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China – Lage der Wirtschaft: „Es ist nicht schlimm – Es ist schlimmer!“

Warum China vor schweren Zeiten steht!

China Wirtschaft Lockdown

Mit Spannung wurden die aktuellen Zahlen zur Wirtschaft für China erwartet – wie heftig sind die Folgen durch den Lockdown? Nun sind sie da. Und, wie es Michael Pettis, Professor für Finanzen an der Peking Universität, ausdrückte: „Jeder erwartete, dass die Zahlen im April schlecht aussehen würden, aber tatsächlich sehen sie noch schlimmer aus“.

Wirtschaft in China: Die Folgen des Lockdowns

Besonders schlimm fiel der Einzelhandelsumsatz (Retail Sales) mit einem Rückgang von -11,1% aus. Der private Konsum schwächelt bereits seit Monaten. Wer im Lockdown ist und außer Lebensmittel nichts geliefert bekommt, kann folglich auch nicht konsumieren. Zudem sind die Preise für Lebensmittel in den von Lockdowns betroffenen Gebieten teilweise um das doppelte oder dreifache gestiegen. Ein Burger, der vor dem Lockdown in Shanghai 80 Renmimbi (12 Euro) kostete, kostete nun plötzlich 200 Renmimbi (25 Euro).

Zudem mussten große Teile der Bevölkerung in China Lohneinbußen hinnehmen. Die Arbeiter erhalten nur einen relativ geringen Grundlohn. Der Großteil des Einkommens wird durch Überstunden und Feiertagszuschläge generiert. Während des Lockdowns wurde – wenn überhaupt – nur der Grundlohn gezahlt, sofern die Angestellten nicht direkt entlassen worden sind. Schlimmer trifft es das die Taxi-, Didi- (das chinesische Pendant zu Uber) und Lieferfahrer. Sie alle erhalten nur Geld, wenn sie tatsächlich Kunden fahren oder Auslieferungen vornehmen.

Eine weitere große Personengruppe, die keine Einkünfte während des Lockdowns erzielen, sind die Haushaltshilfen, sofern sie nicht beim Arbeitgeber wohnen. Allen diesen Gruppen ist gemein, dass sie sich fast ausschließlich aus Migranten rekrutieren. Sie können durch das Hukou-System noch nicht einmal Arbeitslosengeld beantragen, da sie nur in der Stadt Arbeitslosengeld erhalten, in der auch ihre Wohnortregistrierung vorliegt und nur, wenn in derselben Stadt ihr Arbeitsort liegt. Selbst die normale Stressreaktion, die Arbeitsmigranten zeigen, nämlich einfach dorthin zu ziehen, wo es Arbeit gibt, ist ihnen nicht möglich, denn keiner kann einem Lockdown entkommen. Alle Straßen sind abgesperrt, Flug-, Zug- und Busrouten unterbrochen.

Ausweis dessen sind die Zahlen der Flugunternehmen. Die in Shanghai beheimatete China Eastern Airline muss ein Einbruch ihrer Passagierzahlen um 91% im April gegenüber März hinnehmen. Der Kommentar von China Eastern fiel auch dementsprechend kurz und vielsagend aus: Es sei „finster“. Neben dem nationalen Fluganbieter Air China unterhalten praktisch alle Provinzen eigene Fluglinien. Die meisten fliegen nur innerhalb Chinas, einige auch International. Air China verzeichnete 44% weniger Inlandspassagiere im Vergleich zum Vormonat, was in etwa den Zahlen der gesamten Branche in China entspricht. Der Mai dürfte nicht viel besser ausfallen. Der Mai startete mit den Labor Day Holidays, bei denen die Touristen fast 1/3 weniger Ausgaben getätigt haben als im Jahr zuvor. Wobei die Hotelzimmer im Durchschnitt bereits 50% günstiger waren als 2021.

Der Binnenkonsum bricht zusammen

Die Schwäche des Binnenkonsums zeigt sich auch in zwei anderen Daten. Einmal der Import, der um 0,1% zurückgegangen ist und bei dem Inflationsindex CPI. Die Konsumpreise stiegen nur um 2,1%. Dies ist nach 1,5% und 0,9% in den letzten beiden Monaten ein deutlicher Anstieg. Allerdings stiegen die Erzeugerpreise um 8%. Seit Dezember 2020 liegen die Steigerungsrate der Erzeuger über dem der Verbraucher. Die Unternehmen sind also in China nicht in der Lage, ihre gestiegenen Kosten an die Verbraucher weiterzugehen. Die Folge sind fallende Margen, die potenziell zu einem Marktaustritt von Anbietern führt. Der einzige Lichtblick ist, dass der Abstand zwischen Erzeuger- und Konsumpreisen in den letzten Monaten stetig kleiner wird.

Von der Konsumverweigerung sind besonders hart die Automobilhersteller betroffen. Der Verkauf von Neuwagen fiel im April auf ein 10-Jahrestief. Hier zeigt sich Shanghai bei der Erfüllung der Null-Vorgabe der Politik vorbildlich, es wurde nicht ein einziges Auto im April verkauft. Die staatlichen Medien verbreiten mittlerweile die Nachrichten, dass die Autobauer wieder mit der Produktion beginnen und berichten, dass Tesla sogar wieder Autos verschifft. Tatsächlich aber hat Tesla seine Produktion schon wieder eingestellt. Es fehlen Vorprodukte und Arbeiter. Diese in die Fabrik zu bekommen, ist schwierig, da sich die Behörden in Shanghai wenig kooperativ zeigen Ausnahmegenehmigungen zu erteilen. Tesla stellte im April 1,512 Tesla 3 her, ein Einbruch von 98% gegenüber dem Vorjahr.

Die politische Dimension

Wie fast alles in China, hat die Höhe des Konsums eine politische Dimension. Deng Xiaoping hat mit der Doktrin des „Externen Kreislaufs“ den Außenhandel gefördert und damit den Grundstein für den Aufstieg Chinas geschaffen. Xi Jinping hat die Doktrin des „Externen Kreislaufs“ um die Dimension des „Inneren Kreislaufs“ erweitert. Beide zusammen bilden den „Zweifachen Kreislauf“. Der Innere Kreislauf sollte China nach willen Xi Jinping unabhängiger vom Export machen. Dass dies nicht gelingt, ist dies für Xi auch ein innenpolitisches Problem.

Während der Konsum um über 10% einbrach, fiel die Industrieproduktion um 2,9%. Da ein Großteil der Produktion nicht für den Export bestimmt ist, steigt die Lagerhaltung. Für die Autoindustrie sagte ein Experte, dass eigentlich bis in den Juli hinein keine neuen Autos produziert werden müssten. Bei den Autohändlern stünden genug Wagen zur Auswahl. Die Stahlproduktion fiel um 5% und es wurde 19% weniger Zement hergestellt, auch dies ein Zeichen, dass weniger gebaut wird.

Überraschenderweise ist der Export um 2,4% im April gestiegen. Der Großteil der Waren dürfte China rein physisch nicht verlassen haben, sondern entweder in Bonded Warehouses oder direkt in den Häfen und Flughäfen lagern. Da damit aus zolltechnischer Sicht die Produkte China verlassen haben generieren diese auch Zolleinnahmen. Vincent Stammer vom IfW in Kiel schätzt, dass ca. 12% der Waren weltweit zurzeit in Container auf Schiffen oder in Häfen lagern, normal wären ca. 6%.

Nach Angaben von Xinhua, die staatliche Nachrichtenagentur, steigerte sich der Umschlag der Waren zwischen dem 15. April und 15. Mai um 1,12%. Neben Schiffen fehlen aus Lastwagen, die die Container und anderen Gütern von und zum Hafen bringen. Nach Angaben der Europäischen Handelskammer fiel der Transport in der Provinz Guangdong um 19%. Dem gegenüber vermeldet Xinhua einen Zuwachs von 5,1% an Zugfracht- und 6,16% an Straßentransporten innerhalb Chinas. Die Gewinner der derzeitigen Lage dürften aber Lagerhausbetreiber sein. In den Regionen Shanghai und Ningbo ist es so gut wie unmöglich, noch leere Lagerhallen zu finden.

Immobilienmarkt in China: Das Damoklesschwert über der Wirtschaft

Im Immobilienmarkt in China fokussieren sich drei Problemfelder gleichzeitig. Der Verkauf an neuen Immobilien brach um 58,6% im Jahresvergleich oder 16,2% gegenüber dem März ein. Im Laufe des Mai schaffte es SUNAC (der viertgrößte Immobilienentwicler in China) nicht, seine Off-Shore-Anleihen zu bedienen. Es scheint jedoch,  dass das Unternehmen die On-Shore-Anleihen in China bedient.

Derweil „ermutigt“ die Regierung drei weitere Entwickler, Country Garden, Longfor Group und Midea Real Estate, Off-Shore-Bonds zu begehen, die mit Credit Default Swaps (CDS) und Credit Risk Mitigation Warrants (CRMW) besichert werden. Zur Erinnerung: Die Besicherung mit CDS führte zu während des großen Immobiliencrash in den USA zur Pleite der Lehman Bank und zur Bankenkrise. Die Preise von neuen Immobilien stiegen um 0,1% im April, was de facto bedeutet, dass sich nur in den Innenstadtlagen der sog. 1st-Tier-Cities noch Preissteigerungen erzielen lässt, überall sonst fallen die Preise. In über 60 Städten Chinas wurden nun die Anforderungen an Darlehen und Kredite gesenkt. In einem Notfallmeeting senkte jetzt die Bank of China, die Zentralbank, den Zinssatz auf 4,4%. Unter den 70 größten Städten fielen im April in 47 die Preise für neue Immobilien, während im März nur 38 Städte fallende Preise verzeichnet hatten. In 50 Städten fielen die Preise für gebrauchte Wohnung und Häuser, verglichen mit 45 im März, wie das Nationale Statistik Bureau berichtete.

Dass sich trotzdem kaum neue Käufer finden lassen, wird in Zukunft ein großes Problem für die Wirtschaft darstellen. Denn Immobilien sind praktisch die einzige Anlageklasse in China. Eine eigene Wohnung ist Kranken-, Renten und Bildungsversicherung und Geldanlage in einem. Steigt der Wert der Immobilien nicht, klafft auch ein Loch in der Finanzierung. Denn mit einer Wertsteigerung wurde in den meisten Fällen beim Abschließen des Darlehensvertrags fest gerechnet.

Dies schlägt auch den Kreis wieder zurück zum Anfang des Artikels: Ist die Immobilie weniger wert, muss mehr gespart werden, um das Darlehen zu bedienen. Also steht auch weniger Geld für den Konsum zu Verfügung. Die Lage am Immobilienmarkt offenbart noch ein anderes Problem der chinesischen Haushalte: die Verschuldung.

Verschuldung – Bremsklotz für die Wirtschaft in China

Die Verschuldung privater Haushalte stieg von 51,5% im ersten Quartal 2019 auf jetzt 62% des Bruttoinlandsproduktes. Das erste Problemfeld des Immobilienmarktes sind also die Entwickler, die immer weniger in der Lage sind, sich zu refinanzieren. Das zweite ist die Nachfrageseite. Immer weniger Käufer sind entweder willens oder in der Lage, neue Wohnungen zu finanzieren, auch wenn die Anforderungen immer geringer werden.

Das dritte Problemfeld sind die Gemeinden, die ihre laufenden Ausgaben aus Landverkäufen finanzieren. Vom Januar bis April 2022 fiel der Landverkaufen chinesischer Städte und Gemeinden um 29,8% im Vergleich zum Vorjahr.

Neben den Einnahmen durch Landverkäufe, litten auch die Steuereinnahmen im April. Sie fielen um 4,4%, während die Ausgaben um 5,9% stiegen. Will China noch ein Wachstum seiner Wirtschaft von 5,5% im Jahr 2022 erreichen, müssen sich die Ausgaben noch erheblich steigern, um die Wirtschaft entsprechend zu stimulieren.

Der Stromverbrauch legt aber eher Nahe, dass sich statt Wachstum ein Rückgang in der Wirtschaftsleistung ankündigt. Im April wurde 4,3% weniger Strom produziert als noch vor einem Jahr. Beim Strommix legten nachhaltige Energieträger deutlich zu. Strom aus Wind legte um 15% zu, Solarenergie sogar um 25% und die Wasserkraftwerke produzierten 17% mehr als vor einem Jahr.

Die Arbeitslosenquote stieg auf 6,1%. In den 30 größten Städten Chinas um 6,7%. Die Arbeitslosenquote für die Altersstufe zwischen 16 und 24 stieg auf 18,2%, die Höchste seit der Erfassung der Daten im Januar 2018.

Die Wirtschaft in China steht also, vorsichtig formuliert, vor großen Herausforderungen! Verschärft wird das Problem darüber hinaus noch durch die Abriegelungs-Politik von Xi Jinping, der den Lockdown nutzt, um vor allem Ausländern ein Leben im Rech der Mitte zu vergällen..



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5 Kommentare

  1. Für die Weltwirtschaft, und somit für das G20-Mitglied Volksrepublik China könnte hierbei hilfreich sein, daß die südostasiatischen Asean-Staaten außenwirtschaftlich sowohl in Richtung China, als auch in Richtung USA orientiert sind.

  2. Und da die Zahlen in China durch die Bank geschönt sind geht´s gerade schnell die Rampe runter. Wenn man halt wieder die Politik von Mao macht bekommt man am Ende auch die Wirtschaftskraft von Mao zurück.

  3. Volksrepublik China-Staatspräsident Xi Jinping spricht sich im Rahmen einer aktuellen Rede/Video für eine weltwirtschaftspolitische Agenda aus, die an die UN-Charta erinnert: Eine multipolare Weltwirtschaftspolitik, das Selbstbestimmungsecht der Völker, und die Gleichheit der UN-Mitgliedsländer. Ein solches Bekenntnis gab es auch im Rahmen des persönlichen Treffens zwischen UN-Generalsekretär Antonio Guterres, Staatspräsident Wladimir Wladimirowitsch Putin und Außenminister Sergej Lawrow. Von daher ist es wichtig, daß der UN-Generalsekretär auch wieder am kommenden G20-Gipfel in Indonesien teilnimmt, um u.a. mit China die genannte Agenda auf den Weg zu bringen.

  4. Die Zahlenbasis ist – bis auf die Makro-Daten – relativ konsistent. BIP ist „politisch“. Arbeitslosenzahlen sind – wie im Text erwaehnt – nicht so wirklich aussagekraeftigt. Es gibt Hinweise darauf, dass der Stromverbrauch bzw. die Stromerzeugung „korrigiert“ wird. Alle anderen Zahlen sind von unabhaengigen Dienstleistern. So werden die Zahlen ueber den Autoverkauf von Chinese Passenger Car Association herausgegeben. Diese korrelieren mit den Zulassungszahlen. Fuer den Export kann man die Zahlen ueber den Zoll validieren. Die Zahlen fuer den Haeusermarkt werden von verschiedenen Instituten ermitteln, unterscheiden sich dann aber. Zsaetzlich gibt die Behoerde fuer Statistik heraus. In diesen Teilmaerkten ist es einfach nicht mehr moeglich, allzu viel zu kaschieren.

  5. Pingback: Aktuelles vom 20.05.2022 | das-bewegt-die-welt.de

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