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China Lockdown: Ein Blick in den Maschinenraum der Wirtschaft

Mit den Lockdowns sammelt China Erfahrungen, wie man die Bewohner unter Kriegsbedingungen versorgen kann

China Lockdown Wirtschaft

China bleibt im Lockdown

Während in den westlichen und auch Medien in China so getan wird, als ob Shanghai aus dem Lockdown entlassen worden wäre, ist die Realität anders: Die Verwaltung des zentral gelegenen Shanghaier Distrikts Jing’an hat am Samstag eine Verlängerung des Lockdowns verkündet – für die Wirtschaft eine schlechte Nachricht. Die wenigen Supermärkte, die offen waren, müssen wieder geschlossen werden – und die Bevölkerung muss weiter in ihren Wohnungen ausharren.

In anderen Distrikten ist das Bild gemischt, einige Bewohner dürfen für eine halbe Stunde, manche sogar länger, ihr Haus verlassen. Außer Supermärkten oder vereinzelt Convinience Stores bleiben die Geschäfte weiter geschlossen. Die Frustration und auch mittlerweile Wut, selbst von ausgesprochenen Fürsprechern Chinas, wie dem Chef des German Centers in Shanghai, Christian Sommer, bricht sich mehr und mehr Bahn. Deutliche Worte fand auch Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer, die 1.800 Unternehmen in China repräsentiert, gegenüber Premier Li Keqiang am Freitag auf dem Symposium anlässlich des 70. Jahrestages des Chinesischen Rates zur Förderung des internationalen Handels (CCPIT).

Die Stadtregierung von Shanghai hat eine „White List“ von Unternehmen veröffentlicht, die ihre Produktion im „closed-loop“-System wieder aufnehmen können. „Closed-loop“ bedeutet, dass maximal 10% der Belegschaft zur Arbeit erscheinen dürfen. Alle Arbeiter müssen in den Fabriken übernachten und es müssen Quarantäne-Bereiche geschaffen werden. Bevor jedoch die Produktion wieder aufgenommen werden kann, müssen Beamte die Hygiene-Konzepte überprüfen.

Hier scheint Shanghai nicht sehr viel aus den Erfahrungen von 2020 gelernt zu haben: Die Beamten arbeiten eher schleppend. Zudem ist es eine große Herausforderung, die Arbeiter in die Fabriken zu schaffen. Dies bedeutet einen großen administrativen und logistischen Kraftakt, denn die Arbeiter sind verstreut und Genehmigungen müssen eingeholt werden, die Arbeiter zu transportieren. Aber selbst wenn die Genehmigungen vorliegen, die Arbeiter vor Ort sind, kann nichts produziert werden, denn es fehlt an Materialien. So hat Tesla unter großem Tamtam durch die chinesischen Medien die Gigafactory geöffnet, nur um sie gleich wieder zu schließen, weil sie aufgrund fehlender Materialien keine Autos produzieren konnten.

China: Die Abstimmung mit den Füßen

Derweil beginnt in China die Abstimmung mit den Füßen. Vor den Bahnhöfen bilden sich lange Schlangen von Wanderarbeitern, die nach zwei Monaten ohne Arbeit und Lohn versuchen, Shanghai zu verlassen. Sei es, in ihre Heimatprovinzen, oder in andere Regionen, wo sie Geld verdienen können. Da sich die Taxikosten auf etwa 50-100 Euro summieren und nur wenige sich dies leisten können, sind sie teilweise tagelang zu Fuß unterwegs und campieren vor den Bahnhöfen, bis sie abreisen können.

Auch unter den Ausländern nimmt die Abstimmung per Flugzeug Formen an. Nach Berichten werden ca. 40,0% der Lehrer an den englischsprachigen Auslandschulen Shanghai verlassen. Vor Beginn der Corona-Pandemie war der normale Abfluss an Lehrkräften ca. 15%, während der Pandemie lag er bei ca. 30%. Allerdings war es vor Corona kein Problem, die Lehrer zu ersetzen. Nun aber findet sich kaum einer, der nach Shanghai möchte. Die Bezahlung an anderen Auslandschulen in der Region ist zwar geringer, die Lebensqualität aber ungleich höher.

Gute Schulen sind aber für ausländische Exekutives ein wichtiges Argument für eine Entsendung. Die Steuergesetzgebung in China macht aber den Besuch der Schulen noch teurer und damit das Land unattraktiver für junge Talente mit schulpflichtigen Kindern. Entgelte für die Schulen, die locker 30-40.000 USD betragen können, werden meist von den Unternehmen getragen. Diese galten steuertechnisch als Auslagen. Nun werden sie aber dem versteuernden Einkommen zugerechnet. Das Schulgeld wird also effektiv um 25% teurer. Heimatbesuche schlagen zurzeit mit Mehrkosten in Höhe von 5.000-10.000 USD zu Buche.

Wie noch Geschäfte in China machen?

In den ausländischen Unternehmen beginnt nun langsam die Diskussion, wie die Geschäfte in der neuen Ära, die sich nun offensichtlich ankündigt, weitergeführt werden können. Zwar bekräftigte Premier Li Keqiang, dass “China unerschütterlich seine Offenheit für die Welt außerhalb ausweiten will“. Die Taten Chinas sprechen aber eine andere Sprache. Mit der Absage an den Asia Cup 2023 und einer Reihe weiterer hochkarätige Veranstaltungen macht China klar, dass es sich im Herbst nächsten Jahres der Welt verschließen will. Li Keqiang, der als „Freund der Wirtschaft“ gilt, scheint mittlerweile eine „lame duck“ zu sein, dessen Wort nicht mehr allzu viel zählt.

Für die internationalen Unternehmen, die vornehmlich für China produzieren, ist es vor allem ein Management-Problem: Wie stellt man sicher, dass auch in China nach denselben Standards produziert wird? Wie wird eine ähnliche Unternehmenskultur gepflegt? Wie findet ein effektives Controlling statt? Die Auslandsmärkte werden vermehrt von Unternehmen außerhalb Chinas bedient. Hier gibt der Sino-Amerikanische Handelskrieg Aufschlüsse. Für das Wall Street Journal beobachtete Lingling Wei drei Jahre lang diese Auseinandersetzung. In seinem Beitrag für das WSJ zusammen mit Bob Davis, der am vergangenen Freitag erschien, fasste er das Ergebnis so zusammen: Wer gewann den U.S.-China-Handelskrieg? Vietnam! Apple etwa kündigte nach Angaben verschiedener Medien an, weitere Kapazitäten weg aus China hin nach Indien und Vietnam zu verlagern. Das wird perspektivisch die Wirtschaft in China weiter belasten.

Viel interessanter dürfte es bei den multinationalen Unternehmen werden, deren regionales Headquarter in Shanghai liegt. Auf Dauer ist das Management einer gesamten Region nicht zu bewerkstelligen, wenn die Manager aufgrund des Lockdowns nicht mehr die Niederlassungen besuchen können. Bis vor etwa zehn Jahren war Hongkong die natürliche Wahl für ein regionales Headquarter in Asien. Es lag relativ zentral, mit exzellenter Anbindung an den internationalen Flugverkehr. Eine Stadt, die sehr liberal war, mit einem gut ausgebildeten, englischsprechenden Reservoir an Angestellten und China war unkompliziert zu erreichen. Dies änderte sich mit der zunehmenden Angleichung Hongkongs an China. Als natürliche Headquarter boten sich nun Singapur und Shanghai an. Beides internationale Städte mit gut ausgebildeten Talenten und mit guter internationaler Anbindung. Der Unterschied bestand daran, auf welchem Markt das Unternehmen sein Fokus setzte. War es eher China, dann war Shanghai die erste Wahl, waren es die Märkte außerhalb Chinas, dann war Singapur der sinnvollere Standort.

Ausländer werden zur Tür hinaus gewunken

Eine andere Frage, die sich langsam aufdrängt, ist jene nach der Ausrichtung Chinas. Man könnte die Entwicklung der letzten Jahre auch anders deuten: nicht erst seit der Pandemie nd den Lockdowns wird das Klima für Ausländer schlechter. Nun werden Ausländer durch den Lockdown geradezu zur Tür heraus gewunken.

China unternimmt große Anstrengungen, großflächig Quarantäne-Einrichtungen zu errichten. Diese scheinen nicht für den kurzfristigen Gebrauch genutzt zu werden. In Shanghai waren 200.000-300.000 Menschen in Quarantäne-Hospitälern eingepfercht. In Peking befinden sich derzeit ca. 5.000 Bewohner in Quarantäne-Einrichtungen.

Erstaunlich ist auch, dass der Lockdown auch damit begründet wird, dass viele ältere Menschen nicht geimpft seien. Die logische Konsequenz wäre, mit einer Impfkampagne dagegen zu steuern. Das passiert aber nicht. Mit den Lockdowns in verschiedenen Städten sammelt China Erfahrungen, wie man die Bewohner sozusagen unter Kriegsbedingungen versorgen kann. Zukünftige Führungskräfte der Partei müssen sich von ausländischen Besitztümern trennen, um sich vor Sanktionen der USA zu schützen. Den Bürgern Chinas scheint die Ausreise erschwert zu werden. Der scheinbar unstillbare Hunger nach Energie und Lebensmitteln, den China an den Tag legt, kann auch als weiteres Indiz gedeutet werden. Die China National Offshore Oil Cooperation (CNOOC) verkündete am Samstag die Fertigstellung von sechs der weltgrößten Lager für LNG-Gas mit einer gesamten Kapazität von 1,6 Mio Kubikmeter LNG. Im Jahr 2023 sollen diese Speicher in Betrieb gehen.



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4 Kommentare

  1. Die USA möchten bestehende Strafzölle für chinesische Importe überdenken. Vielleicht kann dies die chinesische Wirtschaft/Weltwirtschaft etwas stimulieren. Den diesbezüglichen Beratungen von Präsident Biden und Finanzministerin Yellen auf jeden Fall schon einmal einen entsprechenden Verlauf.

  2. Es ist offensichtlich, dass China einen Handels-Krieg betreibt. Corona wird instrumentalisiert. China will den Westen quasi austrocknen. Ob das gelingt, sehen wir in den kommenden 10 Jahren. Wie auch immer es laufen wird, für uns wird des sehr, sehr hart werden.

    Vietnam als Gewinner zu sehen, ist eine für den Westen formulierte Propaganda. Schauen wir uns nur die Relationen Zeichen China und Vietnam an.

    1. Erkaeren Sie doch mal bitte, warum man dann einen Lockdown in Beijing macht? Warum betreibt China Harakiri, um den Westen zu schaden? Das ist doch ziemlich abwegig. Bitte erklaeren Sie?

  3. Nach diesen umfänglichen Ausführungen zu den exzessiven Maßnahmen,die China´s Wirtschaft nahezu ersticken,bleibt für mich die Frage:
    Warum gibt es in einem Land,indem mit radikalsten Maßnahmen das Gemeinwohl des Volkes dem Einzelschicksal übergeordnet wird immernoch keine Impfpflicht?

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