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Variable Gehälter stark gekürzt China: Sinkende Jahresboni belasten Konsum

Starker Margen-Druck

China Sinkende Jahresboni belasten Konsum
Foto: evening_tao - Freepik.com

China erlebt deutlich niedrigere Jahresboni, was Konsum, Kaufkraft und private Ausgaben massiv einschränkt.

China: Sinkende Jahresboni belasten Konsum

Der Jahresanfang beginnt für Millionen von Chinesen mit einer schlechten Nachricht: Die Boni für das letzte Arbeitsjahr sind in weiten Teilen der chinesischen Wirtschaft deutlich niedriger als in den letzten Jahren ausgefallen oder sogar ganz gestrichen worden.

Nach einer aktuellen Erhebung des Personaldienstleister Randstad erhielt rund ein Viertel der Beschäftigten keinen Bonus. Von denjenigen mit Auszahlung bekam fast die Hälfte ein bis zwei Monatsgehälter. In früheren Hochphasen lagen in Technologie, Internet und exportnahen Branchen drei bis sechs Monatsgehälter im üblichen Rahmen, teils darüber.

Variable Gehälter stark gekürzt

Damit schrumpft ein Einkommensbestandteil, der in China traditionell einen erheblichen Anteil der Jahresvergütung ausmacht und weit mehr ist als eine freiwillige Zusatzleistung. Da für die vor dem Frühlingsfest ausgezahlten Boni keine Sozialabgaben anfallen und ein ermäßigter Steuersatz gilt, besteht sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite ein starkes Interesse, einen möglichst großen Teil des Jahreseinkommens über diese Komponente abzuwickeln.

Zu den vertraglich vereinbarten Zahlungen treten häufig zusätzliche Beträge, die das Unternehmen nach eigenem Ermessen festlegt und die sich an Geschäftslage, Branche und individueller Leistung orientieren. Ein Monatsgehalt markiert dabei in vielen Fällen die Untergrenze, während in profitablen Jahren ein Mehrfaches davon überwiesen wurde, was den Bonus faktisch zu einem zweiten Einkommenspfeiler machte.

Entsprechend fest ist dieses „Hong Bao“, der rote Umschlag zum Jahreswechsel, in der Finanzplanung der Haushalte verankert, da größere Anschaffungen, Reisen oder die Rückzahlung von Verbindlichkeiten oft unmittelbar damit verbunden sind. Fällt diese Zahlung geringer aus oder entfällt sie ganz, sinkt nicht nur die betriebliche Motivation, sondern vor allem das verfügbare Einkommen, wodurch sich der Spielraum für Konsum spürbar verengt.

Lohnsteigerungen in China entscheidend für steigenden Konsum

Der schwache private Konsum ist derzeit das zentrale strukturelles Problem der chinesischen Wirtschaft, das sich zu Jahresbeginn zusätzlich verschärft, weil zahlreiche Förderprogramme auslaufen oder an Wirkung verlieren, darunter Prämien für den Austausch von Elektrogeräten oder Autos. Nach Einschätzung von Michael Pettis von der Beijing University entscheidet jedoch nicht die Verlängerung solcher Programme über eine nachhaltige Belebung der Nachfrage, sondern die Entwicklung der Löhne. Solange die Einkommensbasis der privaten Haushalte nicht steigt, bleiben kurzfristige Impulse für den Einzelhandel begrenzt. Vor diesem Hintergrund entfalten sinkende Jahresendboni eine unmittelbare Bremswirkung auf die Binnennachfrage, da sie genau jenen variablen Einkommensanteil treffen, der traditionell in den Konsum fließt.

Der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt liegt seit Jahren bei etwa 35 bis 40 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau reifer Volkswirtschaften. Gleichzeitig bleibt die Investitionsquote hoch, und der Außenhandel liefert einen wesentlichen Wachstumsbeitrag. Diese Struktur verschiebt einen großen Teil der Wertschöpfung weg von den Haushalten. Wenn nun selbst variable Lohnbestandteile unter Druck geraten, verschärft sich dieses Ungleichgewicht.

Unternehmensgewinne drücken Bonuszahlungen

Die Ursachen für die sinkenden Boni liegen in der Ertragslage vieler Unternehmen. Preiskonkurrenz, Überkapazitäten und eine verhaltene Inlandsnachfrage drücken auf die Margen. Das offizielle Wachstum von rund fünf Prozent im Jahr 2025 wurde vor allem durch robuste Exporte und einen steigenden Handelsüberschuss getragen. Im Inland wirkten die Immobilienkrise und gedämpfte Erwartungen belastend. Unternehmen reagierten mit Kostendisziplin, wozu auch Einschnitte bei variablen Vergütungen zählen.

Allerdings ist das Bild alles andere als einheitlich. Internetkonzerne, wie JD.com oder ByteDance erhöhten ihre Bonusvolumina. Hier erhielten vor allem Spitzenkräfte weiterhin hohe Zusatzzahlungen. In der allerdings Industrie, bei Bau und immobiliennahen Sektoren dominierte dagegen Zurückhaltung. In den staatlichen Finanzinstituten und Staatsunternehmen begrenzen politische Vorgaben Gehälter und Boni zusätzlich.

Die sinkenden Jahresboni zeigen, dass Chinas Wachstum weiter einseitig bleibt. Exporte und Investitionen sichern kurzfristig Beschäftigung und Unternehmensgewinne, während die Einkommensbasis der Haushalte unter Druck steht. Ohne spürbare Lohnsteigerungen bleibt der private Konsum schwach, und damit die Binnenwirtschaft verletzlich gegenüber externen Schocks. Die Polarisierung innerhalb der Wirtschaft verschärft diese Lage: Wenige Branchen und Spitzenkräfte profitieren weiter, die breite Masse der Beschäftigten trägt die Last der Zurückhaltung. Solange sich an dieser Verteilung nichts ändert, droht ein dauerhaft gedämpftes Konsumniveau, das das offizielle Wachstumsziel stützt, aber die Stabilität und Kaufkraft der Haushalte langfristig schwächt.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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