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China: Psychogramm einer Weltmacht. Ein Interview über China und die Chinesen

China wird politisch und ökonomisch immer wichtiger – in einem Interview erklären die Autoren des Buches „China.Psychogramm einer Weltmacht“, warum wir mehr wissen müssen über die Denkweise der Chinesen..

Markus Fugmann

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am

Welche Dimension die Wirtschaftsmacht China auf die Waage bringt, haben kürzlich die Zahlen des chinesischen Tech-Giganten Alibaba gezeigt: das Unternehmen gewann innerhalb nur eines Jahres 110 Millionen neue User hinzu – das ist ein Drittel der gesamten amerikanischen Bevölkerung. China ist Deutschlands größter Handelspartner, aber dennoch bleibt die Beschäftigung der Deutschen mit ihrem wichtigsten Handelspartner bestenfalls an der Oberfläche – Begriffe wie „Fachchinesisch“ zeigen, dass man China und seine Menschen hierzulande für eine seltsame Kultur hält, die man im Grunde nicht verstehen kann.

Und das vor dem Hintergrund, dass China erstens sicher nicht unwichtiger wird für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten, und zweitens China seinerseits durchaus daran interessiert sein dürfte, näher an Deutschland heran zu rücken – man braucht nun Freunde angesichts der Politik von Donald Trump, der vor allem die Hegemoniestellung der USA gegen seinen größten Konkurrenten, also China, zu zementieren versucht. Die von Trump wohl schon in dieser Woche stark erweiterten „Strafzölle“ gegen chinesische Waren haben offenkundig vordringlich das Ziel, die absehbare Vormachtstellung Chinas zu unterbinden und das Reich der Mitte ökonomisch zu schwächen. Das dürfte langfristig nicht gelingen – und ist vermutlich der letzte Versuch der USA, das Unaufhaltbare noch einmal aufzuhalten oder zumindest hinaus zu zögern.

Wie aber tickt China? Stefan Baron, viele Jahre Chefredakteur bei der „Wirtschaftswoche“, hat zusammen mit seiner aus China stammenden Frau Guangyan Yin-Baron, Journalistin und Beraterin, ein Werk über die „Psyche“ der Chinesen geschrieben, das ein großer Wurf ist, weil es Innenansichten vermittelt sowohl unserer Kultur als auch der Denkstruktur Chinas. Der Titel ist programmatisch: „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ (das Buch können Sie hier direkt vom Verlag beziehen).

Wer China besser versteht, versteht mehr von der Welt – wir sprachen daher mit den beiden Autoren:

 

1. FMW: Frau Yin Baron/Herr Baron, Sie haben zusammen mit Ihrer Frau ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Chinesen. Psychogramm einerWeltmacht“. Darin versuchen sie, Grundmuster des Denkens und Fühlens jenes Landes zu erklären, das Deutschlands größer Handelspartner ist. Trotzdem wissen die Deutschen so wenig über China und seine Menschen – warum ist das so?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Wir hoffen natürlich, dass unser Buch dem mangelnden Wissen der Deutschen über China und die Chinesen ein Stück weit abhelfen kann. Aber dieser Mangel geht schon sehr tief: China kommt im Schulunterricht hierzulande kaum vor. Auch in den Medien wird viel zu wenig über das Land informiert – und wenn fast durchweg sehr oberflächlich und stereotyp. Im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Frankreich lernen nur wenige Deutsche die chinesische Sprache usw.
Angesichts der enormen wirtschaftlichen Bedeutung Chinas für Deutschland und der besonderen Herausforderung, die der laufende ökonomische Strukturwandel Chinas gerade für unser Land darstellt, ist das geradezu sträflich zu nennen.

 

 

2. FMW: Sie zeigen in Ihrem Buch den entscheidenden Unterschied zwischen westlichen Denkweisen und der chinesischen Kultur: es ist ein anderes
Menschenbild, eine völlig andere Wahrnehmung des Individuums. Warum ist das so? Was sollten wir uns klar machen als Menschen des Westens, wenn wir die Denkweise der Chinesen verstehen wollen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Diese Frage verlangt eigentlich eine längere Antwort, die wir in dem Buch auch geben. An dieser Stelle machen wir es uns einfacher und sagen: Die Chinesen sind keine Christen, ja überhaupt nicht religiös. Sie haben eine ganz andere geistig-kulturelle Tradition. Das müssen wir uns klarmachen und auch ehrlich respektieren. Wir dürfen nicht von uns selbst einfach auf andere schliessen und denken, die muessten genauso ticken wie wir.

 

 

3. FMW: Die aggressive Haltung von Donald Trump bringt China in eine schwierige Lage – Trump versucht die Hegemoniestellung der USA zu zementieren, indem er den einzigen echten Konkurrenten, China, ökonomisch unter Druck setzt. Wie wird die polternde Art von Trump in China wahrgenommen – also in einer Kultur, die doch ganz anders kommuniziert und sicher Probleme hat, das „Phänomen Trump“ zu verstehen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die Chinesen hatten anfangs Probleme zu verstehen, was Trump eigentlich will. Sie dachten lange, er wolle einen besseren Deal im bilateralen Warenaustausch, der das US-Handelsbilanzdefizit verringert. Und sie waren auch bereit Trump in dieser Frage deutlich entgegen zu kommen und mehr US-Produkte zu kaufen. Inzwischen haben sie aber verstanden, dass es Trump und den politischen Eliten in Washington generell um die machtpolitische Eindämmung Chinas geht und sie dafür sogar bereit sind, einen neuen Kalten Krieg wie seinerzeit mit der Sowjetunion zu führen.

 

 

4. FMW: Ab November hat, so will es die USA allen anderen Länder diktieren, kein Handel mehr mit dem Iran (vor allem Öl) stattzufinden – sonst droht
die Entkoppelung dieser Länder vom Dollar-System. Der Iran aber ist ein wichtiger Öl-Lieferant für das Reich der Mitte – was wird China tun? Kann es sich dem Diktat der USA beugen, ohne dann „sein Gesicht zu verlieren“, gerade gegenüber jenen Staaten, die sich wie etwa Pakistan zuletzt eng an China angelehnt haben?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China weiß, dass die neue Iran-Politik der USA nicht zuletzt im Rahmen von deren Eindämmungspolitik zu sehen ist und darauf abzielt, Pekings großes geopolitisches Projekt, die „Neue Seidenstrasse“, zu bekämpfen. Die Chinesen werden sich auch deswegen nicht aus dem Iran zurückziehen und vom Iran z.B. weiter Erdöl beziehen, ja mehr mehr als heute. Sie werden von dem erzwungenen Rückzug Europas und gerade auch Deutschlands vom Iran-Geschaeft profitieren, denn ihnen werden viele Geschäfte zufallen, die diese unfreiwillig aufgeben müssen. Darüber hinaus wird China gemeinsam mit anderen Ländern die Ent-Dollarisierung der Weltwirtschaft noch energischer vorantreiben, um den USA ihr wichtigstes Machtinstrument zu nehmen. D.h. der Iran-Handel wird ohne Dollars und mit Banken abgewickelt, die nichts mit den USA zu tun haben. Und den Transport per Tanker inklusive Versicherung übernimmt Iran selbst.

 

 

5.FMW: Der rapide wirtschaftliche Aufstieg Chinas seit den 1980er-Jahren läßt manche westliche Beobachter zu dem Schluß kommen, dass ein
autoritärer Staat, der seine Wirtschaft lenkt, letztlich effektiver ist als westliche Demokratien. Ist uns China mit seinem lenkenden Ansatz der Wirtschaft vielleicht doch langfristig überlegen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Ich glaube, dass eine gelenkte Wirtschaft unter bestimmten Voraussetzungen für ein Entwicklungsland, vor allem ein so großes wie China , effektiver sein kann als eine liberale Marktwirtschaft. Das hat der beeindruckende Aufholprozess Chinas in den vergangenen drei Jahrzehnten gezeigt. Ob das auch für die künftige Entwicklung gilt muss sich erst noch zeigen. Aber in einer Zeit, in der das Tempo und Ausmass des technologischen Wandels die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind, könnte Chinas autoritaerer Staatskapitalismus gewisse Vorteile haben: Es kann schneller und gezielter agieren sowie die durch den raschen technologischen Wandel ausgelösten Schocks besser abfedern.

 

 

6. FMW: China ist inzwischen, neben den USA, weltweit führend im Bereich Künstlicher Intelligenz und besitzt mit Tech-Giganten wie Alibaba oder Tencent mächtige Firmen, die aber in Europa kaum präsent sind. Wird China in den nächsten Jahren versuchen, die dominante Stellung amerikanischer Firmen wie Google oder Amazon anzugreifen, indem es seine eigenen Tech-Konzerne global expandieren läßt?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die chinesischen Tech-Firmen werden in den nächsten Jahren sicher auch auf den Weltmarkt vorstossen. Aber auch andere Industriezweige wie etwa die Automobil- oder die Investitionsgueterindustrie wird in den nächsten Jahren noch manche Überraschung seitens China erleben.

 

 

7. FMW: Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs hat China ökonomische Probleme: vor allem staatliche Firmen sind hoch verschuldet, dazu ein
Immobilienmarkt, bei dem die Preise für einen Quadratmeter im Vergleich zu den Einkommen der Chinesen immens hoch sind – faktisch also eine staatlich geduldete Immobilienblase. Historisch geriet fast immer eine Macht vor ihrem Aufstieg zur Supermacht in eine existentielle Krise (Bürgerkrieg, ökonomischer Crash). Sehen Sie die Gefahr einer solchen existentiellen Krise für China in den nächsten Jahren?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China befindet sich in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung und wird in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten noch viele Probleme überwinden müssen, um sein Ziel zu erreichen und wieder zu der führenden Wirtschaftsnation der Welt aufzusteigen, die es einmal war. Das kann – gerade unter den Vorzeichen eines Kalten Krieges mit den USA – auch sehr heftig werden und sich länger hinziehen als gedacht. Aber eine existenzielle Krise, also einen Zusammenbruch der Wirtschaft oder gar einen Buergerkrieg sehe ich nicht voraus. Die Regierung in Peking kennt die Probleme, die das Land hat und lösen muss und handelt entsprechend. Und die Chinesen stehen weit überwiegend hinter ihrer Regierung. Der Westen sollte sich keine falschen Hoffnungen machen, sondern lieber selbst seine Hausaufgaben machen.

 

Stefan Baron, seine Frau Guangyan Yin-Baron und ihr gemeinsames Buch „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“

 

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Lausi

    4. September 2018 08:17 at 08:17

    Ein sehr interessantes Interview! Allerdings habe ich das Gefühl, dass das Pärchen vielleicht ein zu optimistisches Bild von der Lage hat. Eine kommende existentielle Krise in China könnte ich mir durchaus vorstellen – Gründe genug gäbe es ja. Außerdem glaube ich, dass China auch irgendwann mal für das Tiananmen-Massaker bezahlen muss – so rein aus esoterischer Sicht…

  2. Avatar

    Thorsten Karman

    1. Oktober 2018 22:00 at 22:00

    Alles nur Propaganda – immer mehr Menschen sind im Auftrag der chinesischen Regierung unterwegs.

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EZB ebnet argumentativen Weg für lang anhaltende Rettungsmaßnahmen

Claudio Kummerfeld

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am

Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Seit der Finanzkrise 2008 veranstaltet die EZB ein Anleihekaufprogramm nach dem nächsten. Die Zinsen sinken im großen Bild gesehen immer weiter. Egal wie gut es der Konjunktur in der Eurozone zwischen 2008 und 2020 wieder ging. Die EZB druckte immer weiter Geld, kaufte immer weiter Anleihen. Länder wie Italien wurden mit EZB-Geld und immer weiter sinkenden Zinsen am Leben erhalten. Nach der Krise war vor der Krise.

Und nun, kommt nach der Coronakrise (die Impfstoffe kommen ja bald) wieder die nächste Krise, nämlich die Rettung der überschuldeten Unternehmen? Deswegen muss die EZB (wie es auch die Fed macht) zusammen mit den Regierungen der Mitgliedsstaaten immer weiter retten, retten und retten. Denn ja, wir wissen es alle. Mit gigantischen Kreditprogrammen, Zuschüssen, Kurzarbeitergeld uvm werden in Europa die Nöte der Coronakrise gemildert, und Probleme optisch versteckt. Am besten erkennt man das beim Thema Kurzarbeitergeld. In Deutschland wurde die ausgeweitete Funktion dieses Instruments erst letzten Freitag im Bundestag bis Ende 2021 verlängert – welch ein Zufall, bis zur Bundestagswahl kann die Kurzarbeit in ihrer jetzigen Form also weiterhin als neuer Dauerzustand für eigentlich arbeitslose Arbeitnehmer genutzt werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

EZB kommt mit „Nicht zu früh aufhören“-Argumentation

Aber zurück zur EZB. Die einfache wie auch clevere Aussage der EZB lautet am heutigen Montag (frei und sinngemäß zusammengefasst): „Wenn wir die Hilfen zu früh einstellen, gefährden wir den Erfolg“. Tja, und wann das Ende der Hilfen angebracht ist, das ist bei der EZB bekanntermaßen eine sehr dehnbare Ansichtssache (siehe Anleihekäufe seit 2008 bis heute – hier eine wunderschöne historische Übersicht zu dem Thema). Im Rahmen ihres heute veröffentlichten Finanzstabilitätsberichts hat die EZB auch einen einzelnen Artikel veröffentlicht, bei dem es um die „Bewertung von Schwachstellen von Unternehmen“ in der Eurozone geht.

Und die Schwachstelle scheint offenbar darin zu bestehen, dass EZB und Regierungen ihre Hilfsprogramme zu früh auslaufen lassen könnten. Man sieht die Probleme wohl auch vor allem beim Zugang zu Krediten und bei steigenden Finanzierungskosten. Die Unterstützung durch die Geldpolitik der EZB habe dazu beigetragen, die tatsächlichen Insolvenzen bisher unter Kontrolle zu halten. Staatliche Kreditgarantien und Konkursmoratorien hätten eine groß angelegte Welle Unternehmenspleiten verhindert. Aber eine beträchtliche Anzahl von Unternehmen könnte gezwungen sein Konkurs anzumelden, wenn diese Maßnahmen zu früh aufgehoben werden oder die Kreditvergabebedingungen der Banken verschärft werden, so die heutige Aussage der EZB. Tatsächlich deute die historische Ko-Bewegung des Anfälligkeitsindikators mit den Unternehmensinsolvenzen und dem BIP-Wachstum darauf hin, dass sowohl die Regierungspolitik als auch die niedrigen Fremdfinanzierungskosten dazu beigetragen hätten, die Auswirkungen der Verschlechterung des Gesundheitszustands der Unternehmen auf die tatsächliche Zahl der Insolvenzen zu dämpfen – auch wenn die Auswirkungen je nach Land, Sektor und Unternehmensgröße unterschiedlich seien.

Dieser neu entwickelte Indikator mache laut EZB deutlich, dass die Anfälligkeit des Unternehmenssektors auf ein Niveau gestiegen ist, das zuletzt während der Staatsschuldenkrise im Euroraum beobachtet wurde. Finanzierungsrisiken hätten sich dank verschiedener Unterstützungsmaßnahmen bisher nicht materialisiert, aber die Anfälligkeit der Unternehmen könne weiter ansteigen und ein Niveau erreichen, das während der globalen Finanzkrise beobachtet wurde. Insbesondere wenn die zweite Welle der Pandemie die wirtschaftliche Erholung zum Stillstand bringe und das Wachstum schwächer ausfällt als prognostiziert, könnte ein frühzeitiger Ausstieg aus den Stützungsmaßnahmen schließlich zu einem deutlichen Anstieg der Unternehmenskonkurse führen, mit Auswirkungen auf die Finanzstabilität auch für die Banken im Euroraum, so die EZB.

Aus Rettung wird Dauerzustand

Tja, haben sie es auch rausgelesen? Diese Aussagen (wie auch jüngst die Warnung von Christine Lagarde vor der Rezession) bieten die perfekte Vorlage, damit KfW-Kredite, Null- und Negatzvinsen, Kurzarbeitergeld, Anleihekäufe in Billionenhöhe etc immer so weitergehen, Jahr für Jahr. Nicht denkbar? Nochmal, ich möchte erinnern an die letzten zwölf Jahre seit der Finanzkrise! Natürlich sind viele Maßnahmen sicherlich gut und richtig wie die KfW-Kredite, Zuschussprogramme etc. Aber vor allem was die EZB da anrichtet mit ihren Kaufprogrammen und abgeschafften Zinsen. Diese Maßnahmen, wenn sie jahrelang immer weiter beibehalten werden, schaffen ein Gesamtumfeld, das nicht mehr ohne zinslose Kredite leben kann, und Staaten die nicht mehr ohne negative Anleiherenditen leben können. Man gewöhnt sich an diese schöne neue Welt sehr schnell – oder besser gesagt, man hat sich längst daran gewöhnt. Ein Ende dieser Geldpolitik der EZB, ist die überhaupt noch vorstellbar bei der Schuldenexplosion bei Staaten und Unternehmen? Entweder immer so weitermachen, oder man riskiert einen großen Knall.

EZB-Grafik zur Verwundbarkeit der Unternehmen
Grafik: EZB

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Coronavirus: Die Impfung und die praktischen Folgen

Deutschland rüstet sich für die ersten Impfungen gegen das Coronavirus. Aber was passiert nach erfolgreicher Impfung? Wie wird man mit den verschiedenen Gruppen im praktischen Leben umgehen?

Wolfgang Müller

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Deutschland rüstet sich für die ersten Impfungen gegen das Coronavirus. Impfzentren werden bereits für Mitte Dezember vorbereitet, obwohl noch gar kein Vakzin zugelassen ist. Die Politik macht Druck.

Mindestens 96 Corona-Impfzentren sollen allein in Bayern bis Mitte Dezember einsatzbereit sein. In jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt im Freistaat ist mindestens ein Impfzentrum geplant, so ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Donnerstag.

Aber was passiert nach erfolgreicher Impfung? Wie wird man mit den verschiedenen Gruppen im praktischen Leben umgehen? Darüber wird man bald diskutieren.

Coronavirus: Immunisiert oder nicht

Im Prinzip müsste es im neuen Jahr vier verschiedene Gruppen innerhalb der Bevölkerung geben: Menschen, die bereits eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden haben. Und dann die, die  registriert sind: eine diffuse Gruppe mit Bürgern, die selbst nicht genau wissen, ob sie vielleicht nicht schon infiziert waren, die große Gruppe derer, die sich noch vor der Infektion geschützt haben – und schließlich die Geimpften. Wie verfährt man in Zukunft mit den Menschen, die die Infektionskrankheit überwunden haben und die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit immun sind gegen die Krankheit und auch als Spreader des Coronavirus für die Mitmenschen wegfallen? Gibt es nach erfolgreicher Impfung so etwas wie einen Impfpass?

Der Impfpass, jetzt eine zweifelhafte Angelegenheit?

In Kürze, wenn die Zulassung des Impfstoffes vollzogen ist, wird es rasch zwei Gruppen von Bürgern geben, die annehmen können, die Krankheit bezwungen zu haben – die vormals Infizierten und die Geimpften. Nach dem Stand der Wissenschaft gilt eine rasche Wiederinfektion mit dem Coronavirus als unwahrscheinlich. Bei Abermillionen von Infektionen müsste dies schon aufgefallen sein. Die Zahl der Infizierten in Deutschland nähert sich der Ein-Millionen-Grenze (Ende dieser Woche?), die Dunkelziffer dürfte in Deutschland bei Faktor 3 bis 5, liegen, so die Annahme einiger Wissenschaftler aufgrund der Antikörpertests.

Jedenfalls wird die Zahl der „Immunen“ bald im Millionenbereich liegen. Während man den ehemals Infizierten nach langen Diskussionen keinen Immunitätsausweis zusicherte, so wird nach einer Impfung gegen Covid-19 sicherlich eine Impfbescheiningung ausgestellt werden, wie beim Impfpass nach jeder Standardimpfung.

Was wird passieren, wenn sich geimpfte Menschen sagen, „so jetzt bin ich geschützt, warum weiter eine Maske tragen?“ Nur eine von vielen praktischen Fragen.

Aber da beginnt bereits das Dilemma. Die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes sieht eine „Impf- und Immunitätsdokumentation“ vor. Was wird diese für Folgen haben? Eine Wiedergewährung von Mobilitäts- und Freiheitsrechten? Der Ethikrat ist bereits bei der Beratung der Problembereiche.

Wo könnte der Impfpass Anwendung finden?

Trotz aller ethischen Bedenken, werden Impfungen bei Reisen in fremde Länder empfohlen oder sind sogar Verpflichtung (z.B. gegen Gelbfieber in bestimmten afrikanischen Ländern). Wie werden asiatische Länder auf die Impfung reagieren, Staaten wie Taiwan, Vietnam, Thailand, Südkorea, Australien, Neuseeland, die die Infektion bisher erfolgreich eindämmen konnten? Könnte ein Impfausweis nicht Voraussetzung werden, dass man nach der Einreise von Menschen aus Risikogebieten keine 14-tägige Quarantäne absolvieren muss?

Gibt es aktuell vor einer Reise mit einem Kreuzfahrtschiff nicht bereits die Verpflichtung zu einem Corona-Schnelltest, in dieselbe Richtung laufen Bestrebungen im Luftverkehr?

Und was ist eigentlich mit den vielen Unternehmen aus den Corona-geschädigten Branchen, sei es der Kulturbereich, bei Messen, oder jeglichen Veranstaltungen (Fußball) mit größerem Publikumsverkehr? Werden diese sich für das ethisch etwas zweifelhafte Instrument Impfbescheinigung einsetzen, weil es ihnen sofort Luft zum Atmen bringen würde? Oder wird dies der Staat abwiegeln und versuchen, die Branchen mit immer weiteren Notgeldern über Wasser halten? Eines ist doch schon heute absehbar: Bei einer Bevölkerungszahl von 83 Millionen Menschen, abzüglich der bereits Betroffenen und den Impfverweigerern wird es lange dauern, bis all die Freiwilligen oder auch Zwangsläufigen (Pflegepersonal?) im großen Umfang gegen das Coronavirus geimpft sind.

Fazit

Sicher ist es noch etwas früh, sich über die praktischen Folgen einer Impfung Gedanken zu machen. Allerdings werden Regelungen kommen, ja vermutlich sogar gefordert werden. Schließlich steht manchem Unternehmer das Wasser bis zum Hals und man sehnt sich nach Kunden, nach Menschen, die kein Risiko in Sachen Coronavirus darstellen, für sich und für andere. Wann werden die Diskussionen über die neue Sachlage starten?

Was werden die praktischen Auswirkungen der Impfungen gegen das Coronavirus sein?

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Was den schwachen Goldpreis aktuell bewegt

Claudio Kummerfeld

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Ein Barren aus Gold

Der Goldpreis ist die letzten Tage ohne Stärke unterwegs. Eigentlich ist das merkwürdig, denn der US-Dollar schwächelt seit Tagen, und müsste Gold (das in Dollar gehandelt wird) daher doch eigentlich Auftrieb geben. Der Dollar-Index (Währungskorb des US-Dollar gegen andere Hauptwährungen) hat binnen einer Woche von 92,80 auf 92,18 Indexpunkte verloren.

Corona-Impfstoffe dämpfen Aufwärtstrieb im Goldpreis

Mit aktuell 1.865 Dollar sieht man, dass die seit Donnerstag letzter Woche kurz aufgeflackerte Erholung mit Anlauf Richtung 1.900 Dollar wieder verpufft ist. Eindeutig ist zu sehen, dass die Anleger, die über das Vehikel der ETF (Exchange Traded Funds, hier die Begriffserklärung) in Gold investieren, letzte Woche auf der Verkäuferseite waren mit gut 30 Tonnen. Der folgende aktuelle Chart der Commerzbank zeigt seit Jahresanfang in gelb den Goldpreis-Verlauf, und in schwarz die Gold-ETF-Bestände. Die Nachfrage schlafft derzeit ab.

Chart zeigt ETF-Bestände in Gold im Vergleich zum Goldpreis

Die letzte wie auch die vorletzte Woche waren die Kapitalmärkte gefangen im Fieber der Corona-Impfstoff-Hoffnung. Nach Biontech und Pfizer kam letzte Woche Moderna mit einem fertigen Impfstoff, und heute früh dann auch noch AstraZeneca. Daher laufen die Aktienmärkte auch heute zum Wochenstart erfreulich nach oben. Alles was die Märkte positiv stimmt für eine Erholung der Weltwirtschaft, schwächt tendenziell den „Sicheren Hafen“ namens Gold. Im Chart sehen wir den Goldpreis im Verlauf der letzten 30 Tage. Der große Absturz in der Mitte des Charts rührt her von der ersten Impfstoff-Meldung gegen das Coronavirus vom 9. November von Biontech und Pfizer.

Laut heutiger Aussage des Commerzbank-Analysten Carsten Fritsch dürfte der aktuelle Optimismus hinsichtlich der Impfstoffe dagegen sprechen, dass es schon in Kürze zu einem neuerlichen Run auf die Gold-ETFs kommt. Entsprechend gedämpft sei der kurzfristige Ausblick für den Goldpreis. Die spekulativen Finanzanleger seien seiner Meinung nach durch den Preisrutsch Mitte letzter Woche offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt worden. Denn sie weiteten ihre Netto-Long-Positionen in der Woche zum 17. November auf gut 90.000 Kontrakte aus, nachdem sie diese in der Woche zuvor reduziert hatten. Entsprechend dürfte der Preisrückgang auf rund 1.850 Dollar letzten Mittwoch seiner Meinung nach auch durch spekulative Verkäufe begünstigt worden sein.

Mittel- und langfristig bergauf?

Bleibt es bei dem Szenario, welches wir letzte Woche schon erwähnten? Kurzfristig bleibt der Goldpreis trotz schwachem US-Dollar und dank der Corona-Impfstoff-Hoffnungen schwach? Aber mittel- und langfristig sieht man wieder Kurse über 1.900 Dollar und auch Richtung 2.000 Dollar? Das ist die Frage. Denn im großen Bild, da ist die Meinung der Notenbanker ja relativ eindeutig, wie man die letzten Tage und Wochen auch bei der EZB heraushören konnte. Die Geldpolitik (Anleihekäufe und Zinsen) wird noch sehr lange Zeit extrem locker bleiben, um die wirtschaftliche Erholung der Volkswirtschaften zu unterstützen. Also weiterhin Optimismus im größeren Bild für einen steigenden Goldpreis? Dieses Szenario bleibt vorhanden.

Chart zeigt Goldpreis-Verlauf in den letzten 30 Tagen

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