Allgemein

Leica erzählt en miniature die Geschichte eines Kontinents China statt Japan: Leica wechselt Sensorpartner

Der Weg der Globalisierung

China statt Japan Leica wechselt Sensorpartner
Foto: Jannoon028 - Freepik.com

Leica richtet seine Sensorstrategie neu aus und setzt künftig auf Gpixel aus China statt auf Zulieferer aus Japan. Die Kooperation geht über eine reine Lieferbeziehung hinaus.

China statt Japan: Leica wechselt Sensorpartner

Leica richtet seine Sensorpartnerschaft neu aus und wendet sich dabei von japanischen Zulieferern ab und hin zu China. Damit verändert der Hersteller eine zentrale technologische Grundlage seiner Kameras deutlich.

Im Mittelpunkt steht eine neue Kooperation mit dem Halbleiterspezialisten Gpixel, die weit über eine klassische Lieferbeziehung hinausgeht. Entwicklung, Abstimmung der Bildqualität und Teile der Serienvorbereitung sollen künftig gemeinsam erfolgen und die Basis für kommende Kameragenerationen bilden.

Leica Sensorstrategie: Kooperation mit Gpixel aus China

Während sich der Kameramarkt immer stärker auf wenige, hochpreisige Segmente konzentriert, richtet der hessische Traditionshersteller Leica sein technisches Fundament neu aus und setzt dabei auf eine engere Verzahnung von eigener Entwicklung und externer Expertise. Künftig sollen Bildsensoren wieder stärker aus eigener Hand kommen, allerdings nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit dem chinesischen Halbleiterspezialisten Gpixel.

Wie beide Unternehmen mitteilen, geht die Zusammenarbeit deutlich über eine klassische Lieferbeziehung hinaus, denn neben dem eigentlichen Chipdesign umfasst sie auch die Validierung, die Feinabstimmung der Bildcharakteristik sowie die Vorbereitung für die Serienfertigung. Erste Ergebnisse dieser Kooperation könnten schon in kommenden Modellen der M-Serie sichtbar werden, wo Leica traditionell besonders hohe Anforderungen an die Bildqualität stellt.

Bislang hatte der Hersteller seine Sensoren überwiegend von Sony bezogen, einem Konzern, der den Weltmarkt für Bildsensoren dominiert und sowohl standardisierte Lösungen als auch maßgeschneiderte Entwicklungen anbietet. Diese Flexibilität nutzte Leica gezielt, etwa beim aktuellen M11-Modell, dessen Sensor bewusst ohne Autofokus-Pixel konzipiert wurde, um die Bildqualität weiter zu optimieren und dem eigenen fotografischen Ansatz treu zu bleiben.

Mit der Entscheidung für Gpixel verschiebt sich nun jedoch der Schwerpunkt, denn statt sich weiterhin auf externe Anpassungen zu verlassen, will Leica wieder stärker eigene technologische Kompetenzen aufbauen und damit die Kontrolle über das zentrale Bauteil seiner Kameras zurückgewinnen. Dass dieser Schritt gerade jetzt erfolgt, ist kein Zufall, sondern eine Reaktion auf einen Markt, der sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat.

Während Smartphones das Volumengeschäft der Kamerabranche weitgehend übernommen haben, ist im klassischen Kamerasegment vor allem der Premiumbereich übrig geblieben, ein Markt, in dem Differenzierung zunehmend über technologische Details erfolgt. Wer sich hier behaupten will, kann sich nicht allein auf zugekaufte Komponenten verlassen, sondern muss zentrale Elemente selbst definieren.

Gpixel und Leica starten gemeinsame Sensorentwicklung

Genau an dieser Stelle kommt Gpixel ins Spiel, ein 2012 gegründetes Unternehmen, das sich auf Bildsensoren spezialisiert hat und inzwischen international tätig ist, mit Standorten in China, Japan und Europa. Für die Chinesen bedeutet die Partnerschaft mit Leica nicht nur Zugang zu einem renommierten Premiumhersteller, sondern auch die Chance, sich im direkten Wettbewerb mit etablierten Größen wie Sony zu positionieren.
Entsprechend eng ist die Zusammenarbeit angelegt, denn entwickelt wird an mehreren Standorten parallel, darunter Wetzlar, Antwerpen und Changchun. Damit entsteht keine klassische Zulieferkette, sondern eine gemeinsame technologische Plattform, in der beide Seiten ihr Know-how einbringen und voneinander profitieren.

Leica stärkt Entwicklung eigener Bildsensoren

Für Leica bedeutet dieser Schritt zugleich eine Rückkehr zu früheren Wurzeln, denn das Unternehmen entwickelte in der Vergangenheit bereits eigene elektronische Komponenten, bevor der Fokus zunehmend auf externe Partner gelegt wurde. Zwischenzeitlich kamen die Sensoren etwa vom europäischen Hersteller AMS Osram, dessen Entwicklungsarbeit in Österreich stattfand, während die Fertigung in Frankreich organisiert war, eine Wertschöpfungskette, die heute so kaum noch existiert.

Dass Leica nun erneut in die Sensorentwicklung einsteigt, hängt auch mit dieser Verschiebung zusammen, denn innerhalb Europas gibt es nur noch wenige Anbieter, die den spezifischen Anforderungen hochwertiger Kameras gerecht werden können. Vor diesem Hintergrund ist die Kooperation mit Gpixel sondern eher eine logische Konsequenz.

Hinzu kommt, dass China für Leica längst nicht mehr nur ein Produktions- oder Entwicklungsstandort ist, sondern einer der wichtigsten Absatzmärkte weltweit. Bereits in der Vergangenheit hat das Unternehmen mit chinesischen Technologiekonzernen zusammengearbeitet, etwa im Rahmen von Smartphone-Kooperationen mit Xiaomi und Huawei, doch die aktuelle Partnerschaft reicht deutlich tiefer in die technologische Substanz hinein.

Tatsächlich hatte Leica schon 2022 damit begonnen, die Entwicklung eigener Sensoren wieder aufzunehmen und dafür einen mehrjährigen Zeitraum eingeplant. Mit Gpixel erhält dieses Vorhaben nun zusätzlichen Schub, da sich Entwicklungsressourcen bündeln und Prozesse beschleunigen lassen.

Leica und Gpixel: Schwergewicht trifft auf aufstrebendes Technologieunternehmen
Auch wirtschaftlich treffen hier zwei unterschiedliche Größen aufeinander. Während Leica mit rund einer halben Milliarde Euro Jahresumsatz als profitabler Anbieter im Luxussegment etabliert ist, befindet sich Gpixel trotz geringerer Umsätze auf Wachstumskurs und hat sich mit dem Börsengang in Hongkong frisches Kapital für die weitere Expansion gesichert.

Allerdings geht es in dieser Partnerschaft nicht nur um Zahlen, sondern um die strategische Ausrichtung eines Unternehmens, das sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt hat. Aus dem klassischen Kamerahersteller ist eine Premiummarke geworden, deren Portfolio inzwischen weit über die Fotografie hinausreicht, ohne dass das Kerngeschäft an Bedeutung verloren hätte.

Denn trotz aller Diversifizierung bleibt die Kamera das zentrale Produkt, und damit der Sensor das entscheidende Element, wenn es darum geht, Bildqualität, Dynamikumfang und Detailtreue zu definieren. Wer hier die Kontrolle besitzt, bestimmt letztlich auch das Ergebnis.

Genau diese Kontrolle versucht Leica nun zurückzugewinnen, auch wenn der Weg dorthin über internationale Partnerschaften führt. Dass dabei ein Teil der Wertschöpfung weiter nach Asien verlagert wird, ist weniger Ausdruck einer strategischen Vorliebe als vielmehr Ergebnis veränderter globaler Kräfteverhältnisse in der Halbleiterindustrie.

Leica erzählt en miniature die Geschichte eines Kontinents: Am Anfang eroberte eine Erfindung aus dem Herzen Europas die Welt, drohte durch billige und technologische Konkurrenz aus Asien fast zu verschwinden, wurde von ihr abhängig und sucht nun mit einem neuen Partner langsam wieder den Weg zurück zu mehr eigener Kontrolle, wenn auch über einen Umweg über China.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung


Meist gelesen 7 Tage