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Vom Großspender zum Chef-Inkasso China: Geldeintreiber statt Entwicklungshilfe

Unerbittlicher Schuldeneintreiber

China zieht die Schrauben an: Entwicklungsländer zahlen nun für einst großzügige Kredite. Was einst als Hilfe begann, wird zur Belastung – mit Folgen für ganze Gesellschaften.

China zieht die Schrauben an

China tritt zunehmend als Geldeintreiber statt Entwicklungshilfegeber auf. Besonders in Afrika, wo chinesische Milliarden einst Euphorie auslösten, wächst nun der Widerstand. Kenias Steuerproteste aus dem letzten Jahr zeigen eine Schuldenkrise, die politisch und gesellschaftlich eskaliert. Gleichzeitig existieren Beispiele für sinnvolle Kreditnutzung.

Kenia brennt: Steuererhöhung für Schuldendienst

Mitte letzten Jahres brach in Kenia eine landesweite Welle von Demonstrationen gegen die Einführung neuer Steuern aus. Sie richtete sich gegen Abgaben auf Brot, Windeln und Smartphones, die im Rahmen der „Finance Bill 2024“ geplant waren. Demonstranten stürmten das Parlament in Nairobi, setzten Teile davon in Brand, und mindestens fünf Menschen wurden getötet, als die Polizei das Feuer eröffnete. Über ein Dutzend Todesfälle wurden insgesamt im Zuge der wochenlangen Proteste gemeldet. Die Demonstrationen wurden von einer breiten Bewegung getragen, insbesondere von der „Gen Z“, die der Bewegung auch ihren Namen gab. Sie hatten einen weitgehend unparteiischen Charakter, im Gegensatz zu früheren Protesten, die von der Opposition organisiert wurden. Präsident William Ruto zog das Gesetz zurück, doch die Proteste hielten an, da die Demonstranten seinen Rücktritt forderten und ihre Frustration über die hohen Lebenshaltungskosten äußerten.

Die Einführung der „Finance Bill 2024“ war notwendig, um die 80-Milliarden-US-Dollar-Schuldenlast Kenias zu bedienen. Diese Schulden entstanden unter anderem durch Projekte wie die Mombasa-Nairobi Standard Gauge Railway, ein 5,3-Milliarden-US-Dollar-Projekt, das von China finanziert wurde. Die Bahn sollte die Transportzeit zwischen Mombasa und Nairobi halbieren, doch die Einnahmen decken nicht einmal die Betriebskosten, geschweige denn die Rückzahlung der Kredite. Mittlerweile muss Kenia 20 Prozent seiner Steuereinnahmen für die Schuldentilgung aufwenden, unter anderem an China, das sich vom größten Kreditgeber zum größten Schuldeneintreiber gewandelt hat.

China: Vom Großspender zum Chef-Inkasso

In den frühen 2000er Jahren war China ein kleiner Akteur in der internationalen Kreditvergabe. Doch bis 2016 vergaben chinesische staatliche Banken über 50 Milliarden US-Dollar an neue Kredite jährlich – mehr als alle westlichen Kreditgeber zusammen. Entwicklungsländer wie Kenia, Sambia und Äthiopien nahmen diese Kredite begierig an, um Infrastrukturprojekte zu finanzieren. Die Kreditbedingungen waren jedoch oft schwer zu erfüllen: Nach Ablauf der drei- bis fünfjährigen Schonfrist trieben Zinssätze von 2 bis 3 Prozent die Rückzahlungslast in die Höhe. Von 2016 bis 2020 vergab China insgesamt 450 Milliarden US-Dollar an Kredite an Entwicklungsländer. Mittlerweile hat sich das Bild umgedreht. Im Jahr 2023 vergab China nur noch Kredite in Höhe von 4,4 Milliarden US-Dollar, während es 10,36 Milliarden US-Dollar aus Tilgungen einnahm.

China Lowy-Report

Abbildung 1: Kreditvergabe Chinas an einkommensschwache Länder. Quelle: Lowy Institute

Für dieses Jahr werden etwa 22 Milliarden US-Dollar aus Zinsen und Rückzahlungen erwartet. Daten, die Schuldnerregierungen an die Weltbank melden, zeigen zudem, dass China in diesem Jahr der größte Empfänger für Schuldendienstzahlungen von Entwicklungsländern ist und über 30 Prozent dieser Zahlungen ausmacht. Für die ärmsten und verletzlichsten Länder machen Zahlungen an China ein Viertel aller Kosten aus Schuldendiensten aus und übertreffen damit sowohl multilaterale Kreditgeber als auch private Gläubiger. Kein einzelner bilateraler Kreditgeber war in den letzten 50 Jahren für einen so großen Anteil der Schuldendienstzahlungen verantwortlich.

Der Pariser Club hat inzwischen wieder die Führung übernommen. Seit 2022 vergibt er mehr Kredite an Entwicklungsländer als China, nachdem die chinesische Kreditvergabe stark zurückgegangen ist. China ist nicht länger primär ein Kreditgeber, sondern agiert zunehmend als „Chief Debt Collector“.

Fig 2 Lowy-Report China

Abbildung 2: Netto Kreditvergabe des Pariser Clubs und Chinas. Quelle: Lowy Institute

Gute Schulden – schlechte Schulden

Schulden, auch chinesische Kredite, sind nicht grundsätzlich schlecht. Entscheidend ist, wie sie eingesetzt werden, wie ein anderes Beispiel aus Afrika zeigt. In Äthiopien wurde mit einem 250-Millionen-US-Dollar-Kredit aus China der Hawassa Industrial Park gebaut. Der Park hat 25.000 Arbeitsplätze in der Textilindustrie geschaffen, in dem Unternehmen wie PVH, die Muttergesellschaft von Marken wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein, produzieren. Im Jahr 2022 generierte der Park Exporte im Wert von 100 Millionen US-Dollar, was Äthiopien hilft, seine Abhängigkeit von Agrarexporten zu verringern.

Kredite können langfristig zum Wirtschaftswachstum beitragen, wenn sie in Diversifizierung investiert werden, wie wissenschaftliche Untersuchungen nahelegen. Reine Infrastrukturprojekte wie die Mombasa-Nairobi-Bahn, die keine neuen Wirtschaftszweige fördern, erzielen hingegen langfristig wenig Nutzen [6]. Die afrikanischen Länder müssen robuste Schuldenmanagementstrategien entwickeln, um Zahlungsausfälle zu vermeiden und Abhängigkeit zu verringern.

Sri Lanka lässt grüßen: Chinas Griff nach Assets

Für Afrika waren chinesische Kredite lange Zeit von Vorteil: Sie waren einfach zu erhalten, oft projektgebunden und an weniger strenge Bedingungen geknüpft als westliche Kredite.

Doch die Schattenseiten dieser Partnerschaften treten zunehmend in den Vordergrund. Die kommerziellen Zinssätze Chinas von 2 bis 3 Prozent sind deutlich teurer als die zinsfreien Kredite der Geberländer, die sich im Pariser Club zusammengeschlossen haben und für die ärmsten Länder null Prozent sowie für Entwicklungsländer maximal zwei Prozent verlangen. Diese höhere Rückzahlungslast setzt Länder unter Druck. Zudem verstärken die Intransparenz chinesischer Kredite und die Fokussierung auf Rohstoffextraktion die Abhängigkeit afrikanischer Länder und behindern ihre wirtschaftliche Diversifizierung.

Kenia zeigt, wie chinesische Kredite zu einem zweischneidigen Schwert werden können: Die Mombasa-Nairobi-Bahn hat die Infrastruktur verbessert, aber die hohen Kosten und die fehlende Diversifizierung haben das Land in eine finanzielle Krise gestürzt. Mit 20 Prozent der Steuereinnahmen, die für Schuldenrückzahlungen verwendet werden, muss Kenia dringend einen Ausweg finden. Äthiopiens Beispiel zeigt jedoch, dass chinesische Kredite nachhaltiges Wachstum fördern können, wenn sie in Diversifizierung investiert werden.

China hat seine Kreditvergabe mittlerweile massiv zurückgefahren und tritt nun als unerbittlicher Schuldeneintreiber auf. Das Beispiel Sri Lankas, wo China den Hafen von Hambantota übernahm, nachdem das Land seine Schulden nicht bedienen konnte, zeigt, wie wenig zimperlich China dabei vorgeht. Dies könnte Chinas Image in Afrika in den nächsten Jahren schweren Schaden zufügen. Auf der anderen Seite müssen die afrikanischen Länder lernen, ihre Zukunft selbst zu gestalten, indem sie in eine diversifizierte Wirtschaft investieren.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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3 Kommentare

  1. Ja- das ist auch eine Frechheit, wenn die Chinesen ihre Kredite zurück haben möchten.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  2. Ich vermute Mal stark dass die chinesischen Kreditbedingungen damals immer noch besser waren als die vom Westen.

    Dort gibt es bekanntlich seit Jahrzehnten keine Austeritätsmaßnahmen, Zwangsliberalisierung und Privatisierung von Volkseigentum. ;)

    Wenn China in den letzten Jahren keine Kredite an bedürftige Entwicklungsländer vergeben hätte würden wir hier wahrscheinlich lesen wir egoistisch die Volksrepublik mit ihren Exportüberschüssen umgeht.

    Und bzgl. der Rekordsummen dieser Kredite sollte man auch an die Rekord-hohe Inflation der letzten Jahre erwähnen.

    1. wenn absehbar ist, dass das Projekt niemals erfolgreich sein wird, gibt es halt keinen Kredit aus dem Westen. China macht es dann trotzdem um ganz bewusst Abhängigkeiten zu schaffen, an Rohstoffe und Infrastruktur ranzukommen und eben auch um die Bautrupps der Partei irgendwo zu beschäftigen. Gebaut wird dann nämlich nicht, wie es mit dem Westen wäre, mit Einheimischen sondern nur mit Chinesen

      aber ja, der Westen ist sooo böse und die Chinesen sind wahre Menschenfreunde

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