China mobilisiert den eigenen Börsenmarkt: Staatliche Giganten lenken privates Geld gezielt in strategische Tech-Firmen, um den Rückstand auf die USA aufzuholen.
China schickt National Team ins globale KI-Rennen
Mit einer neuen Strategie schickt Peking sein Nationales Team ins globale KI-Rennen: Das Land setzt auf die Macht des heimischen Kapitalmarkts, um den technologischen Wettlauf gegen die USA zu gewinnen. Staatliche Investmentgesellschaften nutzen nun gezielt den rund 28 Billionen US-Dollar (ca. 25,7 Billionen Euro) schweren Börsenplatz als Hebel zur Finanzierung strategisch wichtiger Technologiekonzerne. Während Peking die heimische KI-Industrie jahrelang primär über klassische Staatsfonds, Bankkredite und direkte Subventionen alimentierte, wird das Parkett damit selbst zum zentralen Werkzeug der Industriepolitik.
Speicherchiphersteller CXMT sammelt Milliarden auf dem Parkett
Als prominentestes Beispiel gilt ChangXin Memory Technologies (CXMT), Chinas größter Speicherchiphersteller. Das Unternehmen gab am Ende Juli sein Debüt am STAR Market der Börse Shanghai, dem Technologie-Segment des Handelsplatzes. CXMT gilt als eine der zentralen Säulen der heimischen Halbleiterindustrie. Der Börsengang erbrachte zunächst rund 8,6 Milliarden US-Dollar (ca. 7,9 Milliarden Euro), stieg im Verlauf des Zeichnungsverfahrens aber auf bis zu 9,8 Milliarden US-Dollar (ca. 9,0 Milliarden Euro) und machte das Debüt damit zum zweitgrößten in der Börsengeschichte des chinesischen Festlandes. Das enorme Anlegerinteresse spiegelte sich im Premierenkurs wider, der am ersten Handelstag um 466 Prozent nach oben schoss. Zeitweise erreichte CXMT damit eine Marktkapitalisierung von rund 488 Milliarden US-Dollar (ca. 447,7 Milliarden Euro).
Am Ende Juli kündigte MSCI die Aufnahme von CXMT in den MSCI China All Shares Index an, die am Montag wirksam wurde. Damit gelangte der Speicherchiphersteller nur zwei Tage nach seinem Börsendebüt in einen internationalen Aktienindex, den institutionelle Anleger und passive Fonds zur Abbildung chinesischer Aktienmärkte nutzen. Die Bedeutung sollte allerdings nicht übertrieben werden. Der MSCI China All Shares Index ist nicht mit dem weit stärker beachteten MSCI China Index gleichzusetzen. Eine automatische Welle internationaler Kapitalzuflüsse lässt sich daraus deshalb nicht ableiten. Für Peking erfüllt die schnelle Indexaufnahme dennoch einen wichtigen Zweck. Der Börsengang eines strategisch wichtigen Halbleiterunternehmens wird unmittelbar mit den internationalen Kapitalmärkten verknüpft.
China: Staatliche Milliardenkäufe retten den heimischen Tech-Sektor
Nach dem Ausverkauf der chinesischen Technologieaktien der letzten Wochen stellten China Reform Holdings und China Chengtong Holdings zusammen mindestens 8,4 Milliarden US-Dollar (ca. 7,7 Milliarden Euro) bereit, um Aktien aufzukaufen und Beteiligungen an Technologieunternehmen auszuweiten. Im Mittelpunkt stand dabei nicht allein die Stabilisierung des Gesamtmarktes, vielmehr floss das Kapital gezielt in Unternehmen, die für Pekings technologische Eigenständigkeit von strategischer Bedeutung sind.
Innerhalb eines Monats flossen rund 10,3 Milliarden US-Dollar (ca. 9,4 Milliarden Euro) in ETFs auf den STAR 50 und den ChiNext Index, die einen großen Teil jener chinesischen Technologieunternehmen abdecken, die vom staatlichen KI- und Halbleiterprogramm profitieren. Die staatlich motivierten Käufe schaffen damit nicht nur einen Puffer gegen Kursverluste, sondern sie erhöhen zugleich die Liquidität des Technologiesegments und erleichtern den Unternehmen den Zugang zu neuem Kapital.
Über die ETFs und die direkten Käufe staatlicher Investmentgesellschaften landet damit zusätzliches Geld bei Unternehmen, die für Pekings KI- und Halbleiterstrategie wichtig sind. Ein Teil dieses Kapitals stammt unmittelbar aus staatlichen Fonds. Ein weiterer Teil kommt von privaten Anlegern, die Aktien und Anleihen dieser Unternehmen kaufen. Für den chinesischen Staat ist genau diese Kombination interessant, weil sich mit vergleichsweise begrenztem staatlichem Einsatz ein erheblich größerer privater Kapitalstrom in die gewünschten Branchen lenken lässt.
Milliarden der USA treffen auf Chinas schlanke Modelle
Nach dem Stanford AI Index flossen im vergangenen Jahr in den USA 285,9 Milliarden US-Dollar (ca. 262,3 Milliarden Euro) privates Kapital in KI, während China lediglich 12,4 Milliarden US-Dollar (ca. 11,4 Milliarden Euro) erreichte. Das Verhältnis von mehr als 23 zu 1 beschreibt allerdings nur diesen Teil des Finanzierungssystems. Chinas staatliche Guidance Funds, staatliche Kredite, Unternehmensinvestitionen und weitere öffentliche Finanzierungsinstrumente fehlen in dieser Rechnung. Stanford weist selbst darauf hin, dass die chinesischen Investitionen dadurch wahrscheinlich unterschätzt werden.
Allein die chinesischen Government Guidance Funds investierten nach Berechnungen des Stanford AI Index zwischen 2000 und 2023 rund 184 Milliarden US-Dollar (ca. 168,8 Milliarden Euro) in KI-Unternehmen. Hinzu kommen die Forschungsausgaben der großen Technologiekonzerne, staatlich finanzierte Rechenzentren und der Ausbau von Strom- und Kommunikationsnetzen. Für China und die USA gibt es allerdings keine einheitliche Statistik, die all diese Positionen nach denselben Kriterien erfasst. Die 23 zu 1 lassen sich deshalb weder auf die gesamten KI-Investitionen übertragen noch direkt mit einer chinesischen Gesamtsumme vergleichen.
Obwohl China über staatliche Fonds und den Kapitalmarkt zusätzliches Geld in den Technologiesektor lenkt, bleibt der Abstand beim privaten KI-Kapital gewaltig. US-Unternehmen warben im vergangenen Jahr mehr als das 23-Fache der chinesischen Summe ein. Hinzu kommen die Investitionsprogramme von Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und den großen KI-Unternehmen selbst. Vor allem beim Bau von Rechenzentren und beim Kauf der leistungsfähigsten Nvidia-Beschleuniger erreichen die US-Ausgaben eine Größenordnung, die chinesische Unternehmen bislang nicht annähernd erreichen. Für das Training der größten Frontier-Modelle bleibt dieser Vorsprung deshalb bestehen.
Trotz der höheren US-Ausgaben ergibt sich kein entsprechend großer Abstand bei den Modellen. Im Mai 2023 lagen die besten amerikanischen Modelle bei den von Stanford erfassten Leistungswerten noch 17,5 bis 31,6 Prozentpunkte vor den chinesischen Konkurrenten. Im März diesen Jahres waren es nur noch 2,7 Prozentpunkte. Gleichzeitig produziert China inzwischen einen erheblichen Teil der weltweit relevanten Modelle und hat mit DeepSeek gezeigt, dass sich hohe Modellleistung auch mit deutlich geringerem Rechenaufwand erreichen lässt.
Für den KI-Wettbewerb zählt deshalb nicht allein, wie viel Kapital ein Land mobilisiert. Ausschlaggebend sind darüber hinaus das Ziel der Investition und die Produktivität, mit der aus diesem Kapital Rechenleistung, Modelle und Anwendungen entstehen. Die USA haben beim privaten Kapital, bei Hochleistungschips und bei der Rechenzentrumsinfrastruktur weiterhin einen deutlichen Vorsprung. China versucht diesen Abstand nicht durch höhere private Investitionen zu schließen, sondern durch die Verbindung von staatlichem Kapital, privaten Anlegern, günstiger heimischer Infrastruktur und einer schnellen Verbreitung der Technologie in der eigenen Wirtschaft.
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