China steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Mit einem neuen Fünfjahresplan will die Regierung ihre Wirtschaft auf nachhaltige Entwicklung, Technologie und Innovation ausrichten. Angesichts globaler Spannungen und wachsender Abhängigkeiten setzt Peking auf Selbstständigkeit, Hightech, industrielle Stärke und gezielte Exporte – ein Kurs, der die künftige Dynamik der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt prägen und zugleich die technologische Unabhängigkeit von den USA festigen dürfte.
China forciert technologische Unabhängigkeit
China hat angekündigt, seine technologische Selbstständigkeit in den kommenden fünf Jahren massiv auszubauen und gleichzeitig den Binnenmarkt zu stärken. Mit diesem Schritt will Peking die heimische Wirtschaft widerstandsfähiger gegen äußere Einflüsse machen und ein nachhaltiges Wachstumsmodell schaffen.
Laut einem Kommuniqué, das nach einem viertägigen Treffen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei veröffentlicht wurde, soll die Fähigkeit zur „Selbstständigkeit und Stärke in Wissenschaft und Technologie erheblich gesteigert“ werden. Zudem soll der Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung auf einem „angemessenen Niveau“ gehalten werden – ein zentraler Bestandteil beim Aufbau eines modernen Industriesystems.
Diese Grundzüge des neuen Fünfjahresplans erscheinen unmittelbar vor einer neuen Gesprächsrunde mit den USA, die China vorwerfen, durch unfaire Praktiken eine Vormachtstellung in Hightech-Sektoren wie Rebotik und Elektrofahrzeugen anzustreben und zu viel zu exportieren. Die Pläne zeigen, dass China weiterhin stark auf industrielle Produktion und Exporte setzt – ein Ansatz, der das geopolitische Spannungsfeld mit dem Westen wohl weiter verschärfen dürfte.
Duncan Wrigley, Chefökonom für China bei Pantheon Macroeconomics, sieht darin „eine Verdopplung des Wachstumsmodells mit der fortgeschrittenen Fertigung als ‚Rückgrat‘“. China werde demnach weiter auf externe Nachfrage setzen, während die Binnennachfrage „voraussichtlich schwach“ bleibe.
Ökonomen von Goldman Sachs bewerteten die Aussagen zur kurzfristigen Wirtschaftspolitik als Zeichen der Entschlossenheit, die Jahresziele zu erreichen – was „ein leichtes Aufwärtspotenzial“ für die BIP-Prognose von 4,9 % impliziere.
Hightech-Fokus und Reformen prägen den Fünfjahresplan
Obwohl das detaillierte Programm erst im März veröffentlicht wird, legt das Dokument einen klaren Fokus auf „hochwertige Entwicklung“ und die Schaffung „neuartiger produktiver Kräfte“. Diese sollen vor allem in Zukunftsbranchen wie Halbleitern und Künstlicher Intelligenz entstehen. Peking will zudem die Entwicklung von Luftfahrt, Transport und Internet beschleunigen und den Dienstleistungssektor „fein und effizient“ ausbauen.
Parallel dazu bekräftigten die Behörden ihr Ziel, den Binnenkonsum zu stärken und Investitionen auszuweiten. Es soll „entschlossen“ gegen Hindernisse vorgegangen werden, die den Aufbau eines einheitlichen nationalen Marktes bremsen. Laut Ökonomen ist eine stärkere Inlandsnachfrage essenziell, um die chinesische Wirtschaft langfristig ins Gleichgewicht zu bringen und ineffiziente, überregionale Investitionen zu vermeiden, die zu Überkapazitäten führen.
Zheng Shanjie, Chef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), nannte den Plan für 2026 – 2030 „entscheidend“ für Chinas Modernisierung, zur Anpassung an das internationale Umfeld und um „strategische Vorteile zu erlangen“.
An den Finanzmärkten reagierten chinesische Aktien positiv: Der Hang-Seng-Index und die Festlandbörsen legten um etwa 0,5 % zu, während technologieorientierte Indizes wie der ChiNext-Index um bis zu 2,2 % und der STAR 50 Index um mehr als 3 % stiegen.
Peking setzt weiter auf Industrie und Exporte
Der Fokus auf Technologie ist eine Fortsetzung der Strategie aus dem Jahr 2020, die nach der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump eingeleitet wurde. Diese Politik hat seitdem an Dringlichkeit gewonnen, da Washington nun eine „strategische Entkopplung“ von China anstrebt – mit Sanktionen gegen immer mehr chinesische Firmen in Bereichen von Halbleitern bis Pharma.
Arthur Kroeber, Gründungspartner bei Gavekal Dragonomics, beschreibt Chinas Ansatz als „technofetischistisches angebotsseitiges Wachstumsmodell“. Die Regierung glaube, „alle Probleme – Produktivität, Einkommen, Wachstum – würden sich durch massive Investitionen in Zukunftstechnologien lösen“. Dies gleiche der Vorstellung, „dass Künstliche Intelligenz alle wirtschaftlichen Probleme magisch beseitigen könne“, so Kroeber weiter.
Trotz steigender US-Zölle und internationaler Kritik an einem Überangebot chinesischer Exporte hält Peking an der industriellen Expansion fest. Nettoexporte machen inzwischen einen wachsenden Anteil am Wirtschaftswachstum aus, während der Konsum zurückgeht. Handelsminister Wang Wentao forderte bei einer Pressekonferenz: „Wir müssen Importe und Exporte besser koordinieren und die ausgewogene Entwicklung beider fördern.“

Wachstum statt Sicherheit
Das aktuelle Kommuniqué zeigt auch eine mildere Tonlage bei Sicherheitsfragen als noch 2020. Der Begriff „Sicherheit“ taucht diesmal 15 Mal auf – zuvor waren es 22 Erwähnungen – und die Formulierung „auf wirtschaftlichen Aufbau als Zentrum bestehen“ kehrt nach einer Pause wieder zurück. Christopher Beddor, stellvertretender Forschungsdirektor bei Gavekal Dragonomics, erklärte dazu: „Die Entscheidungsträger versuchen weiterhin, ein heikles Gleichgewicht zwischen Entwicklung und Sicherheit zu wahren. Einige Formulierungen deuten jedoch darauf hin, dass die Waage leicht in Richtung Entwicklung kippen könnte.“
Da die Handelswinde stärker werden, müssten chinesische Haushalte mehr konsumieren, um Überkapazitäten abzubauen und die anhaltende Deflation zu stoppen. Ökonomen – darunter US-Finanzminister Scott Bessent – drängen Peking, das Sozialsystem zu stärken, um den Konsum zu fördern.
Dennoch äußerte sich die Parteiführung zurückhaltend: Man werde „im Rahmen der verfügbaren Mittel“ handeln, um die Grundversorgung zu verbessern, hieß es. Gleichzeitig versprach die Regierung, die „hochwertige Entwicklung des Immobiliensektors“ zu fördern, um den zentralen Wirtschaftszweig zu stabilisieren, der eng mit dem Vermögen vieler Haushalte verbunden ist.
Auffällig ist, dass der Begriff „Konsum“ viermal genannt wurde – gegenüber nur einmal im Jahr 2020. Doch wie Michelle Lam von Société Générale betont, komme es darauf an, „wie entschlossen die Politik diese Ziele umsetzt“. Die verhaltene Tonlage in Bezug auf staatliche Sozialausgaben deute auf fiskalische Beschränkungen hin.
Langfristige Wachstumsziele und die Rolle der US-Politik
Ökonomen erwarten generell eine Verlangsamung des Wachstums. Das Kommuniqué bestätigt ein Ziel, das auf ein durchschnittliches jährliches Wachstum von rund 4,5 % bis 2030 hindeutet. Zum Vergleich: Zwischen 2021 und 2025 rechnete die Regierung mit rund 5,5 %. Eine der größten Herausforderungen bleibt die schwache Konsumnachfrage, die 2024 nur etwa 40 % des BIP ausmachte – kaum mehr als 2019.
Larry Hu und Yuxiao Zhang von der Macquarie Group erwarten, dass Chinas „zweigleisiges Wachstumsmodell“ fortbesteht: Solange die Exporte stabil bleiben, bleibt der Fokus außenorientiert – fällt diese Säule, müsse die Regierung die Inlandsnachfrage ankurbeln. „Der Zeitpunkt eines solchen Wandels wird weniger in Peking als in Washington entschieden“, schreiben sie mit Blick auf US-Handelsrestriktionen. Ob sich der Handelskonflikt mit den USA ausweiten, hängt auch vom Ausgang des für Donnerstag geplanten Treffens zwischen Donald Trump und Xi Jinping ab.
Abschließend offenbarte das Plenum auch die Reichweite von Xi Jinpings Anti-Korruptionskampagne: Nur 168 der 205 Mitglieder des Zentralkomitees waren anwesend – eine ungewöhnlich hohe Zahl an Abwesenheiten, die im offiziellen Bericht unerklärt blieb.
FMW/Bloomberg
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