Allgemein

China: Psychogramm einer Weltmacht. Ein Interview über China und die Chinesen

China wird politisch und ökonomisch immer wichtiger - in einem Interview erklären die Autoren des Buches "China.Psychogramm einer Weltmacht", warum wir mehr wissen müssen über die Denkweise der Chinesen..

Welche Dimension die Wirtschaftsmacht China auf die Waage bringt, haben kürzlich die Zahlen des chinesischen Tech-Giganten Alibaba gezeigt: das Unternehmen gewann innerhalb nur eines Jahres 110 Millionen neue User hinzu – das ist ein Drittel der gesamten amerikanischen Bevölkerung. China ist Deutschlands größter Handelspartner, aber dennoch bleibt die Beschäftigung der Deutschen mit ihrem wichtigsten Handelspartner bestenfalls an der Oberfläche – Begriffe wie „Fachchinesisch“ zeigen, dass man China und seine Menschen hierzulande für eine seltsame Kultur hält, die man im Grunde nicht verstehen kann.

Und das vor dem Hintergrund, dass China erstens sicher nicht unwichtiger wird für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten, und zweitens China seinerseits durchaus daran interessiert sein dürfte, näher an Deutschland heran zu rücken – man braucht nun Freunde angesichts der Politik von Donald Trump, der vor allem die Hegemoniestellung der USA gegen seinen größten Konkurrenten, also China, zu zementieren versucht. Die von Trump wohl schon in dieser Woche stark erweiterten „Strafzölle“ gegen chinesische Waren haben offenkundig vordringlich das Ziel, die absehbare Vormachtstellung Chinas zu unterbinden und das Reich der Mitte ökonomisch zu schwächen. Das dürfte langfristig nicht gelingen – und ist vermutlich der letzte Versuch der USA, das Unaufhaltbare noch einmal aufzuhalten oder zumindest hinaus zu zögern.

Wie aber tickt China? Stefan Baron, viele Jahre Chefredakteur bei der „Wirtschaftswoche“, hat zusammen mit seiner aus China stammenden Frau Guangyan Yin-Baron, Journalistin und Beraterin, ein Werk über die „Psyche“ der Chinesen geschrieben, das ein großer Wurf ist, weil es Innenansichten vermittelt sowohl unserer Kultur als auch der Denkstruktur Chinas. Der Titel ist programmatisch: „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ (das Buch können Sie hier direkt vom Verlag beziehen).

Wer China besser versteht, versteht mehr von der Welt – wir sprachen daher mit den beiden Autoren:

 

1. FMW: Frau Yin Baron/Herr Baron, Sie haben zusammen mit Ihrer Frau ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Chinesen. Psychogramm einerWeltmacht“. Darin versuchen sie, Grundmuster des Denkens und Fühlens jenes Landes zu erklären, das Deutschlands größer Handelspartner ist. Trotzdem wissen die Deutschen so wenig über China und seine Menschen – warum ist das so?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Wir hoffen natürlich, dass unser Buch dem mangelnden Wissen der Deutschen über China und die Chinesen ein Stück weit abhelfen kann. Aber dieser Mangel geht schon sehr tief: China kommt im Schulunterricht hierzulande kaum vor. Auch in den Medien wird viel zu wenig über das Land informiert – und wenn fast durchweg sehr oberflächlich und stereotyp. Im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Frankreich lernen nur wenige Deutsche die chinesische Sprache usw.
Angesichts der enormen wirtschaftlichen Bedeutung Chinas für Deutschland und der besonderen Herausforderung, die der laufende ökonomische Strukturwandel Chinas gerade für unser Land darstellt, ist das geradezu sträflich zu nennen.

 

 

2. FMW: Sie zeigen in Ihrem Buch den entscheidenden Unterschied zwischen westlichen Denkweisen und der chinesischen Kultur: es ist ein anderes
Menschenbild, eine völlig andere Wahrnehmung des Individuums. Warum ist das so? Was sollten wir uns klar machen als Menschen des Westens, wenn wir die Denkweise der Chinesen verstehen wollen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Diese Frage verlangt eigentlich eine längere Antwort, die wir in dem Buch auch geben. An dieser Stelle machen wir es uns einfacher und sagen: Die Chinesen sind keine Christen, ja überhaupt nicht religiös. Sie haben eine ganz andere geistig-kulturelle Tradition. Das müssen wir uns klarmachen und auch ehrlich respektieren. Wir dürfen nicht von uns selbst einfach auf andere schliessen und denken, die muessten genauso ticken wie wir.

 

 

3. FMW: Die aggressive Haltung von Donald Trump bringt China in eine schwierige Lage – Trump versucht die Hegemoniestellung der USA zu zementieren, indem er den einzigen echten Konkurrenten, China, ökonomisch unter Druck setzt. Wie wird die polternde Art von Trump in China wahrgenommen – also in einer Kultur, die doch ganz anders kommuniziert und sicher Probleme hat, das „Phänomen Trump“ zu verstehen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die Chinesen hatten anfangs Probleme zu verstehen, was Trump eigentlich will. Sie dachten lange, er wolle einen besseren Deal im bilateralen Warenaustausch, der das US-Handelsbilanzdefizit verringert. Und sie waren auch bereit Trump in dieser Frage deutlich entgegen zu kommen und mehr US-Produkte zu kaufen. Inzwischen haben sie aber verstanden, dass es Trump und den politischen Eliten in Washington generell um die machtpolitische Eindämmung Chinas geht und sie dafür sogar bereit sind, einen neuen Kalten Krieg wie seinerzeit mit der Sowjetunion zu führen.

 

 

4. FMW: Ab November hat, so will es die USA allen anderen Länder diktieren, kein Handel mehr mit dem Iran (vor allem Öl) stattzufinden – sonst droht
die Entkoppelung dieser Länder vom Dollar-System. Der Iran aber ist ein wichtiger Öl-Lieferant für das Reich der Mitte – was wird China tun? Kann es sich dem Diktat der USA beugen, ohne dann „sein Gesicht zu verlieren“, gerade gegenüber jenen Staaten, die sich wie etwa Pakistan zuletzt eng an China angelehnt haben?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China weiß, dass die neue Iran-Politik der USA nicht zuletzt im Rahmen von deren Eindämmungspolitik zu sehen ist und darauf abzielt, Pekings großes geopolitisches Projekt, die „Neue Seidenstrasse“, zu bekämpfen. Die Chinesen werden sich auch deswegen nicht aus dem Iran zurückziehen und vom Iran z.B. weiter Erdöl beziehen, ja mehr mehr als heute. Sie werden von dem erzwungenen Rückzug Europas und gerade auch Deutschlands vom Iran-Geschaeft profitieren, denn ihnen werden viele Geschäfte zufallen, die diese unfreiwillig aufgeben müssen. Darüber hinaus wird China gemeinsam mit anderen Ländern die Ent-Dollarisierung der Weltwirtschaft noch energischer vorantreiben, um den USA ihr wichtigstes Machtinstrument zu nehmen. D.h. der Iran-Handel wird ohne Dollars und mit Banken abgewickelt, die nichts mit den USA zu tun haben. Und den Transport per Tanker inklusive Versicherung übernimmt Iran selbst.

 

 

5.FMW: Der rapide wirtschaftliche Aufstieg Chinas seit den 1980er-Jahren läßt manche westliche Beobachter zu dem Schluß kommen, dass ein
autoritärer Staat, der seine Wirtschaft lenkt, letztlich effektiver ist als westliche Demokratien. Ist uns China mit seinem lenkenden Ansatz der Wirtschaft vielleicht doch langfristig überlegen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Ich glaube, dass eine gelenkte Wirtschaft unter bestimmten Voraussetzungen für ein Entwicklungsland, vor allem ein so großes wie China , effektiver sein kann als eine liberale Marktwirtschaft. Das hat der beeindruckende Aufholprozess Chinas in den vergangenen drei Jahrzehnten gezeigt. Ob das auch für die künftige Entwicklung gilt muss sich erst noch zeigen. Aber in einer Zeit, in der das Tempo und Ausmass des technologischen Wandels die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind, könnte Chinas autoritaerer Staatskapitalismus gewisse Vorteile haben: Es kann schneller und gezielter agieren sowie die durch den raschen technologischen Wandel ausgelösten Schocks besser abfedern.

 

 

6. FMW: China ist inzwischen, neben den USA, weltweit führend im Bereich Künstlicher Intelligenz und besitzt mit Tech-Giganten wie Alibaba oder Tencent mächtige Firmen, die aber in Europa kaum präsent sind. Wird China in den nächsten Jahren versuchen, die dominante Stellung amerikanischer Firmen wie Google oder Amazon anzugreifen, indem es seine eigenen Tech-Konzerne global expandieren läßt?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die chinesischen Tech-Firmen werden in den nächsten Jahren sicher auch auf den Weltmarkt vorstossen. Aber auch andere Industriezweige wie etwa die Automobil- oder die Investitionsgueterindustrie wird in den nächsten Jahren noch manche Überraschung seitens China erleben.

 

 

7. FMW: Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs hat China ökonomische Probleme: vor allem staatliche Firmen sind hoch verschuldet, dazu ein
Immobilienmarkt, bei dem die Preise für einen Quadratmeter im Vergleich zu den Einkommen der Chinesen immens hoch sind – faktisch also eine staatlich geduldete Immobilienblase. Historisch geriet fast immer eine Macht vor ihrem Aufstieg zur Supermacht in eine existentielle Krise (Bürgerkrieg, ökonomischer Crash). Sehen Sie die Gefahr einer solchen existentiellen Krise für China in den nächsten Jahren?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China befindet sich in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung und wird in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten noch viele Probleme überwinden müssen, um sein Ziel zu erreichen und wieder zu der führenden Wirtschaftsnation der Welt aufzusteigen, die es einmal war. Das kann – gerade unter den Vorzeichen eines Kalten Krieges mit den USA – auch sehr heftig werden und sich länger hinziehen als gedacht. Aber eine existenzielle Krise, also einen Zusammenbruch der Wirtschaft oder gar einen Buergerkrieg sehe ich nicht voraus. Die Regierung in Peking kennt die Probleme, die das Land hat und lösen muss und handelt entsprechend. Und die Chinesen stehen weit überwiegend hinter ihrer Regierung. Der Westen sollte sich keine falschen Hoffnungen machen, sondern lieber selbst seine Hausaufgaben machen.

 

Stefan Baron, seine Frau Guangyan Yin-Baron und ihr gemeinsames Buch „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“

 



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

2 Kommentare

  1. Ein sehr interessantes Interview! Allerdings habe ich das Gefühl, dass das Pärchen vielleicht ein zu optimistisches Bild von der Lage hat. Eine kommende existentielle Krise in China könnte ich mir durchaus vorstellen – Gründe genug gäbe es ja. Außerdem glaube ich, dass China auch irgendwann mal für das Tiananmen-Massaker bezahlen muss – so rein aus esoterischer Sicht…

  2. Alles nur Propaganda – immer mehr Menschen sind im Auftrag der chinesischen Regierung unterwegs.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage