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China: Psychogramm einer Weltmacht. Ein Interview über China und die Chinesen

China wird politisch und ökonomisch immer wichtiger – in einem Interview erklären die Autoren des Buches „China.Psychogramm einer Weltmacht“, warum wir mehr wissen müssen über die Denkweise der Chinesen..

Markus Fugmann

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Welche Dimension die Wirtschaftsmacht China auf die Waage bringt, haben kürzlich die Zahlen des chinesischen Tech-Giganten Alibaba gezeigt: das Unternehmen gewann innerhalb nur eines Jahres 110 Millionen neue User hinzu – das ist ein Drittel der gesamten amerikanischen Bevölkerung. China ist Deutschlands größter Handelspartner, aber dennoch bleibt die Beschäftigung der Deutschen mit ihrem wichtigsten Handelspartner bestenfalls an der Oberfläche – Begriffe wie „Fachchinesisch“ zeigen, dass man China und seine Menschen hierzulande für eine seltsame Kultur hält, die man im Grunde nicht verstehen kann.

Und das vor dem Hintergrund, dass China erstens sicher nicht unwichtiger wird für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten, und zweitens China seinerseits durchaus daran interessiert sein dürfte, näher an Deutschland heran zu rücken – man braucht nun Freunde angesichts der Politik von Donald Trump, der vor allem die Hegemoniestellung der USA gegen seinen größten Konkurrenten, also China, zu zementieren versucht. Die von Trump wohl schon in dieser Woche stark erweiterten „Strafzölle“ gegen chinesische Waren haben offenkundig vordringlich das Ziel, die absehbare Vormachtstellung Chinas zu unterbinden und das Reich der Mitte ökonomisch zu schwächen. Das dürfte langfristig nicht gelingen – und ist vermutlich der letzte Versuch der USA, das Unaufhaltbare noch einmal aufzuhalten oder zumindest hinaus zu zögern.

Wie aber tickt China? Stefan Baron, viele Jahre Chefredakteur bei der „Wirtschaftswoche“, hat zusammen mit seiner aus China stammenden Frau Guangyan Yin-Baron, Journalistin und Beraterin, ein Werk über die „Psyche“ der Chinesen geschrieben, das ein großer Wurf ist, weil es Innenansichten vermittelt sowohl unserer Kultur als auch der Denkstruktur Chinas. Der Titel ist programmatisch: „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ (das Buch können Sie hier direkt vom Verlag beziehen).

Wer China besser versteht, versteht mehr von der Welt – wir sprachen daher mit den beiden Autoren:

 

1. FMW: Frau Yin Baron/Herr Baron, Sie haben zusammen mit Ihrer Frau ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Chinesen. Psychogramm einerWeltmacht“. Darin versuchen sie, Grundmuster des Denkens und Fühlens jenes Landes zu erklären, das Deutschlands größer Handelspartner ist. Trotzdem wissen die Deutschen so wenig über China und seine Menschen – warum ist das so?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Wir hoffen natürlich, dass unser Buch dem mangelnden Wissen der Deutschen über China und die Chinesen ein Stück weit abhelfen kann. Aber dieser Mangel geht schon sehr tief: China kommt im Schulunterricht hierzulande kaum vor. Auch in den Medien wird viel zu wenig über das Land informiert – und wenn fast durchweg sehr oberflächlich und stereotyp. Im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Frankreich lernen nur wenige Deutsche die chinesische Sprache usw.
Angesichts der enormen wirtschaftlichen Bedeutung Chinas für Deutschland und der besonderen Herausforderung, die der laufende ökonomische Strukturwandel Chinas gerade für unser Land darstellt, ist das geradezu sträflich zu nennen.

 

 

2. FMW: Sie zeigen in Ihrem Buch den entscheidenden Unterschied zwischen westlichen Denkweisen und der chinesischen Kultur: es ist ein anderes
Menschenbild, eine völlig andere Wahrnehmung des Individuums. Warum ist das so? Was sollten wir uns klar machen als Menschen des Westens, wenn wir die Denkweise der Chinesen verstehen wollen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Diese Frage verlangt eigentlich eine längere Antwort, die wir in dem Buch auch geben. An dieser Stelle machen wir es uns einfacher und sagen: Die Chinesen sind keine Christen, ja überhaupt nicht religiös. Sie haben eine ganz andere geistig-kulturelle Tradition. Das müssen wir uns klarmachen und auch ehrlich respektieren. Wir dürfen nicht von uns selbst einfach auf andere schliessen und denken, die muessten genauso ticken wie wir.

 

 

3. FMW: Die aggressive Haltung von Donald Trump bringt China in eine schwierige Lage – Trump versucht die Hegemoniestellung der USA zu zementieren, indem er den einzigen echten Konkurrenten, China, ökonomisch unter Druck setzt. Wie wird die polternde Art von Trump in China wahrgenommen – also in einer Kultur, die doch ganz anders kommuniziert und sicher Probleme hat, das „Phänomen Trump“ zu verstehen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die Chinesen hatten anfangs Probleme zu verstehen, was Trump eigentlich will. Sie dachten lange, er wolle einen besseren Deal im bilateralen Warenaustausch, der das US-Handelsbilanzdefizit verringert. Und sie waren auch bereit Trump in dieser Frage deutlich entgegen zu kommen und mehr US-Produkte zu kaufen. Inzwischen haben sie aber verstanden, dass es Trump und den politischen Eliten in Washington generell um die machtpolitische Eindämmung Chinas geht und sie dafür sogar bereit sind, einen neuen Kalten Krieg wie seinerzeit mit der Sowjetunion zu führen.

 

 

4. FMW: Ab November hat, so will es die USA allen anderen Länder diktieren, kein Handel mehr mit dem Iran (vor allem Öl) stattzufinden – sonst droht
die Entkoppelung dieser Länder vom Dollar-System. Der Iran aber ist ein wichtiger Öl-Lieferant für das Reich der Mitte – was wird China tun? Kann es sich dem Diktat der USA beugen, ohne dann „sein Gesicht zu verlieren“, gerade gegenüber jenen Staaten, die sich wie etwa Pakistan zuletzt eng an China angelehnt haben?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China weiß, dass die neue Iran-Politik der USA nicht zuletzt im Rahmen von deren Eindämmungspolitik zu sehen ist und darauf abzielt, Pekings großes geopolitisches Projekt, die „Neue Seidenstrasse“, zu bekämpfen. Die Chinesen werden sich auch deswegen nicht aus dem Iran zurückziehen und vom Iran z.B. weiter Erdöl beziehen, ja mehr mehr als heute. Sie werden von dem erzwungenen Rückzug Europas und gerade auch Deutschlands vom Iran-Geschaeft profitieren, denn ihnen werden viele Geschäfte zufallen, die diese unfreiwillig aufgeben müssen. Darüber hinaus wird China gemeinsam mit anderen Ländern die Ent-Dollarisierung der Weltwirtschaft noch energischer vorantreiben, um den USA ihr wichtigstes Machtinstrument zu nehmen. D.h. der Iran-Handel wird ohne Dollars und mit Banken abgewickelt, die nichts mit den USA zu tun haben. Und den Transport per Tanker inklusive Versicherung übernimmt Iran selbst.

 

 

5.FMW: Der rapide wirtschaftliche Aufstieg Chinas seit den 1980er-Jahren läßt manche westliche Beobachter zu dem Schluß kommen, dass ein
autoritärer Staat, der seine Wirtschaft lenkt, letztlich effektiver ist als westliche Demokratien. Ist uns China mit seinem lenkenden Ansatz der Wirtschaft vielleicht doch langfristig überlegen?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Ich glaube, dass eine gelenkte Wirtschaft unter bestimmten Voraussetzungen für ein Entwicklungsland, vor allem ein so großes wie China , effektiver sein kann als eine liberale Marktwirtschaft. Das hat der beeindruckende Aufholprozess Chinas in den vergangenen drei Jahrzehnten gezeigt. Ob das auch für die künftige Entwicklung gilt muss sich erst noch zeigen. Aber in einer Zeit, in der das Tempo und Ausmass des technologischen Wandels die wichtigsten Erfolgsfaktoren sind, könnte Chinas autoritaerer Staatskapitalismus gewisse Vorteile haben: Es kann schneller und gezielter agieren sowie die durch den raschen technologischen Wandel ausgelösten Schocks besser abfedern.

 

 

6. FMW: China ist inzwischen, neben den USA, weltweit führend im Bereich Künstlicher Intelligenz und besitzt mit Tech-Giganten wie Alibaba oder Tencent mächtige Firmen, die aber in Europa kaum präsent sind. Wird China in den nächsten Jahren versuchen, die dominante Stellung amerikanischer Firmen wie Google oder Amazon anzugreifen, indem es seine eigenen Tech-Konzerne global expandieren läßt?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: Die chinesischen Tech-Firmen werden in den nächsten Jahren sicher auch auf den Weltmarkt vorstossen. Aber auch andere Industriezweige wie etwa die Automobil- oder die Investitionsgueterindustrie wird in den nächsten Jahren noch manche Überraschung seitens China erleben.

 

 

7. FMW: Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs hat China ökonomische Probleme: vor allem staatliche Firmen sind hoch verschuldet, dazu ein
Immobilienmarkt, bei dem die Preise für einen Quadratmeter im Vergleich zu den Einkommen der Chinesen immens hoch sind – faktisch also eine staatlich geduldete Immobilienblase. Historisch geriet fast immer eine Macht vor ihrem Aufstieg zur Supermacht in eine existentielle Krise (Bürgerkrieg, ökonomischer Crash). Sehen Sie die Gefahr einer solchen existentiellen Krise für China in den nächsten Jahren?

 

Frau Yin Baron/Herr Baron: China befindet sich in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung und wird in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten noch viele Probleme überwinden müssen, um sein Ziel zu erreichen und wieder zu der führenden Wirtschaftsnation der Welt aufzusteigen, die es einmal war. Das kann – gerade unter den Vorzeichen eines Kalten Krieges mit den USA – auch sehr heftig werden und sich länger hinziehen als gedacht. Aber eine existenzielle Krise, also einen Zusammenbruch der Wirtschaft oder gar einen Buergerkrieg sehe ich nicht voraus. Die Regierung in Peking kennt die Probleme, die das Land hat und lösen muss und handelt entsprechend. Und die Chinesen stehen weit überwiegend hinter ihrer Regierung. Der Westen sollte sich keine falschen Hoffnungen machen, sondern lieber selbst seine Hausaufgaben machen.

 

Stefan Baron, seine Frau Guangyan Yin-Baron und ihr gemeinsames Buch „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“

 

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Lausi

    4. September 2018 08:17 at 08:17

    Ein sehr interessantes Interview! Allerdings habe ich das Gefühl, dass das Pärchen vielleicht ein zu optimistisches Bild von der Lage hat. Eine kommende existentielle Krise in China könnte ich mir durchaus vorstellen – Gründe genug gäbe es ja. Außerdem glaube ich, dass China auch irgendwann mal für das Tiananmen-Massaker bezahlen muss – so rein aus esoterischer Sicht…

  2. Avatar

    Thorsten Karman

    1. Oktober 2018 22:00 at 22:00

    Alles nur Propaganda – immer mehr Menschen sind im Auftrag der chinesischen Regierung unterwegs.

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US-Wahl: Was passieren muß, damit Trump gewinnt!

Markus Fugmann

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Die US-Wahl rückt immer näher, laut Umfragen liegt Donald Trump derzeit recht deutlich hinter Joe Biden. Eines scheint klar: wenn Trump die US-Wahl gewinnen will, muß er zwingend den Bundeststaat Florida gewinnen – gewönne Biden in Florida, wäre ein Wechsel im US-Präsidentenamt praktisch sicher. Die Zwischenstände aus Florida werden also extrem wichtig – es gibt sogar einen kleinen Wahlbezirk in diesem Bundeststaat, der schon früh die Richtung anzeigen dürfte.

US-Wahl – das sind die Szenarien

Die US-Seite https://fivethirtyeight.com/ zählt zu den führenden Prognose-Quellen in den USA. Sie bietet ein interaktives Tool an, mit dem man Szenarien durchspielen kann: gewinnt etwa Biden den swing state Pennsylvania, dann hat das einen positiven Einfluß auch auf seine Sieges-Chancen auch in Nachbar-Bundestsaaten. Sehen Sie hier, was passieren muß, damit Trump gewinnen kann:

 

Und so ist die Lage in den USA unmittelbar vor der US-Wahl – es ist ein gespaltenes, zerrissenes Land, wie folgende ARTE-Dokumentation zeigt:

 

Was muß passieren, damit Trump die US-Wahl gewinnt?

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Banken: Es hagelt sensationell gute Quartalsergebnisse!

Claudio Kummerfeld

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Hochhäuser von Banken im Londoner Viertel Canary Wharf

Was ist das los? Gerade in der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten sollten sich die Banken doch in einer dramatischen Schieflage befinden? Denn Kreditausfälle müssten aus Quartalsgewinnen eigentlich Verluste machen und damit folglich das Eigenkapital der Banken angreifen? Dieses Szenario steht womöglich bevor, wenn die anstehende Pleitewelle Löcher in die Bücher der Banken reißt.

Aber noch ist es nicht soweit. Derzeit hagelt es sensationell gute Quartalszahlen von Banken weltweit. Vor allem fällt auf, dass gerade die Banken tolle Zahlen melden, die stark im Kapitalmarktgeschäft tätig sind, und eher weniger im Privat- und Firmenkundengeschäft mit Krediten, wo Probleme mit Kreditausfällen drohen, und wo die Banken sich derzeit mehr denn je mühen neue Kundeneinlagen abzuweisen – weil sie selbst sonst Strafzinsen zum Beispiel bei der EZB entrichten müssten.

Banken mit starkem Kapitalmarktgeschäft im Vorteil

Wie gesagt. Wer stark im Kapitalmarktsegment engagiert ist, der feiert die Krise. Zum Beispiel lässt sich derzeit viel Geld machen mit den globalen Schuldenorgien. Wo die Banken zum Beispiel in Europa in den Erstauktionen der staatlichen Schuldenagenturen Staatsanleihen aufkaufen, können sie mutmaßlich schön und entspannt Gewinn machen mit dem Weiterverkauf der Anleihen an die EZB am Sekundärmarkt. Auch in vielen anderen Bereichen des Kapitalmarkts war die letzten Quartale viel los. Man beachte in diesem Zusammenhang die sensationell guten Quartalszahlen von Goldman Sachs vom 14. Oktober. Der Quartalsgewinn konnte gegenüber dem Vorjahresquartal verdoppelt werden (hier die Details). Bei den anderen großen US-Banken gab es keine Katastrophen-Meldungen. Und dann am Dienstag dieser Woche meldete die Schweizer Großbank UBS ebenfalls eine Gewinn-Verdoppelung (hier die Details).

Barclays

Heute nun hat die britische Großbank Barclays ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Der Gewinn liegt mit 611 Millionen Pfund gut drei Mal so hoch wie erwartet, und auch dramatisch besser als im Vorjahr. Da war es noch ein Verlust von 292 Millionen Pfund – auch wenn man hier berücksichtigen muss, dass der Verlust aufgrund von Schadenersatzzahlungen an geschädigte Kreditnehmer zustande kam. Dennoch ist heute ein Gewinn, der drei Mal so hoch reinkommt wie erwartet, beachtlich. Außerdem hat Barclays wie viele andere Banken auch im dritten Quartal die Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle deutlich reduziert, nämlich auf 608 Millionen Pfund nach 3,7 Milliarden Pfund in den ersten sechs Monaten des Jahres.

Nordea

Bei der größten skandinavischen Bank Nordea könnte man glatt meinen, dass die Krise zeitlich auf den Kopf gestellt wurde. Auch hier gab es heute Quartalszahlen. Der operative Gewinn steigt binnen Jahresfrist von 875 Millionen auf 1,09 Milliarden Euro. Die Gründe für die guten Zahlen: Einerseits mehr Kreditvergabe-Volumen in der Krise – andererseits nicht mehr vorhandene Belastungen durch Schrottkredite (331 Millionen Euro Belastung im Vorjahresquartal). Dennoch erwartet Nordea für das Gesamtjahr Kreditausfälle von gut einer Milliarde Euro. Es klingt wie ein Witz, dass jetzt Belastungen durch Kreditausfälle weggefallen sind. Aber aktuell wirkt es noch schlüssig. Es werden weltweit auch mit Staatshilfen viele neue Kredite vergeben, wo die Kreditnehmer natürlich erstmal wieder liquide sind und auch die monatlichen Raten einige Zeit lang zahlen können.

Noch sieht es gut aus

Wenn die große Pleitewelle bei Unternehmen denn kommen sollte, dürfte sich die Lage für die Banken verdunkeln. Banken wie Goldman Sachs mit fast null klassischem Privatkundengeschäft könnten auch in einer Pleitewelle gut da stehen, weil man ja keine Kreditausfälle verkraften müsste. Und die deutschen Banken? Die Commerzbank meldet ihre Quartalszahlen am 5. November, die Deutsche Bank am 28. Oktober. Es ist möglich, dass sie schon vorab als Ad Hoc-Meldung ihre Finanzdaten berichten, wenn sie zu stark von den Erwartungen abweichen. Es könnte sein, dass auch die beiden deutschen Großbanken jetzt halbwegs akzeptable Zahlen melden, und dass die bitteren Verluste der Kreditausfälle erst noch anstehen, wenn die Pleitewelle wie von vielen Experten erwartet demnächst einsetzt. Aber es kann vielleicht noch einige Zeit dauern, bis eine Pleitewelle wirklich auf die Quartalszahlen der Banken durchschlägt. Denn bis die Bank wirklich einen Kredit als Verlust abschreibt, muss erstmal der Schuldner den Bach runtergehen, dann gibt es Verhandlungen über Umschuldungen usw. Also, kurzfristig könnten auch Deutsche Bank und Commerzbank noch akzeptable Quartalszahlen melden.

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Sahra Wagenknecht über die große Krise, und wie man sie lösen kann

Redaktion

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Sahra Wagenknecht hat den Ruf wirklichen wirtschaftlichem Sachverstand zu besitzen. Bei ihr kann man erkennen: Es wird nicht stumpf das sozialistische Lied abgespielt. Bei ihren Aussagen merkt man, dass sie das Gesamtbild im Blick hat und auch versteht. Natürlich kann und darf man über ihren Lösungsansatz für das große Gesamtproblem streiten. Aber auch ihren Lösungsansatz begründet sie inhaltlich nachvollziehbar.

Sahra Wagenknecht mit Bestandsaufnahme der Krise

In ihrem aktuellsten Video (am Ende dieses Artikels) wirft Sahra Wagenknecht die Frage auf, ob eine große Finanzkrise bevorsteht. Dafür arbeitet sie sich an vielen Ungleichgewichten und wirtschaftlichen Schieflagen ab, die in dieser Form in der Tat auch bestehen. So bespricht sie die gigantische Geldschwemme der Notenbanken, in der Europa verursacht durch die EZB. Diese sorge für einen riesigen Push bei den Aktienkursen. Profitieren würden vor allem die Reichen, die in großem Umfang Aktien besitzen. Der Kleinsparer, der sein Geld nur auf dem Sparkonto parkt, würde durch Nullzinsen (neuerdings immer öfters auch Negativzinsen) und Inflation laut Sahra Wagenknecht real jedes Jahr Geld verlieren.

Die Großkonzerne würden in der Coronakrise mit billigem Geld überschwemmt, so dass sie gar keine Probleme hätten durch diese Krise zu kommen (ja, dafür gibt es zahlreiche Beispiele). Gleichzeitig haben es laut Sahra Wagenknecht kleine Unternehmen und Unternehmer derzeit sehr schwer überhaupt an Geld zu kommen, um die Krise überleben zu können. Demnach seien die großen Konzerne die Krisengewinner, die kleinen Betriebe die Verlierer. Sahra Wagenknecht nennt in diesem Zusammenhang auch die Anleihekäufe der EZB, wo auch in großem Stil Unternehmensanleihen gekauft werden. Und hier geht es eben um Anleihen großer Unternehmen, und nicht um Schulden kleiner Betriebe, die eh keine Anleihen ausgeben.

Als weiteres Ungleichgewicht benennt Sahra Wagenknecht auch die Immobilienblase. Bei den niedrigen Zinsen lohne sich die große Spekulation, welche die Preise immer weiter nach oben treibe. Und letztlich beleuchtet sie die (von uns bei FMW oft angesprochene) steigende Bedrohung für das Bankensystem in Europa. Schon vor der Krise habe es laut Sahra Wagenknecht 600 Milliarden Euro Volumen an faulen Krediten bei Banken in Europa gegeben – jetzt drohe diese Summe auf 1,4 Billionen Euro zu steigen.

Problemlösung

Was sei nun die Lösung des Problems? Laut Sahra Wagenknecht seien immer neue Schulden und immer tiefere Zinsen nicht die Lösung des Problems. Die Wirtschaft könne auch nicht so kräftig ansteigen, dass Volkswirtschaft und Staat aus dem gigantischen Schuldenberg „herauswachsen“ könnten, wie sie es formuliert. Inflation sei auch keine Lösung, da hierbei die kleinen Leute mit ihren Sparguthaben enteignet würden. Die reichen Leute würden mit ihren Immobilien und Betriebsvermögen ihren Wohlstand behalten, während die kleinen Leute bei einer spürbaren Inflation den Preis bezahlen müssten.

Für Sahra Wagenknecht gibt es nur eine Lösung des Problems. Und da kommt natürlich die linke Politik wieder zum Vorschein. Man müsse die enorme angehäufte Schuldenlast restrukturieren, und zwar zu Lasten der wirklich Vermögenden. Dazu kann man anmerken: Das ist eine politische Frage, was man will. Diese Lösung kann man befürworten, oder eben auch nicht. Ansichtssache. Aber abgesehen davon: Die anderen Alternativen sind auch nicht berauschend. Man darf vermuten: So wie die aktuelle Merkel-Regierung wird wohl auch ein Nachfolger wie Herr Laschet keinen großen Wurf machen, sondern stillschweigend zusammen mit der EZB auf die Lösung setzen, die auch die Amerikaner seit Jahrzehnten praktizieren, wenn es um Problemlösungen geht. „Kick the can down the road“ – die Dose die Straße weiter runter kicken. Das Problem also in die Zukunft verschieben. Also jetzt immer neue Rettungsprogramme auflegen (letztlich finanziert durch die EZB, das neue EU-Schuldenprogramm uvm), – und diese Probleme darf irgendwer in ferner Zukunft abzahlen.

Sahra Wagenknecht
Sahra Wagenknecht. Foto: Ferran Cornellà CC BY-SA 4.0

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