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China Im dritten Quartal: Stabile Wirtschaft, bröckelnde Realität

China meldet zwar stabile Zahlen für seine Wirtschaft. Dahinter aber sieht man aber unzählige Probleme. Eine Detailanalyse.

Hinter Chinas stabilen Wachstumszahlen im dritten Quartal zeigt sich eine fragile Realität: Sinkende Immobilienpreise, schwache Investitionen und ein künstlich gestützter Konsum. China zeigt sich erstaunlich widerstandsfähig gegen den Handelskrieg. Das Wachstum im dritten Quartal bleibt stabil, die Industrieproduktion zieht leicht an, der Konsum erholt sich. Doch hinter der goldenen Herbstkulisse beginnen die Fundamente zu wackeln. Immobilienpreise fallen weiter, Exporte verlieren an Schwung, und die Investitionen im Privatsektor treten auf der Stelle.
Die Stabilität wirkt zunehmend erzwungen. Vieles hängt inzwischen an staatlichen Projekten, an Subventionen und an der Hoffnung auf eine konjunkturelle Gegenbewegung. Die Zahlen sehen solide aus, doch das Vertrauen der Unternehmen und Haushalte bleibt schwach.

Verlangsamtes Wachstum in China verdeckt wachsende Deflationsrisiken

Im Oktober zeigt sich die chinesische Wirtschaft in einem Zustand der abgekühlten Dynamik, wo die offiziellen Zahlen eine solide Fassade wahren, aber die Komposition ein Bild der Ungleichgewichte zeichnet. Das Wirtschaftswachstum in China im dritten Quartal betrug real auf Jahresbasis 4,8 Prozent, was eine Verlangsamung gegenüber den 5,0 Prozent im Q2 darstellt und das schwächste Tempo seit einem Jahr ist.

Grafik zeigt Wirtschaftswachstum in China

Das entspricht den Markterwartungen und hält das Land auf Kurs für das Jahresziel von rund 5 Prozent. Im Vergleich zum letzten Quartal stieg das reale BIP in China um 1,1 Prozent, was auf eine moderate saisonale Erholung hindeutet. Doch das nominale Wachstum lag bei nur 4,6 Prozent, was eine implizite Deflation des BIP von 1,1 Prozent signalisiert. Dies ist das zehnte aufeinanderfolgende Quartal mit Deflationsdruck. Analysten sehen hier anhaltende Schwäche in der Nachfrage, die trotz Resilienz auf der Output-Seite die Erholung fragil macht.

Dieser Deflationsdruck wird durch die jüngsten Inflationsdaten für September untermauert. Der Verbraucherpreisindex (CPI) fiel um 0,3 Prozent im Jahresvergleich, stärker als die erwarteten 0,2 Prozent. Die Lebensmittelpreise sanken um 4,4 Prozent und Energiepreise um 2,7 Prozent, was auf anhaltende Nachfrageschwäche hinweist.

Grafik zeigt Preisindizes für China

Der Produzentenpreisindex (PPI) fiel um 2,3 Prozent im Jahresvergleich, was innerhalb der Erwartungen, aber immer noch in der dritten Deflationsphase seit fast drei Jahren. Zhiwei Zhang von Pinpoint Asset Management warnte, dass „es ist zu früh (ist), um zu sagen, dass der Deflationsdruck nachlässt.“ Die schwache Nachfrage, verschärft durch Handelsspannungen und den Immobilienrutsch, riskiert eine Spirale, die das Wachstum weiter drosselt, trotz Regierungsanstrengungen, die den Kern-CPI stützen.

Exporte kaschieren Einbruch bei Investitionen

Getrieben wird das Wachstum weiterhin von den Exporten, die im September um 8,2 Prozent zulegten, und in deren Schlepptau die Fertigung. Aber infolge des Handelskrieges lassen die Investitionen in das Anlagevermögen stark nach und erreichten in den ersten neun Monaten nur ein Wachstum von -0,5 Prozent im Jahresvergleich. Besonders private Firmen in China investieren 3,1 Prozent weniger. Der Staat hingegen schraubt seine Ausgaben für Infrastruktur und Energie hoch. Dies stellt den ersten negativen Wert seit über 25 Jahren dar und ist ein klares Indiz für zurückhaltende Investitionen.

Dies korreliert direkt mit dem starken Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen (FDI), die in den ersten acht Monaten 2025 auf 71 Milliarden USD fielen – ein signifikanter Rückgang von 81 Milliarden USD im Vorjahr. Dies spiegelt vor allem zyklische Faktoren wie geopolitische Spannungen und den Einbruch bei den Immobilien wider und drosselt die Gesamtinvestitionen. China modernisiert also weniger.

Grafik zeigt chinesische Investitionen

Der starke Export führte zu einem nicht ganz so starken Anstieg der Fertigung (+9,6 Prozent) und einem nicht ganz so starken Wachstum der Industrieproduktion, die um 6,5 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr wuchs. Dies stellt aber immer noch den schnellsten Zuwachs seit dem Juni dar. Dieser Bereich wird dominiert durch starke Zuwächse im High-Tech-Bereich: Die Produktion von industriellen Robotern in China stieg um 29,8 Prozent, die von Autos mit alternativen Antrieben um 29,7 Prozent, und das 3D-Printing im industriellen Maßstab verzeichnete sogar einen Zuwachs von 40,5 Prozent. Die exportlastige Wirtschaft wird auch unterstrichen durch das Ungleichgewicht zwischen privaten und staatlichen Unternehmen. Letztere wuchsen im September nur um 4,3 Prozent, während erstere mit 6,6 Prozent stärker zulegten.

Der Gap zwischen Produktion und Verbrauch weitet sich weiter – oder anders ausgedrückt: Die Überproduktion nimmt zu, und damit steigt der Exportdruck, der wiederum zu fallenden Preisen führt und andere exportorientierte Länder unter Zugzwang setzt.

Konsum schwach – Wachstum nur dank Subventionen

Im Kontrast dazu wuchs der Einzelhandel im September nur um 3,0 Prozent im Vergleich zum September 2024, was der schwächste Monatszuwachs seit November letzten Jahres ist und unter den Erwartungen lag. Zwar legte der Online-Handel in China mit 9,8 Prozent stark zu, doch es wurden 3,3 Prozent weniger Haushaltsgeräte verkauft. Diese Zahl verdeutlicht, wie stark der Konsum von staatlichen Subventionen abhängig ist. Denn für die nachlassenden Käufe der weißen Ware sind die nachlassenden Kaufanreize auf zentralstaatlicher, Provinz- und Städteebene verantwortlich.

Grafik zeigt Entwicklung der Einzelhandelsumsätze in China

Ähnliches gilt für den Automobilsektor, der einen Anstieg der Verkäufe um 14,9 Prozent im September gegenüber dem Vorjahr sah. In den ersten neun Monaten wurden 12,9 Millionen Autos verkauft. Getrieben wurden die Verkäufe von der staatlichen Verschrottungsprämie, unterstützt durch regionale und lokale Kaufanreize sowie Preisreduktionen durch Händler und Hersteller. Autos werden also in den Markt gedrückt.

Einen Eindruck, wie schwach der Konsum wirklich ist, gab auch die „Golden Week“, die Mix Shih, Gründer der PoshPacker Hostels Chengdu Group, als „Golden Weak“ bezeichnete. Auch wenn wieder neue Rekorde bei den Touristentrips aufgestellt wurden, bleibt, dass die Ausgaben pro Tourist und Tag um 3 Prozent unter denen von 2019, also vor der Pandemie, lagen.
Aber es gibt auch positive Signale. In den sozialen Medien gehen die Suchanfragen und Diskussionen, wie man seine Konsumausgaben senken kann, zurück.

Social Media-Diskussionen in China über sinkenden Konsum

Immobilienpreise fallen – Chinas Wohlstand bröckelt

Hintergrund ist natürlich die nach wie vor schwelende Immobilienkrise. Die Preise fallen weiter – und damit das Vermögen, der Wohlstand und die Kaufkraft der Chinesen. Im September fielen die Preise für Bestandsimmobilien, die wichtigste Kategorie, da viele Chinesen Wohnungen als Absicherung für Alter, Krankheit und Ausbildung der Kinder betrachten, um weitere 0,6 Prozent. Das Bedrückendste dabei ist die Tatsache, dass es unter den von der Nationalen Statistikbehörde (NBS) beobachteten 70 Städten in China nicht eine einzige gab, die steigende oder wenigstens stabile Preise meldete. Die Preise für neugebaute Wohnungen sanken um 0,4 Prozent. Die Verkäufe an Immobilien sanken um 7,6 Prozent gemessen am Wert und 5,5 Prozent an der Fläche. Entsprechend sank der Real-Estate-Climate-Index auf 92,8 Punkte, unter die Expansionsschwelle von 100. Wenig überraschend sanken die Investitionen in den Real-Estate-Bereich um 13,9 Prozent.

Der professionelle Sektor zeigt ein ähnlich schwaches Bild. Mittlerweile verzeichnen die Städte einen Leerstand zwischen 20 und 40 Prozent. Die glitzernden Fassaden der Großstädte gleichen potemkinschen Dörfern. Sie sind lediglich leere Fassade, die Reichtum simuliert, nicht symbolisiert.

Mehr Schulden, weniger Wirkung – das teure Gleichgewicht

Die Kaufanreize für Konsumgüter, Autos und auch Häuser, die Subventionen für Fabriken, die Vorleistungen in Infrastruktur, Forschung und Entwicklung in China haben einen hohen Preis. Die Verschuldung erreicht mittlerweile ein Verhältnis von 336 Prozent im zweiten Quartal, gemessen am sogenannten Total Social Financing, also der Gesamtheit der Schulden. Ende letzten Jahres lag dieses Verhältnis noch bei 303 Prozent. Allerdings ist dies nur die offizielle Zahl – die tatsächliche Verschuldung dürfte noch um einige Prozentpunkte höher liegen. Dies bedeutet auch, dass 17 Prozent an neuer Verschuldung zu nur 4 Prozent Wachstum geführt haben. Oder anders ausgedrückt: Die Verschuldung stieg mit 8,7 Prozent doppelt so stark wie das Wachstum.

Paradoxerweise wächst die Ausgabe neuer Kredite nur um 6,6 Prozent. Dieser Tiefstwert ist auf die Kaufzurückhaltung der Verbraucher bei Immobilien bzw. bei kurz- und langfristigen Konsumgütern zurückzuführen – und auf die geringeren Investitionen von Unternehmen.

Aber die Menschen machen sich mittlerweile weniger Sorgen um ihren Arbeitsplatz und sinkende Einkommen als noch vor ein paar Monaten. Es scheint ein leichtes Aufatmen auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Diejenigen Unternehmen, die überlebt haben, stellen wieder ein.

Anzahl der Firmen die neue Mitarbeiter einstellen

Aber die Anzahl der qualifizierten Jobs sinkt, und mehr und mehr Menschen driften in die Gig-Economy ab – will heißen: Kurierfahrer, Essensauslieferer, Didi-Fahrer etc. – mit langen Arbeitszeiten und enormem Druck. Auch die Jugendarbeitslosigkeit sinkt leicht, und damit ist der diesjährige Peak, in dem Graduierte auf den Arbeitsmarkt treffen, um einen Monat nach vorne verschoben.

Grafik zeigt chinesische Jugendarbeitslosigkeit

Trügerische Stabilität – China verschiebt die Krise nur

Insgesamt zeigt sich die chinesische Wirtschaft erstaunlich resilient gegen den Handelskrieg. Die Exporte wachsen zwar weiter, sie bringen aber immer weniger ein. Trotzdem tut die chinesische Wirtschaft so, als ginge sie das alles wenig an – was ein gefährlicher Trugschluss ist. Die fehlenden Investitionen weisen darauf hin, dass die Kosten des Konflikts in die Zukunft verlagert werden. China folgt der Devise: „Wenn du schwach bist, erscheine stark.“ Im Kontrast dazu zeigen die USA mit der einbrechenden Konjunktur Schwäche. Jeder Krieg beruht auf Täuschung.
Doch auch ohne diese Täuschung ist die chinesische Wirtschaft nach wie vor von zyklischen und strukturellen Problemen gezeichnet. Am gefährlichsten ist nach wie vor die Immobilienkrise, die zu einem Wohlstandsverlust und damit zur Aufkündigung des impliziten chinesischen Gesellschaftsvertrags führt: Die Partei darf den Staat lenken (und sich auch daran bereichern), sofern sie für Wohlstandsmehrung der Bevölkerung sorgt.

Wenn Xi Jinping in den nächsten Monaten nicht endlich einen Weg findet, die überfälligen strukturellen Probleme anzugehen, könnte der sanfte Herbstwind in einem heftigen Frühjahrssturm umschlagen.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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7 Kommentare

  1. Handelsbilanzüberschuss und Deflation scheinen irgenwie zusammenzuhängen. Die Massen an Kapital müssen irgendwo hin und sie fließen irgendwo hin.

    „Immobilienpreise fallen – Chinas Wohlstand bröckelt“ Naja, recht einseitige Betrachtung auf Immobilien. Da bröckelt wohl was an den Stellen, wo genung zum bröckeln ist.

    Ob die Deflation so ein großes Problem ist? Sie scheinen das übrige Kapital wohl in alles mögliche anzulegen, halt weniger starkt in Immobilien.

    Wie kann man denn eigentlich sagen, dass bei fallenden Preisen der Wohlstand bröckelt?
    Bei uns steigen die Preise, der Wohlstand sinkt, außer bei den Immobilienbesitzern.

    Das ist einfach irgendwie komplett umgedreht, nicht?

    Auf den ersten Blick: Die wirken fitter.

    1. @Großer Bär

      Ein Handelsbilanzüberschuss führt nicht automatisch zu Deflation, kann sie aber begünstigen, wenn er aus Überproduktion entsteht. In Chinas Fall übersteigt das Angebot die heimische Nachfrage deutlich. Die überschüssige Produktion muss auf den Weltmarkt, wo der begrenzte Absatz über niedrigere Preise erkauft wird. Das drückt Margen und Löhne – und so entsteht der deflationäre Druck, den wir derzeit in China beobachten. Entscheidend ist also weniger der Überschuss selbst, sondern das Ungleichgewicht zwischen Produktion und Konsum.
      Diese deflationäre Tendenz hängt eng mit dem Immobiliensektor zusammen, der in China eine übergroße Rolle im privaten Vermögen spielt.

      Zum naechsten Punkt: „Immobilienpreise fallen – Chinas Wohlstand bröckelt. Naja, recht einseitige Betrachtung auf Immobilien.Da bröckelt wohl was an den Stellen, wo genung zum bröckeln ist.“

      In meinen Augen ist dies der wichtigste Zusammenhang, den man bei der Betrachtung Chinas sehen muss: Zum nächsten Punkt: „Immobilienpreise fallen – Chinas Wohlstand bröckelt.“ Das ist eine verkürzte Sicht, denn dort bröckelt vor allem, wo es überhaupt etwas zu bröckeln gibt. Rund 75 Prozent des chinesischen Privatvermögens steckt in Immobilien, weil andere Anlageformen fehlen oder als unsicher gelten – etwa die Börse. Immobilien sind für viele Chinesinnen und Chinesen Altersvorsorge, Notgroschen bei Krankheit und Ausbildungsreserve für die Kinder zugleich.

      Der Preisverfall hat daher weitreichende Folgen: Bei vielen Krediten ist am Laufzeitende eine Abschlagszahlung fällig, deren Höhe auf einem erwarteten Verkaufsgewinn basiert. Sinkt der Immobilienwert, steigt diese Zahlung – die Eigentümer müssen mehr sparen und haben weniger verfügbares Einkommen. Gleichzeitig wächst der Druck, zusätzlich für Alter und Unvorhergesehenes vorzusorgen. In der Summe schrumpft so der reale Wohlstand, und das inzwischen spürbar.

      „Ob die Deflation so ein großes Problem ist? Sie scheinen das übrige Kapital wohl in alles Mögliche anzulegen, halt weniger stark in Immobilien.“

      Ja, ist sie. Und zwar mit Abstand. Wie ich im Artikel ausgeführt habe, gehen die privaten Investitionen spürbar zurück. Der Rückgang wird derzeit noch dadurch kaschiert, dass der Staat einspringt und massiv in Infrastruktur, Forschung, Land und teilweise sogar in Fabrikanlagen investiert, die eigentlich von Unternehmen gebaut werden müssten. Private Firmen investieren rund 3,1 Prozent weniger in neue Anlagen, ihre Produktionsbasis altert sichtbar.

      Das staatliche Investieren hat dabei seine Tücken: Vieles endet als Investitionsruine. Ein gutes Beispiel sind Kohlekraftwerke. China hat in diesem Jahr rund 80 Gigawatt neue Kapazitäten errichtet, doch die Stromerzeugung aus Kohle sinkt um etwa zwei Prozent. Das Land bräuchte also weniger, nicht mehr Kraftwerke. Viele dieser neuen Anlagen stehen nun ungenutzt da, teilweise komplett mit Personal, aber ohne auch nur ein Brikett zu verbrennen.

      „Wie kann man denn eigentlich sagen, dass bei fallenden Preisen der Wohlstand bröckelt?“

      Das klingt im ersten Moment widersprüchlich, ist es aber nicht. Wohlstand bemisst sich nicht daran, ob etwas billiger wird, sondern ob Menschen sich mehr leisten können. Wenn Preise sinken, aber Einkommen stagnieren oder sogar zurückgehen, steigt die Kaufkraft nicht. In China sinken viele Preise, weil Unternehmen ihre Waren kaum noch absetzen können. Das führt zu geringeren Gewinnen, geringeren Löhnen und weniger Investitionen. Gleichzeitig verlieren Immobilien an Wert, also der wichtigste Vermögensbestandteil vieler Haushalte. In Summe nimmt damit nicht der Wohlstand zu, sondern ab, auch wenn einzelne Produkte günstiger werden.

      „Auf den ersten Blick: Die wirken fitter.“
      Damit treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Sie wirken fitter – aber sind sie es wirklich?

      Das kann ich nicht abschließend beurteilen, schon weil mir der direkte Vergleich mit den westlichen Volkswirtschaften fehlt.

      Was sich jedoch sagen lässt: Auf der Handlungsebene ergibt das Vorgehen durchaus Sinn – ob man es nun spieltheoretisch, also eher westlich, oder unter dem Blickwinkel der Strategeme, also eher chinesisch, betrachtet. China will den Eindruck von Stärke erzeugen. Im Machtspiel mit Trump war das offensichtlich, und auch auf der kommunikativen Ebene hat Peking oft die Oberhand. Doch das ist nur die Oberfläche. Unter ihr sieht es deutlich brüchiger aus.
      Wie ich im Artikel erläutert habe, verschiebt China seine strukturellen Probleme in die Zukunft. Das ist typisch für Xi Jinpings Regierungsstil: Krisen werden als zyklische Schwankungen dargestellt, die sich von selbst lösen. Tatsächlich bleiben die tiefen strukturellen Fragen ungelöst – etwa die Verteilung der Steuereinnahmen, die viele Provinzen de facto in den Bankrott getrieben hat. Diese Themen ziehen sich durch viele meiner Analysen, weil sie den Kern der chinesischen Schwäche bilden.

      Aus persönlicher Perspektive kann ich hinzufügen: Seit der Pandemie hat sich das Land nicht wirklich erholt. Die Stimmung verschlechterte sich bis ins Frühjahr dieses Jahres spürbar. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren erlebte ich, dass viele Menschen in meinem Umfeld Angst um ihren Arbeitsplatz hatten und Gehaltssprünge, wie sie früher üblich waren, selbst durch Jobwechsel nicht mehr möglich waren. In den letzten Monaten hat sich die Stimmung etwas aufgehellt, allerdings vor allem in den weichen Indikatoren – in den harten Daten spiegelt sich das bisher kaum wider.

      Ich hoffe, so wird es klarer.

  2. robert h. schwachkopf

    danke für diese zustandsbeschreibung china’s
    da können wir ja richtig froh sein,
    dass im westen nicht solche amateure in wirtschaft und politik am werk sind.
    da sind sie nun so am boden, kaufen trotzdem jeden monat tonnenweise edelmetalleund rohstoffe
    rund um den globus auf,
    verweigern den westen seltene erden, chips oder andere lächerlichkeiten zu schenken.
    wie machen das die schinesen, ohne sich vor der allmächtigen und starken usa zu fürchten
    hungern und frieren die chinesen auch einen ab, wie die nordkoreaner oder die russen?

    1. Billigtrix von Lurch

      Vielleicht wären unsere Politiker effektiver und erfolgreicher, wenn sie sich nicht so viel mit den ach so enorm wichtigen Kulturkampfthemen der AfD befassen würden: Stadtbild, vegane Würste und Schnitzel, Genderdebatten, Zerschlagung des Selbstbestimmungsrechts von Frauen, Klimaleugnen, Ökodiktaturen, Umvolkung, Aufbau und Etablierung einer rechtspopulistischen Parallelgesellschaft, Opfermythos…

  3. Und was ist mit Amerika?
    Und mit Deutschland?
    Wo sind eigentlich unsere Fanboys des Whataboutism, Red Herring und anderer Strohmannargumente? Ich mache mir ernsthaft Sorgen um die Jungs. Nicht, dass die sich am Ende noch an Bananen und Popcorn überfressen haben 😄

    Nur auf den @Schwachkopf ist noch Verlass…

    1. @Kathie Worst
      Um den Untergang des vierten Roms darf sich wer anders kümmern. Ich halte mich lieber am Drachenthron auf und werfe gelegentlich einen Blick aufs dritte Rom.
      Wenn ich an Deutschland denke in der Nacht… Nein, auch daran dürfen sich andere versuchen. Ob Untergangsapokalyptiker, linke oder rechte Spinner, Realitätsverweigerer (hauptsächlich im Süden) oder Idealisten: Ich wühle mich lieber durch chinesische Datenfluten und übe mich in der Kunst der Pekingologie.

      1. @Doi Ennoson
        Genau das schätze ich an Ihnen und Ihren Beiträgen. Sie liefern wertvolle Informationen über das Innenleben einer Großmacht, die in der öffentlichen Berichterstattung eher ein großer blinder Fleck ist.
        Ihre Artikel sind journalistisch höchst interessante, informative Juwelen und eine willkommene Abwechslung zu den apokalyptischen Untergangspredigern aus dem Süden oder den libertären Kettensägenschwingern, die fanatische Spinner wie Milei fernab aller Realitäten geradezu glorifizieren.
        https://www.n-tv.de/politik/Donald-Trump-sabotiert-eigene-Rettungsaktion-Javier-Mileis-angebliches-argentinisches-Wunder-koennte-zum-Albtraum-werden-article26111072.html

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