Industriespionage im Halbleitersektor: Ein festgenommener Top-Forscher, der Verdacht auf Technologieraub durch China und das strategische Vorgehen hinter dem Kollaps eines belgischen Pioniers.
Chip-Spionage: Belgischer Spezialist im Visier von China – Festnahme am Flughafen
Anfang Mai wurde ein 52-jähriger Mann mit chinesisch-belgischer Doppelstaatsbürgerschaft festgenommen. Er soll Geschäftsgeheimnisse einer belgischen Firma weitergegeben haben, die sich auf Halbleiter aus Galliumnitrid (GaN) spezialisiert hatte. Galliumnitrid verträgt deutlich höhere Temperaturen, Spannungen und Frequenzen als herkömmliches Silizium und wird für eine Reihe von Anwendungen von Radarstationen über Kampfflugzeuge bis hin zu Elektrofahrzeugen und Ladegeräten benötigt. Das belgische Unternehmen BelGaN, für das der Mann als leitender Forscher tätig war, war ein führender europäischer Anbieter dieser Technologie, wurde aber von einem chinesischen Investorenkonsortium aufgekauft und ging gut zwei Jahre später in die Insolvenz.
Die belgische Bundesstaatsanwaltschaft wirft dem Mann Industriespionage, die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, die Zweckentfremdung von Firmenaktiva und die rechtswidrige Weitergabe von Betriebsgeheimnissen vor. Er wurde am 10. Mai am Flughafen Brüssel-Zaventem festgenommen, als er gerade eine Maschine nach Peking besteigen wollte, und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Sein Anwalt weist die Vorwürfe zurück.
Seinen eigentlichen Zündstoff bezieht der Fall aus einer zweiten, parallelen Funktion des Verdächtigen. Wenige Monate nach der Übernahme des belgischen Unternehmens wurde in der chinesischen Provinz Fujian die Firma GaNkool gegründet, die sich ausgerechnet auf dieselbe GaN-Technologie spezialisierte. H.L., wie der Verdächtige nur benannt wird, soll gleichzeitig leitender Forscher bei BelGaN und Direktor von GaNkool gewesen sein. Finanziert wurde das chinesische Unternehmen von einem chinesischen Investmentfonds.
„Copy to China“: Systematischer Technologietransfer nach Asien
Als Ausgangspunkt der Ermittlungen diente die Insolvenz von BelGaN vor zwei Jahren. Bei der Untersuchung der Geschäftsvorgänge stellten die belgischen Behörden nach eigenen Angaben fest, dass das Management offenbar nicht versuchte, das Unternehmen zu retten. Stattdessen sollen Insider Schritte eingeleitet haben, um BelGaN nach der Übertragung des geistigen Eigentums verschwinden zu lassen.
Bei der Übernahme vor vier Jahren hatte das Konsortium angekündigt, aus dem traditionsreichen Halbleiterstandort in Oudenaarde ein europäisches Zentrum für Galliumnitrid zu machen. Mehr als 400 Arbeitsplätze sollten erhalten bleiben und Belgien sollte zu einem wichtigen Standort für die Produktion von GaN-Chips werden. Stattdessen verschwand BelGaN gut zwei Jahre später vom Markt.
In seinem Jahresbericht vom letzten Jahr beschreibt der belgische Inlandsnachrichtendienst VSSE ein solches Vorgehen als „Copy to China“. Gemeint ist ein Verfahren, bei dem chinesische Akteure zunächst Zugang zu einem europäischen Technologieunternehmen erhalten, während in China parallel eine Firma aufgebaut wird, die auf demselben Know-how basiert. Ist der Technologietransfer abgeschlossen, verliert das europäische Unternehmen seine strategische Bedeutung.
Schlüsseltechnologie GaN: Halbleiter mit militärischer Bedeutung
Über Technologie, die für die Produktion moderner GaN-Halbleiter erforderlich ist, verfügte das Unternehmen, während China gleichzeitig seine eigene Fertigungskapazität in diesem Bereich ausbaut. Galliumnitrid ist dabei nicht nur für Elektrofahrzeuge oder kompakte Ladegeräte interessant. Die Technologie spielt auch bei modernen aktiven Phased-Array-Radaren (AESA) eine wichtige Rolle und findet sich unter anderem in militärischen Radar- und Kommunikationssystemen sowie in der elektronischen Kriegsführung.
Hinzu kommt, dass China rund 98 Prozent des weltweiten Rohgalliums, das als Ausgangsstoff für Galliumnitrid benötigt wird, produziert. Seit drei Jahren beschränkt Peking zudem die Ausfuhr des Metalls. China kontrolliert damit einen kritischen Rohstoff für die GaN-Produktion und baut gleichzeitig seine eigene technologische Kompetenz bei dessen Verarbeitung zu Hochleistungshalbleitern aus.
Zur Übernahme hat auch eine politische Lücke in Belgien beigetragen. Zum Zeitpunkt der Übernahme im Februar 2022 gab es noch kein belgisches Prüfverfahren für ausländische Direktinvestitionen in strategisch wichtigen Branchen. Das entsprechende Gesetz trat erst im Juli 2023 in Kraft. Die Übernahme eines europäischen Halbleiterstandorts durch chinesische Investoren wurde deshalb nicht auf ihre sicherheitspolitischen Folgen geprüft.
Der Fall erinnert stark an den deutschen Robotik-Hersteller Kuka, der zwar nicht insolvent ging, aber seit der chinesischen Übernahme deutliche Umsatzeinbußen zu verzeichnen hat, während chinesische Konkurrenten ihre Stellung ausbauen.
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