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Propaganda und Realität China: Wirtschaft zwischen Krise und Hightech-Boom

Absturz in die Rezession?

Ökonomen sehen China zwischen schwacher Nachfrage, Immobilienkrise und Hightech-Erfolgen. Die Bewertungen reichen von drohender Rezession bis zu vorsichtigem Optimismus.

China: Wirtschaft zwischen Krise und Hightech-Boom

China Wirtschaft steht laut Analysten zwischen tiefen strukturellen Problemen und technologischen Erfolgen. Während Peking Stabilität verspricht, warnen Ökonomen vor Rezessionsgefahr. Die aktuellen Analysen von Patrick Zweifel und einer US-Expertenrunde zeigen, wie groß der Abstand zwischen offizieller Linie und unabhängiger Bewertung ist.

Chinas Wirtschaft: Zwischen Propaganda und Realität

Die Frage ist nicht nur eine Sache von Zahlen. Es geht auch um Deutungshoheit. Offizielle Daten aus Peking zeichnen ein Bild von Stabilität und Fortschritt. Dahinter steht nicht nur staatliche Propaganda, sondern auch ein doppeltes Wunschdenken: Die einen sehen in China ein alternatives Modell zum Westen, die anderen hoffen auf ein Scheitern dieses Modells. Zwischen diesen Polen ist eine nüchterne Einordnung schwierig.

In den vergangenen Tagen haben gleich mehrere hochrangige Ökonomen ihre Sicht auf die Lage vorgelegt. Am detailliertesten Patrick Zweifel, Chefökonom bei Pictet Asset Management, der in einem Thread auf X eine datenbasierte Analyse präsentierte. Ergänzt wurde das Bild durch eine Runde von Experten beim Center for Strategic and International Studies in Washington. Bemerkenswert war dort der Ansatz, die chinesische Wirtschaft mit einer Art Schulnote zu bewerten. Damit wird sichtbar, wo sie im Graubereich zwischen Stabilität und Krise steht.

Zweifel: Daten zeigen Absturz in die Rezession

Patrick Zweifel, Chefökonom bei Pictet Asset Management, zeichnet ein Bild von Chinas Wirtschaft, das deutlich von der offiziellen Linie Pekings abweicht. Während die Regierung weiterhin fünf Prozent Wachstum in Aussicht stellt, signalisiert sein Nowcast für das dritte Quartal einen Einbruch.

China Wirtschaft Zweifel

Nach einem Plus von 5,2 Prozent im zweiten Quartal deutet sein Modell nun auf minus 2,3 Prozent, annualisiert. Das entspräche nur noch 1,8 Prozent Wachstum im Jahresvergleich. Grundlage sind aktuelle Daten zu Einzelhandel, Investitionen, Industrieproduktion und Einkaufsmanagerindizes.

Die Industrieproduktion wächst nur noch um 2,7 Prozent, nach acht Prozent zu Jahresbeginn. Die Schwäche ist nicht allein auf Exporte zurückzuführen, sondern auch auf interne Bremsen.

China Industrieproduktion

Im Konsumsektor wirken staatliche Programme kaum. Gutscheine und Subventionen zeigen keine Wirkung, die Einzelhandelsumsätze sinken um 1,2 Prozent auf sechsmonatiger Basis.

China Konsum Zweifel

Noch gravierender ist die Lage bei den Investitionen. Peking hat Branchen wie Stahl, Autos oder Solar mit Mindestpreisen und Produktionslimits belegt. Damit soll Überkapazität vermieden werden, doch das Ergebnis ist ein Rückgang bei den Investitionen. Der Immobiliensektor verstärkt das Problem. Dort brechen die Investitionen um 16 Prozent ein, die Nachfrage liegt auf dem tiefsten Stand seit 2009. Bestände an unverkauften Wohnungen reichen für fast zwei Jahre. Preise sind seit 2021 um elf bis zwanzig Prozent gefallen.

China Hauspreise

Die Exporte in die USA sind um 29 Prozent gesunken, insgesamt liegen die Ausfuhren aber noch leicht über dem Vorjahr. Dieser Puffer stabilisiert die Industrieproduktion, gleicht den Nachfragerückgang im Inland jedoch nicht aus.

Gleichzeitig verstärkt sich die Deflation. Der Verbraucherpreisindex ist im August um 0,4 Prozent gefallen. Der Produzentenpreisindex bleibt negativ, auch wenn er sich etwas erholt hat. Der Kreditimpuls ist neutral. Die Maßnahmen Pekings reichen nicht, um den Abschwung zu stoppen.

China Deflation Zweifel

Zweifel sieht nicht nur eine temporäre Schwäche. Die Probleme sind strukturell. Die Wirtschaft hängt stark von Investitionen und Exporten ab. Der Immobilienmarkt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die Inlandsnachfrage bleibt schwach, belastet durch Verschuldung und Demografie. Ein Wachstum von fünf Prozent erscheint unter diesen Bedingungen kaum erreichbar. Für Investoren ist dies ein Signal, Risiken in China und anderen Schwellenländern neu zu bewerten.

Vier Experten, vier Noten: Keine Erholung – keine Rezession in China

Ein wesentlich differenzierteres und positiveres Bild ergab der Runde Tisch, zu dem das Center for Strategic and International Studies vier Kenner eingeladen hatte. Sie sollten eine Schulnote für Chinas Lage vergeben. Das Ergebnis: zwischen vier und sechs von zehn Punkten.

Arthur Kroeber von Gavekal Dragonomics gab die freundlichste Bewertung mit sechs Punkten. Er verwies auf Deflation, Überkapazitäten und ein „sehr schwaches“ Immobiliensegment. Doch seiner Ansicht nach haben politische Stützungsmaßnahmen die Lage stabilisiert. Er sieht China am Ende der Phase maximaler Überkapazität und erwartet eine lange, schmerzhafte Konsolidierung. Gleichwohl hob er die technologische Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Firmen hervor. Aus seiner Sicht hat westliche Abschottung Chinas Aufstieg bislang nicht verhindert.

Tianlei Huang vom Peterson Institute vergab eine fünf. Er bezeichnete die offiziell gemeldeten 5,3 Prozent Wachstum in der ersten Jahreshälfte als „erstaunlich“ und äußerte Zweifel an den Zahlen. Immerhin: Konsum wächst etwas schneller als das BIP und erreicht inzwischen 40 Prozent Anteil, der höchste Wert seit 2005. Für ihn zeigt das Beispiel des Chipkonzerns DeepSeek, dass Chinas Privatwirtschaft trotz widriger Rahmenbedingungen neue Stärke entfaltet.

Jahangeer Aziz von JP Morgan rangierte ebenfalls zwischen fünf und sechs Punkten. Er warnte, dass Chinas Problem nicht allein im realen Wachstum liegt, sondern in der Schwäche des nominalen Wachstums. Mit nur vier Prozent liegt es deutlich unter früheren Werten von acht bis elf Prozent. Das verschärft Deflationsängste und dämpft Einkommenserwartungen. Aziz erwartet eine schmerzhafte Konsolidierung in Sektoren wie E-Autos und Halbleiter.

Am skeptischsten zeigte sich Hideoaki Suguchi vom Canon Institute. Seine Note: vier von zehn. Er sprach von gebrochener Unternehmerstimmung, anhaltender Immobilienkrise und einer Überlastung der Kommunalfinanzen. Zwar verwies er auf dynamische Regionen wie Chengdu oder Wuhan, doch deren Gewicht reiche nicht, um die Probleme der Küstenprovinzen auszugleichen.

Strukturelle Schwächen blockieren Erholung

Die Runde war sich einig: Chinas Probleme sind zugleich zyklisch und strukturell. Der Immobilienmarkt ist der größte Bremsklotz. Solange die Preise weiter fallen, bleibt der Druck auf Haushalte, Banken und Kommunen hoch. Zugleich fehlt es an Jobs, da die neue Hightech-Industrie kapitalintensiv ist, aber kaum Arbeitsplätze schafft.

Mehrere Experten forderten stärkere Impulse in der Fiskal- und Geldpolitik, um nominales Wachstum wieder auf ein tragfähiges Niveau zu heben. Außerdem müsse Peking den Dienstleistungssektor öffnen, um Beschäftigung zu sichern. Ein weiterer zentraler Punkt war die Reform der lokalen Finanzen. Solange Kommunen Unternehmen künstlich am Leben halten, bleibe das Problem der Überkapazitäten bestehen.

Im Fazit sprach die Runde nicht von einem unmittelbar drohenden Kollaps. Vielmehr beschreiben die Experten eine Wirtschaft, die deflationär auszehrt. Auf der einen Seite steht eine schwache Makroökonomie mit fragiler Stimmung, schwacher Nachfrage und Immobilienkrise. Auf der anderen Seite entstehen weltweit führende Firmen in Hightech-Branchen.

Der Kontrast zwischen Zweifel und der Expertenrunde ist augenfällig. Zweifel zeigt mit klaren Daten, dass China im dritten Quartal in die Rezession rutscht. Die US-Experten hingegen sehen ein Land, das mit vier bis sechs Punkten auf der Skala zwischen Stabilität und Krise rangiert. Sie erkennen ebenfalls strukturelle Schwächen, betonen aber zugleich die Widerstandskraft von Industrie und Technologie.

Das Fazit lautet: Chinas Wirtschaft steckt nicht in einem freien Fall. Doch ohne Reformen im Finanzsystem, in der Nachfragepolitik und im Arbeitsmarkt droht eine längere Phase der Stagnation. Für Investoren bleibt das Risiko erheblich, egal ob man eher Zweifel folgt oder der gemischten Scorecard der US-Experten.



Dói Ennoson
Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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1 Kommentar

  1. Als Deutschland-Bürger mit der Wirtschaftsordnung Soziale Marktwirtschaft halte ich die Wirtschaftsordnung Gelenkte sozialistische Marktwirtschaft für diskussionswürdig, zumal Staatspräsident Xi Jinping darauf verweist, daß es sich hierbei um eine spezielle Form der Marktwirtschaft handelt.

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