Während Millionen in China das Neujahrsfest feiern, verschieben Tech-Konzerne Marktanteile: ByteDance und Alibaba machen dabei das Neujahrsfest zum strategischen Beschleuniger im KI-Wettlauf.
China: Neujahrsfest – ByteDance und Alibaba im KI-Wettlauf
Wenn ByteDance und Alibaba das Neujahrsfest strategisch einsetzen, geht es längst nicht mehr um Feiertagsstimmung, sondern um Marktanteile, Nutzerwachstum und technologische Dominanz. In der Phase, in der ein großer Teil des öffentlichen Lebens in China pausiert, entsteht ein digitales Vakuum. Genau dieses Zeitfenster nutzen die beiden Konzerne, um neue KI-Produkte zu platzieren, Reichweite zu steigern und Millionen Nutzer zu aktivieren.
Wenn Metropolen in China verstummen
Das chinesische Neujahrsfest ist nur bedingt vergleichbar mit Weihnachten in Europa oder Thanksgiving in den USA. Familien kommen zusammen, essen, trinken und diskutieren nicht nur Privates, sondern auch die wirtschaftliche und politische Lage des Landes. Gleichzeitig ist es die einzige Phase im Jahr, in der ein Großteil des öffentlichen Lebens für einige Tage zum Erliegen kommt. Abseits der touristischen Zentren wirkt selbst eine Metropole wie Shanghai stellenweise entleert. Straßen und Gehwege liegen ungewöhnlich ruhig, viele Geschäfte bleiben geschlossen, und selbst die sonst allgegenwärtigen Kuriere, die normalerweise durch die Hochhausschluchten düsen, sind verschwunden. Das Land zieht sich für einen kurzen Moment in sich selbst zurück.
Gerade diese Ruhe erzeugt einen eigentümlichen Leerlauf. Das Fest dauerte in diesem Jahr rund zehn Tage, und nicht jeder verbringt diese Zeit im Kreis der Familie auf dem Land. Vor allem in den großen Städten bleibt eine junge, urbane und konsumorientierte Generation zurück, die den familiären Verpflichtungen bewusst ausweicht oder sie auf ein Minimum reduziert. Die bekannten Rituale folgen dennoch einem festen Ablauf. Auf das gemeinsame Essen folgen Fragen nach Karriere, Einkommen und Familienplanung. Wer unverheiratet ist, sieht sich nicht selten mit arrangierten Treffen konfrontiert, die weniger als romantische Begegnung denn als sozialer Pflichttermin erscheinen. Irgendwann stellt sich fast zwangsläufig die Frage nach Heirat und Kindern.
Viele entziehen sich diesem Setting, soweit es möglich ist, und verbringen die Tage stattdessen allein oder im kleinen Freundeskreis in der Stadt. Dort entsteht eine andere Form von Leere. Der gewohnte Arbeitsrhythmus fehlt, soziale Aktivitäten sind eingeschränkt, und ein Großteil der digitalen Unterhaltung ist bereits ausgeschöpft. Diese Kombination aus freier Zeit, Langeweile und hoher Online-Präsenz schafft eine Situation, die für Anbieter digitaler Produkte kaum günstiger sein könnte. Spieleentwickler nutzen dieses Zeitfenster seit Jahren gezielt. Inzwischen haben auch KI-Unternehmen erkannt, welche Hebel hier wirken.
Im vergangenen Jahr war es DeepSeek, dass dieses Zeitfenster mit bemerkenswerter Präzision besetzte. Ein leistungsfähiges und zugleich kostengünstiges Modell traf auf eine Phase, in der Millionen Nutzer bereit waren, neue Anwendungen auszuprobieren und Inhalte zu teilen. Die App verbreitete sich in kurzer Zeit weit über ihre ursprüngliche Zielgruppe hinaus. Was als technisches Produkt begann, wurde zu einem Gesprächsthema, das sich über soziale Netzwerke und private Chats vervielfältigte. Die Wirkung reichte bis in internationale Medien hinein.
Doubao 2.0 greift DeepSeek an
Ein Jahr später ist dieses Muster allen Beteiligten bewusst. ByteDance platzierte seine Weiterentwicklung Doubao 2.0 gezielt unmittelbar vor Beginn der Feiertage. Die Ausgangslage ist beachtlich. Doubao erreichte Ende Dezember rund 155 Millionen wöchentlich aktive Nutzer, während DeepSeek bei etwa 81,6 Millionen lag. Diese Zahlen markieren eine klare Führung, die jedoch nicht als gesichert gilt. Gerade weil sich Nutzung in China schnell verschiebt, zählt vor allem die Präsenz im entscheidenden Moment.
Mit Doubao 2.0 verschiebt ByteDance die Erzählung. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Chat, sondern ein System, das Aufgaben in mehreren Schritten ausführt. Planung, Umsetzung und Überprüfung greifen ineinander. Für die Vermarktung ist dabei vor allem ein Punkt entscheidend. ByteDance betont, dass die Pro-Version eine Leistung auf dem Niveau führender westlicher Modelle erreicht, während die Kosten etwa um den Faktor zehn niedriger liegen. Diese Zahl richtet sich weniger an Endnutzer als an Unternehmen, die solche Systeme dauerhaft einsetzen wollen.
Parallel dazu setzt ByteDance auf Sichtbarkeit über visuelle Inhalte. Mit Seedance 2.0 wurde ein Video-Modell veröffentlicht, dessen kurze Clips sich schnell verbreiteten. Die Inhalte sind so angelegt, dass sie ohne Erklärung funktionieren. Nutzer sehen ein Ergebnis, teilen es weiter und stoßen so andere auf die Anwendung. Die eigentliche Produktnutzung folgt oft erst im zweiten Schritt.
Auch Alibaba nutzt das Neujahrsfest, wählt jedoch einen direkteren Zugang. Anfang Februar startete das Unternehmen eine Gutschein-Kampagne im Umfang von 3 Milliarden Yuan, umgerechnet etwas unter 400 Millionen Euro. Diese Gutscheine ließen sich unmittelbar in der Qwen-App einlösen, etwa für Mahlzeiten oder Getränke. Innerhalb weniger Tage stiegen die täglich aktiven Nutzer von rund 7 Millionen auf 58 Millionen. Qwen lag damit zeitweise nur noch etwa 23 Millionen tägliche Nutzer hinter Doubao.
Nutzen über Markenbindung
Diese Entwicklung zeigt, wie schnell sich Marktanteile verschieben. Nutzer reagieren weniger auf Markenbindung als auf unmittelbaren Nutzen. Wer einen klaren Vorteil bietet, gewinnt kurzfristig Aufmerksamkeit und Nutzung. Alibaba ergänzt diese Strategie durch die Veröffentlichung von Qwen 3.5. Das Modell umfasst 397 Milliarden Parameter und wird sowohl als offene Variante für Entwickler als auch als Cloud-Dienst angeboten. Gleichzeitig wurde die Sprachunterstützung von 82 auf 201 Sprachen und Dialekte erweitert. Damit richtet sich das Angebot nicht nur an den heimischen Markt.
Dabei zwingt der eingeschränkte Zugang zu moderner Hardware chinesische Anbieter zu hoher Effizienz. ByteDance plant für dieses Jahr Investitionen von mehr als 160 Milliarden Yuan, rund 21 Milliarden Euro, für KI-Infrastruktur. Kosten werden damit selbst zum zentralen Argument in der Produktkommunikation. Wer komplexe Systeme günstiger betreiben kann, verschafft sich einen direkten Vorteil.
So bündelt sich rund um das Neujahrsfest eine Entwicklung, die weit über einzelne Produktveröffentlichungen hinausgeht. DeepSeek hat im vergangenen Jahr gezeigt, wie sich ein technischer Impuls mit präzisem Timing vervielfältigen lässt. ByteDance und Alibaba reagieren mit unterschiedlichen, aber klar kalkulierten Strategien. Die einen setzen auf Reichweite und Inhalte, die anderen auf direkte Anreize und schnelle Skalierung. In beiden Fällen entscheidet nicht allein die Technik, sondern die Fähigkeit, genau in diesem kurzen Zeitraum sichtbar und relevant zu sein.
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