China steigert im Juli seine Exporte kräftig, während die USA Marktanteile verlieren. ASEAN und EU profitieren, doch der Preis ist hoch: sinkende Margen und Preisdruck.
China im Juli: Exporte boomen, USA verlieren
Der Juli war im chinesischen Außenhandel kein gewöhnlicher Monat. Zum ersten Mal schlugen sich die „reziproken“ Zölle aus dem Zollstreit mit den USA sichtbar in den Exportzahlen nieder. Gleichzeitig befand sich der Monat in einer Phase, in der viele Unternehmen ihre Waren noch vor dem 12. August in den USA anmelden wollten. Beides zusammen führte zu einer Konstellation, die statistisch auffällige Ergebnisse geradezu begünstigte – und genau das trat ein.
Im Vorfeld hatten Ökonomen ein Exportplus von 5,8 Prozent erwartet, bei den Importen lag die Prognose bei 0,27 Prozent Zuwachs. Angesichts schwacher Einkaufsmanager-Indizes schien ein Rückgang der Ausfuhren wahrscheinlich, abgesehen von den erwarteten starken Lieferungen in die ASEAN-Staaten. Hinzu kamen Prognosen über verstärkte Umleitungen von Warenströmen nach Europa und Afrika, während die Inlandsnachfrage als schwach eingeschätzt wurde.
Die tatsächlichen Zahlen der Zollbehörde GACC bestätigen dieses Bild nur teilweise. Im Jahresvergleich legten die Exporte in US-Dollar gerechnet um 7,2 Prozent zu. Auch die Importe wuchsen stärker als vorhergesagt, nämlich um 4,1 Prozent. Damit rückte die Frage in den Vordergrund, wie sich dieser Zuwachs zusammensetzt und welche Strukturen dahinterstehen.
Zwei Kennziffern – zwei Geschichten: China maskiert die Importschwäche
Ein erster Blick gilt der Unterscheidung zwischen Gesamthandel und allgemeinem Handel. Die offiziellen Zahlen umfassen alle Warenbewegungen, einschließlich Transitgeschäften und Umschlägen, die den Eindruck echter Handelsaktivität verzerren. Der allgemeine Handel filtert solche Sonderformen heraus und erfasst nur den direkten Import und Export. Hier zeigte sich im Juli ein anderes Bild: Exporte stiegen um 9,1 Prozent, Importe legten lediglich um 1,6 Prozent zu. Das erklärt, warum der Überschuss im Gesamthandel 80,45 Milliarden US-Dollar beträgt, im allgemeinen Handel jedoch 98,42 Milliarden. Der auf den ersten Blick kräftige Importanstieg beruht damit vor allem auf Sondergeschäften, nicht auf einer dynamischen Binnennachfrage.
Handelsströme verschieben sich Richtung ASEAN und EU
Noch deutlicher tritt die Entwicklung im Vergleich der einzelnen Handelspartner zutage. Zwischen Januar und Juli stieg der Wert der Exporte in die ASEAN-Staaten um 45 Milliarden US-Dollar, die EU nahm Waren im Wert von 22 Milliarden mehr ab, während die USA 35 Milliarden weniger bestellten. Im Juli entsprach dies einem Plus von 13,5 Prozent bei ASEAN, 7 Prozent bei der EU und einem Rückgang von 12,6 Prozent bei den USA.
Der Zollstreit hat die Gewichte damit klar verschoben. Auffällig ist, dass Vietnam, Thailand und Indonesien als Hauptziele für verlegte Lieferketten fungieren, während Malaysia und die Philippinen deutlich schwächer zulegen.
Neben ASEAN und der EU rücken Afrika und Lateinamerika stärker ins Blickfeld. Die Exporte nach Afrika stiegen im Juli um 24,5 Prozent, nach Lateinamerika um 14 Prozent. In absoluten Zahlen bleiben beide Regionen jedoch weit hinter den großen Handelspartnern zurück. Ihre Zuwächse zeigen vor allem, dass chinesische Hersteller gezielt zusätzliche Absatzmärkte ansteuern, wenn große Märkte unter Druck stehen.
Ein Kontrast dazu sind die BRICS-Staaten: Im bisherigen Jahresverlauf brach der Handel mit China um 30 Prozent ein – sowohl im Export als auch im Import. Russland verzeichnete im Juli ein Minus von 8,5 Prozent bei chinesischen Exporten, und auch das Liefervolumen nach China sank. Von einem geschlossenen Wirtschaftsblock bleibt in der Realität vor allem die Rhetorik.
Eine Besonderheit zeigt sich bei Hongkong. Die Importe von dort stiegen um 44 Prozent, was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt. Die Erklärung liegt in der Funktion Hongkongs als Umschlagplatz. Viele Waren werden dort erfasst, obwohl sie nur für Weiterverarbeitung oder Re-Export bestimmt sind. In der Statistik erscheinen sie als Import, tatsächlich gehören sie zum Verarbeitungshandel.
Schwache Nachfrage drückt auf Importströme
Trotz des Gesamtanstiegs um 4,1 Prozent sind die Ströme aus wichtigen Lieferländern rückläufig. Besonders stark sanken die Lieferungen aus Australien mit minus 15,2 Prozent, aus den USA mit minus 10,3 Prozent und aus Russland mit minus 7,7 Prozent.
Die ASEAN-Staaten hielten das Niveau, einzelne Partner wie Thailand, Indonesien und Singapur legten zu. Aus der EU kamen weniger Waren, vor allem aus Italien und Deutschland. Taiwan steigerte seine Lieferungen um gut zehn Prozent, Hongkong um 44 Prozent. Beide profitieren vom hohen Bedarf an Elektronik und Komponenten.
Exportzuwachs erkauft mit sinkenden Erlösen und schwachem Yuan
Die Steigerung der Exporte ist teuer erkauft. Chinesische Hersteller senken massiv ihre Preise, um in neuen Märkten Fuß zu fassen.
Rückenwind gibt ein gezielt geschwächter Yuan, der die Auslandskunden entlastet und die Margen im Inland zerfrisst. Mehr Ware verlässt das Land, doch der Erlös pro Stück sinkt. Vor allem in produktionsintensiven Branchen spüren die Unternehmen die Enge im Kalkulationsgerüst sofort.
Diese deflationäre Spirale frisst sich längst in den Binnenmarkt hinein. Die Einkaufspreise sind seit Herbst 2022 im Minus, und weil sich diese Kostenschwäche auch in nahezu stagnierenden Verbraucherpreisen niederschlägt, bleibt der Konsum matt.
Das wiederum schlägt auf die Importnachfrage durch. Es kommen weniger Impulse von der Nachfrageseite, obwohl die Außenhandelsbilanz weiter hohe Überschüsse ausweist.
Rohstoffpreise bleiben wichtigster Puffer für Wirtschaft in China
Einen Lichtblick bieten die Rohstoffimporte. Kohle, Öl und Gas werden seit Monaten zu niedrigeren Preisen eingeführt. Im Juli sank der Kohlebedarf zusätzlich durch eine hohe Nutzung der Wasserkraft, was die Kohleimporte im Jahresvergleich um 11 bis 13 Prozent verringerte. Gasimporte nahmen ebenfalls ab.
Nur bei Rohöl und raffinierten Produkten zeigte sich ein Anstieg im Juli. Aber trotz eines relativ stabilen Wachstums von 5,3% steigen die Ölimporte nur um 2,5 Prozent. Der Energiebedarf koppelt sich also weiter vom Wachstum ab. Nicht zuletzt, weil der steigende Anteil erneuerbarer Energien fossile Zuwächse ersetzt. Wasserkraft, Solar- und Windenergie übernehmen inzwischen in China einen wachsenden Teil der Grundlast.
China verteidigt Rolle im Welthandel – mit hohen Kosten
Chinas Außenhandel zeigt im Juli eine bemerkenswerte Widerstandskraft, die aber nicht aus eigener Stärke, sondern durch Verlagerungen, Preiszugeständnisse und Währungseffekte entspringt.
Die chinesische Handelsbilanz erzählt die Geschichte, dass China die USA als Partner durch einen erhöhten Handel mit seinen asiatischen Nachbarn sowie neuen Märkten in Afrika und Südamerika ersetzen kann. Eine Analyse der gerade veröffentlichten Zolldaten aus den Vereinigten Staaten wird zeigen, ob dieses Bild der Realität standhält.
Besonders die nachlassenden Handelsströme innerhalb der BRICS-Staaten zeigen, dass von einem geschlossenen Gegengewicht zum Westen kaum die Rede sein kann – zu unterschiedlich sind Interessen und Abhängigkeiten.
Auf der Importseite offenbart sich eine anhaltend schwache Binnennachfrage, die selbst durch statistische Sondereffekte im Gesamthandel nicht kaschiert werden kann. Die günstigen Rohstoffpreise lindern den Kostendruck in der Industrie, sind jedoch Ausdruck einer gedämpften Energienachfrage und ersetzen keinen echten Wachstumsschub. Der Juli bestätigt damit den Trend: China behauptet seinen Platz im Welthandel, zahlt dafür aber mit Margenverlusten und einer schwächelnden Inlandsdynamik.
Anmerkungen des Autors:
Dieser Artikel basiert auf der Auswertung offizieller chinesischer Handelsdaten (Zollbehörde GACC, Statistikamt NBS auf in US-Dollar.
Zusätzliche Auswertungen, Tabellen und Grafiken wurden vom Autor auf Grundlage der Originaldaten erstellt.
Hinweis:
Aus technischen Gründen können direkte Links zu GACC/NBS nicht gesetzt werden. Die Daten wurden jedoch im Original geprüft und verarbeitet.
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