

Amnesty und verschiedene Medien haben bei den zuständigen Behörden nachgefragt, ob die Exporte nach Pakistan offiziell genehmigt wurden. Eine Antwort steht bis heute aus. Klar ist: Solche Exporte fallen unter Dual-Use-Regeln, da sie auch militärische Zwecke erfüllen. Sollte sich herausstellen, dass eine Lizenz beantragt und erteilt wurde, steht das Wirtschaftsministerium in Berlin unter Druck. Berlin kritisiert regelmäßig die Zensurpolitik Chinas, während zugleich deutsche Technik Teil dieser Politik wird.

Der Leak ist nicht nur ein PR-Desaster, er kratzt auch an einem Pfeiler chinesischer Außenpolitik: dem Prinzip der Nichteinmischung. Seit den 1950er Jahren präsentiert sich Peking als Staat, der die Souveränität anderer respektiert. Mit den jetzt bekannt gewordenen Dokumenten bricht dieses Narrativ.

Denn die geleakten Systeme wirken bereits weltweit. In Myanmar blockierten sie VPNs, sodass Aktivisten keinen sicheren Zugang mehr fanden. In Pakistan tauchten private Anrufe als Beweismittel vor Gericht auf. In Äthiopien organisierten sie Internet-Blackouts.
Und Geedge plant weitere Expansion. Laut der eigenen Website richtet sich die Akquise inzwischen auf Malaysia, Bahrain, Algerien und ausgerechnet Indien.

Firewall: Von Peking gesteuert, in Europa gebaut

China baut ein Geschäftsmodell auf, das Zensur und Überwachung zur Handelsware macht. Europa steht nicht am Rand dieser Geschichte, sondern liefert Bausteine der Infrastruktur. Für Berlin und Brüssel ist das ein politisches Problem, das sich nicht mehr übersehen lässt. Denn während chinesischer Firmen in Myanmar oder Pakistan direkten Zugriff auf Netze organisieren, stammt ein Teil der Technik aus Deutschland.

Diese Strategie passt zu Pekings AI⁺-Agenda. Künstliche Intelligenz dient nicht nur der Modernisierung der Wirtschaft, sondern auch als Hebel der Steuerung. Unter dem Schlagwort „Rule by Law“ versteht die Führung Recht nicht als Schutz individueller Freiheit, sondern als Instrument, um Gehorsam zu erzwingen. Mit dem Export dieser Technologien verbreitet Peking auch dieses Verständnis von Ordnung. Und deutsche Firmen erweisen sich als willige Helfer.



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