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China: Psychogramm einer Weltmacht. Ein Interview über China und die Chinesen

China wird politisch und ökonomisch immer wichtiger – in einem Interview erklären die Autoren des Buches „China.Psychogramm einer Weltmacht“, warum wir mehr wissen müssen über die Denkweise der Chinesen..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Welche Dimension die Wirtschaftsmacht China auf die Waage bringt, haben kürzlich die Zahlen des chinesischen Tech-Giganten Alibaba gezeigt: das Unternehmen gewann innerhalb nur eines Jahres 110 Millionen neue User hinzu – das ist ein Drittel der gesamten amerikanischen Bevölkerung. China ist Deutschlands größter Handelspartner, aber dennoch bleibt die Beschäftigung der Deutschen mit ihrem wichtigsten Handelspartner bestenfalls an der Oberfläche – Begriffe wie „Fachchinesisch“ zeigen, dass man China und seine Menschen hierzulande für eine seltsame Kultur hält, die man im Grunde nicht verstehen kann.

Und das vor dem Hintergrund, dass China erstens sicher nicht unwichtiger wird für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten, und zweitens China seinerseits durchaus daran interessiert sein dürfte, näher an Deutschland heran zu rücken – man braucht nun Freunde angesichts der Politik von Donald Trump, der vor allem die Hegemoniestellung der USA gegen seinen größten Konkurrenten, also China, zu zementieren versucht. Die von Trump wohl schon in dieser Woche stark erweiterten „Strafzölle“ gegen chinesische Waren haben offenkundig vordringlich das Ziel, die absehbare Vormachtstellung Chinas zu unterbinden und das Reich der Mitte ökonomisch zu schwächen. Das dürfte langfristig nicht gelingen – und ist vermutlich der letzte Versuch der USA, das Unaufhaltbare noch einmal aufzuhalten oder zumindest hinaus zu zögern.

Wie aber tickt China? Stefan Baron, viele Jahre Chefredakteur bei der „Wirtschaftswoche“, hat zusammen mit seiner aus China stammenden Frau Guangyan Yin-Baron, Journalistin und Beraterin, ein Werk über die „Psyche“ der Chinesen geschrieben, das ein großer Wurf ist, weil es Innenansichten vermittelt sowohl unserer Kultur als auch der Denkstruktur Chinas. Der Titel ist programmatisch: „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ (das Buch können Sie hier direkt vom Verlag beziehen).

Wer China besser versteht, versteht mehr von der Welt – wir sprachen daher mit den beiden Autoren:

 

1. FMW: Frau Yin Baron/Herr Baron, Sie haben zusammen mit Ihrer Frau ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Chinesen. Psychogramm einerWeltmacht“. Darin versuchen sie, Grundmuster des Denkens und Fühlens jenes Landes zu erklären, das Deutschlands größer Handelspartner ist. Trotzdem wissen die Deutschen so wenig über China und seine Menschen – warum ist das so?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Wir hoffen natürlich, dass unser Buch dem mangelnden Wissen der Deutschen über China und die Chinesen ein Stück weit abhelfen kann. Aber dieser Mangel geht schon sehr tief: China kommt im Schulunterricht hierzulande kaum vor. Auch in den Medien wird viel zu wenig über das Land informiert – und wenn fast durchweg sehr oberflächlich und stereotyp. Im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Frankreich lernen nur wenige Deutsche die chinesische Sprache usw.
Angesichts der enormen wirtschaftlichen Bedeutung Chinas für Deutschland und der besonderen Herausforderung, die der laufende ökonomische Strukturwandel Chinas gerade für unser Land darstellt, ist das geradezu sträflich zu nennen.

 

 

2. FMW: Sie zeigen in Ihrem Buch den entscheidenden Unterschied zwischen westlichen Denkweisen und der chinesischen Kultur: es ist ein anderes
Menschenbild, eine völlig andere Wahrnehmung des Individuums. Warum ist das so? Was sollten wir uns klar machen als Menschen des Westens, wenn wir die Denkweise der Chinesen verstehen wollen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Diese Frage verlangt eigentlich eine längere Antwort, die wir in dem Buch auch geben. An dieser Stelle machen wir es uns einfacher und sagen: Die Chinesen sind keine Christen, ja überhaupt nicht religiös. Sie haben eine ganz andere geistig-kulturelle Tradition. Das müssen wir uns klarmachen und auch ehrlich respektieren. Wir dürfen nicht von uns selbst einfach auf andere schliessen und denken, die muessten genauso ticken wie wir.

 

 

3. FMW: Die aggressive Haltung von Donald Trump bringt China in eine schwierige Lage – Trump versucht die Hegemoniestellung der USA zu zementieren, indem er den einzigen echten Konkurrenten, China, ökonomisch unter Druck setzt. Wie wird die polternde Art von Trump in China wahrgenommen – also in einer Kultur, die doch ganz anders kommuniziert und sicher Probleme hat, das „Phänomen Trump“ zu verstehen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die Chinesen hatten anfangs Probleme zu verstehen, was Trump eigentlich will. Sie dachten lange, er wolle einen besseren Deal im bilateralen Warenaustausch, der das US-Handelsbilanzdefizit verringert. Und sie waren auch bereit Trump in dieser Frage deutlich entgegen zu kommen und mehr US-Produkte zu kaufen. Inzwischen haben sie aber verstanden, dass es Trump und den politischen Eliten in Washington generell um die machtpolitische Eindämmung Chinas geht und sie dafür sogar bereit sind, einen neuen Kalten Krieg wie seinerzeit mit der Sowjetunion zu führen.

 

 

4. FMW: Ab November hat, so will es die USA allen anderen Länder diktieren, kein Handel mehr mit dem Iran (vor allem Öl) stattzufinden – sonst droht
die Entkoppelung dieser Länder vom Dollar-System. Der Iran aber ist ein wichtiger Öl-Lieferant für das Reich der Mitte – was wird China tun? Kann es sich dem Diktat der USA beugen, ohne dann „sein Gesicht zu verlieren“, gerade gegenüber jenen Staaten, die sich wie etwa Pakistan zuletzt eng an China angelehnt haben?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China weiß, dass die neue Iran-Politik der USA nicht zuletzt im Rahmen von deren Eindämmungspolitik zu sehen ist und darauf abzielt, Pekings großes geopolitisches Projekt, die „Neue Seidenstrasse“, zu bekämpfen. Die Chinesen werden sich auch deswegen nicht aus dem Iran zurückziehen und vom Iran z.B. weiter Erdöl beziehen, ja mehr mehr als heute. Sie werden von dem erzwungenen Rückzug Europas und gerade auch Deutschlands vom Iran-Geschaeft profitieren, denn ihnen werden viele Geschäfte zufallen, die diese unfreiwillig aufgeben müssen. Darüber hinaus wird China gemeinsam mit anderen Ländern die Ent-Dollarisierung der Weltwirtschaft noch energischer vorantreiben, um den USA ihr wichtigstes Machtinstrument zu nehmen. D.h. der Iran-Handel wird ohne Dollars und mit Banken abgewickelt, die nichts mit den USA zu tun haben. Und den Transport per Tanker inklusive Versicherung übernimmt Iran selbst.

 

 

5.FMW: Der rapide wirtschaftliche Aufstieg Chinas seit den 1980er-Jahren läßt manche westliche Beobachter zu dem Schluß kommen, dass ein
autoritärer Staat, der seine Wirtschaft lenkt, letztlich effektiver ist als westliche Demokratien. Ist uns China mit seinem lenkenden Ansatz der Wirtschaft vielleicht doch langfristig überlegen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Ich glaube, dass eine gelenkte Wirtschaft unter bestimmten Voraussetzungen für ein Entwicklungsland, vor allem ein so großes wie China , effektiver sein kann als eine liberale Marktwirtschaft. Das hat der beeindruckende Aufholprozess Chinas in den vergangenen drei Jahrzehnten gezeigt. Ob das auch für die künftige Entwicklung gilt muss sich erst noch zeigen. Aber in einer Zeit, in der das Tempo und Ausmass des technologischen Wandels die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind, könnte Chinas autoritaerer Staatskapitalismus gewisse Vorteile haben: Es kann schneller und gezielter agieren sowie die durch den raschen technologischen Wandel ausgelösten Schocks besser abfedern.

 

 

6. FMW: China ist inzwischen, neben den USA, weltweit führend im Bereich Künstlicher Intelligenz und besitzt mit Tech-Giganten wie Alibaba oder Tencent mächtige Firmen, die aber in Europa kaum präsent sind. Wird China in den nächsten Jahren versuchen, die dominante Stellung amerikanischer Firmen wie Google oder Amazon anzugreifen, indem es seine eigenen Tech-Konzerne global expandieren läßt?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die chinesischen Tech-Firmen werden in den nächsten Jahren sicher auch auf den Weltmarkt vorstossen. Aber auch andere Industriezweige wie etwa die Automobil- oder die Investitionsgueterindustrie wird in den nächsten Jahren noch manche Überraschung seitens China erleben.

 

 

7. FMW: Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs hat China ökonomische Probleme: vor allem staatliche Firmen sind hoch verschuldet, dazu ein
Immobilienmarkt, bei dem die Preise für einen Quadratmeter im Vergleich zu den Einkommen der Chinesen immens hoch sind – faktisch also eine staatlich geduldete Immobilienblase. Historisch geriet fast immer eine Macht vor ihrem Aufstieg zur Supermacht in eine existentielle Krise (Bürgerkrieg, ökonomischer Crash). Sehen Sie die Gefahr einer solchen existentiellen Krise für China in den nächsten Jahren?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China befindet sich in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung und wird in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten noch viele Probleme überwinden müssen, um sein Ziel zu erreichen und wieder zu der führenden Wirtschaftsnation der Welt aufzusteigen, die es einmal war. Das kann – gerade unter den Vorzeichen eines Kalten Krieges mit den USA – auch sehr heftig werden und sich länger hinziehen als gedacht. Aber eine existenzielle Krise, also einen Zusammenbruch der Wirtschaft oder gar einen Buergerkrieg sehe ich nicht voraus. Die Regierung in Peking kennt die Probleme, die das Land hat und lösen muss und handelt entsprechend. Und die Chinesen stehen weit überwiegend hinter ihrer Regierung. Der Westen sollte sich keine falschen Hoffnungen machen, sondern lieber selbst seine Hausaufgaben machen.

 

Stefan Baron, seine Frau Guangyan Yin-Baron und ihr gemeinsames Buch „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“

 

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Lausi

    4. September 2018 08:17 at 08:17

    Ein sehr interessantes Interview! Allerdings habe ich das Gefühl, dass das Pärchen vielleicht ein zu optimistisches Bild von der Lage hat. Eine kommende existentielle Krise in China könnte ich mir durchaus vorstellen – Gründe genug gäbe es ja. Außerdem glaube ich, dass China auch irgendwann mal für das Tiananmen-Massaker bezahlen muss – so rein aus esoterischer Sicht…

  2. Avatar

    Thorsten Karman

    1. Oktober 2018 22:00 at 22:00

    Alles nur Propaganda – immer mehr Menschen sind im Auftrag der chinesischen Regierung unterwegs.

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Immobilien: Der Boom läuft immer weiter – aktuelle Daten

Claudio Kummerfeld

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Innenansicht eines Einfamilienhauses

Es ist wirklich erstaunlich. Auch wir bei FMW hatten zu Ausbruch der Coronakrise und im brutalen wirtschaftlichen Absturz im Frühjahr erwartet, dass auch der Markt für Immobilien beeinträchtigt sein wird. Schließlich haben derzeit ja zahlreiche Menschen massive Existenzängste, leben dank Kurzarbeitergeld auf Kante, oder haben als Selbständige ihre Existenz gleich ganz verloren. Da müssten die Preise für Immobilien doch eigentlich einbrechen? Die Nachfrageseite für Häuser und Eigentumswohnungen müsste so schwach sein, dass man spürbare Rückgänge bei den Preisen sehen müsste?

Nichts da. Offenbar bringt die große Gelddruck-Orgie der Notenbanken und die Alternativlosigkeit zu Aktien und Immobilien immer noch genug Anleger und Kaufwillige dazu, die Preise für Immobilien immer weiter klettern zu lassen. Und die Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung sind wohl derart umfangreich, dass genug Menschen in prekären Situationen (Arbeiter in der Autoindustrie etc) noch nicht ihre Häuser verlieren, welche auf dem Markt folglich auch nicht für ein Überangebot an Häusern und Eigentumswohnungen sorgen können.

Preise für Immobilien weiter am Steigen

Aktuelle Zahlen der Anbieter F+B sowie Dr. Klein zeigen weiter steigende Preise für Immobilien. Der F+B-Wohn-Index Deutschland als Durchschnitt der Preis- und Mietentwicklung von Wohnimmobilien für alle Gemeinden in Deutschland stieg im 3. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,6 Prozent. Wie gesagt, diese Steigerung von +5,6 Prozent kommt zustande, weil ich auch Mieten enthalten sind. Und die sind dank Corona doch tatsächlich leicht rückläufig mit -0,9 Prozent im Quartalsvergleich (und noch +0,1 Prozent im Jahresvergleich).

Mieten bremsen nur den Gesamtschnitt aus Immobilienpreisen + Mieten

Im Bundesdurchschnitt gehören damit exorbitante Mietensteigerungen laut F+B endgültig der Vergangenheit an. Auch die Betrachtung der Top 50-Standorte in Deutschland mit dem höchsten Mietenniveau lege eine ähnliche Interpretation für diesen Trend nahe. So seien im Vergleich zum Vorquartal in 28 der 50 teuersten Städte Deutschlands die Mieten bei der Neuvermietung gesunken (im Vergleich der Quartale Q2/2020 zu Q1/2020 betraf dies 18 Städte). Im Vergleich zum Vorjahresquartal 2019 gab es reale Mietpreisrückgänge in 10 der teuersten 50 Städte. Nach Beobachtungen von F+B hätten die Corona-bedingten wirtschaftlichen Verwerfungen als Nachwirkungen des ersten Lockdowns vom Frühjahr 2020 zu noch stärkeren Rückgängen bei den Mieten geführt, wenn es die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen nicht gegeben hätte. Wir möchten ergänzen: Hunderttausende Wohnungen in Berlin sind vom dortigen Mietendeckel betroffen, was die Mietpreisentwicklung bundesweit ebenfalls beeinflusst. F+B bespricht dieses Thema in seiner Veröffentlichung ebenfalls.

Nachfrageschub

Im Vergleich zum dritten Quartal 2019 liegen die Preissteigerungen bei Eigentumswohnungen laut F+B mit 5,5 Prozent weiterhin deutlich hinter den Ein- und Zweifamilienhäusern mit 8,6 Prozent. Eigenheime dominieren damit endgültig die Gesamtperformance des Wohn-Index von F+B. Man sei der Auffassung, dass die Corona-Pandemie hier einen zusätzlichen und offenbar auch nachhaltigen Nachfrageschub – bei gleichzeitig beschränktem Angebot – erzeugt hat, so F+B. Im Chart sehen wir seit dem Jahr 2004 die Preisentwicklung verschiedener Arten von Immobilien seit dem Jahr 2004. Eigentumswohnungen liegen langfristig klar in Führung.

Entwicklung der Preise für Immobilien seit dem Jahr 2004

Preise in Nordrhein-Westfalen steigen weiter

Der Anbieter Dr. Klein berichtete erst vor wenigen Tagen, dass das Volumen pro Immobilienkredit neue Rekordhochs erreicht hat (hier die Details). Heute berichtet Dr. Klein über die neuesten Preisentwicklungen für Immobilien in Nordrhein-Westfahen. Der bis 2015 zurückreichende Chart zeigt auch jetzt keinen Abknick bei der Preisentwicklung. Im mondänen Düsseldorf dürfe es gerne ein bisschen mehr sein – auch bei den eigenen vier Wänden: Der Trend gehe hin zu mehr Exklusivität und Geräumigkeit. Köln und Dortmund vermelden indessen neue Rekorde bei den Immobilienpreisen. Die Details finden Sie beim Klick an dieser Stelle.

Preise für Immobilien in Nordrhein-Westfalen

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BioNTech, Pfizer und Moderna, erfüllen sich die Impfstoff-Erwartungen?

Wolfgang Müller

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am

Erfüllen sich die hohen Erwartungen an die Impfstoffe von BioNTech und Pfizer sowie Moderna? Die Börsen sind im Jahresendspurt: Immer wieder werden derzeit die aktuellen Wirtschaftsdaten als Indikatoren herangezogen, verbunden mit dem großen Optimismus vieler Investoren, die nach Korrektur schreien. Aber dies ist neben dem monetären Faktor nicht der entscheidende Treiber für Börsenkurse. Es zählt die mittelfristige Aussicht, auch wenn man in einer Rezession oder in einem Lockdown etwas anderes verspürt. Was die Märkte antizipieren, sind die Fortschritte in der Impfstoffentwicklung und deren Anwendung. Dies kann man auch aus einem Interview schlussfolgern, welches eine Reporterin der Welt am Sonntag aktuell mit dem Chef von Moderna, Stéphane Bancel, geführt hat.

BioNTech & Co: Die große Wende bis zum Sommer 2021

Bei aller Skepsis über die Geschwindigkeit und Validität der Entwicklung eines Impfstoffes ist es nicht zu übersehen: Die Nachrichten über den Fortgang des Kampfes gegen Covid-19 überschlagen sich, Unternehmen für Unternehmen berichtet von den Ergebnissen aus der klinischen Studie-3 und der baldigen Beantragung für eine Zulassung des eigenen Vakzins. Es ist daher sicher interessant, was der langjährige Chef eines der Unternehmen an vorderster Front dazu zu sagen hat, auch unter Berücksichtigung der subjektiven Darstellung des eigenen Unternehmens. Hier die Kernaussagen des CEOs von Moderna:

Der Chef von Moderna fühlt sich von der Erstmeldung von BioNTech und Pfizer nicht überfahren. Man bräuchte mindestens vier oder fünf Unternehmen, um die Welt mit 7,6 Milliarden Menschen impfen zu können.

Bemerkung: Fraglich, ob es zur Impfung von so vielen Menschen durch westliche Impfstofffirmen kommt. China impft sich selbst (1 Mio. Chinesen wurden schon geimpft), ebenso Russland. In Indien sind 750 Millionen Menschen unter 25 Jahre alt, ein ähnliches Verhältnis dürfte auch für den Milliardenkontinent Afrika gelten. Und wie viele Menschen werden sich einer Impfung verweigern?

Zur Frage, warum BioNTech/Pfizer schneller waren: Pfizer sei100-mal größer als Moderna, man habe vorher noch nie eine Studie mit 30.000 Menschen durchgeführt. Zudem wurde das Vakzin gemeinsam mit der US-Gesundheitsbehörde NIH entwickelt und mit staatlichen Stellen dauere es etwas länger, sich untereinander abzustimmen.

Der US-Staat hat Moderna mit einer Milliarde Dollar unterstützt, aber man brauche das Geld, um im kommenden Jahr eine Milliarde Impfstoffdosen herzustellen. Für die Beschaffung von Grundmaterialien.
Zum Impfstoffpreis: Man werde zwischen 25 und 37 Dollar aufrufen, je nachdem, wie viel die Regierungen bei Moderna bestellen. Damit liege man im Bereich wie bei einer Grippeimpfung, die zwischen 10 und 50 Dollar kostet. Das sei ein fairer Preis, wenn man bedenkt, wie hoch die Kosten für das Gesundheitssystem sind, wenn ein Mensch schwer an Covid-19 erkrankt. Die teuerste Impfung der Welt sei derzeit Pfizers Impfstoff Prevnar gegen Pneumokokken mit 300 Dollar je Dosis.
Zur Dauer der Impfung: Das hänge davon ab, wie viele Impfstoffe das Rennen machen. Wenn es beim Impfstoff von BioNTech und Moderna bliebe, würde es bis zum nächsten Sommer dauern, bis allein die Menschen in Europa und den USA geimpft sind. Für den Rest der Welt würde es vermutlich bis Ende 2022 dauern.
Bemerkung: Reichlich optimistisch, so viele Menschen (mehr als eine halbe Milliarde, auch wenn sich viele verweigern) innerhalb von sechs Monaten zu impfen.

Zur Hektik bei der Notzulassung: Bancel betrachtet jede Morgen die Zahlen der John-Hopkins-Universität. Es gebe täglich weltweit 11.000 Coronaopfer und dies dürfte sich im nächsten Monat noch steigern. Die Impfung habe bereits bewiesen, dass sie wirke und sicher sei. mRNA werde innerhalb von 48 Stunden nach der Impfung im Körper abgebaut, das Lipid als Trägerstoff ebenfalls. Danach sei man geschützt vor Covid und den teilweise schlimmen Langzeitfolgen. Deshalb sei seine Entscheidung klar.

Beim Vergleich mit Biontech-Chef Ugur Sahin: Bancel bezeichnet sich selbst als nicht besonders guten Verkäufer. Was er aber könne sei komplizierte Wissenschaft einfach zu erklären. Zum Beispiel warum mRNA die größte medizinische Revolution seit der Erfindung von kleinen Molekülen wie Aspirin sei.
Zum Stand der Genforschung: Man lebe im Zeitalter der Sequenzierung. Es würde nur fünf Dollar und ein paar Stunden Zeit kosten, bis man das Genom eines Virus entschlüsselt habe, dank mRNA habe man jetzt die Möglichkeit, sehr schnell wirksame Medikamente zu machen. Dies katapultiere die analoge Medizin in das Zeitalter der Digitalisierung. Dieser Erfolg sei aber nicht über Nacht gekommen, wie viele Leute denken. BioNTech und Moderna arbeiten daran seit zehn Jahren.
Bei der ultimativen Frage nach dem eigenen Impfzeitpunkt sagt Bancel: Er könne es gar nicht abwarten, hätte das gern schon vor Monaten getan, denn er wolle sein altes Leben zurück.

Fazit

Egal, wie man die Aussagen eines Unternehmensvorstands zum eigenen Produkt bewertet. Es ist schon erstaunlich, wie konkret die Informationen zu dem Jahrhundertprojekt Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 bereits gediehen sind. Sollte es tatsächlich keine gravierenden Nebenwirkungen des Impfstoffes geben, so könnte man tatsächlich von einer Normalisierung der Verhältnisse im Hinblick auf die Pandemie bereits im Jahre 2021 rechnen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre es ein neuer Meilenstein in der Entwicklung des medizinischen Fortschritts der Menschheit. Noch ist Vieles im Konjunktiv.

Erfüllen die Impfstoffe von BioNTech oder Moderna die hohen Erwartungen?

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Warum für Deutschland im Winter eine technische Rezession ansteht

Claudio Kummerfeld

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Leere Restaurants im zweiten Lockdown befeuern die Rezession

Die Industrie liefert wieder, und China als Abnehmer deutscher Waren hilft kräftig mit bei der Erholung der Konjunktur. Aber es ist klar. Die Dienstleistungen vermasseln derzeit der deutschen Wirtschaft die tiefgreifende Erholung. Die Rezession steht bevor oder startet wohl gerade wieder, und das Bruttoinlandsprodukt könnte schrumpfen. Und das nicht nur, weil die Dienstleistungen wie Gastronomie wegen dem aktuellen „kleinen“ Corona-Lockdown zu großen Teilen gar nicht stattfinden. Nein, da ist noch ein Faktor, der auf den ersten Blick übersehen werden kann.

Bevorstehende Rezession befeuert durch höhere Mehrwertsteuer

Eine aktuell womöglich schon gestartete technische Rezession für diesen Winter dürfte ab Anfang Januar verschärft werden. Denn ab 1. Januar wird die seit Juli 2020 geltende Mehrwertsteuersenkung wieder rückgängig gemacht. Dann dürften die Verbraucherpreise wieder steigen. Wer schon lange Zeit vor hatte einen neuen Fernseher, Küche, Auto oder sonstige hochpreisige Einrichtungsgegenstände anzuschaffen, hat dies wohl schon in den letzten Monaten getan, und dabei nette Mehrwertsteuerbeträge gespart. Umso kräftige dürfte der Konsumrückgang ab Januar ausfallen. Oder darf man mutmaßen, dass die Politik in Berlin dem noch schnell entgegenwirkt, und die Mehrwertsteuer bis zum Sommer 2021 auf reduziertem Niveau belässt? Die Kurzarbeiter-Regelung hat man ja schließlich auch gerade erst bis Ende 2021 verlängert.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bringt es in einer aktuellen Kurzanalyse auf den Punkt. Warum er sich gerade jetzt äußert? Heute um 10 Uhr wurde mit dem ifo-Index das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer veröffentlicht (hier die Details). Er fiel von 92,5 auf 90,7 Punkte. Die Zahlen waren zwar leicht besser als gedacht, aber eben doch schlechter als im Vormonat. Wie der Chart (geht bis 2016 zurück) zeigt, geht es aktuell wieder leicht bergab mit dem Geschäftsklima in Deutschland.


source: tradingeconomics.com

Experte spricht von bevorstehender technischen Rezession

Deutschland droht eine technische Rezession, das Winterhalbjahr wird hart. Das kann durch die robuste Entwicklung in der Industrie kaum verhindert werden. Erst die wärmeren Temperaturen im Frühling und die Impfungen werden die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen, so Jörg Krämer. Ein Monat Lockdown koste fast ein Prozent Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt. Krämer erwartet eine technische Rezession im Winterhalbjahr, auch wenn sich das verarbeitende Gewerbe super halte. Im folgenden Chart der Commerzbank sehen wir, wie die Industrie in gelb weiter ansteigt, während die Dienstleistungen wieder abschmieren.

Chart zeigt Tendenz der Rezession dank schwachen Dienstleistungen

Laut Jörg Krämer ist ein Abwärtstrend bei den Corona-Neuinfektionen noch nicht erkennbar. Die Bundesländer dürften den Lockdown nach seiner Meinung bis mindestens Weihnachten verlängern und die Kontaktbeschränkungen verschärfen. Sehe man von möglichen Lockerungen rund um Weihnachten ab, dürfte der Lockdown mindestens bis Ende Dezember gelten. Weil die kalte Jahreszeit die Infektionen begünstigt, erwarte man, dass Restaurants, Kneipen, Hotels, Fitness-Center etc auch während des ersten Quartals überwiegend geschlossen bleiben.

Basierend auf dem Anteil der betroffenen Branchen an der gesamten Wertschöpfung drücke ein Monat Lockdown das quartalsweise Bruttoinlandsprodukt wie gesagt um fast 1 Prozent. Entsprechend dürfte laut Jörg Krämer das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um 2 Prozent schwächer ausfallen als ohne Lockdown – es werde vermutlich schrumpfen. Das dürfte die robuste Entwicklung in der Industrie nicht verhindern. Auch im ersten Quartal, das ohnehin durch die Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar belastet wird, sei kaum mit einem Plus zu rechnen. Deutschland drohe eine technische Rezession. Die Wirtschaft gehe durch ein hartes Winterhalbjahr, bevor die wärmeren Temperaturen und die Impfungen die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen.

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