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Arbeiter schafft nur 27 Prozent der europäischen Wertschöpfung China im Selbstbetrug: Produktiv nur mit Staatsgeld

Viele Masse, aber wenig Produktivität

Foto: Bloomberg

China wirkt produktiv wie nie zuvor. Doch hinter dem Glanz der Zahlen steckt ein anderes Bild: Der Staat finanziert die Effizienz, die ohne ihn kaum existieren würde.

China im Selbstbetrug: Produktiv nur mit Staatsgeld

China produziert mehr als jede andere Volkswirtschaft. Doch ein Arbeiter dort schafft nur rund 27 Prozent der europäischen Wertschöpfung. Ein Widerspruch, der zu groß ist, um Zufall zu sein. Verglichen mit den USA arbeiten in China 10-mal mehr Arbeiter, die aber nur 1,5-mal so viel herstellen, wie in den Staaten. Der Ökonom Weijian Shan will ihn erklären. Seine Zahlen wirken überzeugend. Bis man sieht, dass sie auf einem Fundament stehen, das nicht aus Produktivität besteht, sondern aus staatlichem Geld.

China im Selbstbetrug - produktiv nur mit Staatsgeld

Produktivität aus der Statistik

Shan vergleicht fünf Industrien, in denen verlässliche Produktionsdaten existieren: Stahl, Zement, Automobilbau, Schiffbau und Elektronik. In allen Branchen liegt China bei der Produktionsmenge weit vor den USA oder Europa. Die chinesische Stahlindustrie produziert mehr als eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Die USA kommen auf rund 90 Millionen. In der Automobilproduktion liegt China seit 2023 mit über 30 Millionen Fahrzeugen vorn. Bezogen auf die Zahl der Beschäftigten ergibt das eine Produktivität, die nach Shans Berechnungen bis zu 80 Prozent des US-Niveaus erreicht.

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Er erklärt die Diskrepanz in den offiziellen Zahlen mit unterbewerteten Preisen und Wechselkurseffekten. Chinesische Waren seien günstiger, weil der Staat Energie, Kredite und Land verbilligt. Dadurch sinke der gemessene Wertzuwachs pro Arbeiter, obwohl die reale Leistung hoch sei. Die niedrigen Value-Added-Daten seien daher kein Zeichen mangelnder Effizienz, sondern Folge politischer Preisgestaltung.

Shan versteht das als Entlastung für Chinas Industriepolitik. Seine Botschaft lautet: Die Diskussion über eine „Mittel-Einkommensfalle“ sei übertrieben. Chinas Produktivität werde unterschätzt, weil westliche Statistiken auf Geldwerten beruhen, nicht auf physischen Ergebnissen.

Produktivität auf Staatskosten

Die Argumentation klingt schlüssig, hat aber einen Haken. Die fünf Branchen, auf die Shan sich stützt, sind die am stärksten subventionierten Sektoren des Landes. In ihnen fließen staatliche Gelder in einer Größenordnung, die in westlichen Volkswirtschaften unvorstellbar wäre.

Eine aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds liefert erstmals präzise Zahlen. Interessant ist, dass der IWF auf dieselben Datensätze zurückgreift wie Shan – Produktionsstatistiken des National Bureau of Statistics (NBS), ergänzt durch internationale Vergleichsreihen der Weltbank. Der Unterschied liegt nicht in den Daten, sondern in der Methode. Der IWF rechnet die Zahlen international vergleichbar, indem er staatliche Transfers, Steuererleichterungen und Kreditvergünstigungen berücksichtigt.

Nach dieser Berechnung gibt Peking jährlich rund fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Industrie- und Technologiesubventionen aus. Das entspricht etwa 900 Milliarden US-Dollar. Die größte Summe entfällt auf den Stahlsektor, die Batterieproduktion und den Automobilbau. Ein Teil fließt als direkte Zuschüsse, der Rest über Steuererleichterungen, verbilligte Kredite, Energiepreise oder kostenloses Bauland.
Der IWF kommt zu einem klaren Ergebnis. Die Subventionen erhöhen kurzfristig den Output, senken aber die gesamtwirtschaftliche Effizienz. In der Modellrechnung des Fonds sinkt die Total Factor Productivity in subventionierten Industrien um bis zu zwölf Prozent. Ressourcen werden fehlgeleitet, Firmen überleben, die ohne staatliche Hilfe längst verschwunden wären.

Eine zweite Untersuchung, der sogenannte Red Ink Report vom Center for Strategic & International Studies (CSIS), bestätigt dieses Bild und geht noch weiter. Die China-Experten DiPippo, Mazzocco und Kennedy haben dafür Hunderte von Provinz- und Lokalbudgets ausgewertet. Ihr Fazit: Rund 30 Prozent aller industriellen Investitionen in China werden direkt oder indirekt durch staatliche Mittel finanziert. In Schlüsselbranchen wie Solartechnik, Chemie und Batteriezellen liegt der Anteil deutlich höher. Der Bericht beschreibt, wie Subventionen und Kredite über kommunale Finanzplattformen und Industrieparks verteilt werden. So entsteht ein Schattenhaushalt, der kaum erfasst wird, aber entscheidend zur Stabilisierung der Produktionsmengen beiträgt.

Damit trifft die IMF-Analyse genau den Punkt, den Shan ausblendet. Die hohe Produktivität pro Kopf ist nicht allein das Ergebnis harter Arbeit oder technologischer Modernisierung. Sie beruht auf einem Netz staatlicher Stützungsmaßnahmen, die Kapital billig halten und Überkapazitäten stabilisieren.

Ein Beispiel liefert der Export von Elektrofahrzeugen. China hat 2024 über eine Millionen Autos ins Ausland geliefert. Die Hersteller bekommen billiges Land, staatliche Hilfe beim Bau der Fabriken, Forschung und Entwicklung, Investitionen in Häfen und Bahnanschlüsse, teilweise sogar die Löhne werden übernommen. Obendrauf gibt es für jedes produzierte Auto einen Zuschuss.

Die Folge ist eine beeindruckende Zahl an produzierten Fahrzeugen pro Arbeiter, die in Shans Statistik als Beleg für hohe Produktivität erscheint. In Wahrheit handelt es sich um eine rechnerische Fata Morgana. Ohne staatliche Unterstützung wäre die Produktionsleistung deutlich geringer, die Beschäftigung niedriger und die Preise höher.
Im Stahlsektor ist das Muster ähnlich. Subventionierte Energie und billige Kredite halten Werke am Leben, die im internationalen Wettbewerb kaum überleben würden. Der Ausstoß bleibt hoch, die Margen bleiben schmal, und die gemessene Produktivität wirkt besser, als sie ist.

China: Wenn Output keinen Wert schafft

Shans Methode hat noch einen zweiten blinden Fleck. Sie vernachlässigt den Wert der hergestellten Güter. Ein chinesischer Autoarbeiter mag in einem Jahr die gleiche Zahl von Fahrzeugen produzieren wie ein amerikanischer Kollege. Der Wert der Fahrzeuge unterscheidet sich jedoch erheblich. Tesla erzielt mehrere zehntausend Dollar Wertschöpfung pro Auto durch Markenstärke, Batterietechnik und Software. Ford setzt auf etablierte Qualität und Ersatzteilnetzwerke. Ein BYD oder NIO erreicht pro Fahrzeug nur einen Bruchteil dieses Werts. Die Stückzahl sagt daher wenig über Produktivität, wenn Qualität, Technologie und Marktpreis nicht einbezogen werden.

Auch die Datenbasis ist fragil. Shan stützt sich weitgehend auf Zahlen des National Bureau of Statistics. Diese sind politisch sensibel und häufig geschönt. Unabhängige Überprüfungen mit Satellitendaten zeigen, dass offizielle Produktionsmengen in einzelnen Industrien bis zu 20 Prozent über den realistischen Werten liegen.

Damit bleibt von Shans optimistischem Bild nicht viel übrig. Er hat recht, dass westliche Statistiken strukturelle Verzerrungen enthalten. Doch seine Korrektur ersetzt eine Fehlinterpretation durch eine andere.

Die neue IMF-Studie legt nahe, dass Chinas Wirtschaft zwar hohe Mengen produziert, dabei aber immer mehr Kapital und Energie verschlingt. Die scheinbare Effizienz entsteht aus Masse, nicht aus Produktivität. Der Staat kauft Zeit, keine Innovation.

Für Investoren bedeutet das, dass die Stärke chinesischer Industrien auf einem unsicheren Fundament steht. Solange Peking die Subventionen fortsetzt, bleibt der Output stabil. Sobald die Finanzierung sinkt, zeigt sich, wie viel reale Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich vorhanden ist.

Weijian Shan will das Produktivitätsparadox auflösen. Der IWF zeigt, dass es real existiert. Chinas Arbeiter schaffen viel, doch sie arbeiten in einem System, das Leistung mit Geld verwechselt.



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12 Kommentare

  1. Mir wird immer klarer in welchem Dilemma die ganze Welt steckt.

    Chinas Produktionsstärke führt zum Definit der Handelsbilanz in den USA und anderen Teilen der Welt. Da die nun mit ersten Maßnahmen reagieren (Zölle, Quoten…), bedeutet das, die Waren aus China treffen auf eine reduzierte Nachfrage. Offenbar haben die westlichen Staaten gar keine andere Wahl.

    Deren System ist also staatlich getrieben überhitzt, stark überhitzt, wenn der Artikel stimmt.

    Das führt mich zu der Frage. Was machen die, wenn die Produktion (in diesem Maße) nicht mehr abgesetzt werden kann?

    1. Das ist ganz einfach. Wenn der Westen sich dem Handel mit China entzieht rumpelt es in der ganzen Welt. Aber der Westen kann sich fangen – da gibt es dann eben weniger Plastikspielzeug für die Kinder aber wieder mehr gute Jobs für die Eltern und die Vorstände bekommen nicht mehr das 500fache ihrer Mitarbeiter.
      In China würde aber die Illusion zusammenbrechen, den Westen im privaten Wohlstand auf planwirtschaftlichem Wege zu überholen. Und womöglich ist die Zivilgesellschaften dort inzwischen stark genug, die KP dann loszuwerden.

      1. …außerdem warten andere Staaten schon, die Lücke von China zu füllen…mit etwas Anschubfinanzierung entstehen schnell neue Produktionsstätten an anderer Stelle…Konkurrenz zu China…und die belebt ja bekanntlich das Geschäft…

  2. Ich verstehe den Zweck dieser Artikel über China und Russland hier bei FMW nicht. Ist das bezahlte Werbung für eine bestimmte außenpolitische Perspektive, bestätigt sich der Autor einfach nur permanent seine eigene Weltsicht und erhält hier ein Forum dafür oder ist das als Bubble-Bestätigung für entsprechend geneigte Westeuropäer gedacht?

    Für einen sein Fachwissen aus verschiedenen internationalen Quellen beziehenden, Quartalsberichte lesenden, in Asien lebenden und arbeitenden VWLer ist das jedenfalls sehr anstrengend und ich erwäge nach jedem dieser extrem tendenziösen Artikel, diese meine letzte verbliebene deutschsprachige Informationsquelle aufzugeben….
    Schade, FMW!

    1. Nichts gegen die Menschen in China! Aber wenn Sie ein VWLer sind und ernsthaft erklären wollen, dass China WTO-Konform wirtschaftet, könnten Sie doch einiges kritisch überdenken.

      1. Gedankensplitter: Deutschlandfunk, ein Einrichtung mit HALTUNG. US Blockade setzt WTO-Streitschlichtung außer Kraft.
        10.12.2019. Kurzum sie setzt seitdem keine neuen Richter ein. Handlungsunfähigkeit der WTO. So könnte man es deuten. Jetzt geht es nicht um Richtig und Falsch. Gut oder Böse. Schwarz oder Weiß. Es geht um UNS. WIR haben HIER die MÖGLICHKEIT UNS SELBST ZU KRITISIEREN. Das ist Wichtig. Wir müssen sie durchschauen ohne durchzuschauen. Wir haben es mit zwei großen Wölfen zu tun die ihre Reviere abstecken. Und da ist es egal ob da 27% oder sonst noch passiert. Wir gehen drauf mit China Geheule und USA Gewinsel.
        WIR MÜSSEN HANDELN IM EUROPÄISCHEN INTERESSE SO GUT WIE ES GEHT. NICHT FÜR DIE WÖLFE.
        Jetzt noch uneigennützige, clevere, diplomatische, intelligente, ausdauernde, wirtschaftskundige, finanzpolitisch Fachmännische Politiker mit ECHTER Empathie………ja man weiß Schauspieler seien sie……empathielos sonst kannst dies und jenes nicht überstehen……nun, mehr Demokratie wagen? Nein, der Mensch ist ein Herdentier und…Die Wölfe heulen…………….

      2. „Wenn Sie ein richtiger VWLer wären, wüssten Sie…“
        WTO, IWF, ihre Art der BIP-Berechnung usw. – Sie beziehen sich im Westen auf Institutionen und Kriterien, hinter denen letztlich weniger als 5% der Weltbevölkerung stehen und die weniger als 1% der Weltbevölkerung nützen.
        Andererseits können die Menschen im Westen auch nicht anders als aufgeklärt-absolutistisch-imperial: Sie haben weder Dialektik (die immerhin viele Osteuropäer noch haben) noch Weisheit. Sie können nur fortfahren, die Welt angestrengt illuminieren und nach ihren Vorstellungen ändern zu wollen, in der Hoffnung, das irgendwann der große Preis gewonnen wird.
        Aber selbst Ihre eigene VWL blickt mit Flassbeck u.ä. immer wieder über diesen Tellerrand. Sie wollen es nur nicht hören.
        Aber das spielt letztlich auch keine Rolle. Wir hier in der Mongolei sitzen am Fluss. Atmen aus. Und leben.

        1. @Walter F.

          Philosophisch teile ich Ihre Kritik am Westen. Ich halte damit auch nicht zurück. Aber hier geht es um China und sein heutiges System. Und das ist sicher nicht der Heilsbringer.
          VWL ist eine Geistes- und Sozialwissenschaft. Sie erkennt, dass in diktatorischen Systemen die Regierung das Hauptproblem ist, und in freien Gesellschaften, die marktfeindliche Machtkonzentration.

          Solange es mächtige Diktaturen gibt, ist der freie Westen immer in einer schwierigen Lage gefangen:
          einerseits muss er seine Freiheit bewahren, andererseits muss er auch Macht konzentrieren, um von den Diktaturen nicht gefressen zu werden.

          Ich lehne z.B. die Zentralbanken ab. Ich muss aber auch zugestehen, dass ohne die Möglichkeiten der Gelddruckmaschinen, die Macht der Faschisten in Europa nicht gebrochen werden konnte.

          Wir sind immer davon abhängig, situativ das kleinere Übel zu erkennen. Darüber streiten wir. Auch in diesem Forum.

        2. Beeindruckend, wie gelassen man am Fluss in der Mongolei über westlichen Imperialismus meditieren kann, ohne dabei den östlichen zu bemerken. Tibet, Xinjiang, das Südchinesische Meer oder Hongkong böten genug Anschauungsmaterial, falls der Blick über den Fluss hinausreicht.
          Das chinesische Tributsystem war sicher kein Imperialismus, sondern Ausdruck väterlicher Fürsorge – zumindest, wenn man es so nennen will, wenn kleinere Nachbarn gezwungen waren, regelmäßig „Respekt“ an den Hof zu schicken. Und die Neun-Punkte-Linie im Südchinesischen Meer? Vermutlich ein Beitrag zur Förderung des freien Handels.
          Die Dialektik, die Sie im Westen vermissen, hat China nie entwickelt. Der Marxismus wurde dort nicht als Denkschule, sondern als Herrschaftsinstrument genutzt. Maos „Dialektik“ bestand darin, wer nicht passte, wurde entfernt – Millionenfach. Mehr als 100 Millionen. Da kann der Westen wirklich nicht mithalten.
          Aber ja, der Westen ist dekadent. Dekadent genug, um freie Presse, unabhängige Gerichte und Demonstrationen zuzulassen – sogar von Regierungsgegnern unter Polizeischutz. In China reicht dagegen ein weißes Blatt Papier, um verhaftet zu werden, und die Anführer der A4-Proteste sind entweder in Haft oder verschwunden.
          Und jene 5 % der Weltbevölkerung, deren Maßstäbe Sie so verachten, schaffen den größten Teil des globalen Wohlstands und kaufen die Produkte, die Chinas Wachstum tragen. Ohne diese 5 % gäbe es keine Exportindustrie, keine Devisen, keine Fabriken – nur Theorien am Flussufer.Welcher VWLer vergisst bei seinen Träumereien vom Globalen Süden die harten wirtschaftlichen Fakten? Kann kein guter sein.
          Man kann sich natürlich in der Mongolei sonnen und über westliche Arroganz schreiben. Das ist bequem. Aber es bleibt ein merkwürdiger Ort, um über Imperialismus zu dozieren, während der größte Nachbar still seine Einflusssphären ausbaut. Und dann noch dem Autor „Bias“ vorzuwerfen

    2. @Walter F.

      Auch ich wundere mich über Ihren Kommentar. Lassen Sie uns den Artikel doch einmal inhaltlich auseinandernehmen.

      Shan lenkt die Aufmerksamkeit auf eine interessante Beobachtung: Die Produktivität in China ist vermutlich deutlich höher, als im Westen häufig angenommen wird. In seiner Methodik liegt jedoch ein zentrales Problem. Er blendet den Einfluss staatlicher Subventionen aus und rechnet sie nicht aus der Produktivität heraus.

      Hier setzt die IMF-Studie an. Ihre große Leistung besteht darin, Subventionen zwischen Ländern vergleichbar zu machen. So lassen sich die von Shan ausgeblendeten Effekte wieder in die Gleichung einsetzen. Das gelingt besonders gut, weil sowohl Shan als auch der IWF auf dieselben offiziellen Statistiken zurückgreifen. Damit stoßen wir jedoch auf die nächste Schwachstelle beider Ansätze: die Qualität der Daten.

      In China gibt es Daten, die relativ zuverlässig sind, etwa die Handelsstatistiken – auch wenn es hier Lücken gibt. Pipelinegasimporte sind beispielsweise zensiert, russische Rohölimporte liegen vermutlich höher als angegeben, und Seltene Erden aus Myanmar erscheinen in der Handelsbilanz gar nicht.

      Stromproduktion und -verbrauch sind vergleichsweise transparent, da es so viele Ebenen von Datenerhebung gibt, dass Manipulation schwierig ist. Inzwischen entstehen aber neue Ungenauigkeiten, weil dezentrale Speicher und kleine Stromerzeuger auf der Nachfrageseite zunehmen. Das ist keine Böswilligkeit, sondern ökonomisch sinnvoll, wird aber statistisch nicht erfasst.

      Andere Daten werden gar nicht erhoben, sondern festgelegt – etwa Arbeitslosenzahlen, die kaum reale Verhältnisse widerspiegeln. Und es gibt Kennziffern, die eher politischen Erwartungen als tatsächlichen Entwicklungen entsprechen. Dazu gehören genau jene Werte, auf die sich Shan und der IWF stützen, insbesondere die Industrieproduktion.

      Hier kommt der Red Ink Report ins Spiel. Er verzichtet teilweise auf offizielle Daten und nutzt alternative Methoden. Das Ergebnis: Die ausgewiesenen Subventionen liegen deutlich niedriger als in der IWF-Studie. Damit schließt sich der Kreis. Shan dürfte also recht haben, dass Chinas Produktivität höher ist, als viele annehmen, aber sicher nicht in dem Ausmaß, das er selbst annimmt.
      Als VWLer sollten Sie die populäre Verpackung und die zugespitzte Formulierung beiseitelassen und die drei Studien entdecken, wie drei Köstlichkeiten. Man könnte sagen, sie sind wie drei gute Whiskeys, die man in einem der Clubs Shanghais mit einer Zigarre genießt – jede mit eigenem Charakter, aber gemeinsam ein runder Abend.

      Ich kann hier einfach keine VWL-adäquate Texte veröffentlichen. Ich denke, dass versteht sich von selbst. Schließlich schreibe ich auch für Leser, die einen niedrigeren Einstieg brauchen.

      Aber der Bohemian bleibt bei den Studien und dem Whiskey stehen, der Praktiker geht einen Schritt weiter.
      Ich habe in mehreren hundert Fabriken gestanden und in mehr als hundert Workshops Produktionen in China begleitet. Wer die glänzenden Werke von BYD oder NIO sieht, erkennt zweifellos hohe Produktivität und weitgehende Automatisierung. Fährt man jedoch ins Herz der industriellen Landschaft, etwa nach Wenzhou oder in ländlichere Regionen, zeigt sich ein anderes Bild. Dort braucht man weder Shan noch den IWF oder den Red Ink Report, um zu sehen, wie es um die tatsächliche Produktivität steht.

      Ja, ich habe ein Bias, und ich bin mir dessen bewusst. Ein guter Freund sagt immer: Je tiefer ein Expat in die chinesische Gesellschaft eintaucht, je besser er die Sprache spricht, je weiter er ins Landesinnere vordringt, desto kritischer wird er gegenüber dem System. Und einem Umfeld, das auf dem kurzen Weg von meinem Zuhause bis zur U-Bahn-Station rund 30 Überwachungskameras installiert, begegne ich mit berechtigtem Misstrauen.

      In den nächsten Tagen werden Sie aber auch erleben, dass ich mit meinem eigenen Land auch nicht zimperlich umgehe. Freuen Sie sich drauf!

  3. Es war schon immer so, dass sich Diktaturen reich gerechnet haben. Der Ostblock hat seinen hohen Energieverbrauch als Beweis seines Wohlstandes vorgezeigt. Wir wußten immer, dass das Quatsch ist.

    Ein deutliches besseres Kriterium ist die Lebenserwartung.
    Da Fernost traditionell eine gute Gesundheitskultur besitzt, bietet sich ein Vergleich mit Japan an. Er ist in der Hinsicht aussagekräftiger als mit einem europäischen Land. Obwohl auch z.B. Frankreich eine höhere Lebenserwartung bietet, als China, ist diese in Japan deutlich höher.
    Das zeigt, dass es mit dem Wohlstand nicht so weit her ist.

  4. Das Problem bei staatlichen Subventionen ist, dass dem Staat irgendwann das Geld ausgeht. Wir sehen das mit den Subventionen überall im Westen. In Deutschland werden bsw massiv soziale Leistungen (zB Rente) subventioniert. In China subventioniert man dagegen Unternehmen. Fragt sich welcher Staat früher pleite geht und wie sich das zeigt. Die Pleite der Sowjetunion zeigte sich darin, dass sie technologisch immer weiter zurück viel, weil sie nur noch ins Militär investierte. Bei China bricht der Konsum weg. In Deutschland brechen die Investitionen weg. Das mit den 500 Mrd lässt sich nicht mehr wiederholen, wobei es tatsächlich nur 250 Mrd sein werden, oder gar noch weniger.

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