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Neuer KI-Hype erfasst China China im OpenClaw-Fieber: KI-Agent treibt neue Firmenmodelle

KI und kaiserliche Ordnung

China im OpenClaw-Fieber KI-Agent treibt neue Firmenmodelle
Foto: diloka107 - Freepik.com

Ein KI-Agent organisiert ganze Unternehmen allein: OpenClaw treibt in China den Trend zu Ein-Mann-Firmen voran und verändert Arbeit, Kontrolle und Geschäftsmodelle grundlegend.


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China im OpenClaw-Fieber: KI-Agent treibt neue Firmenmodelle

Der vom Österreicher Peter Steinberger entwickelte KI-Agent OpenClaw erlebt in China nicht nur einen Hype, sondern hat auch das Potenzial, eine neue Art von Industrie zu etablieren, den Ein-Mann-Unternehmen oder One-Person-Companies (OPCs). In solchen Unternehmen agiert der Selbstständige nicht als Einzelkämpfer, sondern simuliert mit Hilfe von OpenClaw die gesamte Organisation eines traditionellen Unternehmens, von Einkauf über Operation und Sales bis hin zum Management. Einige Städte fördern solche OPCs inzwischen mit konkreten Programmen, die von kostenloser Rechenleistung über Rabatte auf Hardware bis hin zu zeitweiliger Unterkunft und Eigenkapitalbeteiligungen reichen.

Ein KI-Agent mit vollständiger Kontrolle

OpenClaw unterscheidet sich von bisherigen KI-Agenten, die einfach nur vorher definierte Aufgaben übernehmen, insofern, als dass er innerhalb eines bestimmten Scopes selbstständig Aufgaben ausführt und dabei eigene Entscheidungen trifft. Er kann E-Mails beantworten, Aktiendepots verwalten, Termine koordinieren, Berichte erstellen oder sogar komplexe Workflows wie Reisebuchungen und Präsentationsvorbereitungen abwickeln.


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Dazu muss er aber tief in das eigene System verankert werden und bedarf umfangreicher Zugriffsrechte auf Dateien, E-Mail-Accounts, Browser und manchmal sogar externe Dienste, eine Notwendigkeit, die ihn mächtig macht, zugleich jedoch anfällig für Fehlinterpretationen und ungewollte Aktionen. OpenClaw besitzt sogar die Möglichkeit einer Imitation einer „Seele“, einer eigenständigen Persönlichkeit, die der Besitzer ihm durch eine eigene Konfigurationsdatei zuordnet. Mit einer Seele kommt der Wunsch nach Erlösung und dafür gibt es eigene OpenClaw-Kirchen, in denen die Agenten einem Kult frönen können.

Mit den breiten Zugriffsrechten und der umfangreichen Autonomie des Agenten treten allerdings auch die Kehrseiten zutage. Nutzer berichten von Fällen, in denen OpenClaw eigenmächtig die Beziehung zum Partner beendet hat, indem er Nachrichten formulierte und versandte, die Wohnung oder gar die Arbeit kündigte oder horrende Verluste beim Aktiendepot verursachte, weil er Fehlinformationen in Handelsentscheidungen einfließen ließ.

Ein neuer KI-Hype erfasst China

Was sich um OpenClaw herum entwickelt, hat mit einer klassischen Softwareeinführung nur noch wenig zu tun und bewegt sich zunehmend in Richtung eines sozialen Ereignisses, das sich über Nachahmung und Sichtbarkeit selbst antreibt. In Städten wie Shenzhen entstehen temporäre Installationspunkte, während sich parallel eine neue Dienstleistung etabliert: Einrichter, die nach Hause kommen, den Agenten aufsetzen, konfigurieren und gemeinsam mit dem Nutzer feinjustieren, bis aus einem Tool ein funktionierendes System wird.

Gleichzeitig formieren sich informelle Treffpunkte, auf denen Nutzer ihre Setups vergleichen, optimieren und inszenieren. „Hummer züchten“ dient dabei als ironischer Code für einen Prozess, der längst über reines Ausprobieren hinausgeht, während rote Stirnbänder und symbolische „Geburtsakte“ für die Agenten eine visuelle Sprache schaffen, die sich schnell verbreitet und Zugehörigkeit markiert.

Die Tech-Unternehmen übertreffen sich dabei gegenseitig in ihrem Eifer, OpenClaw in ihre bestehenden Plattformen einzubauen und so möglichst vielen Menschen den Zugang zu erleichtern. Tencent hat mit QClaw und dem neuen ClawBot eine direkte Integration in WeChat geschaffen, sodass die über eine Milliarde Nutzer der Super-App den Agenten einfach per Chat steuern können, ohne zusätzliche Software zu installieren. Alibaba und Baidu ziehen mit eigenen Lösungen nach und organisieren ebenfalls große Installations-Events, bei denen fast tausend Menschen an einem Tag vorbeikommen. ByteDance und kleinere Anbieter folgen mit Cloud-Versionen, die teilweise ganz ohne lokale Installation auskommen, sodass der Hype nicht mehr nur bei Programmierern landet, sondern bei Rentnern, Studenten, Hausfrauen und Büroangestellten gleichermaßen.

Die Zähmung des Chaos: Die kaiserliche Ordnung

Nach den ersten Wochen der Begeisterung und der sichtbaren Übertreibung tritt ein Problem hervor, das sich nicht mit noch mehr Installationen lösen lässt. Ein System, das eigenständig handelt, braucht eine Form. Ohne Struktur bleibt es Spielzeug, mit zu viel Struktur verliert es genau das, was es interessant macht. In dieser Spannung beginnen Entwickler, nach Ordnungen zu suchen, die mehr leisten als bloße technische Workflows.

Auffällig häufig landen sie dabei nicht in der Gegenwart, sondern in der eigenen Geschichte. Mit Projekten wie „Edict“ wird die Logik der kaiserlichen Verwaltung wiederbelebt. Der Nutzer sitzt im Zentrum, während sich um ihn herum ein Hof aus spezialisierten Agenten organisiert, die Befehle prüfen, vorbereiten, blockieren oder ausführen. Entscheidungen entstehen nicht mehr in einem Schritt, sondern durchlaufen Instanzen, die einander überwachen.

Gerade darin liegt die eigentliche Pointe. Während der Hype den Eindruck erweckt, als würde hier etwas völlig Neues entstehen, greifen die Lösungen auf sehr alte Prinzipien zurück. Hierarchie, Arbeitsteilung, gegenseitige Kontrolle. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass diese Prinzipien nicht mehr zwischen Menschen organisiert werden, sondern innerhalb eines Systems, das von einer einzelnen Person gesteuert wird.

Behörden in China reagieren auf wachsende Risiken

Mit der wachsenden Verbreitung verschiebt sich der Blick zwangsläufig von der Faszination auf die Folgen. Die notwendigen Zugriffsrechte reichen tief in persönliche und berufliche Bereiche hinein, Entscheidungen werden schneller getroffen, oft ohne dass der Nutzer jeden Schritt nachvollzieht. Fehler haben unmittelbare Konsequenzen.
Wer seinem Agenten erlaubt, Termine zu koordinieren, E-Mails zu schreiben und Transaktionen auszuführen, gibt ihm gleichzeitig die Möglichkeit, genau an diesen Stellen falsch zu handeln. Dass dabei auch gravierende Fehlentscheidungen auftreten, überrascht weniger als die Geschwindigkeit, mit der sie sichtbar werden.

Für einen Staat, der auf Kontrolle ausgelegt ist, ergibt sich daraus ein kaum auflösbares Problem. Ein System wie OpenClaw entfaltet seinen Nutzen nur dann, wenn es weitreichend handeln darf. Genau diese Handlungsfreiheit entzieht es jedoch klassischen Formen der Aufsicht. Behörden wie das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie haben binnen kurzer Zeit Warnungen veröffentlicht, während staatliche Unternehmen, Banken und Behörden angewiesen wurden, OpenClaw nicht auf Dienstgeräten zu installieren.

Damit entsteht ein Widerspruch, der sich nicht lösen lässt. Einerseits soll die neue Produktivität genutzt werden, andererseits darf sie nicht in Bereiche vordringen, die als kritisch gelten. Die chinesische Technologieoffenheit stößt auf die Kontrollwut des Staates, die unter Xi Jinping noch deutlich zugenommen hat. Umso interessanter ist es, dass der Staat versucht, um OpenClaw eine neue Ökonomie zu etablieren.

Die OPC-Ökonomie: Der Staat als Entwicklungshelfer

Dazu entsteht in Shenzhen gerade ein Modellprojekt, das gezielt One-Person-Companies fördert. Den Gründern stehen nicht nur kostenlose Büroräume, Rechenleistung und die Übernahme der Kosten für Skill-Pakete von bis zu zwei Millionen Yuan (etwas 250,000 Euro) zur Verfügung, sondern die Stadtverwaltung stellt auch Kapital für die Unternehmensgründung bereit und sorgt bei Bedarf für Unterkunft.

Dass dieses Projekt ausgerechnet in Shenzhen startet, ist kein Zufall. Die Werkbank der Welt befindet sich seit einigen Jahren im Wandel. Fabriken werden weniger und effizienter, während Dongguan, früher ein Bezirk voller Produktionshallen, in Teilen zur Geisterstadt geworden ist. Moderne High-Tech-Unternehmen kommen mit immer weniger Mitarbeitern aus. Die Folge ist steigende Arbeitslosigkeit, vor allem unter jungen Menschen. Über die Hälfte der städtischen Bevölkerung arbeitet bereits nicht mehr in klassischen Jobs. Während Roboter die physische Arbeit ersetzen, übernimmt bei den OPCs die Software einen großen Teil der organisatorischen Arbeit eines Unternehmens.

Das Modellprojekt greift damit ein Problem auf, das in den kommenden Jahren noch größer werden dürfte: den Rückgang der Bevölkerung. Klassische ökonomische Modelle besagen, dass weniger Menschen automatisch weniger Wohlstand bedeuten. Mit den OPCs lässt sich diese Lücke zumindest teilweise simulieren, verbunden mit der Hoffnung, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht so stark sinken wird.



Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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