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China – opfert es im Handelsstreit seine Wachstumsstrategie?

Trump glaubt Chinas Regierung durch den Rückgang der chinesischen Wirtschaftsaktivitäten „weich kochen“ zu können. Wenn er sich da nicht täuscht

Wolfgang Müller

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Der Handelsstreit zwischen den USA und China ist im vollen Gange. Präsident Trump hat erst kürzlich verlautbart, dass er keine Eile verspüre, mit China einen Deal abzuschließen. Anscheinend glaubt er die chinesische Regierung durch den Rückgang der chinesischen Wirtschaftsaktivitäten „weich kochen“ zu können, um sie zu substanziellen Zugeständnissen zu bringen. Wenn er sich da nicht täuscht!

 

China – neue Leidensstrategie

Wenn man sich die letzten Aktionen der chinesischen Regierung und die Äußerungen der Führung zum Fortgang der Auseinandersetzung betrachtet, so kommt man nicht umhin, eine neue Qualität in der Dimension festzustellen. Es scheint, dass die Regierung in Peking sogar bereit sei, ihre wichtigste Legitimation in der Bevölkerung, das Versprechen vom wirtschaftlichen Aufstieg, zu opfern, um im Handelskrieg nicht klein beigeben zu müssen.

Die Regierung hatte ihren Bürgern versprochen, das Pro-Kopf-Einkommen zwischen 2010 und 2020 zu verdoppeln. Hierzu müsste die chinesische Wirtschaft in den kommenden Quartalen jedoch um mindestens 6,2 Prozent wachsen.

Peking scheint derzeit aber einen Einbruch des Wachstums hinzunehmen, wie die Investmentbank Morgan Stanley feststellt, die bereits mit einem Rückgang der Wachstumsrate in China auf 5,7 Prozent im vierten Quartal rechnet, sollten die neuesten Strafzölle erhoben werden und Peking mit Gegenmaßnahmen reagieren.

 

Das Waffenarsenal der Chinesen

China hatte seit Beginn der Handelsstreitigkeiten immer mit Gegenmaßnahmen reagiert, allerdings mit sehr moderaten, was sich derzeit anscheinend ändert. In der letzten Woche wurde mit der Abwertung der eigenen Währung eine neue Eskalationsstufe in den Handelsstreit eingeführt. Peking ließ den Yuan am Montag die Schwelle von sieben Yuan je Dollar durchbrechen, wodurch chinesische Waren automatisch günstiger werden. Das wird die Zölle teilweise ins Leere laufen lassen. Hinzu könnten sich weitere Maßnahmen anschließen. Manche Marktbeobachter gehen davon aus, dass das Ziel ist, einen Regierungswechsel bei den US-Präsidentschaftswahlen 2020 herbeizuführen. Mit folgenden Mitteln:

China will keine Sojabohnen mehr aus den USA einführen, was die Farmer dort trifft – eine der wichtigsten Wählergruppe Trumps:

„Die chinesische Regierung könnte ihre Bürger zum Boykott amerikanischer Waren auffordern“, sagt Luca Paolini, Chef-Stratege bei der Schweizer Privatbank Pictet. „Sie könnte beispielsweise dazu aufrufen, keine iPhones mehr zu kaufen.“ Für Peking wäre es sicher nicht schwer, die Stimmung in der Bevölkerung so aufzuheizen, dass diese dem Aufruf folgt. Apple macht immerhin ein Sechstel seines Umsatzes in China. Dies hätte nicht nur Folgen für die Aktie, sondern auch für weitere Technologie-Firmen und den Aktienmarkt in den USA als Ganzes.

Hinzu kommen die großen chinesischen Bestände an US-Anleihen, wie Andrew Bosomworth, Deutschland-Chef von Pimco feststellt. China besitzt US-Schuldscheine im Wert von über 1,1 Billionen Dollar und ist damit der größte ausländische Gläubiger des Landes. Zwar würde ein Abverkauf den Kurs der Papiere einbrechen und den Zins steigen lassen – aber verlangt Trump derzeit nicht einen Rückgang der Zinsen in den USA, um die Konjunktur zu stützen und seine Wiederwahl zu sichern? Bisher ging man immer davon aus, dass dies die Chinesen unterlassen würden, wegen der Selbstschädigung, aber gleichzeitig würde es die USA treffen.
Was ist mit den für die High-Tech-Industrie so essenziellen Seltenen Erden, für die China derzeit eine Monopolstellung besitzt?

Bisher konnte der chinesische Machthaber seine Pläne ohne große Proteste umsetzen, solange er für wachsenden Wohlstand bei den Bürgern sorgte. Hierauf scheint die letzte große Rede des Regierungschefs Xi Jinping an sein Volk abzuzielen. Sein Appell an den Patriotismus, an die Bereitschaft der Chinesen einen wirtschaftlichen Preis dafür zu zahlen, gegenüber Trump standhaft zu bleiben.

 

Fazit

Man setzt in Peking anscheinend darauf, dass es bei einem weiteren Rückgang der Wirtschaft in China über Europa, Japan und die Emerging Markets schlussendlich auch die USA treffen wird. Sollten die USA 2020 in eine Rezession rutschen, würde es für den jetzigen Amtsinhaber einen erheblichen Erklärungsnotstand bei seinen Wählern geben, schließlich sorgte der Präsident lautstark und sehr medienwirksam für eine Verschärfung des Handekskriegs, für teurere Einfuhren und für eine Störung der weltweiten Handelsketten.

Eine Wiederwahl wäre insbesondere dann extrem schwer, wenn der US-Aktienmarkt über 20 Prozent korrigierte (Eintritt in einen Bärenmarkt), weil dann allein schon der Vermögensverlust von über sieben Billionen Dollar den US-Konsumenten in die Knie zwänge.

Kurzum: Wenn das oben Skizzierte tatsächlich die neue Strategie Chinas ist, bekäme die Wirtschaftswelt ein echtes Problem, dem auch die Notenbanken nicht leicht entgegenwirken könnten.

China hatte der globalen Wirtschaft 2009 mit einem schuldenfinanzierten Infrastrukturprogramm aus der Patsche geholfen (deshalb stehen auch 65 Millionen Wohneinheiten ungenutzt im Lande), es könnte umgekehrt auch die Welt jetzt in eine Schrumpfungsperiode zwingen, um sich von den USA nicht zu gesichtsverletzenden Zugeständnissen erpressen zu lassen. Keine schöne Vision, speziell für das Exportland Deutschland.

 

China ist möglicherweise dabei, seine Wachstumsstrategie zu ändern - mit gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    Jan

    13. August 2019 13:03 at 13:03

    @Wolfgang Müller, das sind einige sehr interessante, fundierte und jederzeit mögliche Thesen, die Sie hier äußern. Machen Sie weiter so, Ihre Artikel sind eine wertvolle Bereicherung dieser ohnehin schon guten FMW-Seiten.

    Das Arsenal Chinas scheint dahingehend noch gut gefüllt, während es bei Trump schon deutlich schlechter aussieht. Da hat der typisch schießwütige amerikanische Cowboy sein Magazin wohl etwas zu früh entleert. Ich persönlich fände es zwar wesentlich besser, wenn sich alle „Feinde der großartigen Nation“, an deren Fronten der POTUS gerade zündelt, poltert und droht (Kanada, Mexiko, China, Europa, Vietnam, große Teile Mittelamerikas, Türkei, Russland) zusammenschließen und die großartigste Wirtschaft des Planeten isolieren würden. Gleichwohl weiß ich natürlich, dass dies nur eine Utopie, ein frommer Wunsch bleiben muss.

  2. Avatar

    Burkhard Weis

    13. August 2019 13:18 at 13:18

    China kann unmöglich Gewinnen solange die USA das hier tun: 1.Mos. 12, 3 “ Wer Israel verflucht wird verflucht, wer Israel segnet wird gesegnet“ nicht umsonst ist die USA stärkstes militärisch und wirtschaftlichstes Land der Welt, nicht umsonst ist die Wirtschaft der USA seit 121 Monaten im Aufschwung, durch Trumps Israel Unterstützung wird es den USA noch weiter gut gehen.
    Sei es durch Technologiediebstahl durch staatliche Hacker,dazu erzwungenen Technologie Transfer, Subventionen für eigene Unternehmen, Abschottung des eignen Marktes aber im Ausland kaufen sie massiv Firmen auf. China beansprucht zusätzlich 90% des südchinesisches Meeres für sich dazu den unabhängigen Staat Taiwan, denn wollen sie ja laut Xi Jinping Anfang dieses Jahres und vor einigen Wochen notfalls mit Gewalt sich einverleiben. China erpresst die Länder der Welt indem sie nur mit China Geschäfte machen dürfen wenn sie keine politische Verbindung zu Taiwan haben.
    CHina kann nur verlieren, Pech für China und alle USA hater.

    • Avatar

      Columbo

      13. August 2019 13:52 at 13:52

      @Burkhard Weis

      „…durch Trumps Israel Unterstützung wird es den USA noch weiter gut gehen…“

      Versteh ich nicht. Israel ist im Vergleich zu China und USA doch ziemlich unbedeutend. Und was hat es mit dem Bibelzitat auf sich? Ist das so ein religiöser Tic?
      Ist mir da etwas Wichtiges entgangen?

      • Avatar

        Burkhard

        13. August 2019 23:13 at 23:13

        Du hast wie es aussieht meinen Kommentar nicht ganz gelsen oder scheinst die Zusammenhänge die ich dort geschrieben habe nicht zu verstehen.

  3. Avatar

    Holladrio

    13. August 2019 15:19 at 15:19

    Warum sollte China seine US-Anleihen auf den Markt werfen?

    1. Braucht China nicht selber die Staatsanleihen (=Dollar?) als Bezahlmittel, um im internationalen Handel Waren zu erwerben, bzw. die Seidenstraße zu bauen?

    2. Sollten die Chinesen die Anleihen plötzlich auf den Markt werfen, spränge nicht 3min später die Fed ein und nimmt sie vom Markt?

    3. Was bekommt man für Staatsanleihen überhaupt? Dollar? Macht das finanztechnisch überhaupt Sinn, wenn man sich vom amerikanischen Währungssystem lösen will?

    Kennt jemand die Mechanismen?

  4. Avatar

    Peter

    13. August 2019 22:37 at 22:37

    Was mir noch einfällt. Wir sollten Hongkong nicht aus dem Blick verlieren. Augenscheinlich wird dort heftig gezündelt. Ausgang offen? Oder macht China die „Schotten“ wie auch immer dicht. Was passiert, wenn China Hongkong wirklich abgrenzt.

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Nikkei 225: Das Comeback des japanischen Leitindex

Hatte es der Großinvestor Warren Buffett geahnt, oder war er sogar ein kleiner Auslöser dafür: Nämlich die Stärke des japanischen Nikkei 225 – trotz explodierender Schulden

Wolfgang Müller

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Hatte es der Großinvestor Warren Buffett geahnt, oder war er sogar ein kleiner Auslöser dafür: Nämlich die Stärke des japanischen Sammelindex Nikkei 225, inmitten der Corona-Krise und bei explodierenden Staatsschulden. Dieser bemüht sich nach Kräften, endlich das Trauma des Immobilien-Crashs von 1989 zu neutralisieren, der Index kletterte jüngst auf ein fast 30-Jahreshoch.

Der japanische Index – auf dem Weg zu alten Höhen?

Immer wieder wird von Aktienpessimisten Japan als Negativbeispiel angeführt. Der unheimliche Aktien-Boom in den 1980-er-Jahren, verbunden mit der Immobilienblase (Hans-Werner Sinn: Für Tokyo hätte man ganz Kanada kaufen können!) führte zu abstrusen Börsenbewertungen:

 

Die Mutter aller Index-Fahnenstangencharts (bis zur Corona-Krise):

Die Aktienmärkte - hier der Nikkei

Der Höchststand des Nikkei 225 vom 29. Dezember 1989 lag auf Schlusskursbasis bei 38.913 Punkten, dann erfolgte ein Absturz ohnegleichen mit vielen erratischen Schwankungen und einem Tief am Ende der Finanzkrise von 7054 Punkten.

Aber wer hat im Jahr 1989 all sein Geld in den Nikkei 225 investiert und nicht vorher und danach? Im Übrigen hätte ein monatlicher Sparplan auf den Index über viele Jahre eine gewaltige Rendite gebracht, durch den Cost-Average-Effekt, nur muss der Index irgendwann einmal kräftig anziehen, dann schießt der Wert mit all den billig erworbenen Anteilen kräftig in die Höhe. So wie es beim Nikkei 225 schon seit geraumer Zeit aufwärts geht.

Ein Vergleich der Marktperformance:

Seit dem Corona-Tief:

S&P 500: plus 60 Prozent
Dax: plus 52 Prozent
Nikkei: plus 50 Prozent

Seit dem Tief in der Finanzkrise 2009:

S&P 500: plus 436 Prozent
Dax: plus 362 Prozent
Nikkei: plus 364 Prozent
Jetzt ist der Index noch weiter gestiegen und erreichte gestern 26.537 Punkte.

Wobei hier wieder einmal festzustellen ist, dass bei unserem Dax als Performanceindex die ausgeschütteten Dividenden mit eingerechnet wurden, anders als bei den international üblichen Kursindizes. Was im Jahresvergleich nicht viel ausmacht, verzerrt das Bild bei einem 11-Jahreszeitraum durch den Zinseszinseffekt doch sehr deutlich.

Was also fast nach einem Gleichlauf aussieht, wird im 3-Monatsvergleich nach dem Einstieg von Warren Buffett deutlicher, Japan fiel im Oktober nicht mehr so stark und erholte sich stärker.

S&P 500: plus 4 Prozent
Dax: plus 1 Prozent
Nikkei: plus 13 Prozent

Die Entwicklung der Wirtschaft

Dass die Börse in Japan so stark gestiegen ist, liegt zum einen natürlich an der Bank of Japan, die bereits 53 Prozent der japanischen Staatsanleihen in ihren Büchern hält und immer wieder ETFs auf den Aktienmarkt erwirbt.

Der Nikkei 225 mit seinen über 12 Billionen Euro Marktkapitalisierung hat natürlich noch andere Investoren.

Aber vonseiten der Wirtschaft gibt es auch einige Signale der Hoffnung.

Doch zunächst zum Einstieg von Warren Buffett. Seine Gesellschaft Berkshire Hathaway kaufte im Herbst etwas mehr als fünf Prozent der Aktien der fünf großen japanischen Handelshäuser, die jahrzehntelang Japans Außenhandel bestimmt haben. Für uns relativ unbekannte Namen wie Itochu, Marubeni, Mitsubishi, Mitsui und Sumitomo. Und seine Gesellschaft sei bereit, den Einsatz auf bis zu 9,9 Prozent zu erhöhen.

Japan ist verglichen mit den USA erheblich preiswerter. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) des Dow Jones liegt bei 2,9, jenes des Nikkei 225 hingegen nur mit bei 1,1.

Japans Wirtschaft erholt sich derzeit von einer Rezession, die schon im vierten Quartal 2019 begonnen hatte. Japans Konsumenten erhöhten ihre Ausgaben im Sommer um 4,7 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im dritten Quartal auf Jahresbasis um 21,4 Prozent, 2,5 Prozent stärker als von Analysten erwartet wurde.

Hinzu kommt, dass die XXVII. Olympischen Sommerspiele in Tokyo doch vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 stattfinden sollen, wie IOC-Präsident Dr. Thomas Bach bei seinem letzen Besuch in Japan angekündigt hat.

Ein Schub durch das Freihandelsabkommen RCEP

Das vor knapp zwei Wochen abgeschlossene Freihandelsabkommen RCEP, abgekürzt für Regional Comprehensive Economic Partnership, zwischen 15 Ländern Ostasiens und Ozeaniens, gab der Börse einen weiteren Kick. Japan erhält dadurch erstmals bevorzugten Zugang zu China und Südkorea. Die Annäherung der drei Länder gilt als historischer Vorgang. Das Abkommen wird als Wegbereiter für ein künftiges asiatisches Wirtschaftswachstum gesehen, auch zu einer Zeit, in der sich die Region ohnehin aufgrund der Eindämmung der Pandemie konjunkturell besser als der Rest der Welt entwickelt.

Fazit

Was kann man aus der diesjährigen Entwicklung des Nikkei für Lehren ziehen? Staatsschulden, selbst in astronomischer Höhe (über 250 % zum Bruttoinlandsprodukt), führen nicht zwangsläufig zum Einbruch. Nämlich dann, wenn die Bürger an die Stabilität der eigenen Währung glauben und genügend Sparvermögen bilden und natürlich von der Funktionsfähigkeit der eigenen Notenbank überzeugt sind, die viele der Staatssschulden in ihren Büchern hält. Das Vertrauen in das Geld ist Grundvoraussetzung für die Schuldentragfähigkeit.

Dann sollte die eigene Währung eine gewisse Stabilität aufweisen, damit die Exportwirtschaft nicht unter die Räder gerät, aber auch ausländische Produkte für die Bürger erschwinglich bleiben. Ganz besonders wichtig ist natürlich die Stabilität des Geldes im Hinblick auf die Inflation. In Japan lag die Teuerungsrate über 20 Jahre gerade mal bei 0,5 Prozent per annum. Aber aus dieser Argumentation könnte man auch schlussfolgern, dass es dann krachen wird, wenn auch nur einer der drei Faktor nicht mehr gegeben ist, insbesondere wenn die Inflation zu galoppieren beginnt. Inflation, das Thema der nächsten Jahre nach der epochalen Geldschwemme des Corona-Jahres 2020?

 

Der Nikkei in Japan mit zuletzt starker Entwicklung

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Dax mit 40 Aktien – ist die Reform wirklich eine Wende?

33 Jahre nach Einführung des Dax 30 kommt im nächsten Jahr eine Reform – ändert sich dadurch seine Bedeutung in der weltweiten Börsenszene? Zweifel sind angebracht!

Wolfgang Müller

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33 Jahre nach Einführung des Dax 30 kommt im nächsten Jahr eine Reform des deutschen Leitindex, unter anderem mit einer Erweiterung auf 40 Werte. Anstoß war der Skandal um Wirecard, seiner Insolvenz und seinem wochenlangen Verbleib im Index, weil es eben den Regeln so entsprach. Aber wird diese Indexaufstockung wirklich eine gravierende Änderung seiner Bedeutung in der großen Börsenszene einleiten? Zweifel sind angebracht, denn ein Alleinstellungsmerkmal des deutschen Index bleibt bestehen.

Dax 30, der Underperformer unter den großen Börsenindizes

Das Grundproblem unseres Leitindex ist zunächst einmal seine Grundkonstruktion. Es handelt sich bei ihm – im Gegensatz zu den anderen großen internationalen Indizes – um einen Performanceindex, bei dem die jährlichen Dividendenausschüttungen miteingerechnet werden. Der Dax steht in dieser Berechnung mit 13300 Punkten (Stand 26. November) weniger als vier Prozent unter seinem Allzeithoch vom Februar diesen Jahres. In einer Kalkulation als internationaler Kursindex (ohne Dividenden) liegt er mit 5751 Punkten, sogar noch fast 10 Prozent tiefer als bei seinem Hoch vom März 2000 mit 6266 Punkten. Der Dax hatte 15 Jahre gebraucht, bis er dieses Hoch wieder erreichen konnte (2015), seither rennt er immer wieder dagegen an.

Zum Vergleich der S&P 500: Jahreshoch des Jahres 2000 – 1527 Punkte, Jahreshoch 2020 – 3642 Punkte. Und dabei wurde sogar der Extremwert in der Internet-Bubble als Vergleich herangezogen.

Dax 30, das Leichtgewicht unter den Indizes

Das nächste Thema ist die Marktkapitalisierung des deutschen Leitindex. Mit seinen aktuellen 1,2 Billionen Euro Marktbewertung liegt er nur im Mittelfeld der großen Indizes, obwohl er eigentlich die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt repräsentieren sollte. Zum Vergleich der S&P 500, der es umgerechnet bereits auf sagenhafte 27,2 Billionen Euro bringt, auch der japanische Nikkei 225 liegt im zweistelligen Billionenbereich.

Aber selbst kleinere europäischen Volkswirtschaften haben größere Marktkapitalisierungen. FTSE 100 (Großbritannien) 1,92 Billionen Euro, CAC 40 (Frankreich) 1,76 Billionen Euro, die erheblich kleinere Schweiz liegt mit ihrem SMI und 1,15 Billionen Marktkapitalisierung fast gleichauf.

Was bringt die Aufstockung auf 40 Titel?

Zuerst würde man sich den internationalen Indizes bei der Zahl der im Index gelisteten Aktien annähern. Nicht dem S&P mit seinen 500 Titeln, aber Großbritannien (100) und vor allem Frankreich (40). In der Marktkapitalisierung würde man aus jetziger Sicht auf gut 1,35 Billionen Euro steigen, wenn man potenzielle Aufsteiger aus dem MDax hinzu addiert. Die drei größten Titel aus der zweiten Reihe sind derzeit Airbus (25,4 Bio. €), Symrise (13,2 Bio. €) und Zalando (11,3 Bio. €), wobei beim marktschweren Flugzeugbauer schon wieder ein Fragezeichen steht, wegen seines ausländischen Firmensitzes.

Weitere Regeländerungen

Darüber wurde bei FMW schon berichtet deshalb nur kurz die Änderungen: Künftige Dax-Neulinge müssen vor ihrer Aufnahme einen operativen Gewinn in den zwei letzten Finanzberichten aufweisen. Neuaufnahmen wie die von Delivery Hero wären künftig nicht mehr möglich. Eine Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal ist, dass ab März 2021 Firmen nach einer 30-tägigen Warnfrist aus dem Index ausgeschlossen werden können, wenn sie ihre testierten Geschäftsberichte und vierteljährlichen Quartalsmitteilungen nicht fristgerecht veröffentlichen. Außerdem überprüft die deutsche Börse zweimal im Jahr die Aufstellung im Dax. Es geht dann um die Marktkapitalisierung der Unternehmen und nicht mehr um den Börsenumsatz. Der Nachweis einer Mindestliquidität wird ausreichen.

Fazit

Bei allen Bemühungen um eine Steigerung der Attraktivität des deutschen Leitindex bleibt das Grundproblem – die Akzeptanz der Aktie für die Kapitalanlage. Nur 15 Prozent der Deutschen besitzen direkt oder über Fonds Aktien, über 50 Prozent des Dax befinden sich in ausländischen Händen. Zum Vergleich: 2,4 Billionen Euro liegen in Deutschland auf unverzinslichen Konten, das Zweifache der Marktkapitalisierung des deutschen Leitindex. Was mit diesem Geld in Zukunft geschehen wird, in einer sich wahrscheinlich noch verstärkenden „finanziellen Repression“ (Inflation?) ist ziemlich absehbar. Ein Umdenken täte Not, etwas im Stile des norwegischen Staatsfonds.

An der Grundproblematik wird auch eine Erweiterung des DAX auf 40 Werte nichts ändern. Wie hatte Warren Buffett schon vor Jahren Kritikern der „gefährlichen“ Aktienanlage entgegnet: „„Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte, eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11497 Punkte.“

Was ändert sich durch die Reform des Dax?

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Finanznews

Aktienmärkte: Der Chart, der die Welt erklärt! Videoausblick

Markus Fugmann

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Die Aktienmärkte gestern am US-Feiertag erwartungsgemäß uninspiriert – auch heute ist durch den verkürzten Handel in den USA am Black Friday nicht viel zu erwarten. Aber übergeordnet gilt: es gibt einen Chart, der die ganze (Wirtschafts-)Welt erklärt: dieser Chart zeigt, dass seit den 1980er-Jahren die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft! Und dieser Trend explodiert seit der Finanzkrise geradezu, die Coronakrise wiederum bringt dann die nächste Eskalationsstufe in Sachen Schulden und Geld drucken. Die Notenbanken versuchen mit ihrem Liquiditäts-Exzess diese Verschuldungs-Spirale und damit die Wohlstandsillusion am laufen zu halten – die Aktienmärkte und die Anleihemärkte spiegeln diesen Exzess geradezu beispielhaft wider!

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