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Chipmangel: Kein Zustand für die Ewigkeit

Chipmangel - vorübergehend?

Die Automobilindustrie betrifft der Chipmangel derzeit am Stärksten, schließlich brauchen moderne Kfz ein Vielfaches an Halbleitern als bei den Vorgängermodellen. Zwar ist es noch viel zu früh, um von einem Ende des Chipmangels in der Industrie zu sprechen. Aber wenn es einen „Rohstoff“ gibt, der keinem natürlichen Mangel unterliegt, dann dieser. Derzeit schießen Fabriken aus dem Boden, wie die sprichwörtlichen Pilze, ein neuer „Schweinezyklus“ ist jetzt schon absehbar.

Chipmangel könnte Automobilindustrie 200 Milliarden Dollar kosten

So lautete eine Schlagzeile vor wenigen Wochen, die das große Drama in der Automobilindustrie umschreibt. Deshalb könnten in diesem Jahr 7,7 Millionen Einheiten weniger produziert werden als geplant, so die Beratungsfima Alix Partners. Bereits drei Mal in diesem Jahr gab es virtuelle Treffen der US-Regierung mit den Spitzenvertretern der Chipbranche, um die angespannte Lage zu besprechen. Mit dabei, alles was Rang und Namen in der Industrie hat: Intel, TSMC, Micron, Apple, Microsoft, Samsung, BMW, GM, Ford u.a.

Nach Angaben des Chip-Branchenverbands World Semiconductor Trade Statistics soll der Umsatz in diesem Jahr global um ein Viertel auf 551 Milliarden Dollar in die Höhe schießen, für 2022 wird ein weiteres Plus von zehn Prozent erwartet.

Es klingt seltsam: Bisher hatten große Chipverbraucher wie die Autohersteller und die Halbleiterproduzenten kaum miteinander kommuniziert. Die Bauelemente wurden in der Regel durch die Autozulieferer beschafft. Auch wenn es schon die ersten Zeichen der Entspannung, wie die Meldung von Toyota über eine Verbesserung der Notlage gibt, ist es noch viel zu früh, um Entwarnung zu geben. Analysten von Evercore sehen den Tiefpunkt in der Automobilproduktion zwar in diesem Quartal erreicht, mit kommenden Steigerungen um zehn Prozent pro Quartal, aber der große Sprung solle erst ab Mitte des kommenden Jahres erfolgen.

Lieferengpässe wegen extremer Bestellungen

Wie der Chef der deutschen Elektronikfirma Katek, Rainer Koppitz, in einem Gespräch mit dem Handelsblatt berichtete, müsse er auf manche Halbleiter bis Herbst 2023 warten. Er sieht in der gegenseitigen Problematik, die sich ab dem neuen Jahr entspannen solle, auch eine seltsame Ursache:

„Wenn jemand 100.000 Chips benötige, bestelle er derzeit 300.000, um wenigstens einen Teil davon zu bekommen“, so der Unternehmenslenker, der sich über die Kurzarbeit trotz voller Auftragsbücher ärgert. Aber dies solle sich bald ändern, wenn die Produktion anzieht, wie von den Auftragsfertigern (Foundries) geplant. Wenn dann die Bezieher der Bauteile merken, dass es Entspannung gibt, und überhöhte Lagerbestände zurückgefahren und aufgeblähte Odermengen auf Normalmaß zurückgehen, so der Manager.

Zeichen der Entspannung

Bereits seit Anfang diesen Jahres bauen die Halbleiterproduzenten ihre Kapazitäten aus, zwei Dutzend Fabriken befinden sich in Planung bzw. im Aufbau. So wie die deutsche Infineon, die ihre Kapazitäten um die Hälfte erweitern will, wie beim Werk in Villach.

Zugleich gibt es auch bereits ein Abflauen der Nachfrage in einer Branche, die sehr auf Chips angewiesen ist, die PC-Industrie. Corona hat mit dem Zwang zum Homeoffice einen Boom angefacht, aber inzwischen sind die Arbeitsplätze wohl ausreichend mit neuen Rechnern ausgestattet und es geht auch wieder zurück in die Büros. Wie der Marktforscher Gartner berichtet, wurden im dritten Quartal nur noch ein Prozent mehr Rechner ausgeliefert als im Vorjahr. Private Nutzer bestellten in der Nach-Coronazeit weniger Computer, dies würde Abnehmern aus anderen Branchen zugutekommen. Die Computerhersteller sind Großverbraucher von Chips, die drei führenden PC-Hersteller Lenovo, Dell und HP, zählen laut Gartner bei den zehn umsatzstärksten Kunden der Halbleiterindustrie.

So deutet die letzte Prognose von Micron, der Nummer vier bei den größten Chipherstellern der Welt, ebenfalls darauf hin, dass sich der Markt abkühlt. Denn der Speicherchipspezialist geht im laufenden Quartal von einem Umsatz von 7,65 Milliarden Dollar aus, einer Milliarde Dollar weniger, als von Analysten erwartet. Da sich die Nachfrage insgesamt normalisiere, müsse man sogar mit fallenden Preisen rechnen.

Ein anderer Entspannungsfaktor in Sachen Chipmangel ist die verbesserte Zusammenarbeit zwischen der Automobilindustrie und den Chipherstellern. Bei größerer Transparenz und bei Abgabe von Garantien könne man verlässliche Lieferungen hoffen. Damit wären auch keine überhöhten Bestellungen mehr nötig.

Allerdings ist Chip nicht gleich Chip. Es deutet sich an, dass in den nächsten Monaten die Produktion an höchstintegrierten Chips in die Höhe schießen wird, während die einfachen Halbleiter Mangelware bleiben werden. Infineon hat sich daher entschlossen, die eigene Fertigung auch auf diesem Feld zu erweitern.

Fazit

An den Informationen aus der Branche sieht man, wie ein Industriesektor auf einen Nachfrageschub reagiert, der große Verdienstmöglichkeiten bietet. Staaten und Konzerne überbieten sich seit geraumer Zeit mit Ausbauplänen für die Chipindustrie, es dauert aber bei der Komplexität der Fertigung nur viel Zeit. Aber wie die neuesten Zahlen andeuten, wird die Chipindustrie im nächsten Jahr bei Weitem nicht mehr so stark zulegen wie in diesem Jahr. So auch die Prognose des Branchenverbands WSTS, die ein Umsatzplus von zehn Prozent voraussagt – zehn Prozentpunkte weniger als im Jahr 2021.

Chipmangel und Chipproduktion

Langfristig fürchten die ersten Branchenvertreter hingegen Überkapazitäten, der typische Schweinezyklus eben. Die Frage ist nur wann – ich denke aufgrund der überzogenen Bestellungen (Hamstereffekte) und des Kapazitätsaufbaus könnte der Zeitpunkt nicht mehr so weit in der Zukunft liegen, wie in diesem Herbst erwartet.



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2 Kommentare

  1. War immer schon so (Beispiel Ölkrise in den 70ern): Man erzeugt einen künstlichen(„Tut uns so leid…Corona…) Mangel, erhöht die Preise und verdient sich danach eine goldene Nase.

  2. Und warum ist diesen Mangel so (wie es mir scheint) so plötzlich entstanden?
    Vor Corona auch schon am Limit gewesen und jetzt der Hamster + Aufholeffekt?
    Wegen Corona Capazität verloren?
    Homeoffice & Heimfreizeitbeschäftigung= Laptopbedarf & Spielekonsolen stark gestiegen?
    Mehr E Autos mit erhöhten Chipbedarf?
    Alles zusammen oder noch was anderes?
    Die Zahlen sind mir für obigen Erklärung irgendwie zu gewaltig. Wer weiß es?

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